Aus meiner Praxis
Entschuldigung, steht mir diese Krankheit?
oder …. Das Unsichtbare sichtbar machen
Krankheiten anprobieren wie Kleidungsstücke? Sie haben etwas Zeit und beschließen, sich im Warenhaus nach Krankheiten umzusehen.
Erdgeschoss: Kleine Beschwerden
Gleich hinter dem Eingang hängen Erkältungen, Magen-Darm-Infekte und Hexenschüsse. „Unsere Erkältungen sind gerade im Angebot“, erklärt eine Verkäuferin. Sie schlüpfen in einen kuscheligen Pullover. Eigentlich ganz gemütlich, nur der Kragen kratzt entsetzlich im Hals und aus den Ärmeln hängen ständig Taschentücher. „Der ist ganz nett. Aber dieser Kragen! Haben Sie den auch ohne Halsschmerzen?“ – „Leider nein. Dafür können Sie ihn nach etwa einer Woche meistens wieder ablegen.“ – „Na, immerhin.“
Erster Stock: Die chronischen Modelle
Hier hängen Krankheiten, die man jahrzehntelang tragen kann. Sie entdecken einen Bluthochdruck. Ein eleganter Anzug, der wie angegossen sitzt. „Der steht Ihnen ausgezeichnet!“, versichert die Verkäuferin. Sie drehen sich vor dem Spiegel. „Trägt der nicht ein bisschen auf?“ – „Überhaupt nicht. Man sieht Ihnen gar nicht an, dass Sie ihn tragen.“ – „Und ist er pflegeleicht?“ – „Nicht ganz. Regelmäßige Kontrollen, manchmal Medikamente.“ – „Hm. Ich schaue lieber noch ein bisschen.“ Daneben hängt eine Kniearthrose. Eine steife Hose, deren Beine sich kaum beugen lassen. Sie versuchen, in die Hocke zu gehen. „Die macht mich ja zwanzig Jahre älter!“ – „Beim Tragen wird sie manchmal geschmeidiger“, verspricht die Verkäuferin. „Aber nach längerem Sitzen wird sie häufig wieder steif.“ – „Nein, die steht mir nicht.“ Als Nächstes probieren Sie eine Polyneuropathie. Zwei dicke Strümpfe, die gleichzeitig taub und brennend sind. In den Zehen kribbelt es, als liefen Ameisen darüber. Beim Gehen spüren Sie kaum den Boden. „Die sind mir viel zu dick! Und trotzdem habe ich das Gefühl, barfuß über glühende Kohlen zu laufen.“ – „Das gehört zum Modell.“ – „Außerdem machen sie meine Beine so unsicher. Nein, danke.“
Zweiter Stock: Die unsichtbaren Krankheiten
Sie greifen nach einer Depression. Ein unscheinbarer grauer Mantel. Schon als Sie ihn vom Bügel nehmen, wundern Sie sich über sein Gewicht. Sie schlüpfen hinein. Sofort zieht er Ihre Schultern nach unten. Die Ärmel hängen bleiern an Ihren Armen, der Saum schleift über den Boden. In den Taschen liegen schwere Steine. Selbst den Kopf zu heben kostet Mühe. „Der ist ja furchtbar schwer! Und dieses Grau macht mich ganz blass.“ Sie möchten ihn wieder ausziehen, aber sogar die Knöpfe zu öffnen erscheint Ihnen ungeheuer anstrengend. „Nein, Grau ist einfach nicht meine Farbe.“ Nebenan hängt eine Angststörung. Ein hübsches, eng anliegendes Oberteil. Kaum haben Sie es angezogen, beginnt es, sich um Ihren Brustkorb zusammenzuziehen. Ihr Herz rast, der Kragen schnürt Ihnen die Kehle zu. „Viel zu eng! Haben Sie das eine Nummer größer?“ – „Das würde nichts ändern. Das Material zieht sich manchmal schon zusammen, bevor überhaupt etwas passiert.“ – „Also für meinen Alltag ist das nichts.“ Ein Stück weiter entdecken Sie eine Migräne. Ein eleganter Hut, der Ihnen ausgesprochen gut steht. Doch kaum setzen Sie ihn auf, zieht sich das Hutband schmerzhaft zusammen und hämmert gegen Ihre Schläfe. „Wunderschön! Aber muss er so drücken?“ – „Manchmal lässt er sich etwas lockern.“ – „Und wenn nicht?“ – „Dann hilft oft nur ein dunkles, ruhiges Zimmer.“ – „Wie schade. Der wäre genau mein Stil gewesen.“ Die nächste Bluse ist hauchdünn und wunderschön. Auf dem Etikett steht: Chronischer Juckreiz. Offenbar ist die Innenseite mit Juckpulver bestäubt. Sofort beginnen Sie sich überall zu kratzen. „Die sieht so hübsch aus! Aber das Material vertrage ich überhaupt nicht.“ – „Nachts juckt es meistens noch mehr.“ – „Dann ist sie nichts für mich.“ Daneben hängt eine Schlafstörung. Ein dunkelblauer Schlafanzug, dessen Nähte aus kleinen tickenden Uhren bestehen. Jedes Mal, wenn Sie die Augen schließen, beginnt eine davon zu läuten. „Schick ist er ja. Aber das ist doch kein Schlafanzug!“
Dritter Stock: Die schweren Erkrankungen
Hier ist es stiller, die Kleiderständer stehen weiter auseinander. Sie probieren einen Parkinson. Ein sorgfältig geschnittener Anzug, dessen Knöpfe so winzig sind, dass Sie sie mit zitternden Fingern kaum schließen können. Die Ärmel sind steif, beim Gehen werden Ihre Schritte immer kürzer. „Darin bewege ich mich ja wie ein alter Mensch!“ – „Mit Medikamenten lässt sich der Stoff manchmal geschmeidiger machen.“ – „Und bleibt er dann so?“ – „Das können wir leider nicht versprechen.“ Daneben hängt eine Demenz. Ein wunderschönes Kleid aus bunten Stoffstücken. Auf jedes sind Namen, Gesichter, Orte und Erinnerungen gestickt. Sie schlüpfen hinein. Doch während Sie sich im Spiegel betrachten, lösen sich einzelne Fäden. Erst fällt ein Name zu Boden, dann ein Geburtstag. Schließlich verschwinden ganze Stücke des Stoffes. Sie versuchen, sie wieder anzunähen, wissen aber plötzlich nicht mehr, welcher Flicken wohin gehört. „Was für ein merkwürdiges Kleid. Es gefällt mir eigentlich sehr, aber es verliert ja ständig Teile!“ – „Ja, das lässt sich leider nicht verhindern.“ An einem großen Ständer hängen die Krebserkrankungen in unterschiedlichsten Farben und Schnitten. „Die hier sieht doch ganz harmlos aus“, sagen Sie und nehmen ein Kleid vom Bügel. – „Das kann sein. Aber wir wissen leider nicht immer, wie sich diese Modelle entwickeln.“ – „Kann ich es zurückgeben, wenn es mir nicht gefällt?“ – „Wir können nicht versprechen, dass Sie es wieder vollständig ausziehen können.“ Sie hängen es zurück.
