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Das Impfbuch verschwindet. Die Entscheidung gleich mit.
Es ist ein merkwürdiges Detail im Alltag vieler Menschen, und zugleich so auffällig, dass man es nicht mehr ganz als Zufall abtun kann: Das Impfbuch ist nicht da. Nicht wirklich verloren – nicht vernichtet – nicht ein für alle Mal verschwunden. Es ist bloß nie dort, wo es sein sollte. In dem Moment, in dem man es einmal brauchen würde, beginnt das große Suchen. Schubladen werden geöffnet, Ordner verschoben, alte Mappen hervorgezogen, und fast immer schwingt dabei ein Unterton mit, den man aus anderen Bereichen des Lebens kennt: Man hat sich um etwas gedrückt, ohne es sich ausdrücklich einzugestehen.
Denn ein Impfbuch ist kein neutrales gelbes Heftchen. Es ist die Materialisierung eines kleinen, aber sehr grundsätzlichen Konflikts. Es erinnert daran, dass Gesundheit nicht nur mit vernünftigen Entscheidungen zu tun hat, sondern auch mit einem Körper, der auf Eindringen zunächst nicht zivilisiert reagiert. Eine Nadel ist für das Nervensystem kein kluger Präventionsgedanke, sondern erst einmal eine Grenzverletzung. Da geht etwas durch die Haut. Da kommt etwas hinein. Und der erste Anteil in uns, der darauf antwortet, ist nicht der aufgeklärte Erwachsene mit Risiko-Nutzen-Abwägung, sondern ein sehr viel älteres System.
Der Widerwille gegen das Impfen ist deshalb oft viel banaler, als die Debatten es vermuten lassen. Er tritt nicht immer als Ideologie auf. Er erscheint nicht zwingend als lauter Protest. Er zeigt sich sehr viel diskreter. Das Impfbuch ist gerade nicht auffindbar. Der Termin wird vertagt. Man will erst noch nachlesen. Man hat gerade anderes im Kopf. -Das alles wirkt harmlos aber verrät es etwas.
Denn parallel zu dieser körperlichen Reaktion existiert eine zweite Ebene. Eine, die rechnet. Die weiß, dass bestimmte Impfungen seit Jahrzehnten etabliert sind, mit einem sehr geringen Risiko und einem klaren Nutzen. Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten gehören nicht in den Bereich des Experimentellen. Sie sind Teil einer medizinischen Basisversorgung, die in ihrer Wirkung so selbstverständlich geworden ist, dass man sie leicht unterschätzt. Auf dieser Ebene verschiebt sich die Perspektive. Nicht mehr nur: Was passiert mir? Sondern: Was passiert, wenn sich eine Infektion ausbreitet? Und hier beginnt auch der Unterschied zwischen individuellem Risiko und dem Risiko einer Population. Für einen gesunden Erwachsenen mag die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken, gering erscheinen. Für ein Neugeborenes ist dieselbe Erkrankung eine völlig andere Kategorie. Für einen älteren Menschen, für jemanden mit geschwächtem Immunsystem, verschiebt sich das Risiko noch einmal deutlich.
Infektionskrankheiten bewegen sich nicht entlang individueller Entscheidungen. Sie bewegen sich durch Netzwerke, durch Nähe, durch Kontakt, durch alltägliche Begegnungen. Die eigene Entscheidung endet nicht an der eigenen Haut. Und dennoch bleibt das Gefühl im eigenen Körper bestehen. Es verschwindet nicht, nur weil die Argumente besser werden.
Oler y memoria: oler es recordar sin pensar
La semana pasada escribí sobre la vista. Esta semana ha llegado la primavera aquí en Mallorca, y de repente ya no es el ojo el que percibe primero, sino la nariz. Huele a jazmín, a azahar, a comienzo. Y uno nota enseguida lo directo que es este sentido. Un olor no necesita explicación. Simplemente está ahí — y con él, a menudo, ya aparece una sensación, un recuerdo o una reacción. Oler y memoria están mucho más conectados de lo que parece a primera vista.
