Aus meiner Praxis
Wie entstehen Diagnosen – und wie lassen sie sich verstehen
Wie entstehen Diagnosen, wie kann man Diagnosen verstehen und warum lassen sich viele Beschwerden nicht eindeutig erklären?
Ein Patient stellt sich mit seit Wochen schwankendem Blutdruck vor. Mal zu hoch, dann wieder unauffällig, dazu manchmal Kopfdruck, innere Unruhe, gelegentlich Herzklopfen. Solche Verläufe gehören zum Alltag der Allgemeinmedizin. Sie sind nicht deshalb schwierig, weil es an medizinischem Wissen fehlen würde, sondern weil oft mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind und sich nicht sofort sauber voneinander trennen lassen.
Diagnosen entstehen nicht einfach dadurch, dass man etwas findet, und auch nicht allein durch gedankliche Einordnung. Sie entstehen aus ärztliches Gespräch, Untersuchung und, wenn nötig, technischer oder apparativer Diagnostik. Zur Untersuchung gehört dabei nicht nur das, was sich messen, abhören oder im Bild darstellen lässt, sondern auch das, was man früher das „Nervenkostüm“ genannt hätte: die innere Anspannung, die Reaktionslage, die Art, wie jemand Symptome erlebt, schildert und mit ihnen umgeht. Auch die Psyche gehört in dieses Bild hinein und nicht erst ganz am Ende, wenn sonst nichts gefunden wurde.
Die vier Ebenen hinter Beschwerden
Medizinisch lässt sich das zunächst strukturieren. Es gibt strukturelle Ursachen, vegetative Ursachen, auf die ich im Folgenden noch genauer zurückkommen werde, psychische Prozesse und den Bereich, der oft als funktionell bezeichnet wird, der aber weniger eine eigene Kategorie darstellt als eine Bezeichnung dafür, dass man die Ursache nicht klar benennen kann – sei es noch nicht oder möglicherweise auch nie. Diese Einteilung hilft, weil sie das Denken ordnet. Sie darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich in der Praxis meist um Mischfälle handelt. Mehrere Ebenen sind gleichzeitig beteiligt, beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich im Verlauf. Genau das macht die Einordnung anspruchsvoll.
Das Orchester-Modell
Man kann sich diese Ebenen wie ein Orchester vorstellen.
Die strukturelle Ebene betrifft die Instrumente selbst. Ist eine Saite gerissen, ein Ventil beschädigt oder ein Instrument verstimmt, liegt ein materieller Defekt vor.
Die vegetative Ebene betrifft den Dirigenten. Er entscheidet nicht darüber, ob ein Instrument beschädigt ist, sondern darüber, wie das Ganze geführt wird: ob das Orchester unter Spannung spielt, ob das Tempo getrieben wird, ob Unruhe entsteht oder wieder Ruhe und Gleichmaß.
Die psychische Ebene betrifft die Interpretation des Stücks. Sie prägt, worauf gehört wird, wie das Gespielte eingeordnet wird, welche Erwartungen entstehen und welche Bedeutung dem Ganzen gegeben wird.
Am schwierigsten ist die Einordnung im Bereich der sogenannten funktionellen Störungen. Im Orchesterbild ist das der Moment, in dem man hört, dass das Zusammenspiel nicht stimmt. Einsätze passen nicht, Tempi laufen auseinander, der Gesamtklang wirkt unstimmig. Damit ist aber noch nicht gesagt, warum das so ist.
Blutdruck als Beispiel eines komplexen Systems
Am Beispiel des Blutdrucks lässt sich das gut weiterdenken.
Ein Patient mit erhöhten Werten kann eine strukturelle Ursache haben. Eine Nierenerkrankung, eine Gefäßveränderung oder eine hormonelle Störung führen dazu, dass der Blutdruck dauerhaft erhöht ist. In diesem Fall liegt ein Defekt vor, der die Regulation verändert.
Ein anderer Patient zeigt erhöhte und stark schwankende Werte, ohne dass sich ein struktureller Befund nachweisen lässt. Hier steht eine vegetative Dysregulation im Vordergrund. Der innere Dirigent arbeitet nicht stabil, sondern hält das System in erhöhter Bereitschaft. Anspannung, Angst, innerer Druck, ständige Selbstanspannung oder das Gefühl, dauernd reagieren zu müssen, können dazu führen, dass Blutdruck, Herzfrequenz und Gefäßtonus nicht mehr ruhig reguliert werden. Der Blutdruck ist dann nicht deshalb erhöht, weil ein Organ defekt wäre, sondern weil das Regulationssystem auf Dauer zu straff eingestellt ist.
Ein dritter Verlauf wird als funktionell beschrieben. Die Werte sind wechselhaft, nicht gut vorhersehbar. Man erkennt, dass das System nicht zuverlässig arbeitet, kann aber nicht eindeutig zuordnen, ob ein noch nicht erkannter struktureller Faktor vorliegt, ob die Regulation gestört ist oder ob mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind. „Funktionell“ benennt dann weniger eine Erklärung als eine Grenze des gegenwärtigen Wissens.
