Aus meiner Praxis
Burn-out oder Depression
Burn-out und Depression: zwei Menschen, zwei Geschichten
Burn-out oder Depression? Beide können sich sehr ähnlich anfühlen. Trotzdem ist die Unterscheidung wichtig, weil sie den Blick auf unterschiedliche Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten lenkt.
„Ich habe ein Burn-out“, sagt Thomas. Er sagt es nicht leise. Auch nicht entschuldigend. Eher so, wie andere erzählen, dass sie sich beim Marathon das Knie verletzt haben. „Zwei Firmen aufgebaut, ständig erreichbar, seit Jahren keinen richtigen Urlaub. Irgendwann macht der Körper eben nicht mehr mit.“ – Miriam nickt. Sie sitzt ihm gegenüber und dreht das Wasserglas zwischen den Händen. -„Und du?“, fragt Thomas. „Auch Stress?“ „Nein“, sagt sie schnell. „Eigentlich nicht.“ „Aber du bist doch auch schon länger krankgeschrieben.“ Miriam schaut auf das Glas. „Ich schlafe schlecht.“ „Kenn ich“, sagt Thomas. „Um vier Uhr wach, und dann läuft im Kopf sofort die To-do-Liste.“ „Bei mir läuft keine Liste.“ -„Sondern?“ -Sie zuckt mit den Schultern. „Nichts. Ich liege einfach da.“
Thomas wartet. Zum ersten Mal fällt ihm auf, dass Miriam nicht nur müde aussieht. Sie wirkt, als müsse sie für jede Antwort erst einen weiten Weg zurücklegen. „Mein Arzt sagt, es sei eine Depression“, sagt sie schließlich. So leise, dass Thomas das Wort beinahe überhört.-„Ach“, sagt er. – Mehr fällt ihm zunächst nicht ein.
Burn-out, denkt Thomas, kann jeden treffen, der zu lange zu viel geleistet hat. Eine Depression dagegen – das ist etwas anderes. Aber stimmt das wirklich?
Wenn Burn-out fast wie eine Auszeichnung klingt
„Wie lange bist du schon zu Hause?“, fragt Miriam. „Drei Wochen. Die erste Woche habe ich fast nur geschlafen. Jetzt gehe ich jeden Morgen laufen. Mein Arzt sagt, ich soll zur Ruhe kommen.“ „Hilft es?“ „Das Laufen schon. Danach fühle ich mich besser. Jedenfalls für eine Weile.“ „Und was machst du sonst?“ -„Nicht viel. Ich habe alle beruflichen E-Mails vom Handy gelöscht.“ „Triffst du Freunde? Gehst du segeln? Du warst doch früher jedes Wochenende auf dem Wasser.“ – Thomas winkt ab. „Dafür habe ich gerade keine Energie.“ – „Aber Lust?“ Thomas schaut sie an. „Was ist der Unterschied?“ Miriam denkt kurz nach. „Ich habe keine Lust mehr auf Dinge, die mir eigentlich wichtig sind. Nicht nur auf die Arbeit. Auf gar nichts.“- „Bei mir ist es die Arbeit“, sagt Thomas bestimmt. – „Und das Segeln?“ „Im Moment eben auch nix.“ „Deine Familie?“ – „Die strengt mich an.“ -„Essen?“ -„Schmeckt nach nichts.“ -„Sex?“ -Thomas lacht kurz, aber das Lachen verschwindet sofort. „Okay“, sagt er. „Auch nicht.“
Jetzt ist es Miriam, die wartet. „Trotzdem“, sagt Thomas schließlich. „Ich bin nicht depressiv. Ich bin ausgebrannt. Das ist etwas anderes.“ -„Vielleicht“, sagt Miriam.
Eine Diagnose, die man lieber nicht ausspricht
„Und bei dir?“, fragt Thomas. „Was ist passiert?“ „Nichts Besonderes.“ – „Es muss doch einen Grund geben.“ -„Das dachte ich auch. Ich habe eine gute Arbeit, eine nette Wohnung, Freunde. Eigentlich ist alles in Ordnung.“ – „Aber?“ -„Morgens wache ich auf und denke, dass ich den Tag nicht schaffe. Duschen, anziehen, einkaufen – alles fühlt sich an, als müsste ich einen Berg hinauf.“ -„Hast du zu viel gearbeitet?“ -„Nein.“ -„Probleme in der Familie?“ -„Auch nicht.“ -„Dann verstehe ich es nicht.“ -„Ich auch nicht“, sagt Miriam. „Das macht es ja noch schlimmer. Ich denke ständig, ich hätte überhaupt keinen Grund, mich so zu fühlen.“ -Thomas sagt eine Weile nichts. „Wissen deine Kollegen davon?“ -„Sie glauben, ich hätte Rückenprobleme.“ -„Warum sagst du ihnen nicht die Wahrheit?“ -Miriam sieht ihn an. „Warum erzählst du allen von deinem Burn-out?“ Thomas öffnet den Mund, antwortet aber nicht sofort. „Weil es nichts gibt, wofür ich mich schämen müsste.“ -„Eben“, sagt Miriam.
Zwei Begriffe, zwei Geschichten
Burn-out erzählt eine Geschichte über das, was ein Mensch geleistet hat: zu viel gearbeitet, zu viel Verantwortung übernommen, zu lange durchgehalten. Die Erschöpfung erscheint beinahe wie der Beweis eines besonders großen Einsatzes.
Depression erzählt scheinbar eine andere Geschichte: Ein Mensch schafft nicht mehr, was vorher selbstverständlich war. Er verliert Antrieb, Freude und Zuversicht – manchmal ohne einen Grund nennen zu können. Noch immer wird das fälschlicherweise als Schwäche, Undankbarkeit oder mangelnde Willenskraft verstanden.
Aber die beiden Begriffe unterscheiden sich nicht nur in ihrem Ansehen. Sie lenken den Blick auch in unterschiedliche Richtungen. Beim Burn-out geht es um das Verhältnis zwischen einem Menschen und seiner Arbeit: zu hohe Anforderungen, fehlende Anerkennung, ständige Erreichbarkeit, zu wenig Einfluss oder mangelnde Erholung. Der Betroffene erscheint weiterhin als Handelnder – als jemand, der zu lange zu viel geleistet hat und nun Grenzen, Gewohnheiten oder Arbeitsbedingungen verändern muss. Bei einer Depression wird das Problem stärker im Menschen selbst verortet. Er wird zum Patienten, der an einer Erkrankung leidet und behandelt werden muss. Das kann entlasten, weil es Schuld nimmt und professionelle Hilfe ermöglicht. Es kann aber auch eine passive Rolle begünstigen: Die Krankheit scheint über den Menschen zu verfügen, während seine Lebensumstände aus dem Blick geraten.
Warum die Benennung Folgen hat
Burn-out besitzt zwar einen ICD-Code. ICD steht für „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Dieses von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Verzeichnis dient dazu, Diagnosen und andere gesundheitlich bedeutsame Zustände einheitlich zu erfassen. Burn-out wird darin jedoch nicht als eigenständige Krankheit, sondern als Problem im Zusammenhang mit der Lebensbewältigung beziehungsweise der Berufstätigkeit eingeordnet. Das geht aus der aktuellen ICD-10-GM des BfArM hervor. Auch die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burn-out ausdrücklich als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde – und nicht als eigenständige Erkrankung. Das hat praktische Folgen. Eine Arbeitsunfähigkeit setzt voraus, dass ein Mensch aufgrund einer Krankheit seine bisherige Tätigkeit nicht mehr ausüben kann oder seine Erkrankung durch die Arbeit verschlimmert würde. Wer wegen eines Burn-outs nicht mehr arbeiten kann, muss deshalb genauer untersucht werden: Handelt es sich um eine arbeitsbezogene Erschöpfung oder liegt inzwischen eine Depression, Angststörung oder andere Erkrankung vor? Damit wird die Frage nach dem Namen auch politisch. Das Wort Burn-out lenkt den Blick auf Arbeitsbedingungen und Überforderung. Die Diagnose Depression begründet den Anspruch auf medizinische Behandlung und Arbeitsunfähigkeit, verlagert das Problem aber zugleich stärker in den einzelnen Menschen. Ein krank machender Arbeitsplatz wird jedoch nicht gesund, nur weil der erkrankte Mensch behandelt wird. Umgekehrt verschwindet eine Depression nicht zwangsläufig, sobald die berufliche Belastung wegfällt.
Burn-out oder Depression: Woran lässt sich der Unterschied erkennen?
Die Frage „Burn-out oder Depression?“ lässt sich nicht allein anhand von Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und nachlassender Leistungsfähigkeit beantworten. Diese Beschwerden können bei beiden auftreten.
Für Burn-out sprechen vor allem:
-
ein enger Zusammenhang mit der Arbeit,
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emotionale und körperliche Erschöpfung,
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zunehmende Distanz, Gereiztheit oder Zynismus gegenüber der Arbeit,
-
das Gefühl, beruflich immer weniger leisten zu können,
-
eine spürbare Besserung durch Abstand und Erholung.
Bei einer Depression breiten sich die Beschwerden meist auf das gesamte Leben aus. Typisch sind:
-
anhaltend gedrückte Stimmung,
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Verlust von Interesse und Freude,
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Antriebsmangel und schnelle Erschöpfbarkeit,
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Schuldgefühle, Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit,
-
Schlaf- und Appetitveränderungen,
-
mitunter Gedanken an den Tod.
Genau diese Hinweise tauchen im Gespräch auf: Miriam muss für alltägliche Handlungen enorme Kraft aufbringen, empfindet keine Freude mehr und gibt sich selbst die Schuld für ihren Zustand. Bei Thomas begann die Erschöpfung zwar im Beruf. Inzwischen haben aber auch Freunde, Familie, Segeln, Essen und Sexualität ihre Bedeutung verloren. Bei ihm muss deshalb geprüft werden, ob sich aus der beruflichen Erschöpfung eine Depression entwickelt hat.
„Vielleicht“, sagt Miriam, „ist Burn-out manchmal einfach eine Depression im Anzug.“ -Thomas sieht an sich hinunter. „Und der Anzug macht sie vorzeigbarer?“ – „Zumindest sieht es darin so aus, als hätte man sehr viel gearbeitet.“ – Thomas lächelt. Dann wird er wieder ernst. „Aber darunter muss nicht immer eine Depression stecken.“
Nicht jede berufliche Erschöpfung ist depressiv. Ob Burn-out oder Depression: Beide Zustände müssen ernst genommen werden. Sie einfach gleichzusetzen, hilft jedoch ebenso wenig, wie den einen Begriff zum angenehmeren Namen für den anderen zu machen. Bei einem Burn-out müssen vor allem Belastung, Erholung und Arbeitsbedingungen verändert werden. Bei einer Depression reicht es häufig nicht, nur die Arbeit zu reduzieren. Dann können Psychotherapie, Medikamente und eine gezielte Aktivierung notwendig werden.
Als ergänzenden therapeutischen Zugang biete ich in meiner Praxis auch pferdegestützte Therapie an. Die Begegnung mit dem Pferd kann dabei helfen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, Grenzen wieder zu spüren und aus der Passivität ins Handeln zu kommen. Sie kann die notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ergänzen.
Die richtige Bezeichnung Depression – oder Burnout – soll einen Menschen weder aufwerten noch zum Opfer machen. Sie soll zeigen, wo Veränderung beginnen kann.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Aus der Praxis – anders gelesen.
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Vollkommen korrekt – Vollkommen absurd
Über Standardsätze, Achtsamkeit und den fehlenden Perspektivwechsel in Arztpraxen
Achtsamkeit in der Arztpraxis – ausgerechnet dort, wo Menschen besonders darauf angewiesen sind, bleibt sie in standardisierten Situationen und Abläufen häufig auf der Strecke.
