Aus meiner Praxis
Igittigitt!
Vorbemerkung: Für die, die neu sind bei diesem Newsletter, und alle anderen regelmäßigen Leser: Heute wird es deftig – das ist nicht immer so, insofern bleiben Sie gerne dabei!
Der Mann vor Ihnen an der Supermarktkasse popelt in der Nase. Nicht lange, nur ganz kurz. – Er glaubt, niemand habe es gesehen. – Anschließend legt er denselben Finger auf das Kartenlesegerät. Sie sind als Nächster dran und legen Ihren Finger genau auf dieselbe Taste. – Auf dem Heimweg klingelt Ihr Handy. Sie nehmen den Anruf an. – Zu Hause schneiden Sie einen Apfel auf. – Eine Stunde später reiben Sie sich kurz das Auge. – Beim Hinausgehen drücken Sie noch einmal die Türklinke herunter. Wenig später macht Ihr Partner dieselbe Tür auf. Sie merken von all dem nichts. Aber vielleicht sind gerade einige Mikroorganismen aus der Nase eines völlig fremden Menschen mit Ihnen auf Reisen gegangen. – Willkommen in einer Welt, die Sie lieber nicht sehen möchten.
Dabei war diese Reise nichts Besonderes. Sie hat sich heute schon unzählige Male abgespielt – nicht nur bei Ihnen. Bakterien, Pilze und Viren brauchen dafür keine Fahrkarte. Unser Alltag ist ihr Verkehrsnetz. Und trotzdem werden wir nicht ständig krank.
Warum eigentlich?
Ekel ist schneller als unser Verstand
Wahrscheinlich haben Sie beim Lesen des Anfangs irgendwann gedacht: Igitt. Vielleicht sogar ihn gefühlt, bevor Sie bewusst darüber nachgedacht haben. – Genau das ist Ekel.
Ekel ist kein Gedanke. Er ist ein Gefühl. Gefühle funktionieren anders als unser Verstand – sie sind schneller. Unser Gesicht verzieht sich, wir gehen auf Abstand, manchmal wird uns sogar flau im Magen. Erst danach beginnt unser Verstand zu prüfen: War das wirklich so, wie es sich gerade angefühlt hat? -Gefühle fragen nicht nach Wahrscheinlichkeiten. Dafür sind sie nicht gemacht.
Unser Ekelgefühl ist uralt. Lange bevor Menschen wussten, dass es Bakterien oder Viren gibt, musste unser Gehirn entscheiden, wovon wir besser Abstand halten. Verdorbenes Fleisch, Verwesung, Kot oder eitrige Wunden waren häufig tatsächlich mit einem höheren Risiko verbunden. Ekel musste dieses Risiko nicht verstehen. Er musste nur dafür sorgen, dass wir Abstand hielten.
Warum Ekel und Verstand nicht immer zum gleichen Ergebnis kommen
Heute leben wir in einer anderen Welt. Unser Gehirn hat sich aber kaum verändert. Es reagiert noch immer auf Bilder, Gerüche und Erfahrungen – nicht auf Mikroorganismen. Die können wir weder sehen noch riechen.
Denken Sie mal ….. an einen …. Popel. In der eigenen Nase beschäftigt er uns kaum, am Finger empfinden ihn viele schon als unangenehm. Unter der Tischplatte eines Restaurants? Die meisten von uns möchten diese Tischplatte plötzlich lieber nicht mehr berühren. Biologisch hat sich erstaunlich wenig verändert. Entscheidend ist nicht nur, was wir sehen, sondern wo wir es sehen und von wem es stammt.
Ähnlich ist es mit Speichel. Der eigene Speichel beschäftigt uns kaum. Trinken wir versehentlich aus dem Glas eines Fremden, reicht der Gedanke daran oft schon aus, das Glas sofort wieder abzusetzen. Und nun denken Sie an einen Zungenkuss. Allein ihn in sich in dem Zusammenhang, in dem ich ihn jetzt nenne, als romantisch und schön vorzustellen, ist schon schwierig. Aber der „richtige Zusammenhang“ kann auch dies zum Positiven ändern.
Unser Ekel macht dabei genau das, wofür er entstanden ist. Er soll uns vorsichtig machen, nicht wissenschaftlich beurteilen, wie hoch das Risiko einer Infektion tatsächlich ist. Das übernimmt unser Verstand. Der Verstand fragt nämlich: Kann hier überhaupt etwas übertragen werden? Auf welchem Weg? Wie wahrscheinlich ist das?
Manchmal kommen Gefühl und Verstand zum gleichen Ergebnis. Manchmal nicht. Und wenn sie sich widersprechen, ist das Gefühl meist zuerst da.
Warum wir trotzdem nicht ständig krank werden
Wenn die Welt wirklich so gefährlich wäre, wie sie sich nach dem ersten Absatz angefühlt hat, müssten wir eigentlich dauernd krank sein. Sind wir aber nicht.
Unsere Haut ist weit mehr als eine Hülle. Sie bildet eine wirksame Barriere. Speichel enthält Stoffe, die Mikroorganismen unschädlich machen können. Schleimhäute fangen Eindringlinge ab, Flimmerhärchen transportieren sie wieder hinaus und die Magensäure zerstört vieles, was wir verschlucken. Gleichzeitig leben auf unserer Haut Milliarden eigener Mikroorganismen, die ihren Platz nicht freiwillig für Neuankömmlinge räumen. Unser Körper ist kein steriler Raum. Er ist ein gut geschütztes Ökosystem. Die allermeisten Begegnungen mit Mikroorganismen enden deshalb, bevor sie überhaupt eine Chance bekommen. Sie bleiben an der Haut hängen, trocknen aus, werden weggespült oder vom Immunsystem beseitigt – meist, ohne dass wir jemals etwas davon bemerken. Wir erinnern uns bevorzugt an den Infekt, an die entzündete Wunde oder an die Magen-Darm-Grippe. Was wir nie wahrnehmen, sind die unzähligen Male, in denen unser Körper dieselbe Geschichte beendet hat, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Was bedeutet das für Hygiene?
Heißt das, Hygiene sei unwichtig? – Ganz im Gegenteil. Aber gute Hygiene bedeutet nicht, jede Begegnung mit Mikroorganismen verhindern zu wollen. Das wäre unmöglich. Sie bedeutet zu verstehen, wann tatsächlich ein relevantes Risiko besteht. Nach dem Toilettengang Hände zu waschen, vor einer Wundversorgung oder beim Umgang mit rohem Geflügel ist sinnvoll. Ein Operationssaal folgt anderen Regeln als ein Waldspaziergang.
Unser Ekel muss das gar nicht zuverlässig unterscheiden können. Er sagt nur: Pass auf! Den Rest übernimmt – hoffentlich – unser Verstand.
Kann sich Ekel verändern?
Ja. Und das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis dieses Artikels. Ekel ist zwar ein uraltes Gefühl, aber er ist keineswegs starr. Unser Gehirn kann lernen, worauf sich dieses Gefühl richtet. Erfahrungen, Gewohnheiten und Beziehungen verändern, was wir als angenehm oder abstoßend empfinden. Ein kleines Kind verzieht vielleicht das Gesicht bei Oliven oder Kaffee. Viele Erwachsene genießen beides. In manchen Kulturen gelten Insekten als Delikatesse, während sie anderswo Ekel auslösen. Nicht die Biologie hat sich verändert, sondern die Bedeutung, die unser Gehirn und die Umgebung einer Situation gibt. Der Ekel schützt uns – und gleichzeitig kann er ein Leben lang dazulernen.
Die spannendste Geschichte dieses Artikels ist vermutlich gar nicht der Mann an der Supermarktkasse – sondern all das, was danach nicht passiert ist.
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Hab Lust!
Erröte jetzt!
Bekomm jetzt Gänsehaut!
Schwitz jetzt!
Bekomm jetzt Herzklopfen!
Entspann dich sofort!
Schlaf jetzt ein!
Sei spontan!
Hab Lust!
Alle diese Aufforderungen haben etwas gemeinsam: Je mehr wir versuchen, sie direkt zu befolgen, desto schlechter funktionieren sie.
Das liegt nicht daran, dass wir uns ungeschickt anstellen, sondern daran, dass wir etwas beeinflussen wollen, das sich unserer direkten Kontrolle entzieht. Niemand entscheidet sich, jetzt zu erröten. Niemand beschließt einzuschlafen. Und jeder, der schon einmal nachts unbedingt schlafen wollte, weiß, dass genau dieser Wunsch das Einschlafen verhindern kann. – Warum glauben wir eigentlich, dass ausgerechnet die letzte Aufforderung funktionieren sollte?
Mit sexuelle Lust gehen wir oft so um, als wäre sie eine Entscheidung. Wenn sie ausbleibt, suchen wir den Fehler bei uns oder bei unserem Partner. Wir müssten uns eben mehr entspannen., mehr loslassen und/oder uns mehr Mühe geben. Aber aus medizinischer Sicht ist das ein Missverständnis.