Resulta curioso lo a menudo que hablamos de oler, aunque no haya ningún olor real. Decimos tener buen olfato, olernos algo raro, que algo huele mal o que no podemos “oler” a alguien. Pocos sentidos han dejado tanta huella en el lenguaje. Y probablemente no sea casualidad. Porque el olfato no es un sentido neutral. La nariz juzga rápido. Clasifica en familiar o extraño, agradable o incómodo, seguro o sospechoso — mucho antes de que el pensamiento encuentre una explicación.
El olor es el lenguaje silencioso del pasado
Desde el punto de vista anatómico, esto tiene sentido. Las moléculas olorosas entran por la nariz y son detectadas por células especializadas en la mucosa olfativa. A partir de ahí, la información se transmite al bulbo olfatorio y llega de forma directa a áreas del cerebro relacionadas con la emoción y la memoria, especialmente al sistema límbico (como la amígdala y el hipocampo).
Esto explica por qué un olor actúa de manera tan inmediata. No se piensa primero, se siente primero. No aparece como una historia clara, sino como un estado: familiar, inquietante, reconfortante o extraño.
Es interesante que esta vía en el cerebro sea especialmente directa. Mientras otros estímulos sensoriales pasan por procesos más complejos de filtrado antes de llegar a la conciencia, el olfato accede rápidamente a redes relacionadas con la emoción y el recuerdo. Por eso un aroma puede calmarnos, tensarnos o emocionarnos antes de que podamos explicar por qué.
Un olor como el del jazmín o el azahar no es simplemente agradable. Toca algo más profundo, algo anterior al pensamiento consciente. Por eso tiene sentido decir: oler es recordar sin pensar.
Desde el punto de vista médico, esto no es solo poético, sino práctico. Un aliento afrutado puede indicar acetona, la orina puede cambiar su olor en caso de infección, y el olor a alcohol es bastante evidente. El cuerpo deja señales — también a través del olfato. A veces de forma clara, a veces sutil, pero a menudo antes que otros signos.
Especialmente evidente fue esto para mí en pediatría. Cuando tenía en la mano el cuaderno amarillo de revisiones de un niño, a veces no olía solo a papel. Olía al hogar. A tabaco, a café, a veces a algo más pesado. Antes de hablar mucho, ya había una parte del contexto presente. No como juicio, sino como información.
Quizá por eso nuestro lenguaje está lleno de expresiones relacionadas con el olfato. Porque describe aquello que percibimos antes de poder explicarlo. Oler y memoria representan esa forma de percepción temprana: intuición, relación, desconfianza, recuerdo. Todo aquello que el cuerpo ya ha captado mientras la mente aún busca palabras.
Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken
Letzte Woche habe ich über das Sehen geschrieben. Diese Woche geht es um Riechen und Erinnerung. Hier ist der Frühling eingekehrt, und plötzlich ist es nicht mehr das Auge, das zuerst wahrnimmt, sondern die Nase. Es riecht nach Jasmin, nach Orangenblüten, nach Aufbruch. Und sofort merkt man, wie merkwürdig direkt dieser Sinn ist. Ein Geruch braucht keine Erklärung. Er ist einfach da — und mit ihm oft auch schon ein Gefühl, eine Erinnerung oder eine Reaktion. Riechen und Erinnerung sind dabei enger verbunden, als man zunächst denkt.
Erstaunlich ist, wie oft wir vom Riechen sprechen, obwohl gar kein Duft in der Luft liegt. Wir haben einen guten Riecher, riechen den Braten, merken, dass etwas faul riecht, können jemanden nicht riechen und beschnuppern uns erst einmal. Kaum ein anderer Sinn hat sich so tief in die Sprache eingegraben. Und das ist wohl kein Zufall. Denn Riechen ist kein neutraler Sinn. Die Nase urteilt schnell. Sie sortiert in vertraut oder fremd, angenehm oder unerquicklich, sicher oder verdächtig – lange bevor der Verstand seine Erklärung nachliefert.