Beim Augenarzt
„Nehmen Sie bitte Brille und Kontaktlinsen heraus. Wenn Sie aufgerufen werden, gehen Sie in Zimmer vier.“
Beim HNO-Arzt
„Sie hören fast nichts?“ – „Ja.“ – „Dann warten Sie bitte draußen. Wir rufen Sie auf.“
In der Unfallchirurgie
„Sie dürfen den Fuß auf keinen Fall belasten.“ – „Wo bekomme ich Gehstützen?“
„Da gehen Sie einfach kurz rüber ins Sanitätshaus.“
Vor der Operation
„Haben Sie noch Fragen zur Narkose?“ – „Ja. Ich habe Angst, dass ich nicht wieder aufwache.“
„Das kommt nur sehr selten vor. Unterschreiben Sie bitte hier, dass wir Sie über dieses Risiko aufgeklärt haben.“
Beim Gynäkologen
„Machen Sie es sich bitte auf dem Stuhl bequem.“
In der Physiotherapie
„Machen Sie die Bewegung bitte nur so weit, wie es nicht wehtut.“
„Bis hierhin.“
„Da müssen wir aber schon noch ein bisschen weiter.“
Am Empfang
„Was fehlt Ihnen denn?“ – Die Patientin schaut auf das volle Wartezimmer.
„Im Moment vor allem ein Raum, in dem ich Ihnen das erzählen kann.“
In der Sprechstunde
„Wie geht es Ihnen mit den neuen Tabletten?“
„Nicht gut. Ich habe starke Nebenwirkungen.“
„Aber die Blutwerte sind jetzt sehr schön.“
Nach der Magenspiegelung
„Wegen des Beruhigungsmittels können Sie sich später möglicherweise nicht mehr an unser Gespräch erinnern.“
„Ich erkläre Ihnen jetzt, was Sie in den nächsten Tagen beachten müssen.“
Vor einer weiteren Operation
„Bitte nehmen Sie jetzt Ihr Hörgerät heraus.“
„Nennen Sie mir bitte noch einmal Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum.“
In der Neurologie
„Gehen Sie bitte ganz normal, damit ich Ihre Gangstörung beurteilen kann.“
In der Gedächtnissprechstunde
„Sie vergessen im Moment häufig wichtige Dinge?“
„Dann beobachten Sie das bitte und erzählen Sie uns beim nächsten Termin, was Ihnen aufgefallen ist.“
Nach der Augenoperation
„Sie dürfen heute auf keinen Fall selbst Auto fahren.“
„Den Parkschein können Sie vorne am Automaten entwerten.“
Beim Sehtest
„Lesen Sie bitte die Zeile vor, die Sie gerade nicht mehr erkennen können.“
Beim Hörtest
„Geben Sie bitte Bescheid, sobald Sie nichts mehr hören.“
Im Schlaflabor
„Versuchen Sie, ganz normal zu schlafen – wir beobachten Sie die ganze Zeit.“
Beim MRT
„Bleiben Sie ganz entspannt und bewegen Sie sich auf keinen Fall.“
In der Notfallsprechstunde
„Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz, wir kümmern uns sofort um Sie.“
Bei der Untersuchung
„Sagen Sie bitte sofort Bescheid, wenn Sie das Bewusstsein verlieren.“
Wenn niemand mehr die Seite wechselt
Über solche Sätze kann man lachen. Wenn man ihnen als Patient begegnet, können sie aber auch irritieren, verletzen oder wütend machen. Warum kommen solche Situationen im Gesundheitssystem so häufig vor?
Aufgrund meiner psychotherapeutischen Ausbildung interessiert mich dabei besonders, was in solchen Situationen psychologisch geschieht. Ich möchte deshalb einmal auseinandernehmen, welche Mechanismen ineinandergreifen und warum sich dieses Verhalten so hartnäckig hält. Dabei macht Verstehen eine unachtsame oder herablassende Behandlung nicht richtig. Es verändert auch nicht, was geschehen ist. Aber es kann helfen, das Verhalten des Gegenübers nicht sofort als persönliche Abwertung zu erleben. Vieles, was sich sehr persönlich anfühlt, hat weniger mit dem einzelnen Patienten zu tun als mit Abwehr, Gewöhnung, institutionellen Rollen und der Wirkung von Macht:
Patient und Personal befinden sich zwar im selben Raum, aber nicht in derselben Situation. Für den Patienten geht es um den eigenen Körper, um Schmerzen, Angst und Kontrollverlust. Für das Personal bedeutet die Begegnung auch die Konfrontation mit der Verletzlichkeit eines anderen Menschen. Diese Konfrontation löst Gefühle aus: Mitgefühl, Hilflosigkeit, Unsicherheit, manchmal auch Angst oder Ungeduld. Weil solche Gefühle die Arbeit erschweren können, werden sie häufig abgewehrt. Das geschieht in der Regel nicht bewusst.
Eine typische Form dieser Abwehr ist die Isolierung des Gefühls. Der medizinische Sachverhalt wird wahrgenommen, das damit verbundene menschliche Erleben jedoch ausgeblendet. Man registriert die ausgekugelte Schulter, stellt sich aber nicht mehr vor, wie es ist, mit dieser Schulter unterschreiben zu sollen.
Daneben steht die Intellektualisierung. Die Situation wird in Diagnosen, Messwerte, Formulare und Arbeitsschritte übersetzt. Das macht sie überschaubar und kontrollierbar. Aus dem verängstigten Menschen wird „die Aufklärung“, aus dem schmerzgeplagten Patienten „das Röntgen“ und aus der persönlichen Notlage ein organisatorischer Vorgang.
Die Folge ist eine Objektivierung: Der Patient wird nicht mehr als handelndes Gegenüber, sondern zunehmend als Gegenstand einer Behandlung wahrgenommen. Seine Angaben werden zwar gehört, aber nicht mehr zu einem Gesamtbild verbunden. Die fehlende Brille gehört dann zur Augenuntersuchung, die Zimmernummer dagegen zur Organisation. Dass beides für den Patienten unmittelbar zusammenhängt, gerät aus dem Blick.
An dieser Stelle kommt die Verengung der Aufmerksamkeit hinzu. Die Beschäftigten konzentrieren sich auf den nächsten vorgesehenen Arbeitsschritt. Standardsätze und Routinen übernehmen die Führung. Die Frage lautet nicht mehr: „Was braucht dieser Mensch jetzt?“, sondern: „Was muss als Nächstes erledigt werden?“
Durch häufige Wiederholung kann daraus Gewöhnung werden. Was für den Patienten eine Ausnahmesituation ist, wird für das Personal alltäglich. Die emotionale Reaktion nimmt ab, der Ablauf wird automatischer und der Perspektivwechsel unwahrscheinlicher. Gewöhnung ist damit nicht dasselbe wie Abwehr, kann deren Wirkung aber verstärken und dauerhaft machen.
Auch das Machtgefälle trägt dazu bei, dass sich solche Situationen erhalten. Das Personal kennt die Regeln, verfügt über Informationen, vergibt Termine und entscheidet über die nächsten Schritte. Der Patient ist auf Orientierung, Hilfe und häufig auch auf das Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen. Viele Patienten widersprechen deshalb selbst absurden Anweisungen nicht. Sie sind unsicher, möchten nicht als schwierig gelten oder befürchten, dass ein Einwand ihre Behandlung beeinträchtigen könnte. Das Personal erhält dadurch kaum eine Rückmeldung darüber, wie widersprüchlich oder entwürdigend eine Situation auf der anderen Seite wirkt.
Macht wird jedoch nicht nur ausgeübt, weil die Organisation sie verteilt. Sie kann auch psychisch attraktiv sein. Unter den Beschäftigten gibt es – wie in jeder Berufsgruppe – Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontrolle, Überlegenheit oder Anerkennung. Eine hierarchische Umgebung kann solche Persönlichkeitszüge bedienen: Man bestimmt die Regeln, andere müssen warten, sich erklären und Anweisungen befolgen. Der Patient wird dann nicht nur aus Unachtsamkeit zum Objekt. Seine Abhängigkeit kann dem Gegenüber ein Gefühl von Bedeutung und Macht vermitteln. Widerspruch wird als Störung, Kritik als Angriff und eine berechtigte Nachfrage als mangelnde Kooperation erlebt.
So entsteht ein sich selbst stabilisierendes System: Die Patienten schweigen aus Abhängigkeit, das Personal hält dieses Schweigen für Zustimmung, und einzelne Beschäftigte erleben die fehlende Gegenwehr sogar als Bestätigung ihrer Autorität. Aus einer organisatorischen Hierarchie wird persönliche Machtausübung.
Das betrifft nicht alle Beschäftigten. Es wäre aber ebenso falsch, so zu tun, als spielten persönliche Motive und Charakterstrukturen keine Rolle. Zeitdruck, Routinen und Personalmangel erklären nicht jede Form von Unachtsamkeit – und schon gar nicht jede Form von Herablassung. Sie begünstigen aber eine Haltung, in der korrekt gearbeitet wird, ohne den Patienten noch als vollständiges Gegenüber wahrzunehmen.
Das erklärt, wie solche Situationen entstehen. Es entschuldigt sie nicht.
Ein Ablauf kann vollständig korrekt sein und trotzdem am Patienten vorbeigehen. Achtsamkeit bedeutet hier, für einen Augenblick die Seite zu wechseln und die Situation durch die Augen des anderen zu sehen – wie auf dem Titelbild.
Auch eine Augele hat nicht immer alles im Blick. Sollte Ihnen in meiner Praxis einmal etwas ähnlich Widersprüchliches begegnen, sagen Sie es mir bitte!
Und Wer diese Art von Praxislogik lieber gespielt sieht: Dieter Hallervorden treibt sie beim virtuellen Arztbesuch noch ein wenig weiter.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Eine reizvolle Sache – Sex und die Blase
Die Frau, die hier erzählt, gibt es so nicht. Ihre Geschichte setzt sich aus Erfahrungen zusammen, die viele Frauen kennen. Ich lasse sie trotzdem selbst erzählen – weil sich manches besser verstehen lässt, wenn man nicht mit Bakterien und Leitlinien beginnt, sondern damit, was eine wiederkehrende Blasenentzündung im Leben einer Frau anrichten kann.
Meine erste Blasenentzündung hatte ich wohl Anfang zwanzig. Es brannte beim Wasserlassen, ich musste ständig zur Toilette, bekam ein Antibiotikum und ein paar Tage später war alles wieder gut. Heute reicht manchmal ein leichtes Ziehen am Morgen und sofort ist der Gedanke da: Bitte nicht schon wieder. Denn irgendwann kamen die Infekte häufiger. Und je öfter sie kamen, desto intensiver suchte ich nach dem Fehler. Was machte ich falsch? Zuerst dachte ich natürlich an Hygiene. Schließlich hatte ich gelernt, dass meistens Darmbakterien die Ursache sind. Also achtete ich noch genauer darauf, mich richtig abzuwischen, wusch mich gründlicher und kaufte spezielle Intimwaschlotionen. Nach dem Sport duschte ich sofort, nach dem Schwimmen zog ich den nassen Badeanzug aus und nach dem Sex ging ich grundsätzlich zur Toilette.
Mit jedem neuen Infekt kam eine weitere Regel dazu. Das passiert schleichend. Nach zwei Infekten denkt man beim dritten Mal schon vorher daran. Beim Kofferpacken wandert vorsichtshalber etwas gegen Blasenentzündung mit, und beim ersten Brennen ist die Unbeschwertheit dahin. Irgendwann geriet natürlich der Sex selbst in Verdacht. Das schien logisch: Beim Geschlechtsverkehr können Bakterien in Richtung Harnröhre gelangen.