Die Änderungsschneiderei
Auf dem Weg zum Ausgang entdecken Sie eine kleine Werkstatt. Über der Tür steht: Änderungsschneiderei. Wir machen das Beste daraus. Eine ältere Schneiderin sitzt zwischen Nähmaschinen, Orthesen und allerlei Hilfsmitteln. „Kann man bei Ihnen auch Krankheiten ändern lassen?“ – „Nicht alle. Aber oft können wir etwas lockern, abpolstern oder kürzen.“ – „Und umtauschen?“ – „Dafür müssen Sie an die Kasse.“
An der Kasse
„Haben Sie etwas gefunden?“, fragt die Kassiererin. „Leider nicht. Ich wollte eigentlich meine alte Krankheit gegen eine andere eintauschen.“ „Und was haben Sie denn mitgebracht?“ Sie zeigen auf das Unterhemd, das Sie schon seit Jahren tragen. Es sitzt eng am Körper, scheuert gelegentlich und hat längst seine besten Zeiten hinter sich. „Eigentlich wollte ich es loswerden. Aber alles, was ich heute anprobiert habe, war auch nicht besser.“ „Dann behalten Sie es also?“ „Sieht ganz so aus.“ Die Kassiererin lächelt. „Das ist auch gut so. Ich hätte es ohnehin nicht zurücknehmen dürfen.“
Sie deutet auf ein kleines Schild neben der Kasse:
Umtausch ausgeschlossen. Änderungen vorbehalten.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Wenn am Messer ein Beipackzettel hinge
Mein Vater war Hausarzt. Von ihm habe ich nicht nur medizinisches Wissen mitgenommen, sondern auch manche Geschichte, mit der er seinen Patienten komplizierte Zusammenhänge auf einfache und einprägsame Weise erklären konnte. Eine davon erzähle ich bis heute gerne weiter.
Stellen Sie sich vor, Sie entdecken auf einem Flohmarkt ein wunderschönes altes Messer. Es liegt gut in der Hand, die Klinge ist scharf, der Griff vielleicht aus schönem, dunklem Holz. Genau so ein Messer haben Sie schon lange gesucht. Sie möchten es gerade kaufen, da entdecken Sie einen Zettel, der daran befestigt ist. Darauf steht, was mit diesem Messer schon alles passiert ist und was damit noch geschehen könnte: Menschen haben sich daran geschnitten, vielleicht wurde eine Sehne durchtrennt, jemand hat sich schwer verletzt, möglicherweise wurde mit diesem Messer sogar ein Mensch getötet. Würden Sie es jetzt noch genauso gerne kaufen? Das Messer ist immer noch dasselbe. Es liegt genauso gut in der Hand, seine Klinge ist nicht schärfer und nicht stumpfer geworden. Und doch betrachten Sie es plötzlich mit ganz anderen Augen. Nicht das Messer hat sich verändert, sondern das, was Sie über das Messer wissen. Und vor allem das, was Sie sich nun alles vorstellen können.
Und damit sind wir beim Beipackzettel unserer Medikamente.
Was ein Beipackzettel mit uns macht
Wer schon einmal den Beipackzettel eines Medikaments aufmerksam gelesen hat, kennt dieses Gefühl. Man bekommt ein Arzneimittel verschrieben, vielleicht gegen eine ganz alltägliche Erkrankung, und entdeckt eine erstaunliche Sammlung möglicher Beschwerden: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Schlafstörungen, Herzrasen, Hautausschläge. Und irgendwo weiter unten womöglich noch sehr viel Beunruhigenderes. Manchmal fragt man sich nach der Lektüre, ob man überhaupt noch krank genug ist, um dieses Medikament einzunehmen. Dabei hat sich auch hier zunächst nichts verändert. Das Medikament ist dasselbe geblieben. Verändert hat sich unsere Vorstellung davon. Natürlich können Medikamente Nebenwirkungen haben. Manche sind häufig, andere selten, einige können schwerwiegend sein. Das alles muss ernst genommen werden. Aber zwischen der Möglichkeit, dass etwas passiert, und der Wahrscheinlichkeit, dass es gerade mir passiert, liegt ein erheblicher Unterschied. Und genau dieser Unterschied geht beim Lesen einer langen Liste leicht verloren.
Ein ganz gewöhnlicher Abend
Stellen Sie sich jemanden vor, der gerade mit einem neuen Medikament aus der Apotheke nach Hause gekommen ist. Er setzt sich an den Küchentisch, öffnet die Packung und faltet den Beipackzettel auseinander. Zunächst liest er noch recht gelassen. Dann entdeckt er unter den möglichen Nebenwirkungen Herzrhythmusstörungen. Herzrhythmusstörungen? Das klingt nicht gut. – Er liest den Abschnitt noch einmal. Dann den nächsten. Dort steht etwas von Schwindel und Atemnot. Unwillkürlich richtet sich seine Aufmerksamkeit auf seinen eigenen Körper. Schlägt sein Herz nicht gerade etwas schneller? Er legt zwei Finger an sein Handgelenk. Tatsächlich, der Puls ist beschleunigt. Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in seinem Bauch aus. Er atmet etwas flacher. Vielleicht wird ihm sogar ein wenig schwindelig. -Dabei hat er die Tablette noch gar nicht eingenommen. –
Was ist passiert? Schon beim Lesen hat sein vegetatives Nervensystem auf eine wahrgenommene Gefahr reagiert. Der Sympathikus, jener Teil unseres Nervensystems, der uns auf Bedrohungen vorbereitet, ist aktiver geworden. Das Herz schlägt schneller, die Atmung verändert sich, die Muskeln spannen sich an. Das alles geschieht weitgehend unwillkürlich. Unser vegetatives Nervensystem kann bereits auf eine Gefahr reagieren, die wir uns gerade lebhaft vorstellen, obwohl wir ihr gar nicht unmittelbar ausgesetzt sind. Schon der Gedanke an etwas Bedrohliches kann ausreichen, um eine körperliche Alarmreaktion auszulösen. Und nun kommt etwas Entscheidendes hinzu: Der Mann bemerkt sein Herzklopfen. Er hat gerade gelesen, dass das Medikament Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Also erscheint ihm sein Herzklopfen als Bestätigung seiner Befürchtung. Die Angst verstärkt sich, sein Herz schlägt noch schneller. Ein Kreislauf entsteht, der sich selbst unterhält.
In der Medizin kennen wir dafür unter anderem den Begriff Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen können Beschwerden hervorrufen oder verstärken. Diese Beschwerden sind keineswegs eingebildet. Das Herz schlägt tatsächlich schneller, der Magen zieht sich tatsächlich zusammen. Nur die Ursache ist eine andere als die befürchtete. Und all das kann beginnen, bevor die erste Tablette überhaupt eingenommen wurde.
Ein Beipackzettel braucht Einordnung
Nun könnte man daraus schließen, dass es besser wäre, Beipackzettel gar nicht erst zu lesen. Das wäre natürlich falsch. Patienten haben ein Recht darauf, über mögliche Risiken informiert zu werden. Manche Nebenwirkungen müssen rechtzeitig erkannt werden, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen können lebenswichtig sein. Aber Informationen allein schaffen noch kein Verständnis. Auf einem Beipackzettel stehen sehr unterschiedliche Risiken nebeneinander. Manche Nebenwirkungen sind häufig und harmlos, andere selten, aber ernst zu nehmen. Manche betreffen vor allem Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen oder bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente. Und vor allem: Dass eine Nebenwirkung möglich ist, bedeutet nicht, dass sie bei mir auch auftreten wird. Ein Beipackzettel kann diese individuelle Einordnung nur begrenzt leisten. Dafür braucht es manchmal ein Gespräch.
