Aus meiner Praxis
Alzheimer oder die Angst davor? Zwei Briefe an eine Ärztin
Die Angst vor Demenz gehört zu den häufigsten Sorgen vieler Menschen ab der Lebensmitte. Vor einigen Wochen erhielt ich zwei E-Mails. Beide Absender waren intelligente, gebildete Menschen. Beide hatten ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Beide baten um einen Termin wegen ihres Gedächtnisses. Viele Menschen suchen nach einer Antwort auf die Frage: Ist meine Vergesslichkeit noch normal oder sind das bereits erste Anzeichen einer Demenz?
Bevor Sie weiterlesen, lade ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein. Spielen Sie heute einmal Arzt. Lesen Sie die beiden Briefe und entscheiden Sie selbst: Wer von beiden entwickelt möglicherweise eine Demenz? Die beiden folgenden Briefe stammen nicht von realen Personen. Sie wurden für diesen Artikel geschrieben. Die darin beschriebenen Gedanken und Situationen werden vielen Menschen dennoch vertraut vorkommen.
Brief 1
Liebe Frau Dr. Augele,
ich möchte Sie um einen Termin bitten, weil ich mir Sorgen um mein Gedächtnis mache.
Eigentlich fällt es mir schwer, diese E-Mail zu schreiben. Vielleicht gerade deshalb, weil ich mein Leben lang davon überzeugt war, geistig recht leistungsfähig zu sein. Ich habe viele Jahre in verantwortlicher Position gearbeitet, komplexe Projekte geleitet und mich stets auf mein Gedächtnis verlassen können.
Seit einigen Monaten beobachte ich Veränderungen. Nichts Dramatisches. Eher kleine Dinge. Vor einigen Wochen fiel mir der Name eines ehemaligen Kollegen nicht ein, mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe. Kürzlich stand ich im Keller und wusste für einen Moment nicht mehr, weshalb ich dort hinuntergegangen war. Vor einigen Tagen suchte ich nach dem Wort „Wasserkocher“ und musste den Gegenstand umschreiben.
Mir ist bewusst, dass solche Situationen jedem Menschen passieren können. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sie häufiger geworden sind. Vielleicht beobachte ich mich inzwischen auch zu genau. Ich habe begonnen, solche Vorfälle aufzuschreiben. Dabei fällt mir auf, dass ich manche Ereignisse wahrscheinlich stärker gewichte als früher.
Der Grund für meine Sorge liegt vermutlich auch in meiner Familiengeschichte. Meine Mutter entwickelte mit Anfang siebzig eine Alzheimer-Erkrankung. Damals erinnere ich mich noch gut an die ersten Anzeichen. Vielleicht suche ich deshalb heute bei mir selbst nach ähnlichen Hinweisen.
Ich würde mich freuen, wenn wir gemeinsam beurteilen könnten, ob meine Sorge berechtigt ist oder ob ich normale Alterserscheinungen überinterpretiere.
Mit freundlichen Grüßen
A.
Brief 2
Liebe Frau Dr. Augele,
auf Anregung meiner Tochter möchte ich einen Termin bei Ihnen vereinbaren.
Sie macht sich Sorgen um mein Gedächtnis. Ich selbst sehe die Situation deutlich entspannter, halte es aber für sinnvoll, ihre Bedenken ernst zu nehmen. Im Alltag komme ich gut zurecht. Ich lebe allein, erledige meine Einkäufe selbst, fahre Auto und treffe regelmäßig Freunde. Insgesamt habe ich nicht den Eindruck, dass sich Wesentliches verändert hat.
Meine Tochter nennt verschiedene Beispiele, die sie beunruhigen. Einmal habe ich wohl einen Termin vergessen. Ein anderes Mal soll ich dieselbe Frage mehrfach gestellt haben. Vor einigen Monaten habe ich offenbar einen Geburtstag versäumt, wobei ich nicht mehr genau weiß, welcher das gewesen sein soll. Solche Dinge erscheinen mir allerdings wenig ungewöhnlich. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, erinnert man sich nicht mehr an jede Kleinigkeit. Außerdem wird heute vieles komplizierter organisiert als früher. Termine kommen per E-Mail, per Telefon, per Messenger und manchmal zusätzlich noch per Post.
Auch beim Lesen stelle ich gelegentlich fest, dass ich den Faden verloren habe und einen Absatz noch einmal lesen muss. Das führe ich allerdings eher darauf zurück, dass viele Texte heute unnötig verschachtelt geschrieben sind. Meine Tochter meint außerdem, ich würde Geschichten wiederholen. Das kann ich natürlich nicht ausschließen. Andererseits erzählen wir vermutlich alle dieselben Geschichten mehr als einmal. Manche Geschichten sind schließlich Teil unseres Lebens.
Wie gesagt: Ich selbst empfinde die Situation nicht als besonders besorgniserregend. Trotzdem wäre es mir lieb, die Angelegenheit einmal fachlich beurteilen zu lassen. Dann haben meine Tochter und ich beide Gewissheit.
Mit freundlichen Grüßen
B.
Und? Für wen haben Sie sich entschieden?
Für A?
A beobachtet jede kleine Veränderung. A erinnert sich an Situationen, Zeitpunkte und Zusammenhänge. A führt Listen. A denkt über Alzheimer nach. A hat sogar eine familiäre Vorbelastung.
B dagegen wirkt ruhig, vernünftig und gelassen.
Genau deshalb ist dieses kleine Experiment interessant.
Die Person, die am meisten über ihr Gedächtnis nachdenkt, ist nicht unbedingt diejenige, um die man sich am meisten Sorgen machen muss. Die eigentliche Überraschung liegt darin, dass viele frühe Demenzpatienten nicht als verwirrt oder orientierungslos erscheinen. Sie wirken intelligent, höflich, selbstständig und vollkommen überzeugend. Was auffällt, sind oft keine spektakulären Gedächtnislücken, sondern kleine Verschiebungen. Die Sorge kommt von den Angehörigen. Konkrete Beispiele bleiben erstaunlich unscharf. Auffälligkeiten werden erklärt, relativiert oder anderen Umständen zugeschrieben.
Die erste Person dagegen beschäftigt sich intensiv mit dem eigenen Gedächtnis. Sie hinterfragt ihre Wahrnehmung sogar selbst und fragt sich, ob sie möglicherweise übertreibt. Diese Fähigkeit zur kritischen Selbstbeobachtung ist oft ein gutes Zeichen.
Natürlich kann man anhand zweier Briefe keine Diagnose stellen. Das wäre weder medizinisch seriös noch fair. Aber die beiden Briefe zeigen etwas, das mir in der Praxis ziemlich häufig begegnet:
Die Angst vor Demenz
Die Angst vor Demenz unterscheidet sich von vielen anderen Krankheitsängsten.
Bei einem Herzinfarkt fürchten Menschen den körperlichen Schaden. Bei Krebs fürchten sie Schmerzen, Einschränkungen oder den Tod. Bei der Angst vor Demenz fürchten viele etwas anderes: Dass ihr Leben weitergeht, sie selbst aber Stück für Stück die Regie darüber verlieren, dass irgendwann andere den Kalender führen, dass andere die Bankgeschäfte erledigen, andere entscheiden, ob man noch Auto fahren darf, andere erklären müssen, was gestern passiert ist. Das der Grund, warum schon kleine Gedächtnislücken so viel Angst auslösen können.
Denn jeder kennt solche Momente. Man sucht den Autoschlüssel, man betritt einen Raum und weiß plötzlich nicht mehr, weshalb man dort hineingegangen ist. Man trifft einen Nachbarn und der Name fällt einem erst zehn Minuten später wieder ein. Früher hätte man darüber gelacht. – Wer jedoch einmal erlebt hat, wie ein Elternteil oder ein anderer nahestehender Mensch an Alzheimer erkrankt ist, erlebt dieselben Situationen oft anders.
Der Fernsehfilm „Stiller Abschied“ zeigt auf bemerkenswerte Weise, warum kleine Irritationen des Alltags manchmal so beunruhigend wirken können. Hier können Sie ihn sehen: ARD Mediathek: Stiller Abschied.
Plötzlich wird aus einer alltäglichen Vergesslichkeit eine mögliche Warnung. Aus einem verlegten Schlüssel eine beunruhigende Frage. Und aus einer kleinen Gedächtnislücke die Sorge, ob dies vielleicht der Anfang von etwas Größerem sein könnte.
Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass unser Gedächtnis keine Festplatte ist. Es verändert sich im Laufe des Lebens. Es reagiert auf Schlafmangel, Stress, Sorgen, Trauer, Schmerzen und Überlastung. Nicht jede Gedächtnislücke ist ein Krankheitszeichen.
Das erklärt auch, warum die erste Person in unserem kleinen Experiment so besorgt war. Sie hatte nicht nur Angst davor, etwas zu vergessen. Sie hatte Angst vor allem, was sie mit dem Wort Alzheimer verband.
Was Sie mitnehmen können
Wenn Sie gelegentlich einen Namen vergessen, einen Schlüssel verlegen oder in den Keller gehen und nicht mehr wissen, was Sie dort wollten, ist das zunächst einmal menschlich.
Wenn Sie sich Sorgen machen, sprechen Sie darüber. Eine Abklärung kann beruhigen und manchmal auch frühzeitig helfen. Vor allem aber sollten Sie wissen: Die Angst vor Demenz ist weit verbreitet. Eine gelegentliche Gedächtnislücke dagegen ist noch lange keine Demenz.
Die Sorge entsteht nicht in dem Moment, in dem man etwas vergisst, sondern in dem Moment, in dem man sich fragt, warum.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Als Krankheiten noch im Wald wohnten
Märchen und Medizin? Früher war das fast dasselbe. Märchen wirken heute oft wie harmlose Kindergeschichten. Tatsächlich sind sie voller körperlicher Symptome, psychischer Auffälligkeiten, Verstümmelungen, Ängste und seltsamer Heilungsfantasien. Im Grunde sind sie ein medizinisches Archiv aus einer Zeit, in der Menschen Krankheiten noch nicht erklären konnten. Märchen und Medizin begegnen sich dort, wo der Körper nicht nur funktioniert, sondern erzählt.
Damals liefen Krankheiten nicht durch Arztpraxen. Sie liefen durch Wälder. Sie hatten Buckel, hinkten, verloren ihre Stimme, schliefen hundert Jahre, verwandelten sich nachts in Tiere oder standen plötzlich unter einem Fluch, den niemand verstand. Menschen beschrieben nicht Depressionen, Traumata, Psychosen oder neurologische Erkrankungen. Sie erzählten Geschichten.
Überhaupt sind Märchen voller auffälliger Körper. Bucklige Figuren, blinde Könige, lahme Bettler, vernarbte Gesichter, seltsame Verwandlungen. Körperliche Besonderheiten wurden früher selten neutral betrachtet. Sie galten oft als Zeichen eines inneren Fehlers, einer Schuld, eines Fluches oder einer geheimen Wahrheit. Medizinische Erklärungen gab es kaum. Also erzählte man moralische Geschichten über Körper:
Von Menschen, die plötzlich hundert Jahre schlafen. Von Kindern, die im Wald verschwinden. Von Frauen, die sich in Hexen verwandeln. Von Königen, die erblinden.Von Mädchen, die keine Stimme mehr haben. Von Wesen mit Buckeln, Klauen, Narben oder Tierkörpern. Von vergifteten Äpfeln, seltsamen Zaubern und Körpern, die nicht mehr gehorchen. Und immer wieder von der Angst, dass ein Mensch plötzlich etwas anderes werden könnte als vorher. Manche Dinge bekamen damals eben keinen medizinischen Namen. Sondern einen Wolf – oder einen Wald.
Und so ganz verschwunden sind diese alten Bilder übrigens nie. Auch in der heutigen Sprache von Medizin sind solche Bilder erstaunlich lebendig geblieben: Menschen bekommen einen Hexenschuss, als hätte nachts tatsächlich eine Hexe auf den Rücken gezielt. Es gibt das Alice-im-Wunderland-Syndrom, bei dem Größen, Entfernungen oder sogar der eigene Körper plötzlich fremd wirken können. Das Rapunzel-Syndrom beschreibt Menschen, die Haare verschlucken, sodass sich im Magen ganze Haarballen bilden. Und „Ondines Fluch“ nennt die Medizin eine seltene Störung, bei der Menschen im Schlaf aufhören zu atmen, als hätte ein Zauber ihnen die automatische Atmung genommen. Selbst moderne Medizin spricht also erstaunlich oft noch in Bildern, sobald Körper oder Wahrnehmung schwer erklärbar werden.
Und wer glaubt, solche Erklärungen seien mit den Märchen verschwunden, unterschätzt die Fantasie des Menschen. Auch heute entstehen rund um Krankheiten Geschichten, die alten Märchen erstaunlich ähnlich sind. Früher waren es Flüche, Hexen, böse Geister oder verwunschene Wälder. Heute sind es manchmal „Übersäuerung“, „Verschlackung“, geheimnisvolle Energiefelder, unsichtbare Belastungen oder Wunderkuren, die für sehr unterschiedliche Beschwerden verantwortlich gemacht werden. Im 19. Jahrhundert glaubte man an die „wandernde Gebärmutter“ als Ursache weiblicher Leiden. Franz Anton Mesmer erklärte Krankheiten durch Störungen eines unsichtbaren „tierischen Magnetismus“. Andere versuchten, Charaktereigenschaften aus Schädelformen abzulesen. Die Namen wechseln mit den Jahrhunderten, das menschliche Bedürfnis bleibt erstaunlich konstant: Wenn etwas unverständlich, bedrohlich oder chronisch wird, suchen wir nach einer Geschichte, die Ordnung schafft.
Krankheiten wohnen heute nicht mehr im Wald. Aber ganz aufgehört, Geschichten über sie zu erzählen, haben wir nie. Manche tragen inzwischen einen Fachbegriff, eine Frequenz oder ein pseudowissenschaftliches Modell statt eines Wolfsfells. Der Mensch scheint nicht nur Heilung zu brauchen. Er braucht auch Erklärungen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Wann wird Leid zur Krankheit?
Depression – Folge 2
Depressionen scheinen heute überall zu sein. Die Zahlen steigen seit Jahren, immer mehr Menschen erhalten Diagnosen, Antidepressiva oder psychotherapeutische Behandlungen. Aber kaum ein psychiatrischer Begriff in den letzten Jahrzehnten hat sich so stark verändert wie dieser.
Früher war die Vorstellung von Depression deutlich enger. Gemeint waren vor allem schwere Zustände mit ausgeprägter Antriebshemmung, tiefem Rückzug, Schlafstörungen, Gewichtsverlust und dem Gefühl, innerlich kaum noch erreichbar zu sein. Begriffe wie „Melancholie“, „endogene Depression“ oder später „depressive Erkrankung“ beschrieben eher klar umrissene Krankheitsbilder.
Daneben existierte lange eine zweite Vorstellung: die sogenannte reaktive oder exogene Depression. Gemeint waren Zustände, die im Zusammenhang mit einschneidenden Lebensereignissen entstanden — nach Verlusten, Trennungen, Überforderung oder schweren biografischen Krisen. Die Trennung war nie sauber. Menschen lassen sich nicht präzise in Kategorien einteilen. Trotzdem stand dahinter ein wichtiger Gedanke: Nicht jede tiefe Erschöpfung oder Verzweiflung musste automatisch als eigenständige Erkrankung verstanden werden. Manche Zustände galten zunächst als nachvollziehbare menschliche Reaktion auf ein schweres Lebenserlebnis.
Mit ICD-10 verschwand diese Unterscheidung weitgehend aus der offiziellen psychiatrischen Diagnostik. Das ICD, die internationale Krankheitsklassifikation der WHO, definiert weltweit, welche Symptome als Erkrankung gelten. Entscheidend wurde nun weniger die vermutete Ursache eines Zustands als die Anzahl, Dauer und Schwere bestimmter Symptome. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Konzentrationsprobleme, innere Leere, Erschöpfung oder Rückzug wurden zu diagnostischen Kriterien, aus deren Kombination sich leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episoden ergeben konnten.
Das klingt zunächst vernünftig — und hat durchaus Vorteile. Viele Menschen erhalten dadurch früher Hilfe. Beschwerden, die früher möglicherweise über Jahre bagatellisiert wurden, werden heute ernst genommen. Gleichzeitig entstand daraus aber auch eine neue Schwierigkeit: Die Grenze zwischen Krankheit und menschlicher Reaktion wurde deutlich unschärfer.