Nur verstand ich etwas nicht. Meine Vagina war vollkommen in Ordnung: kein Brennen, keine Entzündung, keine Schmerzen beim Sex. Warum bekam dann meine Blase ein Problem? Erst da machte ich mir die Anatomie richtig klar. Scheide und Harnröhre sind zwei verschiedene Wege. Oberhalb des Scheideneingangs beginnt die sehr kurze weibliche Harnröhre, die zur Blase führt. Beim Geschlechtsverkehr gelangt der Penis also nicht in die Harnröhre – aber die Strukturen liegen unmittelbar nebeneinander. Die Vagina muss gar nicht entzündet sein, um für die Harnwege eine Rolle zu spielen. Ihr mikrobielles Milieu, besonders die Lactobazillen, hat eine Schutzfunktion und verändert sich unter hormonellen Einflüssen. Nach den Wechseljahren können deshalb vaginale Östrogene bei entsprechenden Frauen das Risiko wiederkehrender Harnwegsinfekte senken.
Dann fiel mir etwas auf: Es hatte Zeiten mit viel und sehr schönem Sex gegeben, in denen ich überhaupt keine Blasenentzündungen bekam. Und Zeiten mit wenig Sex und ständig empfindlicher Blase. Vielleicht war die Frage also nicht nur, ob ich Sex hatte, sondern was dabei in meinem Körper passierte. Bis dahin hatte ich Sex im Zusammenhang mit Blasenentzündungen ausschließlich mechanisch betrachtet: Reibung, Bakterien, hinterher Wasserlassen.
Sexuelle Erregung verändert den Körper deutlich: Der Genitalbereich wird stärker durchblutet, Klitoris und Vulva schwellen an, die Durchblutung der Vaginalwand nimmt zu und das Gewebe wird feuchter, weicher und nachgiebiger. Dieses Gefühl von Wärme und Fülle kannte ich – nur hatte ich nie über die Physiologie dahinter nachgedacht. Und mein Körper befindet sich bei guter sexueller Erregung in einem völlig anderen Zustand als bei einer Penetration, während ich kaum erregt bin, die Schleimhaut wenig feucht und mein Beckenboden angespannt ist. Damit kam ich auf meinen Beckenboden. Ich hatte immer gedacht, den müsse man vor allem trainieren. Anspannen, halten, loslassen. Dass mein Problem vielleicht eher das Loslassen sein könnte, war mir nie gekommen. Wenn ich gestresst bin, ziehe ich die Schultern hoch und presse die Zähne zusammen. Warum sollte mein Beckenboden nicht ebenfalls reagieren? Ein gut funktionierender Beckenboden muss nicht nur anspannen, sondern auch loslassen können.
„Das bedeutet nicht, dass gute sexuelle Erregung vor einer wiederkehrende Blasenentzündung schützt.“ Dafür gibt es keine ausreichenden Daten. Aber die Gleichung „Sex = mechanischer Transport von Bakterien“ erschien mir plötzlich ziemlich unvollständig.
Was alle sagen – und was wir eigentlich gar nicht so genau wissen
Sich nicht auf kalte Steine zu setzen – diesen Rat lässt wahrscheinlich keine Großmutter aus, sobald ein Mädchen seine erste Blasenentzündung hatte. Später kommen die anderen Regeln dazu: von vorne nach hinten wischen, Baumwollunterwäsche, keine engen Hosen, nasse Badesachen wechseln, nach dem Sex zur Toilette, viel trinken und nachts am besten ohne Slip oder im lockeren Schlafanzug schlafen. Erstaunlicherweise gibt es für viele dieser Empfehlungen keine guten Studien, die zeigen, dass sie tatsächlich bakterielle Harnwegsinfekte verhindern. Das heißt nicht, dass sie unsinnig sind. Luftige Unterwäsche, wenig Feuchtigkeit und Reibung und der Verzicht auf aggressive Intimprodukte können für Vulvahaut und Schleimhäute sinnvoll sein. Nur ist „gut für Haut und lokales Milieu“ nicht automatisch dasselbe wie „verhindert nachweislich eine Blasenentzündung“. Auch das Wasserlassen nach dem Sex klingt plausibel und schadet nicht – überzeugend bewiesen als Schutz vor wiederkehrenden Harnwegsinfekten ist es nicht. Eine bessere Datenlage jedoch gibt es für zusätzliches Trinken bei Frauen, die bisher wenig Flüssigkeit zu sich nehmen. Daraus folgt aber nicht, dass Frauen, die ohnehin ausreichend trinken, ständig literweise Wasser in sich hineinzwingen müssen.
Dass wir bei einer wiederkehrende Blasenentzündung über viele dieser Alltagsfragen so wenig wissen, hat auch damit zu tun, was überhaupt erforscht wird. Frauengesundheit war in der medizinischen Forschung lange unterrepräsentiert. Und eine große Studie darüber, ob Frauen nachts mit oder ohne Unterhose schlafen sollten, ist nicht nur schwierig durchzuführen – es gibt auch wenig wirtschaftlichen Anreiz, sie zu finanzieren. Fehlende Studien sind deshalb nicht dasselbe wie der Beweis, dass etwas wirkungslos ist.
Für mich war aber noch eine andere Erkenntnis wichtig: Vielleicht war nicht jedes Brennen, das ich über die Jahre als „schon wieder Blasenentzündung“ bezeichnet hatte, tatsächlich eine bakterielle Infektion. Brennen, Harndrang und Druck können auch bei gereizten Schleimhäuten, hormonellen Veränderungen oder einem schlecht entspannenden Beckenboden auftreten. Deshalb ist bei wiederkehrenden Beschwerden die Frage wichtig: Was kehrt eigentlich wieder – ein nachgewiesener bakterieller Infekt oder das Gefühl einer Blasenentzündung? Vielleicht erklärt das auch, warum der Leidensdruck unterschätzt wird. Eine einzelne Blasenentzündung dauert einige Tage; wiederkehrende Beschwerden besetzen irgendwann auch die Zeit dazwischen: Sie fahren mit in den Urlaub, sitzen beim Sex mit im Bett und bestimmen plötzlich auch den Alltag.
Die wichtigste Veränderung war für mich deshalb, nicht mehr bei jedem Brennen sofort zu überlegen, was ich falsch gemacht hatte. Ich begann stattdessen, meinen Körper neugieriger wahrzunehmen. Genau mit dieser Wahrnehmung beschäftigt sich auch SexoCorporal: Sexualität nicht nur als etwas zu betrachten, das „stattfindet“, sondern wahrzunehmen, was dabei im eigenen Körper geschieht – mit Erregung, Atmung, Bewegung, Muskelspannung und Beckenboden. Wer sich mit diesem Ansatz näher beschäftigen möchte, findet bei Sexonanz (hier der [LINK] ) weitere Informationen.
Gerade beim Sex machte diese veränderte Wahrnehmung für mich einen Unterschied. Wie fühlt sich mein Beckenboden an? Bin ich angespannt oder kann ich loslassen? Bin ich wirklich erregt? Wird das Gewebe warm, weich und gut durchblutet oder findet Penetration statt, obwohl mein Körper eigentlich noch gar nicht so weit ist? Das ist keine Zauberformel gegen Harnwegsinfekte. Ob intensivere sexuelle Erregung mit besserer genitaler Durchblutung das Risiko bakterieller Infekte senkt, wissen wir nicht. – Aber sie verändert ziemlich sicher das sexuelle Erleben.
Mehr Wahrnehmung, Erregung und Lubrikation und ein Beckenboden, der loslassen kann, machen Sexualität angenehmer. Und wenn dabei Schleimhäute besser durchblutet und weniger mechanisch gereizt werden, darf man zumindest fragen, ob das langfristig auch für ihre Gesundheit günstig sein könnte.
Noch wichtiger finde ich etwas anderes: Wer den eigenen Körper besser wahrnimmt, merkt früher, wenn Penetration eigentlich zu früh kommt, der Beckenboden festhält oder die eigene Erregung noch gar nicht da ist. Diese Wahrnehmung verändert auch Partnersex. Denn wer spürt, was der eigene Körper braucht, kann dafür eher einstehen. Kann langsamer werden, eine Pause machen, mehr Zeit für Erregung einfordern oder auch sagen: So gerade nicht.
Das könnte sogar der schönste Nebeneffekt von mehr Körperwahrnehmung sein: nicht weniger Sexualität aus Angst vor der nächsten Blasenentzündung, sondern mehr Vertrauen in den eigenen Körper – und mehr Freiheit, Sexualität so zu gestalten, dass sie sich auch wirklich gut anfühlt.
Und um zum Bild zurückzukehren: Von der Passagierin zur Pilotin. Ran ans Steuer!
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Unter uns – Die Macht unserer Geheimnisse
Über einen Bandscheibenvorfall kann man problemlos erzählen. Über Krätze eher nicht. Scham und Geheimnisse gehören häufig zusammen. Manche Krankheiten und Beschwerden lassen sich erstaunlich leicht aussprechen.Andere bringen Menschen dazu, die Stimme zu senken, umständliche Umschreibungen zu verwenden oder einen Arztbesuch monatelang hinauszuschieben. Dazu gehören Krätze, Filzläuse und Genitalherpes. Aber auch Hämorrhoiden, Inkontinenz, Mundgeruch, unangenehmer Körpergeruch, Erektionsprobleme oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Manche Menschen verschweigen, dass sie sich ständig die Hände waschen müssen, heimlich trinken, nach dem Essen erbrechen oder ihren Pornografiekonsum nicht mehr kontrollieren können. Andere sprechen mit niemandem über Zwangsgedanken, Selbstverletzungen, Stimmenhören, Einsamkeit oder Gewalt in der Partnerschaft. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Denn Scham hält sich nicht an medizinische Fachgebiete.
Was man lieber für sich behält
Einige dieser Probleme jucken, riechen oder sind sichtbar. Andere betreffen Ausscheidungen, Sexualität oder den Verlust von Kontrolle. Wieder andere finden ausschließlich im Kopf statt. Medizinisch haben Krätze, Harninkontinenz und Zwangsgedanken wenig miteinander zu tun. Psychologisch können sie jedoch etwas Gemeinsames bewirken: Der betroffene Mensch fürchtet, sein Problem könne etwas Grundsätzliches über ihn verraten:
Bin ich unsauber? Unbeherrscht? Abstoßend? Schwach? Vielleicht sogar gefährlich?
Ein schmerzendes Knie lässt sich beim Abendessen leichter erwähnen als ein schmerzender Penis. Genitalwarzen, nächtliches Bettnässen oder die Flasche Wein, die inzwischen jeden Abend geleert wird, eignen sich dagegen weniger gut für ein unverfängliches Gespräch. Über all diese Dinge wird zwar gesprochen – allerdings bevorzugt über andere Menschen.
Selbst Goethe beschäftigte sich mit einem Problem, über das man bis heute nicht besonders gern spricht. In seinem 1810 entstandenen erotischen Gedicht „Das Tagebuch“ schildert er ungewöhnlich offen das vorübergehende sexuelle Versagen eines Mannes. Veröffentlicht wurde das als anstößig geltende Werk allerdings erst Jahrzehnte später. Offenbar waren Scham und Geheimnisse schon damals eng miteinander verbunden.
Aus einem Problem wird ein Geheimnis
Am Anfang steht häufig nur eine Beobachtung: Es juckt. Es riecht. Etwas sieht anders aus als früher. Urin geht verloren. Die Erektion bleibt aus. Ein Glas Alkohol reicht nicht mehr. Die Haustür muss erneut kontrolliert werden. Ein Gedanke taucht immer wieder auf, obwohl man ihn nicht denken möchte. Dann beginnt der Mensch, das Problem zu bewerten: Was sagt das über mich aus? Bei Krätze, Läusen oder Pilzerkrankungen entsteht schnell die Befürchtung, andere könnten mangelnde Körperpflege vermuten. Sexuell übertragbare Infektionen werden mit Vorstellungen über Treue und Sexualverhalten verbunden. Wer die Kontrolle über Blase oder Darm verliert, fühlt sich möglicherweise alt und hilflos. Bei einer Abhängigkeit steht nicht nur der Konsum infrage, sondern auch die eigene Willensstärke.