Auch das Nicht-Einnehmen kann Nebenwirkungen haben
Kehren wir noch einmal zu unserem Mann am Küchentisch zurück. Er hat den Beipackzettel inzwischen wieder zusammengefaltet. Die Tablette liegt vor ihm, aber er beschließt, sie lieber nicht einzunehmen. Damit fühlt er sich zunächst sicherer. Schließlich kann ihm nun keine Nebenwirkung dieses Medikaments passieren. Aber ist er damit tatsächlich auf der sicheren Seite? Das hängt davon ab, weshalb er das Medikament bekommen hat. Vielleicht sollte es seinen zu hohen Blutdruck senken und damit langfristig sein Risiko für einen Schlaganfall verringern. Vielleicht sollte es eine bakterielle Infektion behandeln oder verhindern, dass sich eine Erkrankung verschlimmert.
Natürlich gibt es auch Medikamente, auf die man verzichten kann, und Behandlungen, deren Nutzen sorgfältig gegen ihre Risiken abgewogen werden muss. Aber eines wird leicht vergessen: Nicht nur die Einnahme eines Medikaments kann unerwünschte Folgen haben. Auch das Nicht-Einnehmen kann welche haben. Auf dem Beipackzettel steht allerdings nur, was durch das Medikament passieren könnte. Nicht, was möglicherweise geschieht, wenn wir es weglassen. Und so kann ausgerechnet die Angst vor einem Risiko dazu führen, dass wir ein anderes, vielleicht viel größeres Risiko eingehen.
Lassen Sie uns darüber sprechen
Falls Ihnen nach dem Lesen eines Beipackzettels die Lust auf Ihr Medikament vergangen ist, rufen Sie mich gerne an.
Und dass Beipackzettel manchmal ihre ganz eigenen Nebenwirkungen haben, zeigt dieser Cartoon.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Heute schon gelacht?
Kaum etwas zeigt so offensichtlich den Zusammenhang von Körper, Geist, Psyche, Nervensystem und Sinnesorganen, wie das Lachen. Deswegen und weil es so gut für uns ist – sowohl für die Psyche als auch für den Körper – widme ich mich heute diesem Thema. Dabei möchte ich gerne weglassen, was es wissenschaftlich dazu zu sagen gibt: über Hormone und Rezeptoren und Hirnareale und all diese Dinge, über die viel zu viel gesprochen und viel zu wenig gewusst wird.
Bevor Sie weiterlesen: Denken Sie an etwas, das Sie wirklich komisch finden:
Vielleicht eine Szene aus einem Film. Eine vollkommen absurde Situation. Einen Satz, bei dem Sie und Ihr(e)Freund(in) schon seit zwanzig Jahren loslachen, während alle anderen verständnislos danebenstehen. Oder diesen einen Moment, in dem Sie unbedingt ernst bleiben mussten – und gerade deshalb nicht konnten. Was auch immer es ist: Holen Sie sich die Szene noch einmal heran. Wo waren Sie? Wer war dabei? Was wurde gesagt? Und was genau war so unglaublich komisch? – Lassen Sie sich einen Augenblick Zeit. – Tut sich schon etwas in Ihrem Gesicht?
Schmunzeln.
Vielleicht zuckt nur ein Mundwinkel. Ein kleines, fast heimliches Vergnügen. Sie müssen nichts sagen. Sie wissen ja, was Sie gerade denken.
Lächeln.
Jetzt bewegt sich der Mund deutlicher, die Wangen heben sich. Vielleicht verändert sich auch der Ausdruck um Ihre Augen. Noch bleibt es still. Aber jemand, der Ihnen gegenübersitzt, würde möglicherweise fragen: „Was ist denn?“
Grinsen.
Das Vergnügen wird breiter. Vielleicht zeigen Sie die Zähne. Vielleicht versuchen Sie noch, das Grinsen zu unterdrücken – was die Sache gelegentlich erst recht schwierig macht.
Kichern.
Nun bekommt das Ganze einen Ton. Kleine, kurze Laute. Vielleicht legen Sie eine Hand vor den Mund. Als ließe sich das Lachen damit noch aufhalten.
Glucksen.
Ein Lachen in kleinen Schüben. Für einen Moment wird es still, dann kommt noch einer hinterher. Die Erinnerung reicht offenbar aus, um die nächste Runde auszulösen.
Losprusten.
Jetzt ist es passiert. Die Luft entweicht plötzlich und hörbar. Wer gerade einen Schluck Kaffee im Mund hat, ist im Nachteil.
Lachen. Herzhaft lachen. Laut auflachen.
Der Mund öffnet sich, die Augen werden schmaler. Die Luft kommt stoßweise heraus. Ihr Lachen hat seinen eigenen Klang. Vielleicht erkennen Ihre Freunde Sie daran, bevor sie Sie sehen.
Wiehern. Grölen. Sich ausschütten vor Lachen.
Die Wörter werden lauter, und vielleicht werden Sie es auch. Ihr Oberkörper bewegt sich mit. Sie lehnen sich zurück oder beugen sich nach vorne. Die Schultern hüpfen. Sich würdevoll zu benehmen verliert vorübergehend an Bedeutung.
Tränen lachen. Sich kringeln. Sich den Bauch halten.
Jetzt versteht man, warum wir diese Ausdrücke benutzen. Die Augen tränen tatsächlich. Der Körper krümmt sich, die Bauchmuskeln machen sich bemerkbar. Vielleicht möchten Sie erklären, worüber Sie lachen. Aber bis zum Ende des Satzes kommen Sie nicht.
Sich kaputtlachen. Sich schlapp lachen. Sich totlachen.
Unsere Sprache kennt kaum noch ein Maß. Sie bekommen vor Lachen kein Wort heraus, müssen erst einmal wieder Luft holen. Und kaum sehen Sie das Gesicht Ihres Gegenübers, geht es von vorne los.
Dann wird es langsam ruhiger. Ein letzter kleiner Lacher. Ausatmen. Vielleicht die Augen abwischen. Den Bauch loslassen.
Wie fühlen Sie sich jetzt?
Aber vielleicht ist Ihnen gar keine lustige Szene eingefallen, sondern vielleicht haben Sie einfach weitergelesen – wovon ich, ehrlich gesagt, stillschweigend ausgehe 🙂 (Lächeln :-))
Und trotzdem: Hat es beim Lesen irgendwo ein bisschen gezuckt? Im Mundwinkel? Haben Sie sich jemanden vorgestellt, der kichert, prustet oder sich den Bauch hält? Vielleicht ist allein durch die Beschreibung ein kleines Schmunzeln entstanden. Oder zumindest eine Vorstufe von Fröhlichkeit. Dann hätten ja schon ein paar Wörter genügt – Und da soll noch einer sagen, Körper und Seele hätten nichts miteinander zu tun! Sie haben etwas gelesen oder sich an etwas erinnert. Und schon bewegen sich Ihre Mundwinkel, verändert sich Ihre Atmung, bebt vielleicht Ihr Bauch. Ein Gedanke – und der Körper lacht mit.
Das Erstaunliche ist, auf wie vielen Wegen das Lachen zu uns kommen kann: Ich kann etwas Lustiges lesen. Schwarze Zeichen auf weißem Grund – und plötzlich muss ich grinsen. Ich kann etwas Komisches sehen: einen Gesichtsausdruck, eine unerwartete Bewegung, eine Situation, die so vollkommen anders ausgeht als gedacht. Ich kann jemanden lachen hören, ohne überhaupt zu wissen, worüber. Und schon möchte mein eigenes Lachen mitmachen. Aber ich brauche nicht einmal etwas von außen. Ich kann mich erinnern. Mir ein Bild vorstellen, eine Stimme, ein Geräusch. Manchmal reicht ein einziger Satz im Kopf, und eine längst vergangene Szene wird wieder lebendig. Wer mich dann sieht, sieht einen Menschen, der scheinbar ohne Anlass lächelt. Dabei ist der Anlass da – nur eben in mir.