Gerade bei schweren Lebensereignissen zeigt sich das besonders deutlich.
Wann wird Leid zur Krankheit?
Eine Frau, die Jahre zuvor bereits einmal wegen einer Depression behandelt wurde, verliert ihr Kind. Wochen später beschreibt sie Schlaflosigkeit, innere Leere, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Appetitverlust und das Gefühl, kaum noch durch den Alltag zu kommen. Die Symptome erfüllen nahezu vollständig die Kriterien einer depressiven Episode.
Aber ist sie deshalb krank? Oder reagiert hier ein Mensch auf eines der schwersten Ereignisse, das ein Leben treffen kann?
Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum die alte Unterscheidung irgendwann vielen Psychiatern nicht mehr ausreichte. Denn die Gegenfrage lautet ebenso berechtigt: Warum sollte ein Mensch solche Zustände aushalten müssen, nur weil sie nachvollziehbar erscheinen?
Dass ein Verlust verständlich ist, macht Schlaflosigkeit, innere Leere, Erschöpfung oder Suizidgedanken nicht automatisch weniger real. Der Körper reagiert auf schwere Verluste oft massiv. Schlaf zerfällt. Stresssysteme bleiben aktiviert. Schmerzen nehmen zu. Energie verschwindet. Menschen verlieren ihre Belastbarkeit und manchmal auch den Halt im Alltag. Verständlichkeit schützt nicht vor schwerem Leiden.
Genau aus diesem Spannungsfeld heraus veränderten sich moderne Diagnosesysteme. Die Ursache eines Zustands rückte zunehmend in den Hintergrund. Entscheidend wurde stärker, wie ausgeprägt die Symptome sind, wie lange sie anhalten und wie sehr sie das Leben beeinträchtigen.
Aber dadurch verschiebt sich zwangsläufig auch die Grenze dessen, was überhaupt als Depression gilt. Denn die Symptome überschneiden sich fast vollständig mit vielen Zuständen, die Menschen seit Jahrhunderten nach Verlust, Überforderung oder tiefen biografischen Erschütterungen erleben. Trauer verändert Schlaf, Appetit, Energie, Konzentration und körperliche Belastbarkeit. Sie kann Menschen innerlich leer machen, verlangsamen und aus dem Alltag herauslösen. Der Körper reagiert auf schwere Verluste oft mit genau den Symptomen, die heute gleichzeitig Teil psychiatrischer Diagnostik sind.
Damit entstehen zwangsläufig schwierige therapeutische Entscheidungen.
Denn sobald ein Zustand als Depression eingeordnet wird, stellt sich fast automatisch die Frage nach Behandlung. Soll ein Mensch nach einem schweren Verlust Antidepressiva erhalten? Ab welchem Punkt? Wie lange? Reicht psychotherapeutische Begleitung aus? Oder besteht gerade darin die Gefahr, schweres Leiden zu unterschätzen?
Die moderne Psychiatrie hat gute Gründe entwickelt, depressive Zustände früh zu behandeln. Gleichzeitig bleiben viele Therapien bis heute unbefriedigend. Antidepressiva können hilfreich sein, haben aber teils erhebliche Nebenwirkungen und wirken längst nicht bei allen Menschen überzeugend. Psychotherapie wiederum braucht Zeit, Stabilität und Verfügbarkeit — und entspricht bei mittelgradigen Depressionen allein oft nicht den aktuellen Leitlinien.
Damit führt die Diskussion über Depression letztlich zu einer viel grundsätzlicheren Frage: Was verstehen wir überhaupt als Krankheit — und wie wollen wir als Gesellschaft mit menschlichem Leiden umgehen?
Und wenn Sie nach so viel Depression, ICD-Klassifikation und existenzieller Schwere noch dabeigeblieben sind: Im nächsten Teil geht es dann endlich um die Behandlung. Also um Antidepressiva, Psychotherapie, Nebenwirkungen, Leitlinien — und um die erstaunliche Tatsache, dass gerade dort die Diskussionen oft erst richtig beginnen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Teil 1 zur Depression finden Sie hier: Depression Teil 1
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Erotik zwischen Nähe und Distanz
Über den Körper in der Sexualität
„Nähe ist die wunderbarste Täuschung der Liebe.“
— Unbekannt
Kaum ein Thema wird gleichzeitig so viel gezeigt, erklärt, bewertet und missverstanden wie Sexualität. Erstaunlicherweise widmen sich weder Medizin noch Psychotherapie der Sexualität wirklich als körperlich erlebtem menschlichen Geschehen.
In der Medizin wird Sexualität erstaunlich schnell zu Mechanik. Zu Hormonen, Gefäßen, Medikamenten, Funktionen und Funktionsstörungen. Dort wird gemessen, untersucht, behandelt und optimiert. Das ist manchmal wichtig und hilfreich. Aber lebendige Sexualität entsteht nicht zwischen Laborwerten. In der Psychotherapie wird Sexualität dagegen häufig zu Biografie, Bindung, Konflikt und Kommunikation. Auch das erklärt vieles. Aber oft verschwindet dabei der Körper selbst: Spannung, Rhythmus, Erregung und die unmittelbare Resonanz zwischen zwei Menschen.
Und dann gibt es noch die moderne Medienwelt. Wahrscheinlich war Sexualität noch nie gleichzeitig so sichtbar und so entkörperlicht wie heute. Überall perfekte Bilder, permanente Verfügbarkeit, Techniken, Inszenierungen, Optimierung. Menschen sehen ständig Sexualität — und verlieren dabei oft gerade das Gespür für Spannung, Resonanz und wirkliche körperliche Begegnung. Erotik zwischen Nähe und Distanz ist deshalb kein abstraktes Beziehungsthema, sondern etwas, das der Körper unmittelbar erlebt.
Interessanterweise verstehen Filme das oft besser. Die stärksten erotischen Szenen der Filmgeschichte bestehen erstaunlich häufig aus fast nichts. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman am Flughafen in Casablanca. Kein expliziter Sex, kaum Berührung — und trotzdem Spannung in jedem Blick. Oder zwei Menschen, die in Before Sunrise stundenlang gemeinsam durch Wien laufen, reden, lachen und Musik hören. Fast nichts passiert. Und gerade dadurch entsteht diese besondere Spannung zwischen ihnen.
Der Körper reagiert auf Nähe und Distanz
Der menschliche Körper reagiert erstaunlich sensibel auf Nähe und Distanz. Schon kleine Veränderungen verändern Muskeltonus, Atemfrequenz, Aufmerksamkeit und vegetative Spannung. Erotik entsteht deshalb oft nicht einfach durch möglichst viel Nähe. Sondern durch ein dynamisches Wechselspiel. Menschen nähern sich an, reagieren aufeinander, gehen minimal zurück, bauen Spannung auf, lösen sie wieder. Fast wie in Musik oder Tanz.
Wenn Beziehungen dagegen über lange Zeit fast ausschließlich auf Vertrautheit, Sicherheit und völlige Synchronisierung ausgerichtet sind, verändert sich häufig auch die körperliche Reaktion. Der andere wird weniger als Gegenüber wahrgenommen, auf das der eigene Körper spontan reagiert. Viele Paare kennen dieses Phänomen. Sie funktionieren hervorragend zusammen. Sie organisieren Alltag, Familie, Termine, Belastungen. Sie werden eng vertraut. Oft sehr liebevoll. Und trotzdem verändert sich etwas. Nicht unbedingt emotional. Sondern körperlich. Der Blick wird kürzer. Berührungen funktionaler. Spannung entsteht seltener spontan. Nicht weil die Beziehung schlecht geworden wäre. Sondern weil Erotik physiologisch häufig nicht aus völliger Verschmelzung entsteht, sondern aus Bewegung zwischen Nähe und Distanz.
Sexualität als körperlich erlebtes Geschehen
Erotik entsteht dabei nicht nur zwischen zwei Menschen. Sie beginnt auch in der Art, wie ein Mensch sich selbst körperlich erlebt. Im Sexocorporel — einem körperorientierten Ansatz der Sexualwissenschaft — hat mich besonders fasziniert, dass sexuelle Spannung dort nicht nur als Beziehungsthema verstanden wird, sondern auch als Fähigkeit, sich selbst überhaupt körperlich wahrnehmen, annehmen und als begehrenswert erleben zu können. Denn Nähe zum anderen kann als lebendiger Teil von Sexualität oft erst dann wirklich erlebt werden, wenn gleichzeitig auch die eigene Körperlichkeit erfahren wird.