Der Geruch ist die leise Sprache der Vergangenheit
Anatomisch ist das gut nachvollziehbar. Geruchsmoleküle gelangen in die Nase zur Riechschleimhaut, werden dort von spezialisierten Nervenzellen erkannt und als Signal weitergeleitet. Diese Informationen laufen über den Riechkolben direkt in Hirnbereiche, die eng mit Emotion und Erinnerung verknüpft sind, vor allem ins limbische System. Deshalb wirkt ein Geruch so unmittelbar. Er wird nicht erst durchdacht, sondern trifft sofort auf bereits gespeicherte Erfahrung. Nicht als klare Geschichte, sondern als Zustand: vertraut, unangenehm, tröstlich oder alarmierend. Interessant ist dabei, dass der Geruch im Gehirn einen ungewöhnlich direkten Weg nimmt. Während andere Sinneseindrücke zunächst stärker gefiltert und eingeordnet werden, erreicht der Geruch sehr schnell Netzwerke, die mit Emotion, Alarmbereitschaft und Gedächtnis zu tun haben. Darum kann ein Duft sofort etwas in uns auslösen: Trost, Unruhe, Nähe oder Abwehr. Erst danach versucht der Verstand, diese Reaktion in Worte zu fassen.
Ein Duft wie Jasmin oder Orangenblüte ist dann nicht einfach nur angenehm, sondern berührt etwas, das älter ist als jeder bewusste Gedanke darüber. Genau deshalb stimmt der Satz: Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken. Riechen und Erinnerung sind auch medizinisch eng verknüpft.
In der Medizin ist das nicht nur poetisch, sondern sehr praktisch: Ein fruchtiger Atem kann auf Aceton hinweisen, Urin kann sich bei einer Infektion deutlich verändern, und eine Alkoholfahne erklärt sich meist von selbst. Der Körper hinterlässt Spuren — auch über den Geruch. Manchmal grob, manchmal subtil, aber oft früher als andere Zeichen.
Besonders eindrücklich war das für mich in der Kinderheilkunde. Wenn ich das gelbe Untersuchungsheft eines Kindes in die Hand bekam, hatte ich manchmal das Gefühl, nicht nur Papier zu berühren, sondern ein Stück Zuhause. Manche Hefte rochen nach Rauch, andere nach Kaffee, manche trugen noch etwas Schwereres mit sich. Bevor viel gesprochen war, war bereits ein Teil des Umfeldes im Raum. Nicht als Bewertung, sondern als Kontext.
Vielleicht ist unsere Sprache deshalb so voll von Wendungen aus dem Bereich des Riechens, weil Geruch genau für diese schwer erklärbaren, aber deutlich spürbaren Dinge steht. Riechen und Erinnerung stehen dabei oft stellvertretend für das, was wir früh wahrnehmen, aber schwer erklären können: Für Intuition, für Beziehung, für Misstrauen, für Erinnerung. Für all das also, was der Körper längst wahrgenommen hat, während der Kopf noch nach Worten sucht.
Cómo funciona la visión
Una mirada en el museo
Cómo funciona la visión a veces se revela en lugares inesperados.
En el Museum of Modern Art de Nueva York, la artista Marina Abramović se sentó durante horas, en silencio, en una silla. Las personas podían sentarse frente a ella y simplemente mirarla a los ojos. Nada más.
Y aun así, muchos empezaban a llorar.
¿Qué ocurre ahí desde un punto de vista médico?
Más sobre esta performance en el MoMA: https://www.moma.org/audio/playlist/243/3133
Una imagen… y quizá más de una
He incluido arriba una imagen. A primera vista, se ve mi perro. De espaldas. Sentado frente a una mesa.
Y eso es cierto.
Pero si mira un momento más, ocurre algo interesante.
Las formas cambian. Las líneas adquieren otro significado.
Y de repente, quizá ve algo diferente.
👉 ¿Qué ve? – Tengo curiosidad.
Cómo funciona la visión – desde la medicina
La visión comienza en el ojo, pero se construye en el cerebro. La luz llega a la retina, donde los fotorreceptores (bastones y conos) la transforman en señales eléctricas que se transmiten a través del nervio óptico.