Sexuelle Lust entsteht nicht in der Großhirnrinde
Wenn wir von unserem Gehirn sprechen, denken die meisten von uns an die Großhirnrinde. An den Teil, mit dem wir planen, analysieren, Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Sie hilft uns, diesen Artikel zu lesen oder den nächsten Urlaub zu organisieren. Für die körperlichen Vorgänge der sexuellen Erregung ist sie jedoch nicht die Schaltzentrale. Diese Aufgabe übernehmen andere, tiefer liegende Hirnzentren. Sie arbeiten eng mit dem vegetativen Nervensystem zusammen und reagieren auf die Informationen, die sie aus dem Körper und der Umgebung erhalten: Wie atmen wir? Wie angespannt sind unsere Muskeln? Wie fühlt sich eine Berührung an? Erlebt der Körper Sicherheit? Aus diesem Zusammenspiel entstehen die körperlichen Voraussetzungen für sexuelle Erregung. Wir versuchen also, ein Problem zu lösen – und wenden uns dabei automatisch an den Teil unseres Gehirns, von dem wir gelernt haben, daß er Probleme lösen kann: an die Großhirnrinde.
Jetzt entspann dich – Jetzt hab Lust -Jetzt lass los – Jetzt funktioniere….
Und die Großhirnrinde versteht diese Anweisungen sofort. Sie kann einen Entschluss fassen. Sie kann sich etwas wünschen. Sie kann zum Beispiel beschließen, heute Sex haben zu wollen. Sie kann aber nicht beschließen, dass sich die Geschlechtsorgane stärker durchbluten, dass der Penis eine Erektion bekommt oder dass die Scheide feucht wird.Viele Männer bekommen trotz des Wunsches nach Sex keine Erektion. Viele Frauen erleben, dass ihre Scheide trotz des Wunsches nach Sex nicht feucht wird. Beide wollen das u.U. sehr – aber der Körper antwortet nicht.
Sexuelle Lust ist kein Befehl
Das ist keine Frage des Willens und auch kein Beweis mangelnder Liebe oder mangelnder Anziehung. Es zeigt vor allem, dass die körperlichen Systeme, die sexuelle Erregung ermöglichen, nicht auf Befehle reagieren. Aber wenn das so ist, stellt sich eine viel interessantere Frage: Wie erreicht man diese Hirnzentren überhaupt? Wenn sie sich nicht durch Befehle ansprechen lassen, muss es einen anderen Weg geben. Einen Weg, der nicht über bewusste Kontrolle führt, sondern über die Signale, die der Körper ständig an das Gehirn sendet.
Sexuelle Lust braucht andere Voraussetzungen
Hier setzt der sexocorporelle Ansatz an. Er geht davon aus, dass sich diese unbewusst arbeitenden Regulationssysteme nicht durch Willensanstrengung beeinflussen lassen, sondern über die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Der Begriff dafür lautet Autozentrierung. Gemeint ist damit etwas ziemlich Einfaches: Die Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf das eigene körperliche Erleben. Auf den Atem. Auf die Temperatur der Haut. Auf den Kontakt des Körpers mit der Unterlage. Auf kleine Empfindungen, die wir normalerweise kaum beachten. Zunächst einmal nicht, um Lust zu erzeugen, sondern, um den Körper (wieder) wahrzunehmen. Dadurch verändern sich die Informationen, die die tieferen Hirnzentren aus dem Körper erhalten. Die Atmung wird freier, unnötige Muskelspannung kann nachlassen, Berührungen werden deutlicher wahrgenommen und das vegetative Nervensystem kann in einen Zustand wechseln, in dem sexuelle Erregung überhaupt erst entstehen kann.
Das Paradoxe daran ist: In dem Moment, in dem wir aufhören, Lust herstellen zu wollen, schaffen wir oft erstmals die Bedingungen, unter denen sie entstehen kann.
Die Entstehung sexueller Lust ist komplex. Sie beginnt im Gehirn und umfasst viele Vorgänge. Damit aus sexuellem Verlangen eine körperlich spürbare Erregung werden kann, müssen auch die Geschlechtsorgane stärker durchblutet werden. Ohne diese vegetativen Reaktionen gibt es weder eine Erektion noch das Feuchtwerden der Scheide – und damit keine körperlich wahrnehmbare sexuelle Erregung.
Sie sehen das Bild am Anfang dieses Artikels jetzt vielleicht mit anderen Augen. Der Finger auf dem Schalter steht für unseren Wunsch, Lust einschalten zu können. Der Körper hingegen funktioniert nach anderen Regeln. Ich hoffe, beim Lesen hat es Klick gemacht – und für den Rest brauchen Sie keinen Schalter!
Hat dieser Artikel Sie neugierig gemacht?
Auf der Website meines Mannes finden Sie weitere Informationen zum sexocorporellen Ansatz sowie zahlreiche Beiträge rund um Sexualität und Partnerschaft: www.sexonanz.ch
Bei Bedarf bieten wir auch gemeinsame Paargespräche zur Sexualität an. Dabei verbinden wir medizinische, psychologische und sexocorporelle Perspektiven.
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Ein Tor – Millionen Emotionen!
Wenn Sie zu den treuen Leserinnen und Lesern meines Newsletters gehören, lesen Sie diese Zeilen wahrscheinlich schon vor dem WM-Finale. Dann wissen Sie natürlich noch nicht, wie der Abend ausgehen wird.
Noch wissen Sie nicht, ob Sie diesen Artikel mit einem Lächeln oder mit hängenden Schultern weiterlesen werden.
Wie wird Ihr Sonntagabend enden?
🟢 Wenn Ihre Mannschaft gewinnt – hier geht es zur Freude→ lesen Sie hier weiter.
🔴 Wenn Ihre Mannschaft verliert – hier geht es zur Enttäuschung→ lesen Sie hier weiter.
Und falls Sie gerade denken: „Ich habe überhaupt keine Lust auf Fußball.“, bleiben Sie trotzdem noch einen Moment. Denn dieser Artikel handelt eigentlich gar nicht vom Fußball. Er handelt von uns, von unserem Körper und davon, wie er Gefühle sichtbar macht.
90. Minute. Elfmeter.
Im Stadion wird es plötzlich still. Zehntausende Menschen halten gleichzeitig den Atem an. Manche pressen die Hände vor den Mund, andere können gar nicht mehr hinschauen. Auf dem Sofa rutscht jemand bis an die vordere Kante, ein Kind versteckt das Gesicht hinter einem Kissen und schaut doch neugierig zwischen den Fingern hindurch. Der Schütze legt den Ball zurecht. – Er geht einige Schritte zurück. – Er richtet sich auf. – Er atmet tief ein. – Er lockert noch einmal die Schultern. – Dann läuft er an. – Ein Schuss. Ein Tor!
Innerhalb weniger Augenblicke verändert sich der Körper von Millionen Menschen: Die einen springen jubelnd auf, die anderen sinken in sich zusammen. Manche schreien ihre Freude heraus, andere ihre Verzweiflung. Manche lachen, andere weinen. Wieder andere verstummen völlig.
Wie kann ein einziger Ball so viel auslösen? – Weil Emotionen nicht nur in unserem Kopf entstehen, sondern sie erfassen innerhalb von Sekunden unseren ganzen Körper: Das Herz schlägt schneller, die Atmung verändert sich, Muskeln spannen sich an, die Pupillen werden größer und unsere Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das Geschehen. Über das vegetative Nervensystem bereitet unser Gehirn den gesamten Organismus auf das vor, was es gerade als wichtig erkannt hat.
Wir haben Gefühle also nicht nur, sondern wir verkörpern sie.
🟢 Meine Mannschaft hat gewonnen
Dann gehören Sie wahrscheinlich zu den Menschen, die eben aufgesprungen sind.
Vielleicht haben Sie gejubelt, die Arme hochgerissen oder den Menschen neben sich umarmt. Vielleicht mussten Sie lachen. Vielleicht standen Ihnen Tränen in den Augen. Vielleicht spüren Sie Ihr Herz noch immer schneller schlagen oder merken erst jetzt, dass Sie während des Elfmeters die Luft angehalten hatten.
Vielleicht war da auch einfach nur dieses überwältigende Gefühl: Ja!
All das haben Sie nicht bewusst entschieden. Noch bevor der Gedanke „Wir haben gewonnen!“ Ihnen richtig durch den Kopf gegangen ist, hatte Ihr vegetatives Nervensystem Ihren Körper längst auf Freude eingestellt. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, die Muskulatur spannt sich an und der ganze Körper wird aktiviert.
Wir freuen uns also nicht nur – unser Körper freut sich mit.