Genau darin liegt auch mein Interesse als Ärztin an dieser Thematik. Mich interessiert weniger Perfektion oder Funktionieren, damit setzen sich viele andere zur Genüge auseinander. Mich beschäftigt die Frage, wodurch Menschen sich überhaupt lebendig, sinnlich und körperlich präsent fühlen — und wie sie daraus oft wieder mehr Spannung, Nähe und Lebendigkeit in Beziehungen entwickeln können. Denn all das ist tatsächlich, auf die eine oder andere Weise, ein sehr körperliches Thema.
Eine Serie über Körperlichkeit und Sexualität
In den nächsten Wochen und Monaten soll daraus eine kleine Serie entstehen. Über den Körper in der Sexualität. Über Spannung zwischen Menschen. Über Nähe und Distanz. Und über die Frage, wie Menschen ihre eigene körperliche Lebendigkeit erleben.
Das sind Themen, für die Menschen oft erstaunlich schwer Worte finden. Genau deshalb möchte ich mit dieser Serie einen Raum eröffnen, in dem über Körperlichkeit, Spannung, Nähe, Distanz und Sexualität überhaupt wieder gesprochen werden kann.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Blutdruck schwankt. Ist das normal?
12:36 Uhr. Terrasse. Schatten. Leichter Wind. Mittagsschlafmodus. Blutdruck 112/68.
Gefäße an Herz: Alles entspannt. Herz an Gefäße: Endlich!
12:41 Uhr. Fliege an Gesicht: Landung! Hand an Gesicht: wedeln! Blutdruck 118/72.
12:42 Uhr. Fliege an Gesicht: zweite Landung. Diesmal Stirn.
Großhirn an Geduld: stabil bleiben. Blutdruck 136/76.
12:43 Uhr. Die Fliege krabbelt langsam Richtung Auge.
Großhirn an Blutdruck: leicht steigen. Blutdruck 146/84.
12:43 Uhr. Die Hand schlägt versehentlich gegen die eigene Sonnenbrille. Die Sonnenbrille fällt zu Boden.
Großhirn an Kreislauf: jetzt reicht es! Blutdruck 154/88.
12:44 Uhr. Die Fliege kehrt zurück. Kreislauf an Großhirn: Mittagsschlaf können wir heute vermutlich vergessen.
13:18 Uhr. Telefon klingelt. Ohren an Großhirn: unbekannte Nummer.
Großhirn an Blutdruck: vorsichtshalber erhöhen. Blutdruck 151/88.
13:19 Uhr. Es ist nur die Apotheke. Gefäße an Herz: Alarm kann wieder runtergefahren werden.
15:07 Uhr. Supermarkt. Vier Personen an der Kasse. Eigentlich harmlos. 15:11 Uhr. Nur noch eine Person vor uns. Blutdruck 128/80.
15:12 Uhr. Die Person beginnt plötzlich, einen gesamten Monatseinkauf in Centstücken zu bezahlen. Großhirn an Blutdruck: steigen. Blutdruck 148/92.
15:13 Uhr. Kassensystem meldet Fehler. Kasse an Mitarbeiterin: „Bitte warten.“ Herz an Großhirn: Das gefällt mir überhaupt nicht! Blutdruck 158/94.
15:14 Uhr. Direkt hinter uns öffnet jemand eine Packung hartgekochter Eier und beginnt laut schmatzend zu essen. Großhirn an Appetit: sofort einstellen! Nackenmuskulatur an Schultern: anspannen! Blutdruck 166/96.
15:16 Uhr. Endlich bezahlt. Gefäße an Herz: langsame Entwarnung. Blutdruck 134/82.
17:42 Uhr. Sofa. Halbschlaf. Der Körper gerade wieder kurz vor vollständiger Entspannung. Blutdruck 114/70.
Katze oben auf dem Schrank entdeckt plötzlich etwas Hochinteressantes, das nur sie sehen kann. Katze leitet riskantes Manöver ein. Drei Sekunden später: Absprung direkt auf den Bauch. Blutdruck an Großhirn: SOFORT steigen!
Blutdruck 171/98.
20:53 Uhr. Handy vibriert. Nachricht: „Wir müssen reden.“ Großhirn an Blutdruck: maximal aufmerksam!
Blutdruck 176/104.
Großhirn an Fantasiezentrum: bitte sämtliche Katastrophenszenarien erzeugen.
20:55 Uhr. Zweite Nachricht: „…wegen der Kuchenbestellung für Samstag.“
Kreislauf an Großhirn: Das hätte man in eine einzige Nachricht schreiben können.
Warum der Blutdruck sich ständig verändert
Viele Menschen erschrecken über einzelne hohe Blutdruckwerte. Dabei reagiert der Kreislauf auf erstaunlich viele Dinge: Bewegung, Schmerz, Ärger, Schlafmangel, Hitze, Kälte, Kaffee, Angst, Konzentration, Lärm, schlechte Nachrichten oder eine Katze mit fragwürdigem Urteilsvermögen. Blutdruck ist keine starre Zahl. Der Körper verändert ihn permanent. Genau das soll er auch tun.
Was die beiden Blutdruckwerte eigentlich bedeuten
Der obere Wert entsteht in dem Moment, in dem das Herz Blut in die Arterien pumpt. Der untere Wert beschreibt den Druck zwischen zwei Herzschlägen, während das Herz sich erneut füllt. Dabei misst man nie nur das Herz allein. Entscheidend ist auch, wie weit oder eng die Gefäße gerade sind und wie elastisch ihre Wände reagieren. Im Grunde arbeitet der Kreislauf wie ein empfindliches biologisches Resonanzsystem. Kleine Veränderungen von Aufmerksamkeit oder Spannung reichen aus, damit sich Puls, Gefäßspannung und Blutdruck innerhalb von Sekunden verändern.
Wie die Blutdruckmessung überhaupt entstand
Dass man diesen Druck überhaupt messen kann, ist medizinisch noch gar nicht so alt. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci die aufblasbare Oberarmmanschette. Wenige Jahre später beschrieb der russische Arzt Nikolai Korotkow die typischen Strömungsgeräusche, die man mit dem Stethoskop hört. Daraus entstand die klassische Blutdruckmessung.
Trotzdem wird bis heute oft so getan, als könne eine einzelne Messung den „wahren“ Blutdruck eines Menschen zeigen. Der Körper sieht das meist deutlich komplizierter. Solche Schwankungen sind zunächst einmal normal. Problematisch wird Blutdruck vor allem dann, wenn er dauerhaft erhöht bleibt und der Körper keine echten Ruhephasen mehr erreicht.
Warum Bluthochdruck entsteht
Bluthochdruck entsteht außerdem nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise. Es gibt unterschiedliche Auslöser und oft greifen mehrere gleichzeitig ineinander. Eine Rolle spielen genetische Veranlagung, Alter und die zunehmende Steifigkeit der Gefäße. Auch Übergewicht, Bewegungsmangel, Schlafmangel, chronischer Stress, Schmerzen, Alkohol, Nikotin oder bestimmte Medikamente können den Blutdruck erhöhen. Bei manchen Menschen liegt zusätzlich eine hormonelle oder organische Ursache vor — etwa Erkrankungen der Nieren, der Schilddrüse oder der Nebennieren.
Und selbst dann reagiert nicht jeder Körper gleich. Manche Menschen entwickeln schon unter geringer Daueranspannung erhöhte Werte, andere scheinen jahrzehntelang erstaunlich stabil zu bleiben. Wie genau aus einem ständig reagierenden Kreislauf schließlich ein chronisch hoher Blutdruck wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt allerdings einige recht plausible Vorstellungen dazu.