Und manchmal beginnt es mit dem Körper. Ich ziehe die Mundwinkel hoch, probiere ein Lächeln aus. Es fühlt sich zunächst ungewohnt an. Eventuell verändert sich dabei auch ein wenig meine Stimmung. Fröhlichkeit lässt sich damit nicht erzwingen, aber gelegentlich bekommt sie eine kleine Einladung.
Dann lächle ich jemanden an. Der andere lächelt zurück. Jetzt habe ich einen neuen Grund, mich zu freuen. Aus einer Bewegung meines Mundes ist eine Begegnung geworden.
Wo beginnt dieser Kreislauf? Beim Gedanken, beim Gefühl, beim Körper? Bei mir oder beim anderen?
Beim Lachen lässt sich das kaum auseinanderhalten: Eine Erinnerung bewegt mein Gesicht. Mein Gesicht bewegt mein Gegenüber. Seine Antwort berührt mich. Ich höre mein eigenes Lachen, spüre meinen bebenden Bauch – und muss darüber gleich noch einmal lachen.
Oft werde ich gefragt, was ich unter ganzheitlich verstehe. Die Menschen meinen dann oft, ob ich Homöopathie einsetze. Das verstehe ich schon … aber eigentlich denke ich dann ans Lachen.
Leider Reklame, aber ein wirklich tolles Video dazu ist das hier: Happiness starts with a smile
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Zeigen Sie einmal auf Ihre Prostata
Die Prostata – ein Organ im Verborgenen
Viele Männer wissen, dass sie eine Prostata haben. Sie wissen vielleicht auch, dass sie im Alter größer werden kann, dass es den PSA-Wert gibt und dass Prostatakrebs häufig ist. Doch wo genau dieses Organ liegt, was es tut und welche Rolle es für die Sexualität spielt, bleibt erstaunlich abstrakt. Prostata und Sexualität gehören enger zusammen, als viele Männer vermuten.
Die Prostata ist unsichtbar und normalerweise auch nicht bewusst spürbar. Sie liegt tief im kleinen Becken direkt unterhalb der Harnblase, vor dem Enddarm und umschließt den ersten Abschnitt der Harnröhre. Etwa walnussgroß lautet der klassische Vergleich. Sie produziert einen Teil der Samenflüssigkeit und beteiligt sich an der Ejakulation. Damit gehört sie eindeutig zum männlichen Sexualsystem.
Im alltäglichen Körpergefühl vieler Männer kommt sie trotzdem kaum vor.
Darin liegt ein Teil ihrer eigentümlichen Rolle: Die Prostata ist zwar Teil des sexuellen Körpers, erscheint im öffentlichen Bewusstsein aber vor allem als Krankheitsorgan. Solange sie ihren Dienst verrichtet, redet kaum jemand über sie. Interessant wird sie häufig erst, wenn nachts der Weg zur Toilette häufiger wird, der Harnstrahl schwächer wird oder bei einer Vorsorgeuntersuchung plötzlich das Wort „PSA“ fällt.
Mit zunehmendem Alter kann sich die Prostata vergrößern. Weil die Harnröhre mitten durch sie hindurchläuft, kann dieses Wachstum das Wasserlassen beeinträchtigen. Ein schwächerer Harnstrahl, Startschwierigkeiten, Nachträufeln oder häufigeres Wasserlassen können die Folge sein. Ein verbreiteter Kurzschluss lautet dann: Eine große Prostata bedeutet Prostatakrebs. Das stimmt nicht. Eine gutartige Prostatavergrößerung und ein Prostatakarzinom sind unterschiedliche Erkrankungen. Beschwerden beim Wasserlassen können viele Ursachen haben. Umgekehrt kann ein Prostatakarzinom lange Zeit überhaupt keine Beschwerden verursachen.
Auch der PSA-Wert wird häufig missverstanden. Ein erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch Krebs. Auch eine gutartige Prostatavergrößerung, Entzündungen und andere Einflüsse können den Wert verändern. PSA ist deshalb keine Ampel mit Grün oder Rot, sondern eine Information, die zusammen mit Alter, Verlauf, Prostatagröße, Untersuchung und gegebenenfalls weiterer Diagnostik beurteilt werden muss.
Selbst die KI bekommt bei der Prostata kalte Füße
Für diesen Artikel wollte ich eigentlich ein ganz harmloses Bild: einen erwachsenen Mann, der augenzwinkernd auf seinen Bauchnabel zeigt und sagt: „Schau mal, meine Prostata!“ Später probierte ich zwei erwachsene Männer aus, die miteinander anstoßen und „Prostata!“ sagen. Beides scheiterte an den automatischen Schutzmechanismen der Bild-KI. Das ist natürlich keine medizinische Aussage über die Prostata. Aber es passt erstaunlich gut zu einem Organ, über das wir bei Krebs, PSA-Werten oder Problemen beim Wasserlassen sehr selbstverständlich sprechen und das andererseits als Teil der männlichen Sexualität merkwürdig schnell in eine Tabuzone gerät. – Am Ende blieb die Walnuss. Und selbst die zensierte Walnuss musste sich ihre Veröffentlichung erst verdienen. Im Zusammenhang mit Prostata und Sexualität blockierte die Bild-KI zunächst sogar dieses harmlose Motiv. Erst in einem völlig neutralen Kontext ließ es sich erzeugen: Ungefähr so groß ist eine gesunde Prostata nämlich tatsächlich.
Die Prostata und die Sexualität
Viele Männer verbinden Sexualität zunächst mit dem sichtbaren Teil ihres Körpers. Penis, Erektion und Ejakulation sind unmittelbar wahrnehmbar. Die Prostata dagegen beteiligt sich an diesen Vorgängen, ohne als eigenes Organ deutlich ins Bewusstsein zu treten. Ein Mann erlebt die Ejakulation, die Kontraktionen und den Orgasmus. Aber er erlebt normalerweise nicht bewusst: Jetzt arbeitet meine Prostata. Aus Sicht des Sexocorporel, einem körperorientierten sexualtherapeutischen Ansatz, ist das besonders interessant. Sexualität besteht nicht nur daraus, ob ein Organ biologisch funktioniert. Sie besteht auch daraus, wie wir den eigenen Körper wahrnehmen, welche Regionen wir unterscheiden können, wie wir Spannung und Bewegung einsetzen und welche innere Vorstellung wir von unserem sexuellen Körper haben. – Die Prostata ist funktionell wichtig und gleichzeitig im bewussten Körperbild vieler Männer nahezu unsichtbar.
Rund um die Prostata ranken sich zahlreiche Vorstellungen, in denen Sexualität und Medizin schnell miteinander vermischt werden. Manche Männer erleben Druck oder Berührung in diesem Bereich als angenehm, andere nicht. Eine Prostatamassage ist deshalb aber weder eine notwendige Gesundheitsmaßnahme noch eine Form der Krebsprophylaxe. Auch für häufige Ejakulation gibt es keine einfache Präventionsregel. Beobachtungsstudien haben zwar einen Zusammenhang zwischen häufigerer Ejakulation und einem geringeren Prostatakrebsrisiko gefunden, daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass häufige Ejakulation Prostatakrebs verhindert. Ähnlich verhält es sich mit dem Radfahren. Längerer Druck auf den Dammbereich kann Beschwerden verursachen und bestimmte Messwerte vorübergehend beeinflussen. Dass Radfahren Prostatakrebs verursacht, ist daraus aber nicht abzuleiten. Ein passender Sattel und das Vermeiden anhaltenden Drucks sind praktische Fragen, keine Krebsprophylaxe.