Ein vierter Patient hat ähnliche Messwerte, aber im Vordergrund steht die psychische Ebene. Hier geht es nicht in erster Linie um die körperliche Alarmreaktion selbst, sondern um den inneren Umgang mit den Werten. Der Patient misst häufig, beobachtet sich genau, vergleicht, erinnert frühere Ausschläge, erwartet den nächsten Anstieg und ordnet einzelne Werte in eine persönliche Geschichte von Kontrollverlust, Gefährdung oder anhaltender Sorge ein. Dadurch entsteht Bedeutung. Der Blutdruckwert ist nicht mehr nur ein Messwert, sondern wird zu etwas, das Aufmerksamkeit bindet, Befürchtungen auslöst, Entscheidungen beeinflusst und den Alltag organisiert. Die Psyche verändert also nicht unmittelbar die Messung, aber sie verändert, was dieser Messung innerlich zugeschrieben wird.
Warum Diagnosen oft nicht eindeutig sind
Diese Einteilung ist kein theoretisches Modell, sondern hat unmittelbare Konsequenzen. Wird eine strukturelle Ursache übersehen, bleibt eine relevante Erkrankung unbehandelt. Wird eine vegetative Dysregulation nicht erkannt, wird ein regulatives Problem fälschlich wie ein Defekt behandelt. Wird die psychische Ebene nicht berücksichtigt, bleibt ein wesentlicher Einflussfaktor unbeachtet. Und wird „funktionell“ vorschnell als Erklärung verwendet, ersetzt ein Begriff die eigentliche Analyse.
In der Praxis treten diese Formen jedoch selten in Reinform auf. Häufig liegen Mischbilder vor: eine leichte strukturelle Veränderung, die vegetativ verstärkt wird; eine vegetative Hochregulation, die psychisch stark besetzt wird; ein instabiles System, in dem sich mehrere Ebenen überlagern. Genau deshalb ist die Einordnung nicht mechanisch möglich, sondern erfordert Abwägung.
Diese vier Verläufe zeigen keine getrennten Welten, sondern unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb eines gemeinsamen Systems. Der Blutdruck ist kein statischer Wert, sondern das Ergebnis einer fortlaufenden Abstimmung. Er reagiert auf strukturelle Gegebenheiten, auf die Qualität der Regulation, auf äußere Anforderungen und auf die Art, wie ein Mensch mit seinem Körper umgeht. Gerade weil dieses System so fein abgestimmt ist, führt jede Vereinfachung schnell in die Irre.
Die Psyche bestimmt, wie ein Mensch erlebt und bewertet. Das vegetative Nervensystem bestimmt, wie sein Körper darauf antwortet.
Was ärztliche Arbeit wirklich ausmacht
Der eigentliche Wert ärztlicher Arbeit liegt damit nicht nur im Finden von Befunden, sondern in der Fähigkeit, diese Ebenen auseinanderzuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Form der Einordnung entsteht nicht allein durch Technik. Sie entsteht aus Gespräch, Beobachtung, Verlauf, Erfahrung und aus der Bereitschaft, Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen. Sie braucht Zeit.
Technische Diagnostik bleibt unverzichtbar. Sie zeigt, was strukturell vorhanden ist oder ausgeschlossen werden kann. Sie ersetzt aber nicht die Einordnung dessen, was sich nicht unmittelbar messen lässt. Gerade dieser nicht-technische Teil der Medizin ist in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten. Er ist schwerer zu standardisieren, schwerer abzurechnen und schwerer in klare Schemata zu pressen.
Dass dieses Feld heute oft anderen überlassen wird, ist deshalb nicht nur ein organisatorisches Problem, sondern auch ein intellektueller Verlust. Die Medizin hat den Bereich jenseits der Technik nicht vollständig verloren, aber sie hat ihn in vielen Bereichen zu schnell abgegeben. Schade ist das vor allem deshalb, weil genau hier ein wesentlicher Teil ihrer eigentlichen Stärke liegt: in der Fähigkeit, sauber zu unterscheiden, ohne grob zu vereinfachen.
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Das Impfbuch verschwindet. Die Entscheidung gleich mit.
Es ist ein merkwürdiges Detail im Alltag vieler Menschen, und zugleich so auffällig, dass man es nicht mehr ganz als Zufall abtun kann: Das Impfbuch ist nicht da. Nicht wirklich verloren – nicht vernichtet – nicht ein für alle Mal verschwunden. Es ist bloß nie dort, wo es sein sollte. In dem Moment, in dem man es einmal brauchen würde, beginnt das große Suchen. Schubladen werden geöffnet, Ordner verschoben, alte Mappen hervorgezogen, und fast immer schwingt dabei ein Unterton mit, den man aus anderen Bereichen des Lebens kennt: Man hat sich um etwas gedrückt, ohne es sich ausdrücklich einzugestehen.