🔴 Meine Mannschaft hat verloren
Dann ist es um Sie herum vielleicht gerade ganz still geworden. Vielleicht sind Ihre Schultern nach unten gesunken. Vielleicht starren Sie noch immer auf den Bildschirm oder haben längst ausgeschaltet. Vielleicht spüren Sie einen Kloß im Hals, einen Druck auf der Brust oder einfach nur Leere. Manche Menschen schreien ihre Verzweiflung heraus, andere können zunächst gar nichts mehr sagen. Kinder weinen oft hemmungslos, Erwachsene versuchen ihre Enttäuschung eher zu verbergen.
Vielleicht war Ihr erster Gedanke auch einfach nur: Nein! Auch das haben Sie sich nicht ausgesucht.
Noch bevor der Gedanke „Wir haben verloren.“ vollständig verarbeitet war, hatte Ihr Körper bereits reagiert. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung und Körperhaltung verändern sich innerhalb weniger Sekunden.
Enttäuschung ist deshalb nicht nur ein Gefühl – auch sie wird im ganzen Körper spürbar.
Ganz gleich, welchen der beiden Abschnitte Sie gerade gelesen haben – ab hier geht es wieder gemeinsam weiter.
Denn so unterschiedlich sich Freude und Enttäuschung anfühlen: Der Körper setzt bei beiden zunächst ganz ähnliche biologische Abläufe in Gang.
Die Sprache des Körpers: Warum Freude und Verzweiflung manchmal fast gleich aussehen
Machen Sie beim nächsten Fußballspiel einmal ein kleines Experiment: Schalten Sie den Ton aus. Plötzlich wird es ziemlich schwer, manche Emotionen auseinanderzuhalten:
Ein Fan reißt den Mund weit auf. -Die Fäuste sind geballt – Der ganze Körper ist angespannt. -> Jubelt er gerade? Ist das gerade ein Freudenschrei? – Oder ist es ein Schrei der Verzweiflung?
Beides kann auf den ersten Blick nahezu gleich aussehen. Das ist doch überraschend, nicht? Tatsächlich verarbeitet unser Gehirn Emotionen nicht wie sauber getrennte Schubladen. Freude, Angst, Wut, Überraschung oder eben Verzweiflung entstehen in eng miteinander vernetzten Hirnregionen. Sie greifen häufig auf dieselben körperlichen Programme zurück.
Der erste Schritt ist deshalb oft derselbe: Das vegetative Nervensystem aktiviert den Körper, das Herz schlägt schneller, die Atmung wird kräftiger, die Muskulatur spannt sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das Geschehen. Erst danach bewertet unser Gehirn die Situation: Ist das Tor für uns gefallen oder gegen uns? – Droht Gefahr? – Oder erleben wir gerade einen überwältigenden Erfolg?
Erst diese Bewertung entscheidet darüber, ob dieselbe körperliche Aktivierung als Freude, Verzweiflung, Angst oder Wut erlebt wird. Der Körper liefert zunächst die Energie und unser Gehirn gibt ihr ihre Bedeutung.
Die Sprache des Körpers: Warum Gefühle ansteckend sind
Doch damit endet die Geschichte noch nicht: Das Tor fällt – Der erste Fan springt auf. – Er reißt die Arme hoch und schreit seine Freude heraus. – Sekundenbruchteile später springen die Menschen um ihn herum ebenfalls auf. Fremde fallen sich in die Arme, lachen, singen und feiern gemeinsam. Aus vielen einzelnen Menschen wird plötzlich eine gemeinsame Emotion.
Unsere Freude wird nämlich nicht nur durch das Ereignis selbst bestimmt, sondern siee wird auch von den Menschen beeinflusst, die uns umgeben. Unser Gehirn beobachtet ununterbrochen Mimik, Körperhaltung, Stimme und Bewegungen anderer Menschen. Dabei spielen unter anderem sogenannte Spiegelneuronen eine Rolle. Sie helfen uns, Handlungen und möglicherweise auch Gefühle anderer Menschen nachzuvollziehen. Wahrscheinlich sind sie nur ein Teil eines viel größeren Netzwerks, das Empathie und Mitgefühl ermöglicht. Diese Fähigkeit ist uralt. Lange bevor Menschen sprechen konnten, war es überlebenswichtig, die Körpersprache anderer möglichst schnell zu verstehen: Wenn in einer Gruppe plötzlich mehrere Menschen erschrocken aufsahen, erstarrten oder davonliefen, blieb keine Zeit für Diskussionen. Wer erst fragte, „Warum lauft ihr?“, hatte möglicherweise bereits verloren.
Auch im Tierreich lässt sich das bis heute beobachten: Hebt in einer Pferdeherde ein Tier plötzlich aufmerksam den Kopf, richtet die Ohren auf oder flieht, reagieren die anderen oft innerhalb weniger Augenblicke – lange bevor sie selbst die Ursache erkannt haben.
Diese schnelle Übertragung von Aufmerksamkeit kann Leben retten, aber sie kann noch viel mehr:
Wir teilen nicht nur Gefahr und Verzweiflung, sondern wir teilen auch Freude. So sind wir sind verbunden durch unsere Emotionen. Der Pokal geht am Ende nur an eine Mannschaft. Die Emotionen dieses Abends gehören uns allen!
Übrigens:
Wer diese Sprache des Körpers einmal außerhalb eines Fußballstadions beobachten möchte, kann das auch bei Pferden. Sie spielen zwar keinen Fußball, aber wenn es darum geht, Körpersprache wahrzunehmen und auf feinste Veränderungen ihres Gegenübers zu reagieren, sind sie beeindruckende Lehrmeister.
→ Mehr über die Sprache des Körpers und meine Arbeit mit Pferden
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Moderne Wundbehandlung
– Luft dran oder lieber Pflaster?
Der Rat „Lass Luft dran!“ hält sich bis heute hartnäckig. Dabei hat sich die Wundbehandlung in den vergangenen 3.500 Jahren grundlegend verändert. Manche alten Methoden waren ihrer Zeit erstaunlich weit voraus, andere sind längst überholt. Die Geschichte der Wundheilung zeigt eindrucksvoll, wie sich medizinisches Wissen entwickelt.
Von Honig bis Urin – die ersten Wundbehandlungen
Schon die alten Ägypter beobachteten, dass manche Wunden unter Honigverbänden besser heilten. Warum das so war, wusste damals niemand. Heute kennen wir die Erklärung: Die hohe Zuckerkonzentration entzieht Bakterien Wasser und hemmt dadurch ihre Vermehrung. Gleichzeitig hält Honig die Wunde feucht und enthält natürliche antibakterielle Stoffe. Deshalb wird speziell aufbereiteter medizinischer Honig auch heute noch bei bestimmten Wunden eingesetzt – allerdings als geprüftes Medizinprodukt und nicht als gewöhnlicher Honig aus dem Supermarkt.
Daneben kamen zahlreiche andere Verfahren zum Einsatz. Wunden wurden mit Wein, Essig oder Kräutern behandelt. Über viele Jahrhunderte verwendete man sogar Urin zur Wundreinigung. Aus heutiger Sicht erscheint das zunächst ungewöhnlich, hatte aber nachvollziehbare Gründe: Frischer Urin gesunder Menschen enthält meist nur wenige krankmachende Keime und Harnstoff, der abgestorbenes Gewebe etwas aufweichen kann. Einen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis, dass Urin die Wundheilung verbessert, gibt es jedoch nicht. Moderne Wundspüllösungen oder sterile Kochsalzlösung sind heute die bessere Wahl.
Vom „guten Eiter“ zur modernen Medizin
Im Mittelalter galt Eiter sogar als Zeichen einer gelungenen Heilung. Man sprach vom pus bonum et laudabile – dem „guten und lobenswerten Eiter“. Heute wissen wir, dass Eiter aus abgestorbenen weißen Blutkörperchen, Bakterien, Gewebetrümmern und Wundflüssigkeit besteht. Er zeigt, dass das Immunsystem gegen eine bakterielle Infektion kämpft.
Nicht jedes gelbliche Sekret ist jedoch Eiter. Frische Wunden sondern häufig klares oder leicht gelbliches Wundsekret ab. Dieses sogenannte Exsudat gehört zur normalen Wundheilung. Dickflüssiges, trübes oder übel riechendes Sekret sollte dagegen ärztlich abgeklärt werden.
Den entscheidenden Wendepunkt brachte das 19. Jahrhundert. 1847 erkannte Ignaz Semmelweis, dass gründliche Händedesinfektion die Zahl tödlicher Infektionen drastisch senken konnte. Wenig später zeigte Louis Pasteur, dass Mikroorganismen Krankheiten verursachen. Auf dieser Grundlage entwickelte Joseph Lister die antiseptische Chirurgie. Zum ersten Mal verstand man, warum Wunden sich infizierten – und wie sich dies verhindern ließ.