Körperwissen verändert Sexualität
Im Sexocorporel geht es unter anderem darum, wie Körperhaltung, Muskelspannung, Bewegung, Atmung und Wahrnehmung sexuelle Erregung beeinflussen. Je differenzierter jemand den eigenen Körper wahrnimmt, desto mehr Möglichkeiten können auch im sexuellen Erleben entstehen. Das Thema Prostata und Sexualität macht deutlich, wie eng medizinisches Wissen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Das bedeutet nicht, dass ein Mann lernen muss, seine Prostata isoliert zu „spüren“. Interessanter ist die Frage, ob er Beckenboden, Unterbauch, Gesäß, Atmung und Bewegung voneinander unterscheiden kann. Ob er wahrnimmt, wann er im sexuellen Erleben stark anspannt und wann er loslässt. Ob seine Erregung fast ausschließlich auf den Penis konzentriert ist oder als Ganzkörpererfahrung erlebt wird. Anatomisches Wissen kann dabei helfen, überhaupt eine innere Landkarte des eigenen Körpers zu entwickeln.
Besonders deutlich wird das nach Erkrankungen oder Operationen. Ein Mann, der sich jahrzehntelang kaum Gedanken über seine Prostata gemacht hat, kann nach einer Behandlung plötzlich mit Veränderungen von Erektion, Ejakulation oder Kontinenz konfrontiert sein. Dann müssen Begriffe voneinander getrennt werden, die vorher scheinbar dasselbe waren: Erektion ist nicht Ejakulation. Ejakulation ist nicht Orgasmus. Nach einer vollständigen Entfernung der Prostata findet beispielsweise kein Samenerguss mehr statt. Ein Orgasmus kann trotzdem möglich sein. Erektionsfähigkeit und Orgasmuserleben sind wiederum zwei verschiedene Dinge.
Der Satz „Nach einer Prostataoperation ist die Sexualität vorbei“ stimmt deshalb ebenfalls nicht. Operationen und andere Behandlungen können Sexualität deutlich verändern. Je nach Verfahren können Erektion, Ejakulation, Orgasmuserleben und Kontinenz betroffen sein. Eine veränderte Funktion bedeutet aber nicht automatisch das Ende sexuellen Erlebens.
Gerade dann kann es hilfreich sein, Sexualität nicht nur als linearen Ablauf von Erregung, Erektion, Ejakulation und Orgasmus zu verstehen. Sie besteht aus mehreren körperlichen und emotionalen Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen, aber nicht identisch sind.
Männer und Frauen haben ihre blinden Flecken
Wir denken häufig, die männlichen Sexualorgane seien besonders einfach zu verstehen, weil ein großer Teil sichtbar außen liegt. Penis und Hoden vermitteln diesen Eindruck. Doch das sichtbare Genitale ist nur ein Teil des Systems. Prostata, Samenblasen, Samenleiter, Beckenboden, Nerven und Gefäße liegen im Inneren.
Hier gibt es eine interessante Parallele zur Frau:
Bei Frauen ist die Diskrepanz zwischen sichtbarer und tatsächlicher Sexualanatomie noch ausgeprägter. Die Klitoris wird im Alltag häufig mit ihrem kleinen sichtbaren Anteil gleichgesetzt. Ein erheblicher Teil des Organs liegt jedoch im Körperinneren. Auch Beckenboden, erektile Gewebe und die Strukturen rund um Vulva, Vagina und Harnröhre sind von außen nur teilweise sichtbar. Auch Frauen können ihren sexuellen Körper intensiv erleben und gleichzeitig nur eine unvollständige Vorstellung davon haben, wie er anatomisch aufgebaut ist.
Männer und Frauen unterscheiden sich anatomisch erheblich. In einem Punkt ähneln sie sich jedoch: Große Teile der Sexualanatomie bleiben der direkten Wahrnehmung entzogen. Was sichtbar und leicht berührbar ist, bekommt schnell einen Namen und einen Platz auf der inneren Landkarte. Was tiefer im Körper liegt, erschließt sich oft erst durch Wissen, Erfahrung und bewusste Wahrnehmung. Beim Mann ist die Prostata dafür ein besonders gutes Beispiel. Sie ist Teil der Fortpflanzung, Teil des sexuellen Systems und im Laufe des Lebens häufig auch medizinisch relevant. Wer ihre Lage und Funktion besser versteht, erweitert damit auch die Vorstellung vom eigenen sexuellen Körper. Gerade deshalb lohnt es sich, Sexualität nicht nur danach zu beurteilen, ob etwas „funktioniert“. Körperwissen erweitert Wahrnehmung. Wahrnehmung beeinflusst Spannung und Bewegung. Spannung und Bewegung beeinflussen Erregung. Die Prostata ist damit nicht nur ein Organ, das irgendwann Beschwerden machen kann. Sie ist ein Teil männlicher Sexualität, den es lohnt, schon vorher kennenzulernen.
Wer das Thema Sexocorporel vertiefen möchte, findet auf der Seite meines Mannes, Dr. Thomas Wels, einen ausführlicheren Einblick in seine Arbeit: Sexonanz.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Ich bin mehr als mein Befund
In der Medizin werden Menschen manchmal erstaunlich schnell zu dem, was ihnen fehlt. Dann heißt es „der Appendix aus Zimmer sieben“ oder „die Hüfte muss noch zum Röntgen“. Ein guter Freund von mir hat das einmal konsequent weitergedacht. Nach einer Schulterluxation trat er an die Anmeldung der Orthopädie und sagte: „Guten Tag. Ich bin die Schulterluxation.“
Natürlich war er das nicht. Aber genau darin steckt etwas Interessantes. Wir sagen: Ich habe Rückenschmerzen. Ich habe Arthrose. Ich habe Diabetes. Und manchmal verändert sich dieser Satz irgendwann unmerklich. Aus „Ich habe eine Krankheit“ wird „Ich bin krank“. Ein Befund beginnt dann, immer mehr von dem einzunehmen, was wir über uns selbst denken.
Solange unser Körper funktioniert, denken wir kaum über ihn nach. Wir laufen, greifen, sehen, hören, atmen. Erst wenn etwas weh tut oder nicht mehr so funktioniert wie früher, rückt der Körper in den Mittelpunkt. Dann wird gemessen, geröntgt, untersucht und verglichen. Das ist notwendig, denn Medizin braucht Zahlen und Befunde. Aber ein Mensch erlebt seinen Körper anders, als ein Arzt ihn untersucht. Ein Röntgenbild zeigt ein Kniegelenk, aber nicht, wie es sich anfühlt, morgens die Treppe hinunterzugehen. Ein Laborwert zeigt eine Nierenfunktion, aber nicht, welche Sorgen dieser Wert auslöst. Ein EKG zeigt die elektrische Aktivität des Herzens, aber nicht, wie sich Angst, Erleichterung oder Hoffnung anfühlen.