Sin embargo, ya en la retina tiene lugar un primer procesamiento: se refuerzan contrastes, se detectan movimientos y se filtra información. En la corteza visual del cerebro, todo esto no se convierte en una copia de la realidad, sino en una interpretación.
Entender cómo funciona la visión significa también entender que el cerebro decide qué percibimos.
El punto ciego – un principio clave
Un ejemplo especialmente ilustrativo de cómo funciona la visión es el llamado punto ciego. En esa zona, el nervio óptico sale del ojo y no hay células sensoriales.
En teoría, deberíamos ver un “agujero”.
Y sin embargo, no lo percibimos.
El cerebro completa automáticamente la información que falta, basándose en la experiencia, el entorno y la probabilidad.
Ver como construcción
Cuando entendemos cómo funciona la visión, queda claro que no percibimos una realidad objetiva sin más.
El cerebro utiliza experiencias, expectativas y contexto para construir una imagen coherente a partir de señales fragmentarias.
Esta idea también aparece en modelos contemporáneos como el constructivismo, que plantea que cada persona construye su propia realidad.
Por qué el contacto visual es tan intenso desde el punto de vista neurológico
Cuando dos personas se miran a los ojos, el sistema visual trabaja a su máximo nivel. Los rostros —y en especial los ojos— son de los estímulos más importantes para el cerebro humano.
Se procesan detalles mínimos:
pequeños movimientos oculares, cambios en el tamaño de la pupila, tensiones musculares casi imperceptibles.
Esta precisión ayuda a entender por qué una situación aparentemente tan simple como la del museo puede generar reacciones tan intensas.
Qué significa esto para la medicina
Comprender cómo funciona la visión tiene una relevancia clínica directa.
En la práctica médica, la mirada aporta información importante:
-
calidad del contacto visual
-
movimientos oculares y fijación
-
reacciones pupilares
-
coordinación de ambos ojos
Y al mismo tiempo, también nosotros, como médicos, interpretamos. Nuestra percepción nunca es completamente objetiva, sino que está influida por la experiencia, el conocimiento y el contexto.
Esto significa que dos médicos pueden ver al mismo paciente y llegar a conclusiones distintas.
Si desea profundizar en este tema, aquí puede leer más sobre los sesgos en la medicina:
Y si le interesa cómo la percepción también se forma a través del contacto y la relación:
Un pensamiento final
No vemos el mundo tal como es, sino que lo construimos en cada momento.
Quizá merezca la pena, de vez en cuando, mirar un poco más detenidamente.
Un cordial saludo,
su “Auge”le (significa pequeño ojo en aleman)
Wie Sehen funktioniert
Ein Blick im Museum
Wie Sehen funktioniert, zeigt sich manchmal dort, wo man es nicht erwarten würde.
Im Museum of Modern Art in New York saß die Künstlerin Marina Abramović tagelang still auf einem Stuhl. Menschen konnten sich ihr gegenüber setzen – und ihr einfach nur in die Augen schauen. Mehr passierte nicht.
Und doch begannen viele zu weinen.
Was passiert hier eigentlich – aus medizinischer Sicht?
Mehr zur Performance im MoMA: https://www.moma.org/audio/playlist/243/3133
Ein Bild – und vielleicht mehr als eines
Ich habe Ihnen oben ein Bild eingefügt. Auf den ersten Blick sehen Sie meinen Hund. Von hinten. Er sitzt vor einem Tisch.
Und das stimmt auch.
Aber wenn Sie einen Moment länger hinschauen, passiert etwas Interessantes. Formen verschieben sich. Linien bekommen eine andere Bedeutung.
Und plötzlich sehen Sie etwas anderes.
👉 Was sehen Sie? – Ich bin gespannt!
Wie Sehen funktioniert – medizinisch betrachtet
Sehen beginnt im Auge, aber es entsteht im Gehirn. Licht trifft auf die Netzhaut, wird von Stäbchen und Zapfen in elektrische Signale umgewandelt und über den Sehnerv weitergeleitet.
Doch schon in der Netzhaut findet eine erste Verarbeitung statt: Kontraste werden verstärkt, Bewegungen erkannt, Informationen gefiltert. Im visuellen Teil der Großhirnrinde entsteht daraus kein einfaches Abbild der Realität, sondern eine Interpretation.