Besonders belastend können Gedanken sein, die den eigenen Werten widersprechen. Ein Mensch stellt sich vielleicht vor, jemanden zu verletzen, obwohl er das niemals tun möchte. Gerade weil ihn dieser Gedanke entsetzt, kommt er immer wieder. Dennoch fürchtet der Betroffene, schon der Gedanke könne beweisen, dass etwas Gefährliches in ihm steckt. So wird aus einem Problem ein Geheimnis.
Wie Scham und Geheimnisse an Macht gewinnen
Mit dem Geheimnis entsteht eine neue Aufgabe: Es muss bewacht werden. Man erfindet Erklärungen, vermeidet Nähe oder zieht sich zurück. Man geht nicht mehr ins Schwimmbad, achtet darauf, ob jemand etwas riechen oder sehen könnte, kauft Alkohol heimlich oder lässt Verpackungen unten im Mülleimer verschwinden. Auch Zwänge verlangen zunehmend mehr Raum. Was zunächst eine zusätzliche Kontrolle war, wird zu einem festen Ritual. Das Verbergen soll das Problem klein halten. Häufig geschieht das Gegenteil. Denn nun müssen nicht mehr nur die Beschwerden ausgehalten werden. Hinzu kommt die Angst vor Entdeckung: Was geschieht, wenn es jemand bemerkt? Wird man sich abwenden, angeekelt sein oder weitererzählen, was man erfahren hat?
Je größer diese Angst wird, desto beschämender erscheint das Geheimnis. Wenn man so viel Aufwand betreibt, um etwas zu verbergen, muss es sich schließlich um etwas wirklich Schlimmes handeln. Und je schlimmer es erscheint, desto notwendiger fühlt sich das Verheimlichen an.
Problem → Scham → Verheimlichen → Angst vor Entdeckung → noch mehr Scham → noch stärkeres Verheimlichen
Scham und Geheimnisse verstärken sich dabei gegenseitig. Je größer die Scham wird, desto wichtiger erscheint das Verheimlichen – und je länger etwas verborgen bleibt, desto beschämender wirkt es.
Das ursprüngliche Problem muss dabei nicht einmal schlimmer werden. Trotzdem nimmt seine Bedeutung zu. Ein Geheimnis gewinnt seine Macht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch die ständige Anstrengung, es geheim zu halten.
Der Augenblick des Aussprechens
Irgendwann wird das Leiden größer als die Scham. Der Juckreiz lässt niemanden schlafen, die Beziehung leidet, die Zwänge beanspruchen Stunden oder der Alkohol ist nicht mehr zu verbergen. Ein Arzttermin wird vereinbart. Doch auch im Sprechzimmer kann noch eine ganze Weile offenbleiben, worum es wirklich geht.
Der Patient erzählt zunächst von etwas anderem. Dann entsteht eine Pause. Vielleicht schaut er auf den Boden. Vielleicht beginnt er einen Satz, bricht ihn ab und fängt noch einmal an. Schließlich spricht er das Problem aus. Währenddessen beobachtet er jede Reaktion des Arztes oder der Ärztin. Heben sich die Augenbrauen? Entsteht ein Zögern? Verändert sich die Stimme? Zeigt sich Ekel, Überraschung oder Ablehnung?
Für den Patienten steht in diesem Augenblick oft mehr auf dem Spiel als die Mitteilung eines Symptoms. Er befürchtet, dass nun nicht mehr nur sein Problem gesehen wird, sondern dass ein Urteil über seine gesamte Person entsteht. Doch statt Ablehnung erlebt er Ruhe. Der Arzt hört zu. Er weicht nicht zurück und wird nicht hektisch. Er stellt sachliche Fragen: Seit wann besteht das Problem? Wie häufig tritt es auf? Welche Auswirkungen hat es auf den Alltag? Was für den Patienten ein belastendes Geheimnis war, wird für den Arzt zu einem Problem, das sich beschreiben und einordnen lässt.
Wenn Angst auf Ruhe trifft
Der Patient kommt nicht nur mit einem Symptom ins Sprechzimmer. Sein Körper ist möglicherweise längst in Alarmbereitschaft. Er sucht in jeder Regung des Arztes nach einem Hinweis darauf, dass seine Befürchtungen berechtigt waren. Doch seine Angst trifft auf einen ruhigen, regulierten Arzt. Sein Alarm wird nicht mit weiterem Alarm beantwortet.
Menschen regulieren ihre Gefühle nicht ausschließlich allein. Wir orientieren uns fortwährend an den Reaktionen anderer. Ein erschrockenes Gesicht kann unsere Angst verstärken. Eine ruhige Stimme, ein unaufgeregter Blick und ein Arzt, der zugewandt und handlungsfähig bleibt, können sie verringern. Diesen Vorgang bezeichnet man als Co-Regulation. Die Reaktion des Arztes vermittelt eine Botschaft, noch bevor er etwas ausdrücklich Beruhigendes gesagt hat:
Ich habe verstanden, was Sie mir erzählen. Es erschreckt mich nicht. Und wir können gemeinsam überlegen, was jetzt zu tun ist.
Die Scham verschwindet dadurch nicht unbedingt sofort. Aber der Patient macht eine neue Erfahrung: Das Befürchtete wurde ausgesprochen – und die erwartete Katastrophe ist nicht eingetreten. Wo Scham und Geheimnisse bisher für Rückzug gesorgt haben, entsteht nun ein gemeinsamer Blick auf das Problem.
Krätzmilben sind keine Folge eines schlechten Charakters. Ein Herpesvirus weiß nichts über Treue. Eine Blase trifft keine Entscheidung, Urin zu verlieren. Ein Zwangsgedanke ist weder eine Tat noch eine Absicht. Und eine Abhängigkeit verschwindet nicht dadurch, dass sich der betroffene Mensch nur noch ein wenig mehr zusammenreißt. Aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ wird: „Ich habe ein Problem.“
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich ist es ein großer. Ein vermeintliches persönliches Versagen lässt sich nur verbergen oder verurteilen. Ein Problem dagegen kann untersucht und behandelt werden.
Aussprechen → ruhige Reaktion → weniger Angst → weniger Scham → gemeinsames Handeln
Nicht für jedes Problem gibt es eine schnelle Lösung. Scham und Geheimnisse verlieren dadurch vielleicht nicht sofort ihre Macht, aber der Kreislauf ist unterbrochen. Manche Gespräche führen zu einer Salbe oder einer Tablette, andere sind der Beginn vieler weiterer Gespräche – persönlich oder in einer Online-Sprechstunde. Der Mensch verlässt das Sprechzimmer möglicherweise mit demselben Körper, derselben Vergangenheit und zunächst sogar mit denselben Beschwerden. Aber das, was er mitgebracht hat, besteht nicht mehr ausschließlich aus Leiden, Scham und Heimlichkeit.
Es befindet sich nun zwischen zwei Menschen. Man kann es betrachten, benennen und gemeinsam überlegen, was als Nächstes geschehen soll.
Das Problem ist noch da. Aber es ist kein Geheimnis mehr.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Die „Augele-Methode“
Oder: Woher wissen wir eigentlich, ob eine Behandlung wirkt?
Ein Pferd lahmt. Seine Besitzerin kühlt das Bein und trägt eine neue Salbe auf, die ihr im Stall empfohlen wurde. Auf der Dose stehen überzeugende Wörter wie „natürlich“, „bewährt“ und „mit wertvollen Pflanzenextrakten“. Am nächsten Morgen läuft das Pferd besser. „Diese Salbe ist fantastisch“, sagt die Besitzerin. „Schon nach einer Anwendung!“ – Vielleicht hat sie recht. Vielleicht wäre das Pferd am nächsten Morgen aber auch ohne die Salbe besser gelaufen. Mit einem Placebo scheint diese Geschichte zunächst nichts zu tun zu haben. Tatsächlich führt sie aber mitten in die Frage, warum eine Behandlung wirken kann – oder manchmal nur so aussieht, als würde sie wirken.
Genau hier beginnt das Problem medizinischer Erfahrung: Wir sehen, was nach einer Behandlung geschieht. Wir sehen nicht, was ohne sie geschehen wäre.
Es gibt zahlreiche Phänomene, die uns dabei in die Irre führen können, acht davon beschreibe ich hier heute:
1. Der Post-hoc-Fehlschluss
Die Salbe wurde aufgetragen, danach lief das Pferd besser. Also muss die Salbe geholfen haben. Dieser Schluss heißt post hoc ergo propter hoc: „danach, also deswegen“. Aber nicht alles, was vorher geschieht, verursacht das, was anschließend passiert. Wenn ich morgens rote Socken anziehe und später die Sonne scheint, habe ich noch keinen meteorologischen Durchbruch erzielt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wurde es nach der Behandlung besser? Sondern: Wurde es wegen der Behandlung besser?
2. Der natürliche Krankheitsverlauf
Viele Beschwerden verschwinden von selbst. Erkältungen klingen ab, kleine Verletzungen heilen und ein gereizter Magen beruhigt sich wieder. Ein sltes Sprichwort lautet: Mit Medikament war der Husetn nach 7 Tagen weg, ohne Medikamnet schon nach einer Woche. -Der Körper wartet schließlich nicht untätig darauf, dass jemand mit einer Salbe oder Tablette erscheint. So können ganz unterschiedliche Behandlungen erfolgreich wirken. Der eine schwört auf Ingwertee, die andere auf Vitamine und der Nächste auf ein altes Familienrezept. Allen ging es danach tatsächlich besser. Das beweist jedoch noch nicht, dass es ihnen deshalb besser ging.
3. Regression zur Mitte
Viele Beschwerden schwanken. Es gibt gute und schlechte Tage. Eine Behandlung beginnt meistens nicht an einem durchschnittlichen Tag, sondern dann, wenn der Schmerz besonders stark, der Blutdruck besonders hoch oder die Lahmheit besonders deutlich ist. Nach einem extrem schlechten Wert folgt jedoch häufig ein weniger extremer. In der Statistik nennt man das Regression zur Mitte.
Das ist ein bisschen wie bei einer ungewöhnlich schlechten Schulnote: Die nächste Arbeit fällt wahrscheinlich besser aus. Das muss nicht ausschließlich an der eindringlichen Ansprache der Eltern gelegen haben.
Wer eine Behandlung am Tiefpunkt beginnt, erlebt deshalb häufig kurz darauf eine Besserung – unabhängig davon, wie wirksam die Behandlung ist.
4. Placebo und Nocebo
Eine Behandlung besteht nicht nur aus ihrem Wirkstoff. Auch Erwartung, Erfahrung, Vertrauen und die therapeutische Beziehung wirken mit.
Erwartet ein Patient eine Besserung, können sich unter anderem Schmerzverarbeitung, Stressreaktionen und vegetative Funktionen verändern. Das ist der Placeboeffekt.
Es gibt aber auch den sog. Noceboeffekt. Da geschieht das Gegenteil: Negative Erwartungen können Beschwerden auslösen oder verstärken. Die Begriffe stammen aus dem Lateinischen: Placebo bedeutet „Ich werde gefallen“ oder sinngemäß „Ich werde guttun“, während Nocebo mit „Ich werde schaden“ übersetzt wird. Wer im Beipackzettel von Schwindel liest, steht anschließend vielleicht besonders vorsichtig auf, prüft bei jedem Schritt sein Gleichgewicht und entdeckt plötzlich ein leichtes Schwanken. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung. Vielleicht ein Noceboeffekt. Vielleicht ist er einfach zu schnell aufgestanden.
5. Der Bestätigungsfehler
Wir bemerken bevorzugt das, was zu unserer Überzeugung passt. Ist die Pferdebesitzerin von der Salbe überzeugt, erkennt sie jeden guten Schritt: „Schau, heute läuft es schon viel flüssiger!“ – Schlechte Schritte lassen sich dagegen leicht erklären: „Der Boden ist heute ungünstig.“ -„Die Behandlung braucht noch Zeit.“ -„Ohne die Salbe wäre es bestimmt schlimmer.“
Auch Ärzte sind davor nicht geschützt. Erfolgreiche Behandlungen bleiben gut im Gedächtnis. Die vielen Patienten, bei denen wenig geschah, sind deutlich weniger einprägsam.