Warum man Wunden trotzdem offen ließ
Trotz dieser Erkenntnisse hielt sich noch lange die Überzeugung, Wunden müssten austrocknen und „Luft bekommen“. Das hatte durchaus einen nachvollziehbaren Hintergrund. Früher gab es keine sterilen und atmungsaktiven Wundauflagen. Ein feuchter, verschmutzter Verband konnte tatsächlich die Vermehrung von Keimen fördern. Deshalb war es damals häufig sicherer, Wunden offen zu lassen.
Erst 1962 zeigte der britische Biologe George D. Winter, dass saubere Wunden unter kontrolliert feuchten Bedingungen deutlich schneller heilen als ausgetrocknete Wunden. Dieses zunächst überraschende Ergebnis veränderte die Wundmedizin weltweit.
Feucht heilt besser
Bis heute glauben viele Menschen, Bakterien oder Pilze würden sich in einer feuchten Wunde besonders wohlfühlen. Tatsächlich ist aber nicht die Feuchtigkeit das Problem, sondern Schmutz, abgestorbenes Gewebe oder ungeeignete Verbände.
Moderne Wundauflagen schaffen deshalb ein kontrolliert feuchtes Wundmilieu. Sie nehmen überschüssiges Wundsekret auf, lassen Wasserdampf und Sauerstoff passieren und schützen die Wunde gleichzeitig vor neuen Keimen. Dadurch heilen viele Verletzungen schneller, schmerzen weniger und hinterlassen häufig kleinere Narben.
Neue Haut entsteht am Wundrand. Von dort wandern die obersten Hautzellen langsam über die Wunde. Gleichzeitig bildet der Körper neues Bindegewebe und feine Blutgefäße. Eine dicke Kruste kann diese Zellwanderung behindern und die Heilung verzögern.
Natürliche Heilmittel – was weiß man heute?
Auch heute greifen viele Menschen zu pflanzlichen Präparaten. Für Ringelblume und Arnika gibt es jedoch keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege, dass sie die Heilung offener Wunden beschleunigen. Beide können außerdem Kontaktallergien auslösen – insbesondere auf verletzter Haut, deren natürliche Schutzbarriere gestört ist.
Für Aloe vera gibt es einzelne Studien mit positiven Ergebnissen bei oberflächlichen Hautverletzungen. Insgesamt ist die Datenlage jedoch uneinheitlich, sodass sich daraus derzeit keine allgemeine Empfehlung ableiten lässt.
Was können Sie selbst tun?
Die meisten Schürf- und Schnittwunden heilen problemlos, wenn sie richtig versorgt werden.
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Reinigen Sie die Wunde mit sauberem Leitungswasser oder Kochsalzlösung.
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Entfernen Sie groben Schmutz und sichtbare Fremdkörper sorgfältig.
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Desinfizieren Sie die Wunde bei Bedarf einmalig.
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Decken Sie sie anschließend mit einem geeigneten Verband ab.
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Wechseln Sie den Verband, wenn er verschmutzt oder durchfeuchtet ist.
Suchen Sie ärztliche Hilfe bei tiefen oder klaffenden Wunden, Tier- oder Menschenbissen, stark verschmutzten Verletzungen, Fremdkörpern in der Wunde sowie bei zunehmender Rötung, Schwellung, Schmerzen, Eiter oder Fieber. Auch der Tetanus-Impfschutz sollte nach Verletzung überprüft werden.
Ein Blick in die Zukunft
Die Entwicklung der Wundmedizin ist noch lange nicht abgeschlossen. Schon heute kommen bei großflächigen Verletzungen Hauttransplantationen und künstliche Hautersatzmaterialien zum Einsatz. Gleichzeitig wird an bioaktiven Wundauflagen, Wachstumsfaktoren und Stammzelltherapien geforscht, die die Heilung künftig weiter verbessern könnten.
Vertrauen in die erstaunlichen Fähigkeiten des Körpers
Bei aller modernen Technik, innovativen Wundauflagen und neuen Behandlungsmöglichkeiten bleibt eine Erkenntnis unverändert: Den größten Teil der Heilungsarbeit übernimmt nicht der Verband und nicht die Ärztin oder der Arzt – sondern Ihr eigener Körper.
Innerhalb weniger Sekunden stoppt er Blutungen, innerhalb weniger Stunden beginnt die Immunabwehr, abgestorbenes Gewebe wird abgebaut, neue Blutgefäße entstehen und Hautzellen schließen die Wunde Schritt für Schritt. Diese hochkomplexen Abläufe laufen millionenfach koordiniert ab und können bis heute von keiner medizinischen Therapie vollständig ersetzt werden.
Die Aufgabe der modernen Wundmedizin besteht deshalb nicht darin, die Selbstheilung zu übernehmen, sondern optimale Bedingungen zu schaffen, damit der Körper seine Arbeit möglichst ungestört erledigen kann.
Dies ist die wichtigste Erkenntnis aus 3.500 Jahren Wundmedizin: Die beeindruckendste „Therapie“ besitzt jeder Mensch bereits in sich. Die Medizin kann Infektionen verhindern, Schmerzen lindern, Komplikationen behandeln und optimale Voraussetzungen für die Heilung schaffen. Die eigentliche Wundheilung aber leistet unser Körper selbst – und darin ist er bis heute jeder noch so ausgefeilten medizinischen Technik überlegen.
Vielleicht sehen Sie die Wunde vom Anfang dieses Artikels jetzt mit anderen Augen. Nicht jede schöne Kruste ist ein Zeichen einer optimalen Heilung. Manchmal ist sie vielmehr ein Hinweis darauf, dass wir heute wissen, wie wir den Körper bei seiner erstaunlichen Fähigkeit zur Selbstheilung noch besser unterstützen können.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Hier einige interessante Links zum Thema:
Robert Koch Institut – Tetanus
Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW)
AWMF – Leitlinien und Fachgesellschaften Wundheilung
Haben Sie Fragen zu einer Wunde oder sind Sie unsicher, ob sie richtig heilt? Gerne berate ich Sie in meiner Praxis auf Mallorca oder im Rahmen einer Online-Sprechstunde.
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Ein Glas – ein Ritual – eine Droge
Ich habe einen schlechten Ruf nur dort, wo ich meine Arbeit bereits erledigt habe. Auf Parkbänken, in Notaufnahmen, in Entzugskliniken, in Gesichtern, die zu rot geworden sind, und Händen, die morgens nicht mehr stillhalten. Dort erkennt man mich. Dort bin ich unerquicklich sichtbar, unerquicklich ehrlich, unerquicklich weit weg von jedem guten Marketing. Aber das ist nicht mein bevorzugtes Terrain. Ich arbeite feiner.
Ich sitze lieber dort, wo man mich nicht fürchten, sondern nachschenken will. Auf Terrassen in großen Gläsern, zwischen zwei Gängen eines guten Menüs, in der Küche, wenn die Kinder endlich schlafen, beim Sommerfest des Kindergartens, beim Vereinsjubiläum, im Hotel an der Bar, im Golfclub, auf Hochzeiten, bei Beerdigungen, im letzten Rest eines langen Arbeitstages und in den ersten zwanzig Minuten eines missglückten Dates. Ich komme nicht als Droge. Ich komme als Erleichterung , als Belohnung, als Kultur, als Zugehörigkeit – als das, was man sich nach diesem Tag nun wirklich verdient hat.
Andere Drogen beneide ich nicht. Kokain ist zu laut. Heroin zu trostlos. Nikotin riecht inzwischen nach schlechtem Gewissen. Ich dagegen habe es geschafft, mich in Deutschland in etwas zu verwandeln, das man nicht nur toleriert sondern anbietet. Ich werde nicht versteckt, sondern ich werde eingeschenkt.
Bei den Gebildeten muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen. Dort genüge ich mir in einem großen Glas. Ich spreche von Aromen – nicht von Promille sondern von Jahrgängen – nicht von Abhängigkeit, von Lebensart – nicht von Leberwerten. Ich werde geschwenkt, besprochen, dekantiert und gegen das Dosenbier der anderen in Stellung gebracht, als wäre ich nicht dieselbe Substanz, sondern eine moralisch höherwertige Variante meiner selbst. Es ist erstaunlich, wie harmlos ein Nervengift wirken kann, wenn es in Kristall serviert wird.
Bei den Erschöpften komme ich schlichter daher. Dort bin ich einfach das, was den Tag beendet. Das Feierabendbier, der Rotwein zum Runterkommen, der Gin Tonic, weil die Kinder endlich schlafen. Meine treuesten Verbündeten sind nicht die Maßlosen. Es sind die Müden. Die, die abends nur noch leise werden wollen, die, die nicht feiern, sondern abschalten möchten. Ich muss ihnen gar nicht viel versprechen. Ein bisschen Ruhe reicht.