Wie Stress das Blutdrucksystem verändern kann
Eine wichtige Rolle spielt vermutlich das vegetative Nervensystem. Der Körper besitzt Drucksensoren in den großen Halsarterien und der Aorta — sogenannte Barorezeptoren. Sie messen ständig, wie stark die Gefäßwand gedehnt wird, und melden dem Gehirn: Druck zu hoch oder Druck zu niedrig. Unter dauerhaftem Stress, chronischer Anspannung, Schlafmangel oder ständiger Aktivierung des sympathischen Nervensystems scheint sich dieses System langsam zu verändern. Die Gefäße bleiben enger, die Gefäßwände werden steifer und das Gehirn gewöhnt sich gewissermaßen an höhere Druckwerte. In der Forschung spricht man teilweise von einem „Resetting“ des Baroreflexes — der Körper beginnt, erhöhte Werte zunehmend als normal zu akzeptieren. Man könnte sagen: Aus einer sinnvollen kurzfristigen Alarmreaktion entsteht irgendwann ein Dauerzustand. Auch die Gefäße selbst verändern sich offenbar unter dauerhaft erhöhtem Druck. Sie verlieren Elastizität, reagieren stärker auf Stresshormone und erhöhen dadurch wiederum den Widerstand im Kreislauf. Ein System, das ursprünglich flexibel reagieren sollte, wird langsam starrer. Interessanterweise scheint der Körper dabei nicht einfach „außer Kontrolle“ zu geraten. Vielmehr reguliert er weiterhin — nur um einen verschobenen Normalwert herum.
Warum eine 24-Stunden-Blutdruckmessung oft aussagekräftiger ist
Daher wird ein Bluthochdruck lange nicht bemerkt oder erkannt. Viele Menschen fühlen sich völlig gesund. Der Kreislauf arbeitet weiter. Nur eben dauerhaft unter höherer Spannung. Ein Blutdruckwert ist deshalb nie nur eine Zahl. Er erzählt immer auch ein kleines Stück Alltag mit und eine 24-Stunden-Messung manchmal deutlich mehr über einen Menschen als eine einzelne Minute in einer Arztpraxis. Das kleine Gerät misst tagsüber und nachts automatisch immer wieder den Blutdruck und zeigt dadurch nicht nur einzelne Momentaufnahmen, sondern den gesamten Rhythmus des Kreislaufs. Gerade nachts wird das interessant. Normalerweise sinkt der Blutdruck im Schlaf deutlich ab. Tut er das nicht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass der Körper dauerhaft unter Spannung bleibt — selbst wenn einzelne Tageswerte noch unauffällig erscheinen.
Diese Untersuchung ist allerdings nicht sehr beliebt. Die Manschette pumpt sich auch nachts regelmäßig auf, viele Menschen schlafen schlechter und manche entwickeln spätestens gegen drei Uhr morgens eine gewisse persönliche Feindschaft zu dem Gerät. Die Aussagekraft ist trotzdem hoch — sowohl bei der Diagnose eines möglichen Bluthochdrucks als auch bei der Einstellung von Medikamenten oder der Kontrolle einer Therapie.
Oft zeigt sich erst über 24 Stunden, ob der Blutdruck wirklich dauerhaft erhöht ist oder nur in bestimmten Situationen entgleist. Manchmal sieht man dabei, dass ein Kreislauf tagsüber erstaunlich tapfer funktioniert, nachts aber nie wirklich zur Ruhe kommt.
Blutdruck ist nicht nur eine Zahl auf einem Messgerät. Er reagiert auf Alltag, Aufmerksamkeit, Stress, Schlaf, Gedanken, Geräusche, Schmerzen und Situationen. Der Kreislauf führt gewissermaßen sein eigenes Protokoll darüber, wie der Körper gerade mit der Welt zurechtkommt.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Der Gletscher kommt so nicht zurück
Heute ging es in einem Gespräch um einen Gletscher. Um etwas, das über lange Zeit einfach da war: massiv, verlässlich, selbstverständlich. Und dann wird er dünner, rissiger, zieht sich zurück. Irgendwann steht man davor und merkt, dass etwas fehlt. Der Gletscher schmilzt, er verändert sich, und irgendwann ist er weg.
An dieser Stelle gerät unser gewohntes Denken ins Stocken. Wir sind es gewohnt, Veränderungen als Probleme zu lesen, als Abweichungen, die man korrigieren kann, regulieren, ordnen, wieder ins Gleichgewicht bringen – dahinter steht immer dieselbe Annahme: Es gibt einen Zustand, der richtig ist, und zu dem man zurück kann.
Beim Gletscher funktioniert das nicht. Und trotzdem bleibt dieser Reflex.
Die Menopause Veränderung ist ein Moment, in dem genau diese Grenze sichtbar wird. Etwas verändert sich, nicht vorübergehend und nicht punktuell, sondern in einer Tiefe, die sich nicht wieder in einen früheren Zustand überführen lässt. Und fast automatisch beginnt die Suche nach Korrektur. Schlaf verbessern, Hitzewallungen reduzieren, wieder funktionieren wie vorher. Das ist nachvollziehbar und oft sinnvoll, bleibt aber in einem Denken, das die Vergangenheit zum Maßstab macht. Hormone, medizinische Begleitung oder Veränderungen des Lebensstils können vieles erleichtern. Sie verändern aber nicht die Richtung dieser Veränderung. Genau das ist mein Thema heute.
In meiner Arbeit als Hausärztin begegnet mir die Menopause Veränderung oft in genau diesem Moment: wenn Frauen merken, dass der Versuch, wieder „wie früher“ zu werden, nicht mehr richtig greift. Die Veränderung lässt sich anders lesen, wenn man den Blick verschiebt und nicht zuerst fragt, was fehlt, sondern was sich verändert. Beim Gletscher bleibt die Landschaft nicht einfach leer zurück. Linien verschwinden, Konturen verändern sich, Wege werden anders. Orientierung, die früher selbstverständlich war, funktioniert nicht mehr auf die gleiche Weise. Und gleichzeitig ist da ein leiser Abschied, weil man weiß, dass man ihn so, wie er einmal war, im eigenen Leben nicht mehr sehen wird.
Und daneben entsteht fast automatisch das Bedürfnis, nach Ursachen zu suchen. Ein sehr menschlicher Reflex. Sobald etwas verschwindet, verändert oder unwiederbringlich wird, beginnt die Suche nach Erklärungen, Verantwortung und Möglichkeiten, es doch noch aufzuhalten.
Menopause Veränderung und der Abschied vom Früher
In der Menopause Veränderung zeigt sich eine ähnliche Verschiebung. Etwas nimmt ab, gleichzeitig entsteht etwas, das sich nicht eindeutig benennen lässt. Vertrautes reagiert anders, Gewohntes trägt nicht mehr auf die gleiche Weise. Es passt nicht mehr in die alte Ordnung. Und wie beim Gletscher mischt sich auch hier eine Form von Abschied hinein, weil etwas endet, das über lange Zeit selbstverständlich zum eigenen Leben gehörte: die fruchtbaren Jahre. Gleichzeitig verändert sich oft auch der Blick auf den eigenen Körper. Schönheit, Weiblichkeit und Attraktivität lösen sich aus der Selbstverständlichkeit der Jugend und werden bewusster, freier, manchmal auch unabhängiger vom Blick anderer. Für manche Frauen beginnt zum ersten Mal ein wohlwollenderer Umgang mit dem eigenen Körper. Gleichzeitig entsteht manchmal ein anderer Blick auf die eigene Geschichte mit dem Körper. Auf vieles, das lange selbstverständlich getragen, ausgehalten oder kompensiert wurde. Rund um die Menopause richtet sich dieser Reflex schnell gegen den eigenen Körper. Gegen Alterung, Veränderungen oder den Verlust von Selbstverständlichkeiten. Verstärkt wird das noch durch viele Angebote, Versprechen und Vorstellungen davon, wie ein Körper funktionieren oder altern sollte. Dabei ist diese Veränderung zunächst einmal nichts anderes als Natur.
Und damit bleibt eine Frage stehen, die sich nicht so schnell beruhigen lässt. Was genau verändert sich hier eigentlich – und was davon wird so schnell als etwas gelesen, das wieder zurückgeführt werden muss?
Was würde sichtbar werden, wenn man diesen Impuls einen Moment aussetzt und nicht sofort versucht, die alte Form wiederherzustellen? Was würde sich zeigen, wenn man nicht zuerst nach Korrektur sucht, sondern genauer hinschaut, was sich verschiebt?
Wenn man noch einmal auf den Gletscher schaut, wird klar, dass Kälte, Schnee und Zeit, die ihn geformt haben, so nicht bleiben werden. Und doch verschwindet damit nicht einfach alles. Natur kennt keine Leere. Sie verändert ihre Formen, bringt andere Zusammenhänge hervor, die man in dem Moment, in dem etwas verschwindet, noch gar nicht sehen kann. (Siehe auch „ökologische Sukzession“)
Das ist eine merkwürdig beruhigende Vorstellung. Ungewohnt optimistisch. Ein erster Schritt? Own your age!