6. Der Beobachtererwartungseffekt
Erwartungen beeinflussen nicht nur unsere Erinnerung, sondern bereits unsere Beobachtung. Wer weiß, dass ein Pferd behandelt wurde, beurteilt seinen Gang möglicherweise positiver als jemand, der nichts davon weiß.
Das gilt auch in anderen Bereichen, besonders für Aussagen wie: „Die Haut sieht ruhiger aus.“ -„Der Patient wirkt entspannter.“ -„Das Kind ist aufmerksamer.“ -„Das Pferd läuft freier.“
Deshalb werden medizinische Studien möglichst „verblindet“ durchgeführt: Weder die Patienten noch die Personen, die den Behandlungserfolg beurteilen, sollen wissen, wer das echte Medikament und wer ein wirkstofffreies Placebo erhält. So wird verhindert, dass Erwartungen die wahrgenommenen Beschwerden oder die Bewertung des Ergebnisses beeinflussen.
7. Selektions- und Survivorship Bias
Im Internet findet man für beinahe jede Behandlung begeisterte Erfahrungsberichte: „Nach jahrelangen Beschwerden war ich innerhalb von drei Tagen geheilt!“ – Sehr viel seltener liest man: „Ich habe das Präparat genommen, nichts bemerkt und später vergessen, dass ich es jemals gekauft hatte.“
Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen berichten häufiger darüber. Dadurch sehen wir eine verzerrte Auswahl.
Stellen wir uns zehn Pferde vor, die ein neues Zusatzfutter erhalten. Bei acht verändert sich nichts. Zwei laufen kurze Zeit später besser. Deren Besitzer empfehlen das Produkt weiter und schreiben begeisterte Bewertungen.
Nach einigen Monaten sind überall zwei Erfolgsgeschichten zu lesen. Die acht Misserfolge sind unsichtbar geworden.
8. Die therapeutische Illusion
Auch Behandelnde möchten glauben, dass ihre Therapie geholfen hat. Wenn sich ein Patient nach einer Behandlung besser fühlt, freuen wir uns und schreiben die Besserung gern unserer Entscheidung zu. Dabei können natürlicher Verlauf, Regression zur Mitte, Placeboeffekt und unsere eigene Erwartung gleichzeitig mitgewirkt haben. Daraus entsteht die therapeutische Illusion: Wir überschätzen den Anteil unserer Behandlung am guten Verlauf.
Das bedeutet nicht, dass ärztliche Erfahrung wertlos wäre. Im Gegenteil: Erfahrung hilft, ungewöhnliche Verläufe zu erkennen, Risiken einzuschätzen und Studienergebnisse auf den einzelnen Menschen zu übertragen. Aber die persönliche Erfahrung sagt zunächst nur: Nach meiner Behandlung wurde es besser. -Eine gute Studie aber versucht herauszufinden: Wurde es durch meine Behandlung besser?
Dafür braucht sie Vergleichsgruppen, zufällige Zuteilung und möglichst eine Verblindung. So sollen die vielen kleinen Selbsttäuschungen ausgeschaltet werden, für die Patienten und Ärzte gleichermaßen anfällig sind.
Die Auflösung der „Augele-Methode“
Wenn es Ihnen am Tag nach meiner Behandlung hoffentlich viel besser geht, dürfen Sie mir das selbstverständlich schreiben. Ich werde mich mit Ihnen freuen.
Vielleicht war es das Medikament. Vielleicht meine ausgezeichnete ärztliche Betreuung. Vielleicht Ihr Immunsystem. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus mehreren Faktoren.
Falls es Ihnen schlechter geht, schreiben Sie mir bitte ebenfalls.
Und falls sich überhaupt nichts verändert hat, wäre diese Nachricht wissenschaftlich sogar besonders wertvoll. Denn genau diese Fälle verschwinden sonst gern aus unserer Erinnerung.
Die „Augele-Methode“ besteht deshalb nicht darin, aus jedem guten Verlauf den Beweis für meine therapeutische Genialität abzuleiten. Sie besteht darin, sich auch über einen Erfolg zu freuen und trotzdem die Frage zu stellen:
War ich das wirklich?
Das ist als Werbeslogan vermutlich ausbaufähig. Als Grundlage guter Medizin finde ich es jedoch gar nicht schlecht.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Vier Stunden Wartezeit und perfekter Datenschutz
Wie eine Hausarztpraxis früher aussah, kenne ich nicht nur aus Erzählungen: Ich bin in einer aufgewachsen. Sie befand sich in unserem Haus und gehörte deshalb ebenso zu meiner Kindheit wie die Küche oder der Garten. Morgens musste ich mich manchmal durch eine lange Schlange von Patienten hindurchquetschen, die vor dem Eingang warteten. Termine gab es nicht. Wer zum Arzt wollte, kam – und wartete notfalls vier Stunden.
Ich kannte die Geräusche und Abläufe der Praxis. Wenn ich vor der Sprechzimmertür stand, hörte ich an einer bestimmten Veränderung in der Stimme meines Vaters, dass das Gespräch bald zu Ende sein würde. Dann öffnete sich die Tür, der nächste Patient wurde hereingerufen, und das vertraute Muster begann von vorn.
Heute stelle ich mir diese Praxis manchmal wie ein Museum vor. Nicht wie ein Museum mit besonders kostbaren Instrumenten, sondern wie einen Raum voller Dinge, die damals selbstverständlich waren und inzwischen nahezu spurlos verschwunden sind.
Karteikästen mit eingebautem Datenschutz
In den Karteikästen lagen die handschriftlichen Aufzeichnungen zu den Patienten. Die Schrift meines Vaters war ausgesprochen unleserlich. Apotheker konnten seine Rezepte kaum lesen, und auch den Mitarbeiterinnen blieb ein großer Teil des Inhaltes verschlossen. Damit verfügte die Praxis schon sehr früh über einen äußerst wirksamen Datenschutz – ganz ohne Passwort und Zugriffsberechtigung.
Gelegentlich fanden sich in den Aufzeichnungen lateinische Bemerkungen, die weder für die Patienten noch für die Mitarbeiterinnen bestimmt waren. An eine erinnere ich mich bis heute: „Galina spastica“ („spastisches Huhn“). Das ist ziemlich unhöflich, eröffnete mir jedoch ein bleibendes Intersse an der lateinischen Sprache. Meinem Vater nach 100 Patienten an einem regenreichen deutschen Novembertag sei das verziehen.
Was auch andere lesen sollten, wurde deshalb auf kleine Kassetten diktiert, von einer Mitarbeiterin auf der Schreibmaschine abgetippt, in Streifen geschnitten und in die Karteikarten geklebt. Zu diesem imaginären Museum gehörte außerdem ein schweres, leicht grünliches Metallgerät, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Oben hatte es einen Deckel, unter dem eine Flüssigkeit eingefüllt wurde. Vorn befand sich eine Art Wattestreifen, unten eine breite Rolle. Mit diesem Gerät wurden Name und Adresse der Patienten auf die Rezepte übertragen. Für jeden Patienten lag in der Karteikarte ein ungefähr DIN-A6-großer Pappträger. In seinem oberen Teil befand sich ein Fenster. Darin war eine auf der Schreibmaschine angefertigte Matrize mit zwei Klebestreifen befestigt. Mit dem schweren grünen Gerät konnte man die Patientendaten auf das Rezept rollen. Nach ca 20 Rezepten wurde der Abdruck undeutlich oder begann zu schmieren. Dann musste eine neue Matrize geschrieben und in den Papprahmen geklebt werden. Ich habe versucht, dieses Gerät im Internet wiederzufinden. Auch mithilfe künstlicher Intelligenz ließ es sich weder sicher identifizieren noch so rekonstruieren, dass ich es wiedererkannt hätte.
Vielleicht gibt es Dinge, die irgendwann nur noch beschrieben werden können. Man erinnert sich an ihre Farbe, ihr Gewicht und die Handgriffe, mit denen sie bedient wurden. Trotzdem waren sie einmal Teil des täglichen Lebens.
Hausarztpraxis früher: Vieles wurde selbst gemacht
Als Kind drehte ich Tupfer, schnitt Zellstoff zurecht, stempelte Rezepte und übernahm kleine Arbeiten, für die man mich gebrauchen konnte. Im Labor standen kleine Gefäße mit Gummistopfen, in denen Chemikalien aufbewahrt wurden. Wenn sie leer waren, wusch ich sie aus und sammelte sie. Später bewahrte ich darin kleine Fundstücke auf, etwa Fliegen, die ich unter meinem Mikroskop untersuchen wollte.
Die Praxis verfügte für ihre Zeit über ungewöhnlich viele diagnostische Möglichkeiten. Es gab ein eigenes Labor, EKG und Belastungs-EKG, später auch Sonographie und Echokardiographie sowie die Röntgenanlage im Keller. Das Personal trug Dosimeter am Kittel, die regelmäßig zur Kontrolle der Strahlenbelastung eingeschickt wurden. Es dauerte einige Jahre bis ich verstand, wie diese Plaketten ohne, daß man sehen konnte, wie sie sich füllten, anzeigen sollten, wieviel Strahlung der Träger abbekommen haben sollte.
Gelegentlich untersuchten wir drei Geschwister auf der Röntgenanlage auch unsere Haustiere. So wurden sie verewigt: Susu, das Meerschweinchen, und Domino, der Hase. Mein Bruder entwickelte die Aufnahmen später in seiner Dunkelkammer. Ob wir einmal eher den künstlerischen oder den naturwissenschaftlichen Weg einschlagen würden, war damals noch nicht entschieden. Die Röntgenbilder ließen jedenfalls beides zu.
Während meines Studiums machte ich in der Praxis meine ersten Blutabnahmen. Die Patienten waren mir wohlgesonnen, denn viele kannten mich seit meiner Kindheit. Ich begleitete meinen Vater auch auf Hausbesuche. Dort trafen wir häufig alte Frauen, die allein lebten. In ihren Regalen standen die Fotografien einer ganzen Familie. Irgendwo dazwischen fand sich fast immer das Bild eines jungen Soldaten…
Die Menschen im Wartezimmer
Auch das Wartezimmer veränderte sich, lange bevor mir bewusst wurde, dass ich dort Geschichte beobachtete. Unter den älteren Männern waren noch viele Kriegsversehrte. Einige hatten nur ein Bein; das leere Hosenbein war umgeschlagen. Als Kind nahm ich ihren Anblick als selbstverständlichen Teil des Alltags wahr. Irgendwann aber waren diese Männer nicht mehr da. Es gab keinen bestimmten Tag, an dem sie verschwanden. Sie wurden einfach nach und nach weniger, bis keiner von ihnen mehr im Wartezimmer saß.
Anfangs gab es noch Patienten, die im 19. Jahrhundert geboren worden waren. Auch sie wurden immer weniger, bis schließlich die letzte Patientin aus diesem Jahrhundert starb. Wenn damals jemand hundert Jahre alt wurde, war das noch ein besonderes Ereignis. Das Wartezimmer war ein Ort, an dem historische Zeit vorbeizog, ohne dass jemand sie eigens benannte.
Der erste Computer
Der erste Praxiscomputer nahm nahezu einen ganzen Kellerraum ein. Die Abrechnung wurde über ein Band erledigt, was damals supermodern war. Um die Zeit meines Abiturs bekam ich die Aufgabe, Medikamente und ihre Preise in den Computer einzugeben. In der Roten Liste waren die Präparate markiert, die übernommen werden sollten. Damals begann der Druck auf Ärzte, für die Kosten ihrer Verordnungen einzustehen. Gleichzeitig gab es kaum eine Möglichkeit, selbst zu kontrollieren, welchen Geldwert man im Laufe eines Quartals verschrieben hatte. Also wurde ein eigenes System aufgebaut – Medikament für Medikament und Preis für Preis.