Es gibt noch eine Gruppe, die mir besonders zuverlässig zufällt. Ich meine die, die seit Jahren etwas in sich tragen, das nicht richtig verschwindet. Eine Unruhe vielleicht. Eine alte Kränkung. Scham, für die sie keinen guten Namen haben. Eine Spannung im Körper, die auch im Urlaub nicht nachlässt. Bei ihnen muss ich gar nicht viel tun. Ich muss nichts schöner machen, nichts festlicher, nichts geselliger. Es reicht, wenn ich dumpfer mache, was zu scharf geworden ist. Wenn der Druck im Brustkorb nachlässt, wenn die Gedanken nicht mehr ganz so laut sind, wenn man sich selbst für ein paar Stunden nicht so deutlich spürt, nennen manche das Entspannung. Ich nenne es die Kunst, Gefühle gerade so weit herunterzudrehen, dass man sie noch aushält.
Bei den Geselligen bin ich ohnehin unersetzlich. Für die Schüchternen bin ich Mut, für die Angespannten Lockerheit, für Gruppen die stillschweigende Eintrittskarte. Ich helfe beim Duzen, beim Lachen und beim Ertragen von Menschen, die man ohne mich nur schwer ertragen würde. Man nennt das Geselligkeit – ich nenne es Kundenbindung.
Am liebsten mag ich Familien. Nicht, weil ich dort so offen willkommen wäre. Im Gegenteil. In Familien muss ich vorsichtig sein. Kinder haben ein feines Gespür für das, was ich im Raum verändere. Für die Lautstärke. Für die Gereiztheit. Für den Satz „Papa/Mama meint das nicht so“. Für das Glas, das immer etwas zu voll eingeschenkt ist. Für den Abend, über den am nächsten Morgen niemand mehr spricht. Kinder erleben mich selten als chemische Substanz. Sie erleben mich als Atmosphäre. Als Schwanken der Stimmung, als Unberechenbarkeit, als Geruch, als peinliche Szene, als Streit, der plötzlich kippt, als übertriebene Zärtlichkeit, die nicht beruhigt, sondern verunsichert. Und natürlich lernen sie früh, wie normal ich bin. Dass ich bei Familienfesten selbstverständlich mit am Tisch sitze, dass auf mich angestoßen wird, dass Erwachsene mich sich gegenseitig einschenken wie etwas Harmloses, Vertrautes, beinahe Fürsorgliches. Ich brauche in Familien keinen Exzess. Ein fester Platz im Alltag genügt.
Natürlich nehme ich auch die, bei denen ich meine Tarnung längst verloren habe. Die, die morgens trinken. Die, die ihre Arbeit verlieren. Die, die in der Notaufnahme landen oder auf Entgiftung warten. Aber sie sind nicht mein Meisterstück. Mein Meisterstück sind die anderen. Die, die auf diese Menschen schauen und überzeugt sind, mit ihnen nichts gemeinsam zu haben. Die Frau mit dem Wein zum Einschlafen. Der Mann mit seinen drei Bieren, die er nie zählen würde, weil es ja nur Bier ist. Das Paar, das jeden Abend gemeinsam trinkt und sich gerade deshalb versichert, es sei doch alles in Ordnung. Und sie rechtfertigen mich, noch während sie einschenken. Was will man mehr?
Ich bin, wenn man es unromantisch betrachtet, ein erstaunlich vielseitiges Produkt. Ich erhöhe das Risiko für Krebs, beschädige Lebern, Herzen und Nerven, mache manchen meiner treuesten Anhänger das Aufhören schwer und sorge dafür, dass Hausarztpraxen, Notaufnahmen, Psychotherapien und Familien genug mit mir zu tun haben. Ich bringe Menschen in Situationen, in denen sie am nächsten Morgen lieber nicht mehr genau wissen möchten, was sie gesagt, getan oder versprochen haben. Ich fördere Gewalt, wenn die Hemmung fällt und die Wut übrig bleibt. Ich halte Kinder wach, obwohl sie längst schlafen sollten, und Erwachsene in jener Alarmbereitschaft, die in vielen Familien noch immer erstaunlich gut als normaler Abend durchgeht. Das Gesundheitssystem koste ich ebenfalls eine Kleinigkeit, von den sozialen Folgekosten ganz zu schweigen. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen: Solange ich in Deutschland im richtigen Glas, auf dem richtigen Tisch und in der richtigen Gesellschaft auftrete, nennt man mich noch immer lieber Genussmittel als Droge.
Lange Zeit war ich dabei von einer ausgesprochen hübschen Erzählung umgeben. Ein wenig von mir, hieß es, sei womöglich gar nicht so schlecht. Ein Glas Rotwein für das Herz. Ein bisschen mediterrane Lebensart für die Gefäße. Nicht zu viel natürlich, aber doch so viel, dass man mich weiterhin guten Gewissens lieben durfte. Ich habe diese Jahre sehr genossen. Es ist angenehm, wenn eine Gesellschaft sich ihre Droge nicht nur erlaubt, sondern ihr auch noch einen medizinischen Nutzen andichtet.
Inzwischen ist man nüchterner geworden. Sogar die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, auf deren romantische Ader ich eine Weile gesetzt hatte, ist bemerkenswert deutlich. Keine gesundheitlich sichere Menge, heißt es inzwischen. Keine gesundheitlich förderliche Menge. Wer mich nicht trinkt, muss aus medizinischer Sicht nicht damit anfangen. Wer mich trinkt, tut seinem Körper keinen Gefallen, nur weil ich aus Trauben statt aus Korn gemacht wurde oder weil man mich zu einem guten Essen serviert. Man könnte sagen: etwas undankbar. Ich würde sagen: unnötig nüchtern.
Die Lieblingsfrage meiner Kundschaft lautet natürlich trotzdem: Wie viel ist denn okay? Ein Glas? Zwei? Nur am Wochenende? Nur Wein? Nur, wenn man gut isst? Ich verstehe diese Sehnsucht. Menschen mögen Zahlen, die sie entlasten. Eine Grenze, unterhalb derer aus dem Risiko wieder eine Gewohnheit werden darf, ohne dass man sich weiter mit ihr beschäftigen muss. Ich muss enttäuschen. Einen gesundheitlichen Nutzen gibt es nicht. Eine risikofreie Menge auch nicht. Je weniger, desto besser. Alles andere ist keine Gesundheitsmaßnahme, sondern eine persönliche Entscheidung zugunsten eines Risikos, das man sich kulturell erstaunlich hübsch eingerichtet hat.
Und genau deshalb komme ich in Deutschland bis heute so gut zurecht. Ich bin ja nicht besonders heimtückisch, ich darf mich hier einfach nützlich machen: als Trost, als Belohnung, als Geselligkeit, als Kultur, als Feierabend, als Familienritual, als Erwachsensein im Glas. Die am meisten verharmloste Droge ist selten die am Rand der Gesellschaft. Meist sitzt sie längst in ihrer Mitte. Und wenn es gut läuft, hebt jemand sogar noch das Glas auf mich.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Das Tabu der Prioritäten
Warum Arzttermine in Deutschland immer kürzer werden
Warum Arzttermine in Deutschland immer kürzer werden, hat nicht nur mit Organisation oder Ärztemangel zu tun. Dahinter stehen Zielkonflikte, knappe Ressourcen und ein Gesundheitssystem, das ausgerechnet die sprechende Medizin systematisch unterschätzt.
Eine 88-jährige Frau kommt mit zunehmender Luftnot in die Praxis. Die moderne Medizin kann ihr viel anbieten: Computertomographie, Herzultraschall, Herzkatheter, spezialisierte Facharzttermine, neue Medikamente und weitere diagnostische Verfahren stehen grundsätzlich zur Verfügung. Doch bevor man über Untersuchungen spricht, stellt sich eine andere Frage: Was ist eigentlich das Ziel?
Will diese Frau möglichst lange leben? Will sie möglichst selbstständig bleiben? Will sie weitere Krankenhausaufenthalte vermeiden? Will sie vor allem weniger Luftnot haben? Will sie zuhause bleiben? Oder will sie einfach sterben? – Diese Fragen beantwortet kein CT. Kein Laborwert. Keine Leitlinie.
Die Frage, ob eine weitere Untersuchung sinnvoll ist, hängt letztlich davon ab, welches Ziel in dieser Situation im Vordergrund steht. Und genau hier beginnt für mich eine Diskussion, die in Deutschland nur selten geführt wird. Warum Arzttermine in Deutschland immer kürzer werden, hat auch mit einem politischen Grundproblem zu tun: Es wird seit Jahren der Eindruck vermittelt, dass im Gesundheitswesen für jeden alles möglich sein soll: jede Diagnostik, jede Therapie, jede fachärztliche Mitbehandlung, möglichst ohne Einschränkung und möglichst für alle. Gleichzeitig unterliegt dieses System strengen wirtschaftlichen Grenzen. Budgets sind begrenzt, Gesprächszeit wird kaum vergütet, Arztkontakte werden pauschaliert, und die politischen Leistungsversprechen wachsen schneller als die Ressourcen, mit denen sie eingelöst werden sollen.