Denn ein Impfbuch ist kein neutrales gelbes Heftchen. Es ist die Materialisierung eines kleinen, aber sehr grundsätzlichen Konflikts. Es erinnert daran, dass Gesundheit nicht nur mit vernünftigen Entscheidungen zu tun hat, sondern auch mit einem Körper, der auf Eindringen zunächst nicht zivilisiert reagiert. Eine Nadel ist für das Nervensystem kein kluger Präventionsgedanke, sondern erst einmal eine Grenzverletzung. Da geht etwas durch die Haut. Da kommt etwas hinein. Und der erste Anteil in uns, der darauf antwortet, ist nicht der aufgeklärte Erwachsene mit Risiko-Nutzen-Abwägung, sondern ein sehr viel älteres System.
Der Widerwille gegen das Impfen ist deshalb oft viel banaler, als die Debatten es vermuten lassen. Er tritt nicht immer als Ideologie auf. Er erscheint nicht zwingend als lauter Protest. Er zeigt sich sehr viel diskreter. Das Impfbuch ist gerade nicht auffindbar. Der Termin wird vertagt. Man will erst noch nachlesen. Man hat gerade anderes im Kopf. -Das alles wirkt harmlos aber verrät es etwas.
Denn parallel zu dieser körperlichen Reaktion existiert eine zweite Ebene. Eine, die rechnet. Die weiß, dass bestimmte Impfungen seit Jahrzehnten etabliert sind, mit einem sehr geringen Risiko und einem klaren Nutzen. Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten gehören nicht in den Bereich des Experimentellen. Sie sind Teil einer medizinischen Basisversorgung, die in ihrer Wirkung so selbstverständlich geworden ist, dass man sie leicht unterschätzt. Auf dieser Ebene verschiebt sich die Perspektive. Nicht mehr nur: Was passiert mir? Sondern: Was passiert, wenn sich eine Infektion ausbreitet? Und hier beginnt auch der Unterschied zwischen individuellem Risiko und dem Risiko einer Population. Für einen gesunden Erwachsenen mag die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken, gering erscheinen. Für ein Neugeborenes ist dieselbe Erkrankung eine völlig andere Kategorie. Für einen älteren Menschen, für jemanden mit geschwächtem Immunsystem, verschiebt sich das Risiko noch einmal deutlich.
Infektionskrankheiten bewegen sich nicht entlang individueller Entscheidungen. Sie bewegen sich durch Netzwerke, durch Nähe, durch Kontakt, durch alltägliche Begegnungen. Die eigene Entscheidung endet nicht an der eigenen Haut. Und dennoch bleibt das Gefühl im eigenen Körper bestehen. Es verschwindet nicht, nur weil die Argumente besser werden.
Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken
Letzte Woche habe ich über das Sehen geschrieben. Diese Woche geht es um Riechen und Erinnerung. Hier ist der Frühling eingekehrt, und plötzlich ist es nicht mehr das Auge, das zuerst wahrnimmt, sondern die Nase. Es riecht nach Jasmin, nach Orangenblüten, nach Aufbruch. Und sofort merkt man, wie merkwürdig direkt dieser Sinn ist. Ein Geruch braucht keine Erklärung. Er ist einfach da — und mit ihm oft auch schon ein Gefühl, eine Erinnerung oder eine Reaktion. Riechen und Erinnerung sind dabei enger verbunden, als man zunächst denkt.
Erstaunlich ist, wie oft wir vom Riechen sprechen, obwohl gar kein Duft in der Luft liegt. Wir haben einen guten Riecher, riechen den Braten, merken, dass etwas faul riecht, können jemanden nicht riechen und beschnuppern uns erst einmal. Kaum ein anderer Sinn hat sich so tief in die Sprache eingegraben. Und das ist wohl kein Zufall. Denn Riechen ist kein neutraler Sinn. Die Nase urteilt schnell. Sie sortiert in vertraut oder fremd, angenehm oder unerquicklich, sicher oder verdächtig – lange bevor der Verstand seine Erklärung nachliefert.
Der Geruch ist die leise Sprache der Vergangenheit
Anatomisch ist das gut nachvollziehbar. Geruchsmoleküle gelangen in die Nase zur Riechschleimhaut, werden dort von spezialisierten Nervenzellen erkannt und als Signal weitergeleitet. Diese Informationen laufen über den Riechkolben direkt in Hirnbereiche, die eng mit Emotion und Erinnerung verknüpft sind, vor allem ins limbische System. Deshalb wirkt ein Geruch so unmittelbar. Er wird nicht erst durchdacht, sondern trifft sofort auf bereits gespeicherte Erfahrung. Nicht als klare Geschichte, sondern als Zustand: vertraut, unangenehm, tröstlich oder alarmierend. Interessant ist dabei, dass der Geruch im Gehirn einen ungewöhnlich direkten Weg nimmt. Während andere Sinneseindrücke zunächst stärker gefiltert und eingeordnet werden, erreicht der Geruch sehr schnell Netzwerke, die mit Emotion, Alarmbereitschaft und Gedächtnis zu tun haben. Darum kann ein Duft sofort etwas in uns auslösen: Trost, Unruhe, Nähe oder Abwehr. Erst danach versucht der Verstand, diese Reaktion in Worte zu fassen.