Mein Vater bevorzugte das Betriebssystem „Unix“. Dort ließ sich alles frei konfigurieren. Man war weder an vorgegebene Abläufe noch an die Vorstellungen eines Softwareherstellers gebunden. Jede Funktion konnte auf die Tastenkombination gelegt werden, die man dafür haben wollte. Einfach war das allerdings nicht. Noch bevor der Rechner geliefert wurde, standen bei uns die Bedienungsanleitungen: DIN-A4-Ordner, die nebeneinander eine Länge von ungefähr drei Metern erreichten. Mein Vater arbeitete sie einen nach dem anderen mit einem Markierstift durch. Dabei legte er bereits die späteren Befehle fest: „F6 plus Control = Rezept drucken.“
Dann kam Windows: Meinen Vater störte vor allem die ganze Bilderwelt: die Maus, die kleinen Zeichen und die niedlichen Symbole, auf die man klicken sollte. Statt selbst festzulegen, wie der Computer zu funktionieren hatte, sollte man nun den Bildern folgen, die sich jemand anderes ausgedacht hatte. Für ihn war das keine Vereinfachung, sondern ein Verlust an Freiheit. Mein Vater arbeitete seit Jahren mit einem Unix-System, das er vollständig nach seinen Vorstellungen eingerichtet hatte. Für seine Position sprachen drei Meter sorgfältig durchgearbeitete Handbücher. – Für meine sprach Windows.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Drei Antworten auf drei Schritte Abstand
Ein Pferd wendet sich ab – und drei Menschen erleben drei verschiedene Geschichten
Pferdearbeit Nähe und Distanz
Möchten Sie in einer Beziehung manchmal anders reagieren als sonst – trauen sich aber nicht, weil Sie nicht wissen, was dann geschieht? Vielleicht würden Sie gern einmal stehen bleiben, statt sofort hinterherzugehen. Abstand nehmen, statt Nähe auszuhalten. Oder einfach anwesend bleiben, ohne ständig etwas tun zu müssen, damit der andere sich Ihnen zuwendet. Im Alltag ist es oft schwer, solche neuen Möglichkeiten auszuprobieren. Zu viel steht auf dem Spiel, alte Gefühle werden wach, und die Reaktion des anderen lässt sich nicht vorhersehen. In der Arbeit mit Pferden kann genau das unmittelbar erprobt werden – sozusagen als Experiment: Was geschieht, wenn ich dieses Mal nicht automatisch das tue, was ich sonst immer tue?
Drei Personen beschreiben im Folgenden dieselbe Situation: Ein Mensch steht mit einem Pferd auf einem freien Platz. Für einen Moment sind beide aufmerksam miteinander. Das Pferd steht in seiner Nähe, vielleicht dem Menschen zugewandt, vielleicht leicht seitlich. Dann dreht es den Kopf weg, wendet den Körper ab und geht einige Schritte fort. Mehr geschieht nicht. Das Pferd reißt sich nicht los. Es flieht nicht. Es zeigt keine Aggression. Es geht nur ein paar Schritte weg. Und doch erleben drei Menschen diesen Moment auf drei vollkommen unterschiedliche Arten.
„Es mag mich nicht“
Als das Pferd sich von mir abwandte, dachte ich sofort: Bei den anderen bleibt es stehen. Nur bei mir geht es weg. Innerhalb weniger Sekunden wurde aus den Schritten des Pferdes eine Geschichte über mich. Ich musste etwas falsch gemacht haben. Vielleicht war ich nicht interessant genug, nicht sympathisch genug oder grundsätzlich ungeeignet für den Kontakt mit Pferden. Ich kannte dieses Gefühl. Sobald sich jemand zurückzieht, suche ich den Grund bei mir. Ich frage mich, was an mir nicht stimmt und was ich hätte anders machen müssen. Am liebsten hätte ich das Pferd sofort zurückgeholt. Dann hätte ich gewusst, dass doch alles in Ordnung war. Stattdessen blieb es einige Schritte entfernt stehen.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich holte das Pferd nicht sofort zurück. Ich blieb zunächst stehen und versuchte, nur wahrzunehmen, was tatsächlich geschah. Das Pferd war einige Schritte gegangen. Mehr wusste ich nicht. Vielleicht hatte es etwas gehört. Vielleicht wollte es sich bewegen. Vielleicht war ihm die Nähe gerade zu viel. Vielleicht hatte seine Bewegung überhaupt nichts mit mir zu tun. Ich bemerkte, wie schnell ich die Entfernung als Urteil über mich verstanden hatte. Deshalb versuchte ich, bei dem zu bleiben, was ich wirklich beobachten konnte: Das Pferd war fortgegangen. Es stand einige Meter entfernt. Es war weiterhin ruhig. Ich musste noch nicht wissen, warum es gegangen war. Und ich musste aus seinem Verhalten nicht sofort ableiten, dass mit mir etwas nicht stimmte.
„Endlich lässt es mich in Ruhe“
Als das Pferd sich entfernte, war ich zunächst erleichtert. Seine Nähe war mir eigentlich zu viel gewesen. Das Pferd war groß, bewegte sich dicht an meinem Körper und nahm viel Raum ein. Ich hatte versucht, ruhig und souverän zu wirken, obwohl ich mich innerlich unwohl fühlte. Als es fortging, konnte ich plötzlich wieder freier atmen. Gleichzeitig war mir meine Erleichterung unangenehm. Schließlich war ich doch gekommen, um Kontakt mit dem Pferd zu haben. Müsste ich mir dann nicht wünschen, dass es bei mir blieb? Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich Abstand brauchte. Deshalb hatte ich die Nähe ausgehalten, obwohl sie sich nicht gut anfühlte.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich erlaubte mir, die Entfernung zunächst angenehm zu finden. Ich musste das Pferd nicht sofort wieder heranholen. Stattdessen achtete ich darauf, welcher Abstand sich für mich sicher anfühlte. Das Pferd stand einige Meter entfernt. Ich konnte es beobachten, ohne mich bedrängt zu fühlen. Nach einer Weile merkte ich, dass meine Anspannung nachließ. Aus der Erleichterung entstand langsam wieder Neugier. Ich entschied selbst, einen Schritt auf das Pferd zuzugehen. Dann blieb ich stehen und wartete ab. Die Annäherung fühlte sich nun anders an. Ich musste die Nähe nicht mehr ertragen oder so tun, als wäre sie angenehm. Ich konnte mitentscheiden, wie viel Nähe in diesem Moment für mich möglich war.
„Ich muss interessanter werden“
Sobald das Pferd fortging, begann ich, etwas anzubieten. Ich sprach mit ihm, bewegte mich, lockte es und versuchte, seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Ich hatte sofort das Gefühl, etwas leisten zu müssen, damit es wieder zu mir kam. Ich machte noch eine Bewegung, sprach es erneut an und überlegte, womit ich sein Interesse wecken könnte. Das Pferd fraß währenddessen ein wenig Gras. Je weniger es auf mich reagierte, desto mehr versuchte ich. Ich wollte nicht einfach nur dastehen. Das fühlte sich an, als würde ich nichts tun und hätte dem Pferd nichts zu bieten.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich hörte auf, mich immer interessanter machen zu wollen. Ich blieb anwesend, ohne das Pferd fortlaufend anzusprechen oder zu beschäftigen. Das war zunächst ungewohnt. Ich fühlte mich beinahe untätig. Dabei wandte ich mich nicht ab. Ich blieb aufmerksam und dem Pferd zugewandt. Ich durfte Kontakt aufnehmen und Initiative zeigen, musste aber nicht ununterbrochen etwas Neues anbieten. Das Pferd fraß weiter. Dann hob es irgendwann den Kopf und sah in meine Richtung. Vielleicht hätte es das auch getan, wenn ich weiter gesprochen und mich bewegt hätte. Das wusste ich nicht. Entscheidend war für mich etwas anderes: Ich hatte den offenen Moment ausgehalten, ohne mich besonders interessant, hilfreich oder unterhaltsam machen zu müssen.
Drei Menschen – drei neue Erfahrungen
Das Pferd hat in allen drei Situationen dasselbe getan: Es hat sich abgewandt und ist einige Schritte fortgegangen. Doch für jeden Menschen lag in diesem Moment eine andere Möglichkeit.
Für den ersten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Jemand entfernt sich von ihm, ohne dass er dadurch weniger wertvoll wird. Er muss die Bewegung des anderen nicht sofort als Urteil über sich verstehen. Er darf zunächst beobachten, was tatsächlich geschieht, ohne die Erklärung bereits zu kennen.
Für den zweiten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Er darf Abstand brauchen, ohne die Beziehung abzubrechen. Er muss Nähe nicht aushalten, um sein Interesse oder seine Beziehungsfähigkeit zu beweisen. Erst wenn er seinen eigenen Wunsch nach Distanz ernst nimmt, kann er sich wieder freiwillig annähern.
Für den dritten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Er muss nicht ununterbrochen etwas bieten, um in Beziehung sein zu dürfen. Er kann aufmerksam und zugewandt bleiben, ohne ständig für Kontakt, Unterhaltung oder Interesse sorgen zu müssen.
Was für einen Menschen hilfreich ist, wäre für einen anderen möglicherweise genau die falsche Aufgabe. Der eine darf lernen, eine Entfernung nicht sofort auf sich zu beziehen. Der andere braucht die Erlaubnis, selbst Abstand herzustellen. Ein Dritter kann ausprobieren, einfach anwesend zu bleiben, ohne sich die Aufmerksamkeit des Gegenübers verdienen zu müssen.
Gerade deshalb gibt es in der Pferdearbeit nicht die eine richtige Reaktion, sondern die Möglichkeit, die eigene stimmige Antwort zu entdecken. Die Weisheit darüber liegt nicht beim Pferd und auch nicht bei der begleitenden Person, sondern im Menschen selbst. Die Begegnung mit dem Pferd kann etwas sichtbar und spürbar machen, das längst vorhanden ist, aber bisher vielleicht keinen Ausdruck gefunden hat. Pferdearbeit ist in diesem Sinne eine Form von Hebammenarbeit: Sie bringt nichts Fremdes hervor, sondern hilft dabei, die eigene innere Wahrheit ans Licht zu bringen.
Meine Arbeit mit Menschen und Pferden
Die Arbeit mit Nähe, Distanz und Beziehung begleitet mich schon seit vielen Jahren. Als ärztliche Psychotherapeutin habe ich in Deutschland eine umfangreiche psychotherapeutische Weiterbildung absolviert und lange mit psychotherapeutischen Methoden gearbeitet. Diese Erfahrung prägt bis heute meine ärztliche Arbeit und auch die Begegnungen mit meinen Pferden.
Körperliches Wohlbefinden hängt auch von einer guten Regulation zwischen Körper, seelischem Erleben und vegetativem Nervensystem ab. Dieses Zusammenspiel bildet die Grundlage meiner medizinischen Haltung und meiner Arbeit als Ärztin. Ganzheitlichkeit bedeutet für mich deshalb nicht, die Medizin um etwas Fremdes zu ergänzen, sondern körperliche Beschwerden, Gefühle, Beziehungen und innere Anspannung in ihren gegenseitigen Zusammenhängen wahrzunehmen.
Die Arbeit mit den Pferden kann für Menschen interessant sein, die in Beziehungen immer wieder an ähnliche Grenzen geraten: die sich schnell zurückgewiesen fühlen, Nähe nur schwer zulassen, ihre eigenen Bedürfnisse kaum wahrnehmen oder das Gefühl haben, ständig für die Beziehung sorgen zu müssen. Auch für Paare kann eine gemeinsame Begegnung mit den Pferden neue Perspektiven eröffnen. Dabei geht es nicht darum, dass das Pferd eine Lösung vorgibt, sondern darum, das eigene Erleben unmittelbar wahrzunehmen und einmal eine andere Reaktion auszuprobieren. Pferde reagieren dabei sehr genau auf unsere Körpersprache. Untersuchungen zeigen, dass sie selbst bei unbekannten Menschen zwischen einer offenen und einer eher abweisenden Körperhaltung unterscheiden können. Möchten Sie selbst oder gemeinsam mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin erleben, was in der Begegnung mit den Pferden sichtbar werden kann? Dann vereinbaren Sie gern einen Termin für ein erstes Gespräch. Gemeinsam klären wir, welches Anliegen Sie mitbringen und ob die Arbeit mit den Pferden für Sie allein oder als Paar sinnvoll sein könnte. Schreiben Sie mir gern eine E-Mail.