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Depression ohne Traurigkeit – wenn der Körper die Sprache übernimmt
Manchmal ist alles schwer
Depression ohne Traurigkeit zeigt sich häufig nicht über Stimmung, sondern über körperliche Symptome wie Erschöpfung, Schlafstörungen oder Schmerzen. Gerade diese Form wird oft spät erkannt.
Wenn von Depression die Rede ist, denken die meisten an ein vertrautes Bild: gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Rückzug, weniger Antrieb. Dieses Bild gibt es, und es ist richtig. Es gibt Verläufe, in denen genau diese typischen Symptome im Vordergrund stehen. Es gibt aber auch gar nicht selten Verläufe, in denen eine Depression sich zunächst körperlich zeigt und erst später, oder gar nicht eindeutig, als solche erkennbar wird. Solche Konstellationen begegnen mir in der hausärztlichen Praxis.
Diese Depression ohne Traurigkeit beginnt häufig nicht mit einer Stimmung, sondern mit körperlichen Symptomen.In der Sprechstunde steht in diesen Fällen häufig ein einzelnes Symptom im Mittelpunkt, zum Beispiel Rückenschmerzen, Schwindel, Druck im Brustkorb, Erschöpfung. Es ist selten so, dass jemand mit einem Gesamtbild kommt. Meist beginnt es klar und körperlich, oft schon über Wochen und Monate hinweg. Dieses eine Symptom bekommt zunächst die ganze Aufmerksamkeit. Erst im weiteren Nachfragen verschiebt sich das Bild. Der Schlaf ist schon länger schlecht, ohne dass er zunächst damit in Verbindung gebracht wird. Morgens fühlt sich der Körper nicht erholt an. Die Energie reicht nicht mehr durch den Tag. Die Konzentration lässt nach. Bewegung wird weniger, weil sie sich nicht mehr gut anfühlt. Der Appetit verändert sich. Rückzug findet statt, wird aber selten als solcher benannt, sondern zeigt sich indirekt im Alltag.
Die Alltagssprache beschreibt diesen Zustand oft erstaunlich genau, ohne ihn medizinisch zu benennen. Menschen sagen, sie „fühlen sich ausgelaugt, leer oder wie ausgebrannt“, sie sprechen davon, dass sie sich „durch den Tag schleppen“ oder „sich nicht mehr aufraffen können“. Manche beschreiben „ein Gefühl von innerer Schwere, als wäre alles zäh geworden“, andere sagen, sie „stehen neben sich“ oder „funktionieren nur noch“. Diese Formulierungen zeigen sehr klar, dass hier nicht nur Gedanken betroffen sind, sondern der ganze Körper.
Auch in der Literatur taucht dieser Zustand auf. Rilke beschreibt einen Blick, der „so müd geworden“ ist, dass er nichts mehr hält. (aus: Der Panther). Es ist kein dramatischer Zusammenbruch, sondern ein langsames Nachlassen von Spannung und Verbindung – etwas, das sich oft zuerst im Körper zeigt. Bei Baudelaire klingt es ähnlich, nur direkter: „reich, aber machtlos, jung und doch sehr alt“ (aus: Spleen) Und manchmal reicht ein Satz wie bei Mascha Kaléko: „Manchmal ist alles schwer.“ Diese Beschreibungen wirken deshalb so treffend, weil sie nicht erklären, sondern zeigen, wie sich ein Zustand im Körper anfühlt.
Der klassische Gang der Dinge folgt dann einer klaren Logik: Das führende Symptom wird gründlich abgeklärt. Beim Rückenschmerz geht es in Richtung Orthopädie und Bildgebung, beim Schwindel in Richtung HNO oder Neurologie, beim Druck im Brustkorb zum Kardiologen, bei Erschöpfung werden Blutwerte bestimmt. Das ist sinnvoll und notwendig, weil ernsthafte körperliche Ursachen ausgeschlossen werden müssen. Gleichzeitig bleibt der Blick eng, solange jedes Symptom für sich betrachtet wird.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der die Einordnung erschwert: Eine körperliche Diagnose lässt sich leichter annehmen als eine Depression. Eine konkrete Ursache, die sich im Bild zeigen oder im Laborwert ablesen lässt, wirkt greifbar und entlastend, weil sie eine klare Richtung vorgibt – oft verbunden mit einer Behandlung, die man aktiv „machen“ kann. Eine Depression dagegen bleibt unschärfer, weniger sichtbar, und sie trägt bis heute die Vorstellung mit sich, dass man selbst dafür verantwortlich sein könnte oder sich „zusammenreißen“ müsste. Diese implizite Zuschreibung führt dazu, dass viele Patientinnen und Patienten zunächst im Körperlichen bleiben. Im Verlauf zeigt sich aber häufig ein wiederkehrendes Muster, das sich nicht auf ein einzelnes Organ zurückführen lässt.
Ärztinnen und Ärzte, die in solchen Situationen eine Depression in Betracht ziehen und entsprechende Fragen stellen, betreten ein Feld, das nicht immer anschlussfähig ist. Fragen nach Schlaf, Erschöpfung oder innerer Belastung wirken für viele Patientinnen und Patienten ungewohnt, manchmal auch irritierend oder unangenehm, besonders dann, wenn sie sich stark über ihr Funktionieren definieren.
Wenn man diese Verläufe weiter verfolgt, treten häufig zwei Dinge in den Vordergrund: eine anhaltend fehlende Energie und eine Veränderung der Schmerzverarbeitung. Die fehlende Energie ist nicht einfach Müdigkeit. Der Körper kommt morgens nicht in Gang, obwohl ausreichend Zeit im Bett verbracht wurde, und auch über den Tag entsteht keine stabile Belastbarkeit. Pausen bringen keine echte Erholung, und selbst kleine Anforderungen wirken unverhältnismäßig anstrengend. Parallel dazu verändern sich Schmerzen. Sie bleiben bestehen, obwohl keine klare strukturelle Ursache greifbar ist, oder sie verändern ihren Charakter, werden diffuser, weniger lokalisierbar, manchmal auch intensiver. Das Nervensystem reagiert empfindlicher, die Schwelle, ab der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird, sinkt.
Beides hängt eng mit der Regulation von Botenstoffen zusammen, unter anderem mit dem Serotonin-Stoffwechsel. Serotonin wirkt nicht nur auf die Stimmung, sondern spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Schlaf, Energie, Schmerzverarbeitung und vegetativen Funktionen. Wenn diese Regulation aus dem Gleichgewicht gerät, betrifft das den gesamten Körper, nicht nur das Erleben.
Ein kurzer Blick auf einen typischen Verlauf aus der Praxis:
Ein Patient kommt über Monate hinweg wegen Rückenschmerzen, ohne dass sich eine klare strukturelle Ursache findet, Physiotherapie bringt vorübergehend Erleichterung, Schmerzmittel ebenfalls, aber nichts hält. Im Gespräch zeigt sich nach und nach, dass der Schlaf nicht mehr erholsam ist, dass die morgendliche Erschöpfung zugenommen hat, dass Bewegung reduziert wurde und die Belastbarkeit insgesamt nachlässt. Der Rücken steht im Vordergrund, doch im Hintergrund läuft eine Schleife aus erhöhter Muskelspannung, fehlender Erholung, abgesenkter Schmerzschwelle und zunehmender Schonung, die den Schmerz weiter verstärkt. Depression ohne Traurigkeit wird in solchen Verläufen häufig übersehen, weil sie nicht dem klassischen Bild entspricht.
Solche Verläufe sind kein Randphänomen, sondern ein wiederkehrendes Muster, bei dem der Körper die Sprache übernimmt, lange bevor eine klare Einordnung erfolgt. Depression ist in diesem Zusammenhang kein reines „Gefühl“, sondern ein Zustand, der sich über Energie, Schmerzverarbeitung, Schlaf und Belastbarkeit ausdrückt, ohne dass Traurigkeit im Vordergrund stehen muss. Viele funktionieren weiter, halten Termine ein, wirken strukturiert und verlässlich, während der Körper längst signalisiert, dass er aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Nicht alles ist Depression, doch vieles, was ausschließlich körperlich erscheint und sich über längere Zeit nicht einordnen lässt, gehört näher dorthin, als man zunächst annimmt.