Ein Duft wie Jasmin oder Orangenblüte ist dann nicht einfach nur angenehm, sondern berührt etwas, das älter ist als jeder bewusste Gedanke darüber. Genau deshalb stimmt der Satz: Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken. Riechen und Erinnerung sind auch medizinisch eng verknüpft.
In der Medizin ist das nicht nur poetisch, sondern sehr praktisch: Ein fruchtiger Atem kann auf Aceton hinweisen, Urin kann sich bei einer Infektion deutlich verändern, und eine Alkoholfahne erklärt sich meist von selbst. Der Körper hinterlässt Spuren — auch über den Geruch. Manchmal grob, manchmal subtil, aber oft früher als andere Zeichen.
Besonders eindrücklich war das für mich in der Kinderheilkunde. Wenn ich das gelbe Untersuchungsheft eines Kindes in die Hand bekam, hatte ich manchmal das Gefühl, nicht nur Papier zu berühren, sondern ein Stück Zuhause. Manche Hefte rochen nach Rauch, andere nach Kaffee, manche trugen noch etwas Schwereres mit sich. Bevor viel gesprochen war, war bereits ein Teil des Umfeldes im Raum. Nicht als Bewertung, sondern als Kontext.
Vielleicht ist unsere Sprache deshalb so voll von Wendungen aus dem Bereich des Riechens, weil Geruch genau für diese schwer erklärbaren, aber deutlich spürbaren Dinge steht. Riechen und Erinnerung stehen dabei oft stellvertretend für das, was wir früh wahrnehmen, aber schwer erklären können: Für Intuition, für Beziehung, für Misstrauen, für Erinnerung. Für all das also, was der Körper längst wahrgenommen hat, während der Kopf noch nach Worten sucht.
Wie Sehen funktioniert
Ein Blick im Museum
Wie Sehen funktioniert, zeigt sich manchmal dort, wo man es nicht erwarten würde.
Im Museum of Modern Art in New York saß die Künstlerin Marina Abramović tagelang still auf einem Stuhl. Menschen konnten sich ihr gegenüber setzen – und ihr einfach nur in die Augen schauen. Mehr passierte nicht.
Und doch begannen viele zu weinen.
Was passiert hier eigentlich – aus medizinischer Sicht?
Mehr zur Performance im MoMA: https://www.moma.org/audio/playlist/243/3133
Ein Bild – und vielleicht mehr als eines
Ich habe Ihnen oben ein Bild eingefügt. Auf den ersten Blick sehen Sie meinen Hund. Von hinten. Er sitzt vor einem Tisch.
Und das stimmt auch.
Aber wenn Sie einen Moment länger hinschauen, passiert etwas Interessantes. Formen verschieben sich. Linien bekommen eine andere Bedeutung.
Und plötzlich sehen Sie etwas anderes.
👉 Was sehen Sie? – Ich bin gespannt!
Wie Sehen funktioniert – medizinisch betrachtet
Sehen beginnt im Auge, aber es entsteht im Gehirn. Licht trifft auf die Netzhaut, wird von Stäbchen und Zapfen in elektrische Signale umgewandelt und über den Sehnerv weitergeleitet.
Doch schon in der Netzhaut findet eine erste Verarbeitung statt: Kontraste werden verstärkt, Bewegungen erkannt, Informationen gefiltert. Im visuellen Teil der Großhirnrinde entsteht daraus kein einfaches Abbild der Realität, sondern eine Interpretation.
Wie Sehen funktioniert, bedeutet also immer auch: Das Gehirn entscheidet, was wir wahrnehmen.
Der blinde Fleck – ein Schlüsselprinzip
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Sehen funktioniert, ist der sogenannte blinde Fleck. An dieser Stelle treten die Nervenfasern aus dem Auge aus – ohne Sinneszellen. Eigentlich müssten wir dort nichts sehen.Und dennoch nehmen wir kein Loch wahr.
Das Gehirn ergänzt die fehlenden Informationen automatisch – basierend auf Erfahrung, Umgebung und Wahrscheinlichkeit.
Sehen als Konstruktion
Wenn man versteht, wie Sehen funktioniert, wird klar: Wir nehmen nicht einfach eine objektive Realität wahr. Das Gehirn nutzt Erfahrungen, Erwartungen und Kontext, um aus fragmentarischen Signalen ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Diese Perspektive findet sich auch in modernen Denkmodellen wieder, etwa im Konstruktivismus.