Knappheit gehört jedoch zum Leben. Zeit ist begrenzt. Geld ist begrenzt. Personal ist begrenzt. Auch die Möglichkeiten eines Gesundheitssystems sind begrenzt. Das Problem ist nicht, dass die Ziele der Medizin unklar wären. Natürlich soll Medizin Leben retten, Leiden lindern, Selbstständigkeit erhalten, Lebensqualität verbessern und Menschen an einem guten Lebensende begleiten. Das Problem ist, dass diese Ziele nicht immer gleichzeitig und nicht für alle Menschen im selben Maß verwirklicht werden können.
Eine Behandlung kann Lebenszeit verlängern und zugleich Lebensqualität kosten. Eine umfassende Diagnostik kann medizinisch möglich sein, aber einen alten Menschen mit Krankenhausaufenthalten, Wartezeiten und belastenden Befunden füllen, ohne dass sie ihm am Ende nützt. Eine sehr teure Therapie kann einem einzelnen Patienten helfen und zugleich Ressourcen binden, die an anderer Stelle fehlen. – Genau an diesem Punkt beginnt die Priorisierung. Und genau an diesem Punkt wird die Diskussion in Deutschland unangenehm.
Denn solange man so tut, als könne ein Gesundheitssystem jedem Patienten jederzeit jede sinnvolle Leistung in vollem Umfang zur Verfügung stellen, muss man über Zielkonflikte nicht sprechen. In der Realität existieren diese Zielkonflikte jedoch längst. Sie werden nur selten offen benannt. Gerade in Deutschland fällt diese Diskussion besonders schwer. Sobald von Prioritäten, Grenzen oder Zielkonflikten die Rede ist, taucht schnell die Sorge auf, es könne um den Wert eines Menschen gehen. Dabei geraten zwei verschiedene Fragen durcheinander: die Frage nach dem Wert eines Menschen und die Frage danach, welche Werte einem Menschen in seiner konkreten Situation wichtig sind.
Was bedeutet für ihn Lebensqualität? Welche Belastungen möchte er akzeptieren? Welche nicht? Was macht für ihn ein gutes Leben aus? Und was ein gutes Lebensende?
Die erste Frage nach dem Wert des Lebens löst in Deutschland verständlicherweise großes Unbehagen aus. Die Nähe zu ihr führt dazu, dass die zweite häufig mit ausgeblendet wird. Dabei ist gerade sie unverzichtbar, wenn es darum geht, Zielkonflikte vernünftig zu klären.
Das gilt nicht nur für den einzelnen Patienten, sondern auch für die Gesellschaft. Nehmen wir ein Kind mit spinaler Muskelatrophie. Dabei handelt es sich um eine seltene genetische Erkrankung, die unbehandelt zu schwerem Muskelschwund und zu einer deutlich verkürzten Lebenserwartung führt. Für bestimmte Formen dieser Erkrankung stehen heute Gentherapien zur Verfügung, deren Kosten pro Patient ca. 2,5 Mio € betragen. Natürlich ist es richtig, einem Kind mit spinaler Muskelatrophie eine wirksame Behandlung zu ermöglichen, wenn sie zur Verfügung steht. Aber wie geht eine Gesellschaft mit Situationen um, in denen mehrere gute und nachvollziehbare Ziele nicht gleichzeitig in vollem Umfang verwirklicht werden können. Wie viel Geld darf für die Behandlung eines einzelnen Menschen eingesetzt werden, wenn dieselben Mittel an anderer Stelle ebenfalls dringend gebraucht würden? Wie viele Pflegekräfte könnten mit demselben Betrag finanziert werden? Wie viele Hausarztstellen? Wie viele Operationen? Wie viele psychotherapeutische Behandlungen? Wie viele andere Patienten?
Auf individueller Ebene landen dieselben Zielkonflikte dann im Sprechzimmer. Hier beginnt die Aufgabe der sprechenden Medizin. Sie besteht nicht darin, Ziele vorzugeben. Sie besteht darin, Menschen dabei zu helfen, ihre eigenen Ziele zu erkennen, Zielkonflikte zu verstehen und die Konsequenzen verschiedener Entscheidungen abzuwägen. Und genau hier liegt für mich auch der blinde Fleck des deutschen Systems. Denn diese Form von Medizin kostet vor allem eines: Zeit. Zeit zum Zuhören. Zeit zum Sortieren. Zeit zum gemeinsamen Überlegen. Zeit, um nicht nur zu fragen, was technisch noch möglich wäre, sondern auch, welches Ziel überhaupt verfolgt werden soll, wenn nicht alles gleichzeitig erreichbar ist. Gerade diese Zeit wird im deutschen System jedoch nur unzureichend abgebildet. Politik und Krankenkassen versprechen eine umfassende Versorgung für alle. Gleichzeitig wird ausgerechnet der Teil der Medizin, der Ziele klärt, Zielkonflikte besprechbar macht, Entscheidungen einordnet und unnötige Diagnostik womöglich sogar vermeidet, vergleichsweise schlecht vergütet.
Der Arzt sitzt dann dem Patienten gegenüber und soll in wenigen Minuten etwas leisten, das sich oft gerade nicht in wenigen Minuten leisten lässt: zuhören, abwägen, erklären, Unsicherheit aushalten, Prioritäten mitdenken und gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten. So landen Zielkonflikte, die politisch nie offen diskutiert wurden, am Ende im Sprechzimmer.
Wer Zielkonflikte und Prioritäten nicht offen diskutiert, schafft sie nicht ab. Er verlagert sie lediglich. Dann erscheinen sie als Wartelisten, als überfüllte Notaufnahmen, als Personalmangel, als Zeitdruck in den Praxen und alss Monate des Wartens auf einen Termin.
Und als alte Menschen, die einen erheblichen Teil ihrer verbleibenden Lebenszeit mit Organisation, Hoffen und Warten auf Untersuchungen und Befunde verbringen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Alzheimer oder die Angst davor? Zwei Briefe an eine Ärztin
Die Angst vor Demenz gehört zu den häufigsten Sorgen vieler Menschen ab der Lebensmitte. Vor einigen Wochen erhielt ich zwei E-Mails. Beide Absender waren intelligente, gebildete Menschen. Beide hatten ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Beide baten um einen Termin wegen ihres Gedächtnisses. Viele Menschen suchen nach einer Antwort auf die Frage: Ist meine Vergesslichkeit noch normal oder sind das bereits erste Anzeichen einer Demenz?
Bevor Sie weiterlesen, lade ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein. Spielen Sie heute einmal Arzt. Lesen Sie die beiden Briefe und entscheiden Sie selbst: Wer von beiden entwickelt möglicherweise eine Demenz? Die beiden folgenden Briefe stammen nicht von realen Personen. Sie wurden für diesen Artikel geschrieben. Die darin beschriebenen Gedanken und Situationen werden vielen Menschen dennoch vertraut vorkommen.
Brief 1
Liebe Frau Dr. Augele,
ich möchte Sie um einen Termin bitten, weil ich mir Sorgen um mein Gedächtnis mache.
Eigentlich fällt es mir schwer, diese E-Mail zu schreiben. Vielleicht gerade deshalb, weil ich mein Leben lang davon überzeugt war, geistig recht leistungsfähig zu sein. Ich habe viele Jahre in verantwortlicher Position gearbeitet, komplexe Projekte geleitet und mich stets auf mein Gedächtnis verlassen können.
Seit einigen Monaten beobachte ich Veränderungen. Nichts Dramatisches. Eher kleine Dinge. Vor einigen Wochen fiel mir der Name eines ehemaligen Kollegen nicht ein, mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe. Kürzlich stand ich im Keller und wusste für einen Moment nicht mehr, weshalb ich dort hinuntergegangen war. Vor einigen Tagen suchte ich nach dem Wort „Wasserkocher“ und musste den Gegenstand umschreiben.
Mir ist bewusst, dass solche Situationen jedem Menschen passieren können. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sie häufiger geworden sind. Vielleicht beobachte ich mich inzwischen auch zu genau. Ich habe begonnen, solche Vorfälle aufzuschreiben. Dabei fällt mir auf, dass ich manche Ereignisse wahrscheinlich stärker gewichte als früher.
Der Grund für meine Sorge liegt vermutlich auch in meiner Familiengeschichte. Meine Mutter entwickelte mit Anfang siebzig eine Alzheimer-Erkrankung. Damals erinnere ich mich noch gut an die ersten Anzeichen. Vielleicht suche ich deshalb heute bei mir selbst nach ähnlichen Hinweisen.
Ich würde mich freuen, wenn wir gemeinsam beurteilen könnten, ob meine Sorge berechtigt ist oder ob ich normale Alterserscheinungen überinterpretiere.
Mit freundlichen Grüßen
A.