Mehr über meinen beruflichen Hintergrund und meine Arbeit erfahren Sie hier: Qualifikationen.
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Igittigitt!
Vorbemerkung: Für die, die neu sind bei diesem Newsletter, und alle anderen regelmäßigen Leser: Heute wird es deftig – das ist nicht immer so, insofern bleiben Sie gerne dabei!
Der Mann vor Ihnen an der Supermarktkasse popelt in der Nase. Nicht lange, nur ganz kurz. – Er glaubt, niemand habe es gesehen. – Anschließend legt er denselben Finger auf das Kartenlesegerät. Sie sind als Nächster dran und legen Ihren Finger genau auf dieselbe Taste. – Auf dem Heimweg klingelt Ihr Handy. Sie nehmen den Anruf an. – Zu Hause schneiden Sie einen Apfel auf. – Eine Stunde später reiben Sie sich kurz das Auge. – Beim Hinausgehen drücken Sie noch einmal die Türklinke herunter. Wenig später macht Ihr Partner dieselbe Tür auf. Sie merken von all dem nichts. Aber vielleicht sind gerade einige Mikroorganismen aus der Nase eines völlig fremden Menschen mit Ihnen auf Reisen gegangen. – Willkommen in einer Welt, die Sie lieber nicht sehen möchten.
Dabei war diese Reise nichts Besonderes. Sie hat sich heute schon unzählige Male abgespielt – nicht nur bei Ihnen. Bakterien, Pilze und Viren brauchen dafür keine Fahrkarte. Unser Alltag ist ihr Verkehrsnetz. Und trotzdem werden wir nicht ständig krank.
Warum eigentlich?
Ekel ist schneller als unser Verstand
Wahrscheinlich haben Sie beim Lesen des Anfangs irgendwann gedacht: Igitt. Vielleicht sogar ihn gefühlt, bevor Sie bewusst darüber nachgedacht haben. – Genau das ist Ekel.
Ekel ist kein Gedanke. Er ist ein Gefühl. Gefühle funktionieren anders als unser Verstand – sie sind schneller. Unser Gesicht verzieht sich, wir gehen auf Abstand, manchmal wird uns sogar flau im Magen. Erst danach beginnt unser Verstand zu prüfen: War das wirklich so, wie es sich gerade angefühlt hat? -Gefühle fragen nicht nach Wahrscheinlichkeiten. Dafür sind sie nicht gemacht.
Unser Ekelgefühl ist uralt. Lange bevor Menschen wussten, dass es Bakterien oder Viren gibt, musste unser Gehirn entscheiden, wovon wir besser Abstand halten. Verdorbenes Fleisch, Verwesung, Kot oder eitrige Wunden waren häufig tatsächlich mit einem höheren Risiko verbunden. Ekel musste dieses Risiko nicht verstehen. Er musste nur dafür sorgen, dass wir Abstand hielten.
Warum Ekel und Verstand nicht immer zum gleichen Ergebnis kommen
Heute leben wir in einer anderen Welt. Unser Gehirn hat sich aber kaum verändert. Es reagiert noch immer auf Bilder, Gerüche und Erfahrungen – nicht auf Mikroorganismen. Die können wir weder sehen noch riechen.
Denken Sie mal ….. an einen …. Popel. In der eigenen Nase beschäftigt er uns kaum, am Finger empfinden ihn viele schon als unangenehm. Unter der Tischplatte eines Restaurants? Die meisten von uns möchten diese Tischplatte plötzlich lieber nicht mehr berühren. Biologisch hat sich erstaunlich wenig verändert. Entscheidend ist nicht nur, was wir sehen, sondern wo wir es sehen und von wem es stammt.
Ähnlich ist es mit Speichel. Der eigene Speichel beschäftigt uns kaum. Trinken wir versehentlich aus dem Glas eines Fremden, reicht der Gedanke daran oft schon aus, das Glas sofort wieder abzusetzen. Und nun denken Sie an einen Zungenkuss. Allein ihn in sich in dem Zusammenhang, in dem ich ihn jetzt nenne, als romantisch und schön vorzustellen, ist schon schwierig. Aber der „richtige Zusammenhang“ kann auch dies zum Positiven ändern.
Unser Ekel macht dabei genau das, wofür er entstanden ist. Er soll uns vorsichtig machen, nicht wissenschaftlich beurteilen, wie hoch das Risiko einer Infektion tatsächlich ist. Das übernimmt unser Verstand. Der Verstand fragt nämlich: Kann hier überhaupt etwas übertragen werden? Auf welchem Weg? Wie wahrscheinlich ist das?
Manchmal kommen Gefühl und Verstand zum gleichen Ergebnis. Manchmal nicht. Und wenn sie sich widersprechen, ist das Gefühl meist zuerst da.
Warum wir trotzdem nicht ständig krank werden
Wenn die Welt wirklich so gefährlich wäre, wie sie sich nach dem ersten Absatz angefühlt hat, müssten wir eigentlich dauernd krank sein. Sind wir aber nicht.
Unsere Haut ist weit mehr als eine Hülle. Sie bildet eine wirksame Barriere. Speichel enthält Stoffe, die Mikroorganismen unschädlich machen können. Schleimhäute fangen Eindringlinge ab, Flimmerhärchen transportieren sie wieder hinaus und die Magensäure zerstört vieles, was wir verschlucken. Gleichzeitig leben auf unserer Haut Milliarden eigener Mikroorganismen, die ihren Platz nicht freiwillig für Neuankömmlinge räumen. Unser Körper ist kein steriler Raum. Er ist ein gut geschütztes Ökosystem. Die allermeisten Begegnungen mit Mikroorganismen enden deshalb, bevor sie überhaupt eine Chance bekommen. Sie bleiben an der Haut hängen, trocknen aus, werden weggespült oder vom Immunsystem beseitigt – meist, ohne dass wir jemals etwas davon bemerken. Wir erinnern uns bevorzugt an den Infekt, an die entzündete Wunde oder an die Magen-Darm-Grippe. Was wir nie wahrnehmen, sind die unzähligen Male, in denen unser Körper dieselbe Geschichte beendet hat, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Was bedeutet das für Hygiene?
Heißt das, Hygiene sei unwichtig? – Ganz im Gegenteil. Aber gute Hygiene bedeutet nicht, jede Begegnung mit Mikroorganismen verhindern zu wollen. Das wäre unmöglich. Sie bedeutet zu verstehen, wann tatsächlich ein relevantes Risiko besteht. Nach dem Toilettengang Hände zu waschen, vor einer Wundversorgung oder beim Umgang mit rohem Geflügel ist sinnvoll. Ein Operationssaal folgt anderen Regeln als ein Waldspaziergang.
Unser Ekel muss das gar nicht zuverlässig unterscheiden können. Er sagt nur: Pass auf! Den Rest übernimmt – hoffentlich – unser Verstand.
Kann sich Ekel verändern?
Ja. Und das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis dieses Artikels. Ekel ist zwar ein uraltes Gefühl, aber er ist keineswegs starr. Unser Gehirn kann lernen, worauf sich dieses Gefühl richtet. Erfahrungen, Gewohnheiten und Beziehungen verändern, was wir als angenehm oder abstoßend empfinden. Ein kleines Kind verzieht vielleicht das Gesicht bei Oliven oder Kaffee. Viele Erwachsene genießen beides. In manchen Kulturen gelten Insekten als Delikatesse, während sie anderswo Ekel auslösen. Nicht die Biologie hat sich verändert, sondern die Bedeutung, die unser Gehirn und die Umgebung einer Situation gibt. Der Ekel schützt uns – und gleichzeitig kann er ein Leben lang dazulernen.
Die spannendste Geschichte dieses Artikels ist vermutlich gar nicht der Mann an der Supermarktkasse – sondern all das, was danach nicht passiert ist.
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Hab Lust!
Erröte jetzt!
Bekomm jetzt Gänsehaut!
Schwitz jetzt!
Bekomm jetzt Herzklopfen!
Entspann dich sofort!
Schlaf jetzt ein!
Sei spontan!
Hab Lust!
Alle diese Aufforderungen haben etwas gemeinsam: Je mehr wir versuchen, sie direkt zu befolgen, desto schlechter funktionieren sie.
Das liegt nicht daran, dass wir uns ungeschickt anstellen, sondern daran, dass wir etwas beeinflussen wollen, das sich unserer direkten Kontrolle entzieht. Niemand entscheidet sich, jetzt zu erröten. Niemand beschließt einzuschlafen. Und jeder, der schon einmal nachts unbedingt schlafen wollte, weiß, dass genau dieser Wunsch das Einschlafen verhindern kann. – Warum glauben wir eigentlich, dass ausgerechnet die letzte Aufforderung funktionieren sollte?
Mit sexuelle Lust gehen wir oft so um, als wäre sie eine Entscheidung. Wenn sie ausbleibt, suchen wir den Fehler bei uns oder bei unserem Partner. Wir müssten uns eben mehr entspannen., mehr loslassen und/oder uns mehr Mühe geben. Aber aus medizinischer Sicht ist das ein Missverständnis.
Sexuelle Lust entsteht nicht in der Großhirnrinde
Wenn wir von unserem Gehirn sprechen, denken die meisten von uns an die Großhirnrinde. An den Teil, mit dem wir planen, analysieren, Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Sie hilft uns, diesen Artikel zu lesen oder den nächsten Urlaub zu organisieren. Für die körperlichen Vorgänge der sexuellen Erregung ist sie jedoch nicht die Schaltzentrale. Diese Aufgabe übernehmen andere, tiefer liegende Hirnzentren. Sie arbeiten eng mit dem vegetativen Nervensystem zusammen und reagieren auf die Informationen, die sie aus dem Körper und der Umgebung erhalten: Wie atmen wir? Wie angespannt sind unsere Muskeln? Wie fühlt sich eine Berührung an? Erlebt der Körper Sicherheit? Aus diesem Zusammenspiel entstehen die körperlichen Voraussetzungen für sexuelle Erregung. Wir versuchen also, ein Problem zu lösen – und wenden uns dabei automatisch an den Teil unseres Gehirns, von dem wir gelernt haben, daß er Probleme lösen kann: an die Großhirnrinde.
Jetzt entspann dich – Jetzt hab Lust -Jetzt lass los – Jetzt funktioniere….
Und die Großhirnrinde versteht diese Anweisungen sofort. Sie kann einen Entschluss fassen. Sie kann sich etwas wünschen. Sie kann zum Beispiel beschließen, heute Sex haben zu wollen. Sie kann aber nicht beschließen, dass sich die Geschlechtsorgane stärker durchbluten, dass der Penis eine Erektion bekommt oder dass die Scheide feucht wird.Viele Männer bekommen trotz des Wunsches nach Sex keine Erektion. Viele Frauen erleben, dass ihre Scheide trotz des Wunsches nach Sex nicht feucht wird. Beide wollen das u.U. sehr – aber der Körper antwortet nicht.
Sexuelle Lust ist kein Befehl
Das ist keine Frage des Willens und auch kein Beweis mangelnder Liebe oder mangelnder Anziehung. Es zeigt vor allem, dass die körperlichen Systeme, die sexuelle Erregung ermöglichen, nicht auf Befehle reagieren. Aber wenn das so ist, stellt sich eine viel interessantere Frage: Wie erreicht man diese Hirnzentren überhaupt? Wenn sie sich nicht durch Befehle ansprechen lassen, muss es einen anderen Weg geben. Einen Weg, der nicht über bewusste Kontrolle führt, sondern über die Signale, die der Körper ständig an das Gehirn sendet.