Warum Blickkontakt neurologisch so intensiv ist
Wenn zwei Menschen sich in die Augen schauen, arbeitet das visuelle System auf höchstem Niveau. Gesichter – und insbesondere Augen – gehören zu den wichtigsten Reizen für unser Gehirn. Dabei verarbeitet es feinste Details: minimale Augenbewegungen, Veränderungen der Pupillengröße und kleinste muskuläre Spannungen.
Diese Präzision erklärt, warum eine scheinbar einfache Situation wie im Museum eine so starke Wirkung entfalten kann.
Was das für die Medizin bedeutet
Zu verstehen, wie Sehen funktioniert, hat direkte klinische Relevanz.
In der ärztlichen Praxis liefert der Blick wichtige Hinweise:
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Qualität des Blickkontakts
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Augenbewegungen und Fixation
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Pupillenreaktionen
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Koordination beider Augen
Gleichzeitig gilt auch für uns als Ärztinnen und Ärzte: Unsere Wahrnehmung ist nie vollständig objektiv. Auch wir interpretieren – basierend auf Wissen, Erfahrung und Kontext.
Das bedeutet auch: Zwei Ärzte/Ärztinnen können denselben Patienten sehen – und zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.
Wenn Sie das Thema vertiefen möchten, finden Sie hier mehr zu Wahrnehmungsverzerrungen in der Medizin:
Und wenn Sie sich dafür interessieren, wie Wahrnehmung auch über Berührung und Begegnung entsteht:
Die Hand, die berührt
Ein Gedanke zum Schluss
Wir sehen die Welt nicht einfach, sondern wir erschaffen sie in jedem Moment.
Es lohnt sich, hin und wieder einen Moment länger hinzuschauen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre „Auge“le
Durch Meditation müde?
„Bevor wir anfangen, machen wir erst einmal eine kurze Atemübung.“
Dieser Satz fällt heute erstaunlich häufig. In Fortbildungen, in Schulklassen, manchmal sogar zu Beginn von Meetings. Alle sollen kurz die Augen schließen, den Atem spüren, langsamer werden.
Auch an diesem Morgen sitzen etwa zwanzig Menschen im Raum. Eine Teilnehmerin kommt aufmerksam herein: wach, interessiert, neugierig auf das Thema des Tages. Sie ist kein unruhiger Mensch, nicht überdreht, nicht hektisch. Aber mit dem ganzen Achtsamkeitskram konnte sie noch nie viel anfangen. Bei Sätzen wie „Spüren Sie einmal in sich hinein“ oder „Nehmen Sie Ihren Atem einfach wertfrei wahr“ geht sie innerlich eher auf Abstand. Nicht trotzig. Eher, weil sie nie das Gefühl hatte, dass ihr das wirklich etwas gibt.
Trotzdem macht sie mit. Die Augen werden geschlossen, der Atem soll langsamer werden, die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen. Nach ein paar Minuten merkt sie etwas Merkwürdiges. Die anfängliche Wachheit verschwindet. Ihre Gedanken werden träger, die Energie sinkt. Die Konzentration, mit der sie gerade noch im Raum war, löst sich langsam auf. Statt ruhiger Präsenz entsteht ein anderes Gefühl: Müdigkeit. Ein leichtes Wegdriften. Ein Abstand zu dem, was eigentlich gerade passiert.
Als die Übung endet, fühlen sich viele Menschen entspannt. Sie dagegen fühlt sich seltsam leer – und weniger wach als vorher.
Warum Meditation müde machen kann
Dass Meditation müde machen kann, überrascht viele Menschen. Die geschilderten Erfahrungen sind gar nicht so selten. Und sie bedeuten nicht, dass jemand „Meditation nicht kann“. Vielleicht reagiert einfach das Nervensystem anders. Viele Achtsamkeits- und Meditationsübungen zielen darauf ab, Aktivität zu reduzieren: weniger äußere Reize, weniger Bewegung, mehr Aufmerksamkeit nach innen. Für Menschen, deren Nervensystem unter hoher Spannung steht, kann das tatsächlich beruhigend wirken. Aber nicht jedes Nervensystem ist übererregt. Manche Menschen kommen bereits in einem Zustand in den Raum, der eher Richtung Untererregung tendiert. Ihr System braucht zunächst Aktivierung, Orientierung im Raum, Bewegung oder Kontakt – nicht noch mehr Verlangsamung. Wenn sie dann still sitzen, die Augen schließen und den Atem verlangsamen sollen, kann das den Zustand weiter absenken. Statt Klarheit entsteht Müdigkeit, statt Präsenz ein Gefühl von Distanz.