Brief 2
Liebe Frau Dr. Augele,
auf Anregung meiner Tochter möchte ich einen Termin bei Ihnen vereinbaren.
Sie macht sich Sorgen um mein Gedächtnis. Ich selbst sehe die Situation deutlich entspannter, halte es aber für sinnvoll, ihre Bedenken ernst zu nehmen. Im Alltag komme ich gut zurecht. Ich lebe allein, erledige meine Einkäufe selbst, fahre Auto und treffe regelmäßig Freunde. Insgesamt habe ich nicht den Eindruck, dass sich Wesentliches verändert hat.
Meine Tochter nennt verschiedene Beispiele, die sie beunruhigen. Einmal habe ich wohl einen Termin vergessen. Ein anderes Mal soll ich dieselbe Frage mehrfach gestellt haben. Vor einigen Monaten habe ich offenbar einen Geburtstag versäumt, wobei ich nicht mehr genau weiß, welcher das gewesen sein soll. Solche Dinge erscheinen mir allerdings wenig ungewöhnlich. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, erinnert man sich nicht mehr an jede Kleinigkeit. Außerdem wird heute vieles komplizierter organisiert als früher. Termine kommen per E-Mail, per Telefon, per Messenger und manchmal zusätzlich noch per Post.
Auch beim Lesen stelle ich gelegentlich fest, dass ich den Faden verloren habe und einen Absatz noch einmal lesen muss. Das führe ich allerdings eher darauf zurück, dass viele Texte heute unnötig verschachtelt geschrieben sind. Meine Tochter meint außerdem, ich würde Geschichten wiederholen. Das kann ich natürlich nicht ausschließen. Andererseits erzählen wir vermutlich alle dieselben Geschichten mehr als einmal. Manche Geschichten sind schließlich Teil unseres Lebens.
Wie gesagt: Ich selbst empfinde die Situation nicht als besonders besorgniserregend. Trotzdem wäre es mir lieb, die Angelegenheit einmal fachlich beurteilen zu lassen. Dann haben meine Tochter und ich beide Gewissheit.
Mit freundlichen Grüßen
B.
Und? Für wen haben Sie sich entschieden?
Für A?
A beobachtet jede kleine Veränderung. A erinnert sich an Situationen, Zeitpunkte und Zusammenhänge. A führt Listen. A denkt über Alzheimer nach. A hat sogar eine familiäre Vorbelastung.
B dagegen wirkt ruhig, vernünftig und gelassen.
Genau deshalb ist dieses kleine Experiment interessant.
Die Person, die am meisten über ihr Gedächtnis nachdenkt, ist nicht unbedingt diejenige, um die man sich am meisten Sorgen machen muss. Die eigentliche Überraschung liegt darin, dass viele frühe Demenzpatienten nicht als verwirrt oder orientierungslos erscheinen. Sie wirken intelligent, höflich, selbstständig und vollkommen überzeugend. Was auffällt, sind oft keine spektakulären Gedächtnislücken, sondern kleine Verschiebungen. Die Sorge kommt von den Angehörigen. Konkrete Beispiele bleiben erstaunlich unscharf. Auffälligkeiten werden erklärt, relativiert oder anderen Umständen zugeschrieben.
Die erste Person dagegen beschäftigt sich intensiv mit dem eigenen Gedächtnis. Sie hinterfragt ihre Wahrnehmung sogar selbst und fragt sich, ob sie möglicherweise übertreibt. Diese Fähigkeit zur kritischen Selbstbeobachtung ist oft ein gutes Zeichen.
Natürlich kann man anhand zweier Briefe keine Diagnose stellen. Das wäre weder medizinisch seriös noch fair. Aber die beiden Briefe zeigen etwas, das mir in der Praxis ziemlich häufig begegnet:
Die Angst vor Demenz
Die Angst vor Demenz unterscheidet sich von vielen anderen Krankheitsängsten.
Bei einem Herzinfarkt fürchten Menschen den körperlichen Schaden. Bei Krebs fürchten sie Schmerzen, Einschränkungen oder den Tod. Bei der Angst vor Demenz fürchten viele etwas anderes: Dass ihr Leben weitergeht, sie selbst aber Stück für Stück die Regie darüber verlieren, dass irgendwann andere den Kalender führen, dass andere die Bankgeschäfte erledigen, andere entscheiden, ob man noch Auto fahren darf, andere erklären müssen, was gestern passiert ist. Das der Grund, warum schon kleine Gedächtnislücken so viel Angst auslösen können.
Denn jeder kennt solche Momente. Man sucht den Autoschlüssel, man betritt einen Raum und weiß plötzlich nicht mehr, weshalb man dort hineingegangen ist. Man trifft einen Nachbarn und der Name fällt einem erst zehn Minuten später wieder ein. Früher hätte man darüber gelacht. – Wer jedoch einmal erlebt hat, wie ein Elternteil oder ein anderer nahestehender Mensch an Alzheimer erkrankt ist, erlebt dieselben Situationen oft anders.
Der Fernsehfilm „Stiller Abschied“ zeigt auf bemerkenswerte Weise, warum kleine Irritationen des Alltags manchmal so beunruhigend wirken können. Hier können Sie ihn sehen: ARD Mediathek: Stiller Abschied.
Plötzlich wird aus einer alltäglichen Vergesslichkeit eine mögliche Warnung. Aus einem verlegten Schlüssel eine beunruhigende Frage. Und aus einer kleinen Gedächtnislücke die Sorge, ob dies vielleicht der Anfang von etwas Größerem sein könnte.
Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass unser Gedächtnis keine Festplatte ist. Es verändert sich im Laufe des Lebens. Es reagiert auf Schlafmangel, Stress, Sorgen, Trauer, Schmerzen und Überlastung. Nicht jede Gedächtnislücke ist ein Krankheitszeichen.
Das erklärt auch, warum die erste Person in unserem kleinen Experiment so besorgt war. Sie hatte nicht nur Angst davor, etwas zu vergessen. Sie hatte Angst vor allem, was sie mit dem Wort Alzheimer verband.
Was Sie mitnehmen können
Wenn Sie gelegentlich einen Namen vergessen, einen Schlüssel verlegen oder in den Keller gehen und nicht mehr wissen, was Sie dort wollten, ist das zunächst einmal menschlich.
Wenn Sie sich Sorgen machen, sprechen Sie darüber. Eine Abklärung kann beruhigen und manchmal auch frühzeitig helfen. Vor allem aber sollten Sie wissen: Die Angst vor Demenz ist weit verbreitet. Eine gelegentliche Gedächtnislücke dagegen ist noch lange keine Demenz.
Die Sorge entsteht nicht in dem Moment, in dem man etwas vergisst, sondern in dem Moment, in dem man sich fragt, warum.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Als Krankheiten noch im Wald wohnten
Märchen und Medizin? Früher war das fast dasselbe. Märchen wirken heute oft wie harmlose Kindergeschichten. Tatsächlich sind sie voller körperlicher Symptome, psychischer Auffälligkeiten, Verstümmelungen, Ängste und seltsamer Heilungsfantasien. Im Grunde sind sie ein medizinisches Archiv aus einer Zeit, in der Menschen Krankheiten noch nicht erklären konnten. Märchen und Medizin begegnen sich dort, wo der Körper nicht nur funktioniert, sondern erzählt.
Damals liefen Krankheiten nicht durch Arztpraxen. Sie liefen durch Wälder. Sie hatten Buckel, hinkten, verloren ihre Stimme, schliefen hundert Jahre, verwandelten sich nachts in Tiere oder standen plötzlich unter einem Fluch, den niemand verstand. Menschen beschrieben nicht Depressionen, Traumata, Psychosen oder neurologische Erkrankungen. Sie erzählten Geschichten.
Überhaupt sind Märchen voller auffälliger Körper. Bucklige Figuren, blinde Könige, lahme Bettler, vernarbte Gesichter, seltsame Verwandlungen. Körperliche Besonderheiten wurden früher selten neutral betrachtet. Sie galten oft als Zeichen eines inneren Fehlers, einer Schuld, eines Fluches oder einer geheimen Wahrheit. Medizinische Erklärungen gab es kaum. Also erzählte man moralische Geschichten über Körper:
Von Menschen, die plötzlich hundert Jahre schlafen. Von Kindern, die im Wald verschwinden. Von Frauen, die sich in Hexen verwandeln. Von Königen, die erblinden.Von Mädchen, die keine Stimme mehr haben. Von Wesen mit Buckeln, Klauen, Narben oder Tierkörpern. Von vergifteten Äpfeln, seltsamen Zaubern und Körpern, die nicht mehr gehorchen. Und immer wieder von der Angst, dass ein Mensch plötzlich etwas anderes werden könnte als vorher. Manche Dinge bekamen damals eben keinen medizinischen Namen. Sondern einen Wolf – oder einen Wald.