Ich bin mehr als mein Befund: Körper und Leiblichkeit
Für diesen Unterschied gibt es in der Philosophie den Begriff Leiblichkeit. Der Philosoph Helmuth Plessner hat dafür eine sehr treffende Unterscheidung beschrieben: Wir haben einen Körper und sind zugleich Leib. Mit „Körper“ ist der Körper gemeint, den wir von außen betrachten und untersuchen können. Mit „Leib“ ist derselbe Körper gemeint, so wie wir ihn von innen erleben. Das klingt zunächst philosophisch, beschreibt aber etwas sehr Alltägliches. Ich kann mein Knie auf einem Röntgenbild sehen und gleichzeitig spüren, was dieses Knie für meinen Alltag bedeutet. Ich kann wissen, dass mein Herz eine bestimmte Leistung hat, und gleichzeitig erleben, ob ich mich kräftig, ängstlich, eingeschränkt oder vollkommen normal fühle.
Gerade wenn wir älter werden oder krank sind, kann diese doppelte Perspektive wichtig werden. Denn wenn ich meinen Körper zugleich habe und bin, kann ich wahrnehmen, was mit ihm geschieht, ohne mich vollständig darauf reduzieren zu müssen. Ich kann sagen: Mein Knie ist verschlissen. Meine Kraft lässt nach. Mein Herz arbeitet nicht mehr so gut wie früher. Und gleichzeitig kann ich erleben, dass ich noch immer Freude empfinde, Beziehungen habe, neugierig bin, Entscheidungen treffe, mich ärgere, lache, liebe oder über etwas staune. Der Körper verändert sich, aber der Mensch lässt sich nicht vollständig in seinen Organfunktionen beschreiben.
Ein Befund kann sehr wichtig sein. Er kann Entscheidungen notwendig machen, den Alltag verändern und auch Angst machen. Aber er erzählt nie die ganze Geschichte eines Menschen. Das gilt auch für die Medizin. Wir brauchen Diagnosen, Laborwerte, Bilder und Zahlen. Ohne die objektive Betrachtung des Körpers wäre moderne Medizin nicht möglich. Aber Medizin behandelt Krankheiten, Menschen leben mit ihnen. Und wie ein Mensch eine Erkrankung erlebt, lässt sich aus keinem MRT und keinem Laborwert ablesen.
Zwei Menschen können denselben Befund haben und dennoch ganz unterschiedlich damit leben. Für den einen bedeutet eine Einschränkung einen tiefen Verlust. Ein anderer findet relativ schnell einen Umgang damit. Ein Dritter verändert seinen Alltag und merkt, dass anderes wichtiger wird. Der Befund kann ähnlich sein, das Erleben ist es nicht.
Diese Unterscheidung zwischen Körper und Leib nimmt einer Krankheit nichts von ihrer Realität. Aber sie kann verhindern, dass eine Diagnose irgendwann den ganzen Menschen besetzt. Mein Körper gehört zu mir, und was mit ihm geschieht, ist wichtig. Aber mein Befund ist nicht meine Biografie, meine Diagnose nicht meine Persönlichkeit. Und selbst wenn mein Körper irgendwann nicht mehr so funktioniert, wie ich es mir wünsche, bin ich immer noch mehr als das, was sich messen lässt. „Ich bin mehr als mein Befund“ ist deshalb nicht nur ein Titel, sondern eine hilfreiche Haltung gegenüber Krankheit und körperlicher Veränderung.
Weiterlesen
Mehr zu meiner ärztlichen Begleitung bei chronischen Erkrankungen finden Sie auf meiner Website bei der Schwerpunktpraxis für chronische Erkrankungen.
Wer sich für den philosophischen Hintergrund interessiert, findet bei der Helmuth-Plessner-Gesellschaft mehr über Plessners philosophische Anthropologie und seine Gedanken zum Verhältnis des Menschen zu seinem Körper.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Burn-out oder Depression
Burn-out und Depression: zwei Menschen, zwei Geschichten
Burn-out oder Depression? Beide können sich sehr ähnlich anfühlen. Trotzdem ist die Unterscheidung wichtig, weil sie den Blick auf unterschiedliche Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten lenkt.
„Ich habe ein Burn-out“, sagt Thomas. Er sagt es nicht leise. Auch nicht entschuldigend. Eher so, wie andere erzählen, dass sie sich beim Marathon das Knie verletzt haben. „Zwei Firmen aufgebaut, ständig erreichbar, seit Jahren keinen richtigen Urlaub. Irgendwann macht der Körper eben nicht mehr mit.“ – Miriam nickt. Sie sitzt ihm gegenüber und dreht das Wasserglas zwischen den Händen. -„Und du?“, fragt Thomas. „Auch Stress?“ „Nein“, sagt sie schnell. „Eigentlich nicht.“ „Aber du bist doch auch schon länger krankgeschrieben.“ Miriam schaut auf das Glas. „Ich schlafe schlecht.“ „Kenn ich“, sagt Thomas. „Um vier Uhr wach, und dann läuft im Kopf sofort die To-do-Liste.“ „Bei mir läuft keine Liste.“ -„Sondern?“ -Sie zuckt mit den Schultern. „Nichts. Ich liege einfach da.“
Thomas wartet. Zum ersten Mal fällt ihm auf, dass Miriam nicht nur müde aussieht. Sie wirkt, als müsse sie für jede Antwort erst einen weiten Weg zurücklegen. „Mein Arzt sagt, es sei eine Depression“, sagt sie schließlich. So leise, dass Thomas das Wort beinahe überhört.-„Ach“, sagt er. – Mehr fällt ihm zunächst nicht ein.
Burn-out, denkt Thomas, kann jeden treffen, der zu lange zu viel geleistet hat. Eine Depression dagegen – das ist etwas anderes. Aber stimmt das wirklich?
Wenn Burn-out fast wie eine Auszeichnung klingt
„Wie lange bist du schon zu Hause?“, fragt Miriam. „Drei Wochen. Die erste Woche habe ich fast nur geschlafen. Jetzt gehe ich jeden Morgen laufen. Mein Arzt sagt, ich soll zur Ruhe kommen.“ „Hilft es?“ „Das Laufen schon. Danach fühle ich mich besser. Jedenfalls für eine Weile.“ „Und was machst du sonst?“ -„Nicht viel. Ich habe alle beruflichen E-Mails vom Handy gelöscht.“ „Triffst du Freunde? Gehst du segeln? Du warst doch früher jedes Wochenende auf dem Wasser.“ – Thomas winkt ab. „Dafür habe ich gerade keine Energie.“ – „Aber Lust?“ Thomas schaut sie an. „Was ist der Unterschied?“ Miriam denkt kurz nach. „Ich habe keine Lust mehr auf Dinge, die mir eigentlich wichtig sind. Nicht nur auf die Arbeit. Auf gar nichts.“- „Bei mir ist es die Arbeit“, sagt Thomas bestimmt. – „Und das Segeln?“ „Im Moment eben auch nix.“ „Deine Familie?“ – „Die strengt mich an.“ -„Essen?“ -„Schmeckt nach nichts.“ -„Sex?“ -Thomas lacht kurz, aber das Lachen verschwindet sofort. „Okay“, sagt er. „Auch nicht.“
Jetzt ist es Miriam, die wartet. „Trotzdem“, sagt Thomas schließlich. „Ich bin nicht depressiv. Ich bin ausgebrannt. Das ist etwas anderes.“ -„Vielleicht“, sagt Miriam.