Wie Sehen funktioniert, bedeutet also immer auch: Das Gehirn entscheidet, was wir wahrnehmen.
Der blinde Fleck – ein Schlüsselprinzip
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Sehen funktioniert, ist der sogenannte blinde Fleck. An dieser Stelle treten die Nervenfasern aus dem Auge aus – ohne Sinneszellen. Eigentlich müssten wir dort nichts sehen.Und dennoch nehmen wir kein Loch wahr.
Das Gehirn ergänzt die fehlenden Informationen automatisch – basierend auf Erfahrung, Umgebung und Wahrscheinlichkeit.
Sehen als Konstruktion
Wenn man versteht, wie Sehen funktioniert, wird klar: Wir nehmen nicht einfach eine objektive Realität wahr. Das Gehirn nutzt Erfahrungen, Erwartungen und Kontext, um aus fragmentarischen Signalen ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Diese Perspektive findet sich auch in modernen Denkmodellen wieder, etwa im Konstruktivismus.
Warum Blickkontakt neurologisch so intensiv ist
Wenn zwei Menschen sich in die Augen schauen, arbeitet das visuelle System auf höchstem Niveau. Gesichter – und insbesondere Augen – gehören zu den wichtigsten Reizen für unser Gehirn. Dabei verarbeitet es feinste Details: minimale Augenbewegungen, Veränderungen der Pupillengröße und kleinste muskuläre Spannungen.
Diese Präzision erklärt, warum eine scheinbar einfache Situation wie im Museum eine so starke Wirkung entfalten kann.
Was das für die Medizin bedeutet
Zu verstehen, wie Sehen funktioniert, hat direkte klinische Relevanz.
In der ärztlichen Praxis liefert der Blick wichtige Hinweise:
-
Qualität des Blickkontakts
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Augenbewegungen und Fixation
-
Pupillenreaktionen
-
Koordination beider Augen
Gleichzeitig gilt auch für uns als Ärztinnen und Ärzte: Unsere Wahrnehmung ist nie vollständig objektiv. Auch wir interpretieren – basierend auf Wissen, Erfahrung und Kontext.
Das bedeutet auch: Zwei Ärzte/Ärztinnen können denselben Patienten sehen – und zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.
Wenn Sie das Thema vertiefen möchten, finden Sie hier mehr zu Wahrnehmungsverzerrungen in der Medizin:
Und wenn Sie sich dafür interessieren, wie Wahrnehmung auch über Berührung und Begegnung entsteht:
Die Hand, die berührt
Ein Gedanke zum Schluss
Wir sehen die Welt nicht einfach, sondern wir erschaffen sie in jedem Moment.
Es lohnt sich, hin und wieder einen Moment länger hinzuschauen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre „Auge“le
Durch Meditation müde?
„Bevor wir anfangen, machen wir erst einmal eine kurze Atemübung.“
Dieser Satz fällt heute erstaunlich häufig. In Fortbildungen, in Schulklassen, manchmal sogar zu Beginn von Meetings. Alle sollen kurz die Augen schließen, den Atem spüren, langsamer werden.
Auch an diesem Morgen sitzen etwa zwanzig Menschen im Raum. Eine Teilnehmerin kommt aufmerksam herein: wach, interessiert, neugierig auf das Thema des Tages. Sie ist kein unruhiger Mensch, nicht überdreht, nicht hektisch. Aber mit dem ganzen Achtsamkeitskram konnte sie noch nie viel anfangen. Bei Sätzen wie „Spüren Sie einmal in sich hinein“ oder „Nehmen Sie Ihren Atem einfach wertfrei wahr“ geht sie innerlich eher auf Abstand. Nicht trotzig. Eher, weil sie nie das Gefühl hatte, dass ihr das wirklich etwas gibt.