In einem der nächsten Newsletter wird es darum gehen, warum Depressionen in den letzten Jahren scheinbar so stark zugenommen haben.
Mehr zu meiner Arbeitsweise und den Leistungen in der hausärztlichen Versorgung finden Sie hier: Schwerpunkt Chronische Erkrankungen
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
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Vertrauen und Misstrauen: Wie Zweifel entstehen und sich verstärken
Vertrauen und Misstrauen prägen heute viele gesellschaftliche Bereiche – von Politik über Medien bis zur Medizin. Dabei geht es weniger um einen generellen Vertrauensverlust als um veränderte Bedingungen, unter denen Zweifel entstehen und sich verstärken.
Vertrauen und Misstrauen ist eine interessantes Spannungsfeld unserer Zeit. Politik, Medien, Medizin, Institutionen – überall scheint das Zutrauen zu bröckeln. Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick, denn so eindeutig ist die Lage nicht.
Es gibt bislang keinen klaren Beleg dafür, dass Menschen grundsätzlich misstrauischer geworden sind. Was sich verändert hat, ist das hier: Misstrauen bleibt heute nicht mehr vereinzelt. Es findet Anschluss. Es vernetzt sich. Und genau dadurch bekommt es eine neue Stärke. Früher konnte jemand zweifeln, ohne dass daraus sofort eine stabile Gegenposition entstand. Heute genügt ein Impuls, und man trifft auf andere, die ähnlich denken. Aus einzelnen Zweifeln entsteht so schnell eine gemeinsame Haltung. Misstrauen wird nicht nur geäußert, sondern geteilt, bestätigt und weitergetragen.
Das verschiebt auch den Blick auf das, was oft als „Vertrauensverlust“ beschrieben wird. Dieser beginnt meist nicht mit offenem Misstrauen. Häufig entsteht zuerst ein Zwischenzustand: Man vertraut nicht mehr selbstverständlich, fühlt sich aber auch nicht sicher genug, um klar zu widersprechen. Man beginnt, mehr zu prüfen, mehr zu vergleichen, mehr zu lesen – und stellt dabei fest, dass die Orientierung eher schwieriger und anstrengender als einfacher wird.
Gerade dieser Unterschied ist entscheidend. Vertrauenverlust bedeutet, dass die selbstverständliche positive Erwartung verloren geht. Misstrauen dagegen ist bereits eine feste Haltung. Zwischen beidem liegt ein Zustand, der viel Energie kostet, weil er dauernde Wachsamkeit verlangt, ohne wirklich Sicherheit zu geben.
Um zu verstehen, warum sich aus diesem Zustand so leicht stabiles Misstrauen entwickeln kann, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, wie unterschiedlich Vertrauen und Misstrauen funktionieren:
Misstrauen ist in sich erstaunlich stabil. Es braucht keine Bestätigung durch die Realität, um bestehen zu bleiben. Wenn etwas gut läuft, kann man es jederzeit relativieren. Vertrauen dagegen ist empfindlicher. Es basiert auf einer positiven Erwartung, die enttäuscht werden kann. Ein einzelner Bruch reicht oft aus, um es ins Wanken zu bringen. Misstrauen verbindet außerdem sehr schnell. Es genügt, dass Menschen etwas ablehnen oder infrage stellen. Vertrauen entsteht langsamer. Es braucht wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, von Korrektur, von Nachvollziehbarkeit. Es lässt sich nicht einfach durch Zustimmung herstellen. Hinzu kommt, dass Misstrauen einfacher funktioniert. Es bietet klare, oft sehr eingängige Erklärungen. Vertrauen ist komplexer. Es muss Widersprüche aushalten, Fehler integrieren und dennoch tragfähig bleiben. Digitale Räume verstärken diese Unterschiede. Zuspitzung, Emotion und Konflikt werden sichtbar und verbreitet. Misstrauen liefert genau das. Vertrauen dagegen bleibt häufig unspektakulär und wird weniger wahrgenommen. Und schließlich bleibt Vertrauen oft unsichtbar. Wenn etwas funktioniert, fällt es kaum auf. Misstrauen entsteht dagegen häufig an den Stellen, an denen etwas schiefgeht – und genau diese Momente prägen die Wahrnehmung stärker.
Gerade im Umgang mit Wissen wird diese Dynamik besonders deutlich. Es klingt zunächst überzeugend zu sagen, man wolle sich selbst ein Bild machen und alles überprüfen. In vielen Bereichen ist das jedoch praktisch nicht leistbar. Deshalb gibt es Wissenschaft – nicht als Sammlung einzelner Meinungen, sondern als System organisierter Kontrolle. Ergebnisse werden überprüft, Studien kritisiert, Methoden hinterfragt. Erkenntnisse entstehen nicht dadurch, dass jemand überzeugt ist, sondern dadurch, dass sie einer wiederholten Prüfung standhalten.
Genau diese Form von strukturierter Entscheidungsfindung spielt auch in der medizinischen Praxis eine zentrale Rolle. Dem gegenüber steht die persönliche Erfahrung. Sie ist unmittelbar, eindrücklich und oft sehr überzeugend. Genau darin liegt aber auch ihre Grenze. Eine einzelne Erfahrung kann vieles sein: ein Zufall, eine Ausnahme oder eine falsche Zuordnung von Ursache und Wirkung. Sie fühlt sich eindeutig an, ist aber nicht automatisch verlässlich.
Ein einfaches medizinisches Beispiel macht das deutlich. Eine Patientin berichtet, dass sie nach Einnahme eines bestimmten Medikaments Nebenwirkungen verspürt hat und seitdem überzeugt ist, dass dieses Medikament grundsätzlich problematisch sei. Gleichzeitig zeigen große Studien, dass es für die meisten Menschen gut verträglich und wirksam ist. Beides steht nebeneinander. Die persönliche Erfahrung ist unmittelbar und überzeugend. Die wissenschaftliche Datenlage ist abstrakt und schwerer zugänglich. Wer beides gleich behandelt, steht am Ende nicht vor mehr Klarheit, sondern vor einem Widerspruch, den er allein auflösen soll. Genau daraus entsteht Unsicherheit.Und genau in dieser Unsicherheit kann sich vernetztes Misstrauen stabilisieren. Nicht, weil Menschen plötzlich anders denken, sondern weil ihre Zweifel auf andere treffen, die sie bestätigen.
Die politische Dimension dieser Entwicklung ist erheblich. Es wächst dort, wo Abläufe nachvollziehbar sind, wo Entscheidungen Wirkung zeigen und wo sich erkennen lässt, dass Korrekturen möglich sind. Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch nachvollziehbare Prozesse – und durch eine klare Art zu arbeiten.
Interessant ist dabei folgendes: Vertrauen hängt nicht ausschließlich davon ab, dass alles bereits gut funktioniert. Es reicht häufig schon aus, wenn erkennbar wird, dass etwas ernsthaft in Bewegung kommt. Dass Probleme nicht nur benannt, sondern tatsächlich bearbeitet werden.
Das verändert auch den Blick auf die Gegenwart. Es geht weniger um die Frage, warum Vertrauen verschwindet. Es geht darum, unter welchen Bedingungen es entsteht – und wie schnell es wieder verloren gehen kann, wenn diese Bedingungen brüchig werden.
Misstrauen war immer Teil offener Gesellschaften. Neu ist, dass es heute Anschluss findet und sich stabilisieren kann. Vertrauen dagegen bleibt anspruchsvoll. Es braucht keine perfekten Verhältnisse, aber es braucht Strukturen, die tragen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Wie entstehen Diagnosen – und wie lassen sie sich verstehen
Wie entstehen Diagnosen, wie kann man Diagnosen verstehen und warum lassen sich viele Beschwerden nicht eindeutig erklären?
Ein Patient stellt sich mit seit Wochen schwankendem Blutdruck vor. Mal zu hoch, dann wieder unauffällig, dazu manchmal Kopfdruck, innere Unruhe, gelegentlich Herzklopfen. Solche Verläufe gehören zum Alltag der Allgemeinmedizin. Sie sind nicht deshalb schwierig, weil es an medizinischem Wissen fehlen würde, sondern weil oft mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind und sich nicht sofort sauber voneinander trennen lassen.