Für solche Menschen ist es oft schwer, ein Umfeld zu erleben, das von Meditation und Achtsamkeit schwärmt, während sie selbst damit nichts anfangen können. Was anderen guttut, lässt sie eher müde, leer oder innerlich entfernt zurück – und nicht selten mit dem Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht.
Vielleicht stimmt aber etwas anderes: Vielleicht brauchen unterschiedliche Nervensysteme unterschiedliche Wege, um wieder in ihre Balance zu finden.
Ein Bild kann helfen, das zu verstehen. Stellen Sie sich einen Fisch in einem Fluss vor. Ganz nah am Ufer ist das Wasser oft langsam und verwirbelt. Kleine Strudel entstehen, das Wasser steht fast ein wenig. Ein Fisch kommt da kaum voran und muss ständig kleine Richtungswechsel ausgleichen. Weiter draußen, in der Mitte des Flusses, wird die Strömung stark und schnell. Das Wasser trägt kraftvoll, verlangt aber auch viel Energie. Die meisten Fische suchen sich deshalb einen Bereich dazwischen: eine Strömung, die stark genug ist, um sie zu tragen, aber ruhig genug, um sich mühelos darin zu bewegen. Dort schwimmen sie leicht, wach und beweglich.
Unser Nervensystem verhält sich gar nicht so anders. Manche Menschen brauchen zunächst Beruhigung, andere eher Aktivierung. Manche finden ihren Zugang zur inneren Balance in der Stille, andere eher in Bewegung, Rhythmus, Natur oder Begegnung. Ein Teil dieser Zusammenhänge wird auch in der sogenannten Polyvagal-Theorie beschrieben.
Genau deshalb erlebe ich in meiner Praxis in Selva, Mallorca, bei der Begleitung chronischer Erkrankungen mit Pferden immer wieder etwas Interessantes: Menschen, die über klassische Meditation oder stille Achtsamkeitsübungen kaum Zugang zu sich finden, kommen in der Begegnung mit einem Pferd oft plötzlich in eine ganz andere Form von Präsenz. Nicht, weil sie etwas „richtig machen“, sondern weil ihr Nervensystem auf etwas Reales antwortet: auf Bewegung, Resonanz, Klarheit, Körperlichkeit und unmittelbare Rückmeldung.
Ein Pferd verlangt keine perfekte Innenschau. Es reagiert auf das, was tatsächlich da ist – und genau darin kann die Erfahrung liegen, wieder den eigenen Platz in der Strömung zu finden.
Die Hand, die berührt
Manchmal berührt man sich selbst, ohne es bewusst wahrzunehmen. Die linke Hand fährt über die rechte, eine kurze, beiläufige Bewegung. Und doch geschieht dabei etwas Interessantes: Zwei Hände sind beteiligt – und beide fühlen. Die eine wird berührt. Die andere berührt – und registriert ebenfalls.
Denn die Hand, die streicht, spürt nicht weniger als die, die berührt wird. Sie nimmt Druck wahr, Temperatur, Widerstand und feine Unterschiede der Haut. Berührung ist kein einseitiger Vorgang. Sie ist Austausch.
Ein kleiner Handgriff
Wenn Sie mögen, probieren Sie es aus. Streichen Sie mit der linken Hand über den rechten Handrücken.
Richten Sie die Aufmerksamkeit zunächst nur auf die Hand, die berührt wird. Was nehmen Sie wahr? Wärme, Druck, Bewegung.
Dann auf die andere Seite die, die berührt. Wie verändert sich das Empfinden in den Fingerkuppen, wenn die Bewegung langsamer wird oder der Druck minimal variiert?
Und schließlich: Versuchen Sie, beide Seiten gleichzeitig wahrzunehmen – Geben und Empfangen. Viele Menschen bemerken dabei etwas Unerwartetes: Aufmerksamkeit lässt sich verschieben. Zwischen beiden Händen. Zwischen beiden Perspektiven.
Auf der Hand liegend
Hände sind Sinnesorgane. Sie erfassen nicht nur die Umwelt, sondern ermöglichen auch Selbstwahrnehmung. Der Körper tritt mit sich selbst in Kontakt. Eine scheinbar einfache Geste wird zu einem komplexen Wahrnehmungsvorgang.
Begriffene Berührung
Vielleicht erklärt diese enge Verbindung von Hand und Wahrnehmung, warum unsere Sprache voller Berührungen ist. Wir sprechen davon, dass uns etwas berührt, dass uns Worte anfassen, dass uns eine Begegnung nahegeht.
Wir begreifen Zusammenhänge. Wir erfassen Situationen. Wir lassen Dinge los.
Was ursprünglich aus der Welt der Hände stammt, ist tief in unsere Beschreibung innerer Erfahrungen eingegangen. Berührung wurde zum sprachlichen Bild – für Nähe, für Wirkung, für Beziehung.
Zum Mitnehmen
Berührung ist aus biologischer Sicht ein Austausch von Information. Rezeptoren registrieren Druck, Temperatur und Bewegung. Das Gehirn verarbeitet, ordnet ein, reagiert.