Sexuelle Lust braucht andere Voraussetzungen
Hier setzt der sexocorporelle Ansatz an. Er geht davon aus, dass sich diese unbewusst arbeitenden Regulationssysteme nicht durch Willensanstrengung beeinflussen lassen, sondern über die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Der Begriff dafür lautet Autozentrierung. Gemeint ist damit etwas ziemlich Einfaches: Die Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf das eigene körperliche Erleben. Auf den Atem. Auf die Temperatur der Haut. Auf den Kontakt des Körpers mit der Unterlage. Auf kleine Empfindungen, die wir normalerweise kaum beachten. Zunächst einmal nicht, um Lust zu erzeugen, sondern, um den Körper (wieder) wahrzunehmen. Dadurch verändern sich die Informationen, die die tieferen Hirnzentren aus dem Körper erhalten. Die Atmung wird freier, unnötige Muskelspannung kann nachlassen, Berührungen werden deutlicher wahrgenommen und das vegetative Nervensystem kann in einen Zustand wechseln, in dem sexuelle Erregung überhaupt erst entstehen kann.
Das Paradoxe daran ist: In dem Moment, in dem wir aufhören, Lust herstellen zu wollen, schaffen wir oft erstmals die Bedingungen, unter denen sie entstehen kann.
Die Entstehung sexueller Lust ist komplex. Sie beginnt im Gehirn und umfasst viele Vorgänge. Damit aus sexuellem Verlangen eine körperlich spürbare Erregung werden kann, müssen auch die Geschlechtsorgane stärker durchblutet werden. Ohne diese vegetativen Reaktionen gibt es weder eine Erektion noch das Feuchtwerden der Scheide – und damit keine körperlich wahrnehmbare sexuelle Erregung.
Sie sehen das Bild am Anfang dieses Artikels jetzt vielleicht mit anderen Augen. Der Finger auf dem Schalter steht für unseren Wunsch, Lust einschalten zu können. Der Körper hingegen funktioniert nach anderen Regeln. Ich hoffe, beim Lesen hat es Klick gemacht – und für den Rest brauchen Sie keinen Schalter!
Hat dieser Artikel Sie neugierig gemacht?
Auf der Website meines Mannes finden Sie weitere Informationen zum sexocorporellen Ansatz sowie zahlreiche Beiträge rund um Sexualität und Partnerschaft: www.sexonanz.ch
Bei Bedarf bieten wir auch gemeinsame Paargespräche zur Sexualität an. Dabei verbinden wir medizinische, psychologische und sexocorporelle Perspektiven.
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Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Ein Tor – Millionen Emotionen!
Wenn Sie zu den treuen Leserinnen und Lesern meines Newsletters gehören, lesen Sie diese Zeilen wahrscheinlich schon vor dem WM-Finale. Dann wissen Sie natürlich noch nicht, wie der Abend ausgehen wird.
Noch wissen Sie nicht, ob Sie diesen Artikel mit einem Lächeln oder mit hängenden Schultern weiterlesen werden.
Wie wird Ihr Sonntagabend enden?
🟢 Wenn Ihre Mannschaft gewinnt – hier geht es zur Freude→ lesen Sie hier weiter.
🔴 Wenn Ihre Mannschaft verliert – hier geht es zur Enttäuschung→ lesen Sie hier weiter.
Und falls Sie gerade denken: „Ich habe überhaupt keine Lust auf Fußball.“, bleiben Sie trotzdem noch einen Moment. Denn dieser Artikel handelt eigentlich gar nicht vom Fußball. Er handelt von uns, von unserem Körper und davon, wie er Gefühle sichtbar macht.
90. Minute. Elfmeter.
Im Stadion wird es plötzlich still. Zehntausende Menschen halten gleichzeitig den Atem an. Manche pressen die Hände vor den Mund, andere können gar nicht mehr hinschauen. Auf dem Sofa rutscht jemand bis an die vordere Kante, ein Kind versteckt das Gesicht hinter einem Kissen und schaut doch neugierig zwischen den Fingern hindurch. Der Schütze legt den Ball zurecht. – Er geht einige Schritte zurück. – Er richtet sich auf. – Er atmet tief ein. – Er lockert noch einmal die Schultern. – Dann läuft er an. – Ein Schuss. Ein Tor!
Innerhalb weniger Augenblicke verändert sich der Körper von Millionen Menschen: Die einen springen jubelnd auf, die anderen sinken in sich zusammen. Manche schreien ihre Freude heraus, andere ihre Verzweiflung. Manche lachen, andere weinen. Wieder andere verstummen völlig.
Wie kann ein einziger Ball so viel auslösen? – Weil Emotionen nicht nur in unserem Kopf entstehen, sondern sie erfassen innerhalb von Sekunden unseren ganzen Körper: Das Herz schlägt schneller, die Atmung verändert sich, Muskeln spannen sich an, die Pupillen werden größer und unsere Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das Geschehen. Über das vegetative Nervensystem bereitet unser Gehirn den gesamten Organismus auf das vor, was es gerade als wichtig erkannt hat.
Wir haben Gefühle also nicht nur, sondern wir verkörpern sie.
🟢 Meine Mannschaft hat gewonnen
Dann gehören Sie wahrscheinlich zu den Menschen, die eben aufgesprungen sind.
Vielleicht haben Sie gejubelt, die Arme hochgerissen oder den Menschen neben sich umarmt. Vielleicht mussten Sie lachen. Vielleicht standen Ihnen Tränen in den Augen. Vielleicht spüren Sie Ihr Herz noch immer schneller schlagen oder merken erst jetzt, dass Sie während des Elfmeters die Luft angehalten hatten.
Vielleicht war da auch einfach nur dieses überwältigende Gefühl: Ja!
All das haben Sie nicht bewusst entschieden. Noch bevor der Gedanke „Wir haben gewonnen!“ Ihnen richtig durch den Kopf gegangen ist, hatte Ihr vegetatives Nervensystem Ihren Körper längst auf Freude eingestellt. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, die Muskulatur spannt sich an und der ganze Körper wird aktiviert.
Wir freuen uns also nicht nur – unser Körper freut sich mit.
🔴 Meine Mannschaft hat verloren
Dann ist es um Sie herum vielleicht gerade ganz still geworden. Vielleicht sind Ihre Schultern nach unten gesunken. Vielleicht starren Sie noch immer auf den Bildschirm oder haben längst ausgeschaltet. Vielleicht spüren Sie einen Kloß im Hals, einen Druck auf der Brust oder einfach nur Leere. Manche Menschen schreien ihre Verzweiflung heraus, andere können zunächst gar nichts mehr sagen. Kinder weinen oft hemmungslos, Erwachsene versuchen ihre Enttäuschung eher zu verbergen.
Vielleicht war Ihr erster Gedanke auch einfach nur: Nein! Auch das haben Sie sich nicht ausgesucht.
Noch bevor der Gedanke „Wir haben verloren.“ vollständig verarbeitet war, hatte Ihr Körper bereits reagiert. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung und Körperhaltung verändern sich innerhalb weniger Sekunden.
Enttäuschung ist deshalb nicht nur ein Gefühl – auch sie wird im ganzen Körper spürbar.
Ganz gleich, welchen der beiden Abschnitte Sie gerade gelesen haben – ab hier geht es wieder gemeinsam weiter.
Denn so unterschiedlich sich Freude und Enttäuschung anfühlen: Der Körper setzt bei beiden zunächst ganz ähnliche biologische Abläufe in Gang.
Die Sprache des Körpers: Warum Freude und Verzweiflung manchmal fast gleich aussehen
Machen Sie beim nächsten Fußballspiel einmal ein kleines Experiment: Schalten Sie den Ton aus. Plötzlich wird es ziemlich schwer, manche Emotionen auseinanderzuhalten:
Ein Fan reißt den Mund weit auf. -Die Fäuste sind geballt – Der ganze Körper ist angespannt. -> Jubelt er gerade? Ist das gerade ein Freudenschrei? – Oder ist es ein Schrei der Verzweiflung?
Beides kann auf den ersten Blick nahezu gleich aussehen. Das ist doch überraschend, nicht? Tatsächlich verarbeitet unser Gehirn Emotionen nicht wie sauber getrennte Schubladen. Freude, Angst, Wut, Überraschung oder eben Verzweiflung entstehen in eng miteinander vernetzten Hirnregionen. Sie greifen häufig auf dieselben körperlichen Programme zurück.
Der erste Schritt ist deshalb oft derselbe: Das vegetative Nervensystem aktiviert den Körper, das Herz schlägt schneller, die Atmung wird kräftiger, die Muskulatur spannt sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das Geschehen. Erst danach bewertet unser Gehirn die Situation: Ist das Tor für uns gefallen oder gegen uns? – Droht Gefahr? – Oder erleben wir gerade einen überwältigenden Erfolg?
Erst diese Bewertung entscheidet darüber, ob dieselbe körperliche Aktivierung als Freude, Verzweiflung, Angst oder Wut erlebt wird. Der Körper liefert zunächst die Energie und unser Gehirn gibt ihr ihre Bedeutung.
Die Sprache des Körpers: Warum Gefühle ansteckend sind
Doch damit endet die Geschichte noch nicht: Das Tor fällt – Der erste Fan springt auf. – Er reißt die Arme hoch und schreit seine Freude heraus. – Sekundenbruchteile später springen die Menschen um ihn herum ebenfalls auf. Fremde fallen sich in die Arme, lachen, singen und feiern gemeinsam. Aus vielen einzelnen Menschen wird plötzlich eine gemeinsame Emotion.
Unsere Freude wird nämlich nicht nur durch das Ereignis selbst bestimmt, sondern siee wird auch von den Menschen beeinflusst, die uns umgeben. Unser Gehirn beobachtet ununterbrochen Mimik, Körperhaltung, Stimme und Bewegungen anderer Menschen. Dabei spielen unter anderem sogenannte Spiegelneuronen eine Rolle. Sie helfen uns, Handlungen und möglicherweise auch Gefühle anderer Menschen nachzuvollziehen. Wahrscheinlich sind sie nur ein Teil eines viel größeren Netzwerks, das Empathie und Mitgefühl ermöglicht. Diese Fähigkeit ist uralt. Lange bevor Menschen sprechen konnten, war es überlebenswichtig, die Körpersprache anderer möglichst schnell zu verstehen: Wenn in einer Gruppe plötzlich mehrere Menschen erschrocken aufsahen, erstarrten oder davonliefen, blieb keine Zeit für Diskussionen. Wer erst fragte, „Warum lauft ihr?“, hatte möglicherweise bereits verloren.
Auch im Tierreich lässt sich das bis heute beobachten: Hebt in einer Pferdeherde ein Tier plötzlich aufmerksam den Kopf, richtet die Ohren auf oder flieht, reagieren die anderen oft innerhalb weniger Augenblicke – lange bevor sie selbst die Ursache erkannt haben.
Diese schnelle Übertragung von Aufmerksamkeit kann Leben retten, aber sie kann noch viel mehr:
Wir teilen nicht nur Gefahr und Verzweiflung, sondern wir teilen auch Freude. So sind wir sind verbunden durch unsere Emotionen. Der Pokal geht am Ende nur an eine Mannschaft. Die Emotionen dieses Abends gehören uns allen!
Übrigens:
Wer diese Sprache des Körpers einmal außerhalb eines Fußballstadions beobachten möchte, kann das auch bei Pferden. Sie spielen zwar keinen Fußball, aber wenn es darum geht, Körpersprache wahrzunehmen und auf feinste Veränderungen ihres Gegenübers zu reagieren, sind sie beeindruckende Lehrmeister.
→ Mehr über die Sprache des Körpers und meine Arbeit mit Pferden
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