Und so ganz verschwunden sind diese alten Bilder übrigens nie. Auch in der heutigen Sprache von Medizin sind solche Bilder erstaunlich lebendig geblieben: Menschen bekommen einen Hexenschuss, als hätte nachts tatsächlich eine Hexe auf den Rücken gezielt. Es gibt das Alice-im-Wunderland-Syndrom, bei dem Größen, Entfernungen oder sogar der eigene Körper plötzlich fremd wirken können. Das Rapunzel-Syndrom beschreibt Menschen, die Haare verschlucken, sodass sich im Magen ganze Haarballen bilden. Und „Ondines Fluch“ nennt die Medizin eine seltene Störung, bei der Menschen im Schlaf aufhören zu atmen, als hätte ein Zauber ihnen die automatische Atmung genommen. Selbst moderne Medizin spricht also erstaunlich oft noch in Bildern, sobald Körper oder Wahrnehmung schwer erklärbar werden.
Und wer glaubt, solche Erklärungen seien mit den Märchen verschwunden, unterschätzt die Fantasie des Menschen. Auch heute entstehen rund um Krankheiten Geschichten, die alten Märchen erstaunlich ähnlich sind. Früher waren es Flüche, Hexen, böse Geister oder verwunschene Wälder. Heute sind es manchmal „Übersäuerung“, „Verschlackung“, geheimnisvolle Energiefelder, unsichtbare Belastungen oder Wunderkuren, die für sehr unterschiedliche Beschwerden verantwortlich gemacht werden. Im 19. Jahrhundert glaubte man an die „wandernde Gebärmutter“ als Ursache weiblicher Leiden. Franz Anton Mesmer erklärte Krankheiten durch Störungen eines unsichtbaren „tierischen Magnetismus“. Andere versuchten, Charaktereigenschaften aus Schädelformen abzulesen. Die Namen wechseln mit den Jahrhunderten, das menschliche Bedürfnis bleibt erstaunlich konstant: Wenn etwas unverständlich, bedrohlich oder chronisch wird, suchen wir nach einer Geschichte, die Ordnung schafft.
Krankheiten wohnen heute nicht mehr im Wald. Aber ganz aufgehört, Geschichten über sie zu erzählen, haben wir nie. Manche tragen inzwischen einen Fachbegriff, eine Frequenz oder ein pseudowissenschaftliches Modell statt eines Wolfsfells. Der Mensch scheint nicht nur Heilung zu brauchen. Er braucht auch Erklärungen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Wann wird Leid zur Krankheit?
Depression – Folge 2
Depressionen scheinen heute überall zu sein. Die Zahlen steigen seit Jahren, immer mehr Menschen erhalten Diagnosen, Antidepressiva oder psychotherapeutische Behandlungen. Aber kaum ein psychiatrischer Begriff in den letzten Jahrzehnten hat sich so stark verändert wie dieser.
Früher war die Vorstellung von Depression deutlich enger. Gemeint waren vor allem schwere Zustände mit ausgeprägter Antriebshemmung, tiefem Rückzug, Schlafstörungen, Gewichtsverlust und dem Gefühl, innerlich kaum noch erreichbar zu sein. Begriffe wie „Melancholie“, „endogene Depression“ oder später „depressive Erkrankung“ beschrieben eher klar umrissene Krankheitsbilder.
Daneben existierte lange eine zweite Vorstellung: die sogenannte reaktive oder exogene Depression. Gemeint waren Zustände, die im Zusammenhang mit einschneidenden Lebensereignissen entstanden — nach Verlusten, Trennungen, Überforderung oder schweren biografischen Krisen. Die Trennung war nie sauber. Menschen lassen sich nicht präzise in Kategorien einteilen. Trotzdem stand dahinter ein wichtiger Gedanke: Nicht jede tiefe Erschöpfung oder Verzweiflung musste automatisch als eigenständige Erkrankung verstanden werden. Manche Zustände galten zunächst als nachvollziehbare menschliche Reaktion auf ein schweres Lebenserlebnis.
Mit ICD-10 verschwand diese Unterscheidung weitgehend aus der offiziellen psychiatrischen Diagnostik. Das ICD, die internationale Krankheitsklassifikation der WHO, definiert weltweit, welche Symptome als Erkrankung gelten. Entscheidend wurde nun weniger die vermutete Ursache eines Zustands als die Anzahl, Dauer und Schwere bestimmter Symptome. Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Konzentrationsprobleme, innere Leere, Erschöpfung oder Rückzug wurden zu diagnostischen Kriterien, aus deren Kombination sich leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episoden ergeben konnten.
Das klingt zunächst vernünftig — und hat durchaus Vorteile. Viele Menschen erhalten dadurch früher Hilfe. Beschwerden, die früher möglicherweise über Jahre bagatellisiert wurden, werden heute ernst genommen. Gleichzeitig entstand daraus aber auch eine neue Schwierigkeit: Die Grenze zwischen Krankheit und menschlicher Reaktion wurde deutlich unschärfer.
Gerade bei schweren Lebensereignissen zeigt sich das besonders deutlich.
Wann wird Leid zur Krankheit?
Eine Frau, die Jahre zuvor bereits einmal wegen einer Depression behandelt wurde, verliert ihr Kind. Wochen später beschreibt sie Schlaflosigkeit, innere Leere, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Appetitverlust und das Gefühl, kaum noch durch den Alltag zu kommen. Die Symptome erfüllen nahezu vollständig die Kriterien einer depressiven Episode.
Aber ist sie deshalb krank? Oder reagiert hier ein Mensch auf eines der schwersten Ereignisse, das ein Leben treffen kann?
Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum die alte Unterscheidung irgendwann vielen Psychiatern nicht mehr ausreichte. Denn die Gegenfrage lautet ebenso berechtigt: Warum sollte ein Mensch solche Zustände aushalten müssen, nur weil sie nachvollziehbar erscheinen?
Dass ein Verlust verständlich ist, macht Schlaflosigkeit, innere Leere, Erschöpfung oder Suizidgedanken nicht automatisch weniger real. Der Körper reagiert auf schwere Verluste oft massiv. Schlaf zerfällt. Stresssysteme bleiben aktiviert. Schmerzen nehmen zu. Energie verschwindet. Menschen verlieren ihre Belastbarkeit und manchmal auch den Halt im Alltag. Verständlichkeit schützt nicht vor schwerem Leiden.
Genau aus diesem Spannungsfeld heraus veränderten sich moderne Diagnosesysteme. Die Ursache eines Zustands rückte zunehmend in den Hintergrund. Entscheidend wurde stärker, wie ausgeprägt die Symptome sind, wie lange sie anhalten und wie sehr sie das Leben beeinträchtigen.
Aber dadurch verschiebt sich zwangsläufig auch die Grenze dessen, was überhaupt als Depression gilt. Denn die Symptome überschneiden sich fast vollständig mit vielen Zuständen, die Menschen seit Jahrhunderten nach Verlust, Überforderung oder tiefen biografischen Erschütterungen erleben. Trauer verändert Schlaf, Appetit, Energie, Konzentration und körperliche Belastbarkeit. Sie kann Menschen innerlich leer machen, verlangsamen und aus dem Alltag herauslösen. Der Körper reagiert auf schwere Verluste oft mit genau den Symptomen, die heute gleichzeitig Teil psychiatrischer Diagnostik sind.
Damit entstehen zwangsläufig schwierige therapeutische Entscheidungen.
Denn sobald ein Zustand als Depression eingeordnet wird, stellt sich fast automatisch die Frage nach Behandlung. Soll ein Mensch nach einem schweren Verlust Antidepressiva erhalten? Ab welchem Punkt? Wie lange? Reicht psychotherapeutische Begleitung aus? Oder besteht gerade darin die Gefahr, schweres Leiden zu unterschätzen?
Die moderne Psychiatrie hat gute Gründe entwickelt, depressive Zustände früh zu behandeln. Gleichzeitig bleiben viele Therapien bis heute unbefriedigend. Antidepressiva können hilfreich sein, haben aber teils erhebliche Nebenwirkungen und wirken längst nicht bei allen Menschen überzeugend. Psychotherapie wiederum braucht Zeit, Stabilität und Verfügbarkeit — und entspricht bei mittelgradigen Depressionen allein oft nicht den aktuellen Leitlinien.
Damit führt die Diskussion über Depression letztlich zu einer viel grundsätzlicheren Frage: Was verstehen wir überhaupt als Krankheit — und wie wollen wir als Gesellschaft mit menschlichem Leiden umgehen?
Und wenn Sie nach so viel Depression, ICD-Klassifikation und existenzieller Schwere noch dabeigeblieben sind: Im nächsten Teil geht es dann endlich um die Behandlung. Also um Antidepressiva, Psychotherapie, Nebenwirkungen, Leitlinien — und um die erstaunliche Tatsache, dass gerade dort die Diskussionen oft erst richtig beginnen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Teil 1 zur Depression finden Sie hier: Depression Teil 1
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