Eine Diagnose, die man lieber nicht ausspricht
„Und bei dir?“, fragt Thomas. „Was ist passiert?“ „Nichts Besonderes.“ – „Es muss doch einen Grund geben.“ -„Das dachte ich auch. Ich habe eine gute Arbeit, eine nette Wohnung, Freunde. Eigentlich ist alles in Ordnung.“ – „Aber?“ -„Morgens wache ich auf und denke, dass ich den Tag nicht schaffe. Duschen, anziehen, einkaufen – alles fühlt sich an, als müsste ich einen Berg hinauf.“ -„Hast du zu viel gearbeitet?“ -„Nein.“ -„Probleme in der Familie?“ -„Auch nicht.“ -„Dann verstehe ich es nicht.“ -„Ich auch nicht“, sagt Miriam. „Das macht es ja noch schlimmer. Ich denke ständig, ich hätte überhaupt keinen Grund, mich so zu fühlen.“ -Thomas sagt eine Weile nichts. „Wissen deine Kollegen davon?“ -„Sie glauben, ich hätte Rückenprobleme.“ -„Warum sagst du ihnen nicht die Wahrheit?“ -Miriam sieht ihn an. „Warum erzählst du allen von deinem Burn-out?“ Thomas öffnet den Mund, antwortet aber nicht sofort. „Weil es nichts gibt, wofür ich mich schämen müsste.“ -„Eben“, sagt Miriam.
Zwei Begriffe, zwei Geschichten
Burn-out erzählt eine Geschichte über das, was ein Mensch geleistet hat: zu viel gearbeitet, zu viel Verantwortung übernommen, zu lange durchgehalten. Die Erschöpfung erscheint beinahe wie der Beweis eines besonders großen Einsatzes.
Depression erzählt scheinbar eine andere Geschichte: Ein Mensch schafft nicht mehr, was vorher selbstverständlich war. Er verliert Antrieb, Freude und Zuversicht – manchmal ohne einen Grund nennen zu können. Noch immer wird das fälschlicherweise als Schwäche, Undankbarkeit oder mangelnde Willenskraft verstanden.
Aber die beiden Begriffe unterscheiden sich nicht nur in ihrem Ansehen. Sie lenken den Blick auch in unterschiedliche Richtungen. Beim Burn-out geht es um das Verhältnis zwischen einem Menschen und seiner Arbeit: zu hohe Anforderungen, fehlende Anerkennung, ständige Erreichbarkeit, zu wenig Einfluss oder mangelnde Erholung. Der Betroffene erscheint weiterhin als Handelnder – als jemand, der zu lange zu viel geleistet hat und nun Grenzen, Gewohnheiten oder Arbeitsbedingungen verändern muss. Bei einer Depression wird das Problem stärker im Menschen selbst verortet. Er wird zum Patienten, der an einer Erkrankung leidet und behandelt werden muss. Das kann entlasten, weil es Schuld nimmt und professionelle Hilfe ermöglicht. Es kann aber auch eine passive Rolle begünstigen: Die Krankheit scheint über den Menschen zu verfügen, während seine Lebensumstände aus dem Blick geraten.
Warum die Benennung Folgen hat
Burn-out besitzt zwar einen ICD-Code. ICD steht für „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Dieses von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Verzeichnis dient dazu, Diagnosen und andere gesundheitlich bedeutsame Zustände einheitlich zu erfassen. Burn-out wird darin jedoch nicht als eigenständige Krankheit, sondern als Problem im Zusammenhang mit der Lebensbewältigung beziehungsweise der Berufstätigkeit eingeordnet. Das geht aus der aktuellen ICD-10-GM des BfArM hervor. Auch die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burn-out ausdrücklich als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde – und nicht als eigenständige Erkrankung. Das hat praktische Folgen. Eine Arbeitsunfähigkeit setzt voraus, dass ein Mensch aufgrund einer Krankheit seine bisherige Tätigkeit nicht mehr ausüben kann oder seine Erkrankung durch die Arbeit verschlimmert würde. Wer wegen eines Burn-outs nicht mehr arbeiten kann, muss deshalb genauer untersucht werden: Handelt es sich um eine arbeitsbezogene Erschöpfung oder liegt inzwischen eine Depression, Angststörung oder andere Erkrankung vor? Damit wird die Frage nach dem Namen auch politisch. Das Wort Burn-out lenkt den Blick auf Arbeitsbedingungen und Überforderung. Die Diagnose Depression begründet den Anspruch auf medizinische Behandlung und Arbeitsunfähigkeit, verlagert das Problem aber zugleich stärker in den einzelnen Menschen. Ein krank machender Arbeitsplatz wird jedoch nicht gesund, nur weil der erkrankte Mensch behandelt wird. Umgekehrt verschwindet eine Depression nicht zwangsläufig, sobald die berufliche Belastung wegfällt.
Burn-out oder Depression: Woran lässt sich der Unterschied erkennen?
Die Frage „Burn-out oder Depression?“ lässt sich nicht allein anhand von Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und nachlassender Leistungsfähigkeit beantworten. Diese Beschwerden können bei beiden auftreten.
Für Burn-out sprechen vor allem:
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ein enger Zusammenhang mit der Arbeit,
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emotionale und körperliche Erschöpfung,
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zunehmende Distanz, Gereiztheit oder Zynismus gegenüber der Arbeit,
-
das Gefühl, beruflich immer weniger leisten zu können,
-
eine spürbare Besserung durch Abstand und Erholung.
Bei einer Depression breiten sich die Beschwerden meist auf das gesamte Leben aus. Typisch sind:
-
anhaltend gedrückte Stimmung,
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Verlust von Interesse und Freude,
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Antriebsmangel und schnelle Erschöpfbarkeit,
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Schuldgefühle, Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit,
-
Schlaf- und Appetitveränderungen,
-
mitunter Gedanken an den Tod.
Genau diese Hinweise tauchen im Gespräch auf: Miriam muss für alltägliche Handlungen enorme Kraft aufbringen, empfindet keine Freude mehr und gibt sich selbst die Schuld für ihren Zustand. Bei Thomas begann die Erschöpfung zwar im Beruf. Inzwischen haben aber auch Freunde, Familie, Segeln, Essen und Sexualität ihre Bedeutung verloren. Bei ihm muss deshalb geprüft werden, ob sich aus der beruflichen Erschöpfung eine Depression entwickelt hat.
„Vielleicht“, sagt Miriam, „ist Burn-out manchmal einfach eine Depression im Anzug.“ -Thomas sieht an sich hinunter. „Und der Anzug macht sie vorzeigbarer?“ – „Zumindest sieht es darin so aus, als hätte man sehr viel gearbeitet.“ – Thomas lächelt. Dann wird er wieder ernst. „Aber darunter muss nicht immer eine Depression stecken.“
Nicht jede berufliche Erschöpfung ist depressiv. Ob Burn-out oder Depression: Beide Zustände müssen ernst genommen werden. Sie einfach gleichzusetzen, hilft jedoch ebenso wenig, wie den einen Begriff zum angenehmeren Namen für den anderen zu machen. Bei einem Burn-out müssen vor allem Belastung, Erholung und Arbeitsbedingungen verändert werden. Bei einer Depression reicht es häufig nicht, nur die Arbeit zu reduzieren. Dann können Psychotherapie, Medikamente und eine gezielte Aktivierung notwendig werden.
Als ergänzenden therapeutischen Zugang biete ich in meiner Praxis auch pferdegestützte Therapie an. Die Begegnung mit dem Pferd kann dabei helfen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, Grenzen wieder zu spüren und aus der Passivität ins Handeln zu kommen. Sie kann die notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ergänzen.