Trotzdem macht sie mit. Die Augen werden geschlossen, der Atem soll langsamer werden, die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen. Nach ein paar Minuten merkt sie etwas Merkwürdiges. Die anfängliche Wachheit verschwindet. Ihre Gedanken werden träger, die Energie sinkt. Die Konzentration, mit der sie gerade noch im Raum war, löst sich langsam auf. Statt ruhiger Präsenz entsteht ein anderes Gefühl: Müdigkeit. Ein leichtes Wegdriften. Ein Abstand zu dem, was eigentlich gerade passiert.
Als die Übung endet, fühlen sich viele Menschen entspannt. Sie dagegen fühlt sich seltsam leer – und weniger wach als vorher.
Warum Meditation müde machen kann
Dass Meditation müde machen kann, überrascht viele Menschen. Die geschilderten Erfahrungen sind gar nicht so selten. Und sie bedeuten nicht, dass jemand „Meditation nicht kann“. Vielleicht reagiert einfach das Nervensystem anders. Viele Achtsamkeits- und Meditationsübungen zielen darauf ab, Aktivität zu reduzieren: weniger äußere Reize, weniger Bewegung, mehr Aufmerksamkeit nach innen. Für Menschen, deren Nervensystem unter hoher Spannung steht, kann das tatsächlich beruhigend wirken. Aber nicht jedes Nervensystem ist übererregt. Manche Menschen kommen bereits in einem Zustand in den Raum, der eher Richtung Untererregung tendiert. Ihr System braucht zunächst Aktivierung, Orientierung im Raum, Bewegung oder Kontakt – nicht noch mehr Verlangsamung. Wenn sie dann still sitzen, die Augen schließen und den Atem verlangsamen sollen, kann das den Zustand weiter absenken. Statt Klarheit entsteht Müdigkeit, statt Präsenz ein Gefühl von Distanz.
Für solche Menschen ist es oft schwer, ein Umfeld zu erleben, das von Meditation und Achtsamkeit schwärmt, während sie selbst damit nichts anfangen können. Was anderen guttut, lässt sie eher müde, leer oder innerlich entfernt zurück – und nicht selten mit dem Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht.
Vielleicht stimmt aber etwas anderes: Vielleicht brauchen unterschiedliche Nervensysteme unterschiedliche Wege, um wieder in ihre Balance zu finden.
Ein Bild kann helfen, das zu verstehen. Stellen Sie sich einen Fisch in einem Fluss vor. Ganz nah am Ufer ist das Wasser oft langsam und verwirbelt. Kleine Strudel entstehen, das Wasser steht fast ein wenig. Ein Fisch kommt da kaum voran und muss ständig kleine Richtungswechsel ausgleichen. Weiter draußen, in der Mitte des Flusses, wird die Strömung stark und schnell. Das Wasser trägt kraftvoll, verlangt aber auch viel Energie. Die meisten Fische suchen sich deshalb einen Bereich dazwischen: eine Strömung, die stark genug ist, um sie zu tragen, aber ruhig genug, um sich mühelos darin zu bewegen. Dort schwimmen sie leicht, wach und beweglich.
Unser Nervensystem verhält sich gar nicht so anders. Manche Menschen brauchen zunächst Beruhigung, andere eher Aktivierung. Manche finden ihren Zugang zur inneren Balance in der Stille, andere eher in Bewegung, Rhythmus, Natur oder Begegnung. Ein Teil dieser Zusammenhänge wird auch in der sogenannten Polyvagal-Theorie beschrieben.
Genau deshalb erlebe ich in meiner Praxis in Selva, Mallorca, bei der Begleitung chronischer Erkrankungen mit Pferden immer wieder etwas Interessantes: Menschen, die über klassische Meditation oder stille Achtsamkeitsübungen kaum Zugang zu sich finden, kommen in der Begegnung mit einem Pferd oft plötzlich in eine ganz andere Form von Präsenz. Nicht, weil sie etwas „richtig machen“, sondern weil ihr Nervensystem auf etwas Reales antwortet: auf Bewegung, Resonanz, Klarheit, Körperlichkeit und unmittelbare Rückmeldung.
Ein Pferd verlangt keine perfekte Innenschau. Es reagiert auf das, was tatsächlich da ist – und genau darin kann die Erfahrung liegen, wieder den eigenen Platz in der Strömung zu finden.