Doch unabhängig von der neurobiologischen Ebene bleibt eine einfache Erfahrung: Kontakt wirkt selten nur in eine Richtung.
Und noch etwas
Manche Gedanken beginnen mit einer kleinen Berührung. So geschehen in diesem Fall im Philosophischen Radio: Jochen Hörisch: Warum Hände unser Denken prägen
Vegetatives Nervensystem – wenn der Körper schneller ist als der Kopf
Ein uraltes biologisches Programm
Ein Tier wird verfolgt. Der Körper spannt sich.
Entweder Kampf. Oder Flucht.
Und wenn beides nicht möglich ist? Dann geschieht etwas Überraschendes:
Der Körper erstarrt.
Was wir hier beobachten, ist kein bewusstes Verhalten. Es ist ein automatisches biologisches Programm. Diese Programme sind uralt – und sie existieren bis heute, bei Tieren wie bei Menschen.
Drei klassische Reaktionsmuster
Vereinfacht gesagt kennt unser Nervensystem drei grundlegende Programme:
Kampf

Kampf bedeutet Mobilisierung.
Der Organismus aktiviert Energie, Spannung und Handlung. Muskelspannung steigt.Der Körper wird handlungsbereit.
Flucht
Flucht bedeutet Distanz und Schutz.
Nicht jede Flucht ist körperlich sichtbar so sichtbar wie in dem Bild. Heutzutage könnte das auch heissen: Kündigung.
Starre – Immobilität und Rückzug
Starre entsteht, wenn weder Kampf noch Flucht möglich erscheinen. Der Körper reduziert Aktivität.Das kann sich im Alltag anfühlen wie:
Blockade – Sprachlosigkeit – Innere Lähmung
Der Körper entscheidet zuerst
Für diese Reaktionen besitzt der Organismus ein eigenes Steuerungssystem:
Das vegetatives Nervensystem, in der Medizin auch autonomes Nervensystem genannt. Es reguliert zahlreiche Prozesse, ohne dass wir darüber nachdenken müssen:
Herzschlag
Atmung
Muskelspannung
Gefäßtonus
Wachheit oder Rückzug
Der Körper reagiert schneller als der Verstand. Der Körper reagiert zuerst und der Verstand erklärt später. Unsere Umwelt hat sich im Laufe von Jahrmillionen verändert – aber unser Nervensystem eben nicht.
Einordnung im Rahmen moderner Modelle
Stephen Porges beschreibt diese Mechanismen im Rahmen der Polyvagal-Theorie als ein Modell zur Erklärung autonomer Regulationszustände.
Auch im Tierreich zeigt z. B.das Oppossum eindrücklich, wie unmittelbar das vegetatives Nervensystem reagieren kann:
➡️Oppossum Totstellreflex Video
👉 https://es.wikipedia.org/wiki/Teoría_polivagal
👉 https://www.polyvagalinstitute.org/
Erleben statt nur Verstehen
Wenn Sie Regulation und Ihren Einfluss auf Ihr tägliches Leben nicht nur verstehen, sondern praktisch erleben möchten: In meiner Praxis auf Mallorca können Sie diese Zustände im Rahmen der pferdegestützten Begleitung kennenlernen.
Schlussgedanke
Ein gut reguliertes Nervensystem ist nicht das, das immer ruhig ist. Sondern das, das flexibel reagieren kann!
In Würde altern
„Ich möchte lange leben – aber bitte nicht so.“
Diesen Satz höre ich als Ärztin immer häufiger – auch in meiner Praxis in Selva. (www.augele.eu). Er beschreibt eine Spannung, die viele Menschen kennen: den Wunsch nach mehr Zeit – und gleichzeitig die Angst vor einem Leben, das sich nicht mehr nach Leben anfühlt.
Im aktuellen medizinischen und gesellschaftlichen Diskurs taucht dafür ein Begriff auf: radikale Lebensverlängerung. Gemeint sind Ansätze, die nicht mehr nur einzelne Krankheiten behandeln, sondern direkt in biologische Alterungsprozesse eingreifen wollen. Die Frage lautet dann nicht mehr nur, wie wir gut alt werden, sondern wie weit wir das Ende überhaupt hinausschieben wollen. Der Wunsch, in Würde altern zu können, steht dabei oft im Gegensatz zu dem, was technisch möglich wäre.
Hinter dieser Entwicklung steht eine einfache, unbequeme Wahrheit: Der Tod ist ein Faktum. Er ist endgültig. Er lässt keine Perspektive mehr offen. Gerade diese Endgültigkeit treibt den Menschen dazu, Grenzen zu verschieben – heute nicht mehr mythologisch oder religiös, sondern medizinisch.
Doch damit stellt sich eine andere Frage immer dringlicher:
Geht es uns um mehr Jahre – oder um mehr Lebendigkeit in diesen Jahren?