Diagnosen entstehen nicht einfach dadurch, dass man etwas findet, und auch nicht allein durch gedankliche Einordnung. Sie entstehen aus ärztliches Gespräch, Untersuchung und, wenn nötig, technischer oder apparativer Diagnostik. Zur Untersuchung gehört dabei nicht nur das, was sich messen, abhören oder im Bild darstellen lässt, sondern auch das, was man früher das „Nervenkostüm“ genannt hätte: die innere Anspannung, die Reaktionslage, die Art, wie jemand Symptome erlebt, schildert und mit ihnen umgeht. Auch die Psyche gehört in dieses Bild hinein und nicht erst ganz am Ende, wenn sonst nichts gefunden wurde.
Die vier Ebenen hinter Beschwerden
Medizinisch lässt sich das zunächst strukturieren. Es gibt strukturelle Ursachen, vegetative Ursachen, auf die ich im Folgenden noch genauer zurückkommen werde, psychische Prozesse und den Bereich, der oft als funktionell bezeichnet wird, der aber weniger eine eigene Kategorie darstellt als eine Bezeichnung dafür, dass man die Ursache nicht klar benennen kann – sei es noch nicht oder möglicherweise auch nie. Diese Einteilung hilft, weil sie das Denken ordnet. Sie darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich in der Praxis meist um Mischfälle handelt. Mehrere Ebenen sind gleichzeitig beteiligt, beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich im Verlauf. Genau das macht die Einordnung anspruchsvoll.
Das Orchester-Modell
Man kann sich diese Ebenen wie ein Orchester vorstellen.
Die strukturelle Ebene betrifft die Instrumente selbst. Ist eine Saite gerissen, ein Ventil beschädigt oder ein Instrument verstimmt, liegt ein materieller Defekt vor.
Die vegetative Ebene betrifft den Dirigenten. Er entscheidet nicht darüber, ob ein Instrument beschädigt ist, sondern darüber, wie das Ganze geführt wird: ob das Orchester unter Spannung spielt, ob das Tempo getrieben wird, ob Unruhe entsteht oder wieder Ruhe und Gleichmaß.
Die psychische Ebene betrifft die Interpretation des Stücks. Sie prägt, worauf gehört wird, wie das Gespielte eingeordnet wird, welche Erwartungen entstehen und welche Bedeutung dem Ganzen gegeben wird.
Am schwierigsten ist die Einordnung im Bereich der sogenannten funktionellen Störungen. Im Orchesterbild ist das der Moment, in dem man hört, dass das Zusammenspiel nicht stimmt. Einsätze passen nicht, Tempi laufen auseinander, der Gesamtklang wirkt unstimmig. Damit ist aber noch nicht gesagt, warum das so ist.
Blutdruck als Beispiel eines komplexen Systems
Am Beispiel des Blutdrucks lässt sich das gut weiterdenken.
Ein Patient mit erhöhten Werten kann eine strukturelle Ursache haben. Eine Nierenerkrankung, eine Gefäßveränderung oder eine hormonelle Störung führen dazu, dass der Blutdruck dauerhaft erhöht ist. Diese Form des Bluthochdrucks wird als sekundäre Hypertonie bezeichnet und hat eine konkrete körperliche Ursache. In diesem Fall liegt ein Defekt vor, der die Regulation verändert.
Ein anderer Patient zeigt erhöhte und stark schwankende Werte, ohne dass sich ein struktureller Befund nachweisen lässt. Hier steht eine vegetative Dysregulation im Vordergrund. Der innere Dirigent arbeitet nicht stabil, sondern hält das System in erhöhter Bereitschaft. Anspannung, Angst, innerer Druck, ständige Selbstanspannung oder das Gefühl, dauernd reagieren zu müssen, können dazu führen, dass Blutdruck, Herzfrequenz und Gefäßtonus nicht mehr ruhig reguliert werden. Der Blutdruck ist dann nicht deshalb erhöht, weil ein Organ defekt wäre, sondern weil das Regulationssystem auf Dauer zu straff eingestellt ist.
Ein dritter Verlauf wird als funktionell beschrieben. Die Werte sind wechselhaft, nicht gut vorhersehbar. Man erkennt, dass das System nicht zuverlässig arbeitet, kann aber nicht eindeutig zuordnen, ob ein noch nicht erkannter struktureller Faktor vorliegt, ob die Regulation gestört ist oder ob mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind. „Funktionell“ benennt dann weniger eine Erklärung als eine Grenze des gegenwärtigen Wissens.
Ein vierter Patient hat ähnliche Messwerte, aber im Vordergrund steht die psychische Ebene. Hier geht es nicht in erster Linie um die körperliche Alarmreaktion selbst, sondern um den inneren Umgang mit den Werten. Der Patient misst häufig, beobachtet sich genau, vergleicht, erinnert frühere Ausschläge, erwartet den nächsten Anstieg und ordnet einzelne Werte in eine persönliche Geschichte von Kontrollverlust, Gefährdung oder anhaltender Sorge ein. Dadurch entsteht Bedeutung. Der Blutdruckwert ist nicht mehr nur ein Messwert, sondern wird zu etwas, das Aufmerksamkeit bindet, Befürchtungen auslöst, Entscheidungen beeinflusst und den Alltag organisiert. Die Psyche verändert also nicht unmittelbar die Messung, aber sie verändert, was dieser Messung innerlich zugeschrieben wird.
Warum Diagnosen oft nicht eindeutig sind
Diese Einteilung ist kein theoretisches Modell, sondern hat unmittelbare Konsequenzen. Wird eine strukturelle Ursache übersehen, bleibt eine relevante Erkrankung unbehandelt. Wird eine vegetative Dysregulation nicht erkannt, wird ein regulatives Problem fälschlich wie ein Defekt behandelt. Wird die psychische Ebene nicht berücksichtigt, bleibt ein wesentlicher Einflussfaktor unbeachtet. Und wird „funktionell“ vorschnell als Erklärung verwendet, ersetzt ein Begriff die eigentliche Analyse.
In der Praxis treten diese Formen jedoch selten in Reinform auf. Häufig liegen Mischbilder vor: eine leichte strukturelle Veränderung, die vegetativ verstärkt wird; eine vegetative Hochregulation, die psychisch stark besetzt wird; ein instabiles System, in dem sich mehrere Ebenen überlagern. Genau deshalb ist die Einordnung nicht mechanisch möglich, sondern erfordert Abwägung.
Diese vier Verläufe zeigen keine getrennten Welten, sondern unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb eines gemeinsamen Systems. Der Blutdruck ist kein statischer Wert, sondern das Ergebnis einer fortlaufenden Abstimmung. Er reagiert auf strukturelle Gegebenheiten, auf die Qualität der Regulation, auf äußere Anforderungen und auf die Art, wie ein Mensch mit seinem Körper umgeht. Gerade weil dieses System so fein abgestimmt ist, führt jede Vereinfachung schnell in die Irre.
Die Psyche bestimmt, wie ein Mensch erlebt und bewertet. Das vegetative Nervensystem bestimmt, wie sein Körper darauf antwortet.
Was ärztliche Arbeit wirklich ausmacht
Der eigentliche Wert ärztlicher Arbeit liegt damit nicht nur im Finden von Befunden, sondern in der Fähigkeit, diese Ebenen auseinanderzuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Form der Einordnung entsteht nicht allein durch Technik. Sie entsteht aus Gespräch, Beobachtung, Verlauf, Erfahrung und aus der Bereitschaft, Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen. Sie braucht Zeit.
Technische Diagnostik bleibt unverzichtbar. Sie zeigt, was strukturell vorhanden ist oder ausgeschlossen werden kann. Sie ersetzt aber nicht die Einordnung dessen, was sich nicht unmittelbar messen lässt. Gerade dieser nicht-technische Teil der Medizin ist in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten. Er ist schwerer zu standardisieren, schwerer abzurechnen und schwerer in klare Schemata zu pressen.
Dass dieses Feld heute oft anderen überlassen wird, ist deshalb nicht nur ein organisatorisches Problem, sondern auch ein intellektueller Verlust. Die Medizin hat den Bereich jenseits der Technik nicht vollständig verloren, aber sie hat ihn in vielen Bereichen zu schnell abgegeben. Schade ist das vor allem deshalb, weil genau hier ein wesentlicher Teil ihrer eigentlichen Stärke liegt: in der Fähigkeit, sauber zu unterscheiden, ohne grob zu vereinfachen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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