Eine andere Sicht auf dasselbe
„Reframing“ ist der psychologische Begriff dafür: nicht schönreden, sondern anders einordnen.– So, dass neben dem, was wegfällt, auch sichtbar wird, was dadurch möglich wird.
Gerade beim Altern kann dieser Perspektivwechsel entscheidend sein.
In der Medizin beschreiben wir Altern oft über Defizite: weniger Belastbarkeit, mehr Diagnosen, geringere Reserven. Das ist korrekt – aber nicht vollständig. Dieselbe Realität lässt sich auch anders lesen:
| Was weniger wird | Was dadurch möglich wird |
|---|---|
| Körperliche Grenzen werden spürbar | Selbstfürsorge statt Selbstoptimierung |
| Belastbarkeit ist nicht beliebig steigerbar | Klarere Prioritäten |
| Berufliche Rollen verändern sich | Identität jenseits von Leistung |
| Soziale Kreise werden kleiner | Mehr Tiefe in Beziehungen |
| Zukunft wird überschaubarer | Gegenwart gewinnt an Wert |
| Autonomie nimmt ab | Hilfe annehmen können |
| Pläne werden kürzer | Momente werden intensiver |
| Kontrolle schwindet | Vertrauen und Loslassen |
Verdichtet lässt sich das so zusammenfassen:
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weniger Tempo → mehr Tiefe
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weniger Möglichkeiten → mehr Bedeutung
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weniger Zukunft → mehr Gegenwart
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Weniger Kontrolle → Mehr Haltung
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Weniger Außen → Mehr Innen
Wenn Sie neugierig sind, was ein Leben lebendig macht – jenseits von Leistung und Optimierung –, lohnt sich Hartmut Rosa. Seine Idee der „Resonanz“ beschreibt jene Momente, in denen Leben nicht nur „abläuft“, sondern antwortet: Wir fühlen uns berührt, verbunden, gemeint. Und seine „Unverfügbarkeit“ erinnert daran, dass das Wesentliche sich nicht erzwingen lässt – aber passieren kann. Das könnte eigentlich ein eigenes Thema werden. Neugierig? Dann schauen Sie sich das gern hier an.
Die vollen Getreidespeicher
Der Psychiater Viktor Frankl hat sinngemäß geschrieben, man solle im Rückblick auf das Leben nicht auf die abgeernteten Felder schauen, sondern auf die gefüllten Getreidespeicher.
Nicht auf das, was nicht mehr geht.
Sondern auf das, was gelebt, getragen und bewältigt wurde.
Dieses Bild steht in einem spannenden Kontrast zur Idee der radikalen Lebensverlängerung. Während diese den Blick nach vorn richtet – auf noch mehr Zeit –, lädt Frankl dazu ein, das Gewordene zu würdigen. Vielleicht liegt darin eine Form von Würde, die sich nicht verlängern lässt, sondern anerkannt werden will.
Altern ist auch eine soziale Frage
Ob ältere Menschen ihre Jahre als gute Jahre erleben, hängt nicht nur von Diagnosen ab. Es hängt davon ab, ob sie eingebunden bleiben – in Beziehungen, Gespräche und Bedeutung. Und es hängt davon ab, ob sie innerlich die Möglichkeit finden, den Blick zu verschieben: weg vom reinen Verlustdenken hin zu dem, was bleibt.
Das oben beschriebene Reframing gelingt leichter, wenn es ein Gegenüber gibt, das mitträgt und begleitet.
Medizin, Tod und Begleitung
Für mich bedeutet in Würde altern, den Tod nicht auszuklammern, sondern ihn als Teil des Lebens mitzudenken. Ich sehe den Tod nicht als medizinisches Versagen, sondern als Teil des Lebens. Vielleicht wundert es manche, dass ich mich als Ärztin klar für die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe ausspreche. Nicht aus Geringschätzung des Lebens, sondern aus Respekt vor ihm.
Zur Würde gehört für mich auch, sich mit dem eigenen Lebensende auseinandersetzen zu dürfen – informiert, selbstbestimmt und begleitet. Meine Aufgabe sehe ich nicht darin, Entscheidungen vorzugeben, sondern Menschen auf diesem Weg zu begleiten: im Abwägen, im Lindern von Leid und, wenn es der Wunsch ist, auch im würdevollen Sterben. In Würde altern heißt nicht, alles Machbare auszuschöpfen, sondern Sinn, Maß und Selbstbestimmung ernst zu nehmen.
Vielleicht ist das die eigentliche Grenze der radikalen Lebensverlängerung: nicht die technische Machbarkeit, sondern die Frage nach Sinn, Maß und Würde. Der Tod erinnert uns daran, dass Leben endlich ist. Und gerade diese Endlichkeit macht Leben bedeutsam.
Hier finden Sie die Kontaktmöglichkeiten.