Die richtige Bezeichnung Depression – oder Burnout – soll einen Menschen weder aufwerten noch zum Opfer machen. Sie soll zeigen, wo Veränderung beginnen kann.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Vollkommen korrekt – Vollkommen absurd
Über Standardsätze, Achtsamkeit und den fehlenden Perspektivwechsel in Arztpraxen
Achtsamkeit in der Arztpraxis – ausgerechnet dort, wo Menschen besonders darauf angewiesen sind, bleibt sie in standardisierten Situationen und Abläufen häufig auf der Strecke.
Beim Augenarzt
„Nehmen Sie bitte Brille und Kontaktlinsen heraus. Wenn Sie aufgerufen werden, gehen Sie in Zimmer vier.“
Beim HNO-Arzt
„Sie hören fast nichts?“ – „Ja.“ – „Dann warten Sie bitte draußen. Wir rufen Sie auf.“
In der Unfallchirurgie
„Sie dürfen den Fuß auf keinen Fall belasten.“ – „Wo bekomme ich Gehstützen?“
„Da gehen Sie einfach kurz rüber ins Sanitätshaus.“
Vor der Operation
„Haben Sie noch Fragen zur Narkose?“ – „Ja. Ich habe Angst, dass ich nicht wieder aufwache.“
„Das kommt nur sehr selten vor. Unterschreiben Sie bitte hier, dass wir Sie über dieses Risiko aufgeklärt haben.“
Beim Gynäkologen
„Machen Sie es sich bitte auf dem Stuhl bequem.“
In der Physiotherapie
„Machen Sie die Bewegung bitte nur so weit, wie es nicht wehtut.“
„Bis hierhin.“
„Da müssen wir aber schon noch ein bisschen weiter.“
Am Empfang
„Was fehlt Ihnen denn?“ – Die Patientin schaut auf das volle Wartezimmer.
„Im Moment vor allem ein Raum, in dem ich Ihnen das erzählen kann.“
In der Sprechstunde
„Wie geht es Ihnen mit den neuen Tabletten?“
„Nicht gut. Ich habe starke Nebenwirkungen.“
„Aber die Blutwerte sind jetzt sehr schön.“
Nach der Magenspiegelung
„Wegen des Beruhigungsmittels können Sie sich später möglicherweise nicht mehr an unser Gespräch erinnern.“
„Ich erkläre Ihnen jetzt, was Sie in den nächsten Tagen beachten müssen.“
Vor einer weiteren Operation
„Bitte nehmen Sie jetzt Ihr Hörgerät heraus.“
„Nennen Sie mir bitte noch einmal Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum.“
In der Neurologie
„Gehen Sie bitte ganz normal, damit ich Ihre Gangstörung beurteilen kann.“
In der Gedächtnissprechstunde
„Sie vergessen im Moment häufig wichtige Dinge?“
„Dann beobachten Sie das bitte und erzählen Sie uns beim nächsten Termin, was Ihnen aufgefallen ist.“
Nach der Augenoperation
„Sie dürfen heute auf keinen Fall selbst Auto fahren.“
„Den Parkschein können Sie vorne am Automaten entwerten.“
Beim Sehtest
„Lesen Sie bitte die Zeile vor, die Sie gerade nicht mehr erkennen können.“
Beim Hörtest
„Geben Sie bitte Bescheid, sobald Sie nichts mehr hören.“
Im Schlaflabor
„Versuchen Sie, ganz normal zu schlafen – wir beobachten Sie die ganze Zeit.“
Beim MRT
„Bleiben Sie ganz entspannt und bewegen Sie sich auf keinen Fall.“
In der Notfallsprechstunde
„Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz, wir kümmern uns sofort um Sie.“
Bei der Untersuchung
„Sagen Sie bitte sofort Bescheid, wenn Sie das Bewusstsein verlieren.“
Wenn niemand mehr die Seite wechselt
Über solche Sätze kann man lachen. Wenn man ihnen als Patient begegnet, können sie aber auch irritieren, verletzen oder wütend machen. Warum kommen solche Situationen im Gesundheitssystem so häufig vor?
Aufgrund meiner psychotherapeutischen Ausbildung interessiert mich dabei besonders, was in solchen Situationen psychologisch geschieht. Ich möchte deshalb einmal auseinandernehmen, welche Mechanismen ineinandergreifen und warum sich dieses Verhalten so hartnäckig hält. Dabei macht Verstehen eine unachtsame oder herablassende Behandlung nicht richtig. Es verändert auch nicht, was geschehen ist. Aber es kann helfen, das Verhalten des Gegenübers nicht sofort als persönliche Abwertung zu erleben. Vieles, was sich sehr persönlich anfühlt, hat weniger mit dem einzelnen Patienten zu tun als mit Abwehr, Gewöhnung, institutionellen Rollen und der Wirkung von Macht:
Patient und Personal befinden sich zwar im selben Raum, aber nicht in derselben Situation. Für den Patienten geht es um den eigenen Körper, um Schmerzen, Angst und Kontrollverlust. Für das Personal bedeutet die Begegnung auch die Konfrontation mit der Verletzlichkeit eines anderen Menschen. Diese Konfrontation löst Gefühle aus: Mitgefühl, Hilflosigkeit, Unsicherheit, manchmal auch Angst oder Ungeduld. Weil solche Gefühle die Arbeit erschweren können, werden sie häufig abgewehrt. Das geschieht in der Regel nicht bewusst.
Eine typische Form dieser Abwehr ist die Isolierung des Gefühls. Der medizinische Sachverhalt wird wahrgenommen, das damit verbundene menschliche Erleben jedoch ausgeblendet. Man registriert die ausgekugelte Schulter, stellt sich aber nicht mehr vor, wie es ist, mit dieser Schulter unterschreiben zu sollen.
Daneben steht die Intellektualisierung. Die Situation wird in Diagnosen, Messwerte, Formulare und Arbeitsschritte übersetzt. Das macht sie überschaubar und kontrollierbar. Aus dem verängstigten Menschen wird „die Aufklärung“, aus dem schmerzgeplagten Patienten „das Röntgen“ und aus der persönlichen Notlage ein organisatorischer Vorgang.
Die Folge ist eine Objektivierung: Der Patient wird nicht mehr als handelndes Gegenüber, sondern zunehmend als Gegenstand einer Behandlung wahrgenommen. Seine Angaben werden zwar gehört, aber nicht mehr zu einem Gesamtbild verbunden. Die fehlende Brille gehört dann zur Augenuntersuchung, die Zimmernummer dagegen zur Organisation. Dass beides für den Patienten unmittelbar zusammenhängt, gerät aus dem Blick.
An dieser Stelle kommt die Verengung der Aufmerksamkeit hinzu. Die Beschäftigten konzentrieren sich auf den nächsten vorgesehenen Arbeitsschritt. Standardsätze und Routinen übernehmen die Führung. Die Frage lautet nicht mehr: „Was braucht dieser Mensch jetzt?“, sondern: „Was muss als Nächstes erledigt werden?“
Durch häufige Wiederholung kann daraus Gewöhnung werden. Was für den Patienten eine Ausnahmesituation ist, wird für das Personal alltäglich. Die emotionale Reaktion nimmt ab, der Ablauf wird automatischer und der Perspektivwechsel unwahrscheinlicher. Gewöhnung ist damit nicht dasselbe wie Abwehr, kann deren Wirkung aber verstärken und dauerhaft machen.
Auch das Machtgefälle trägt dazu bei, dass sich solche Situationen erhalten. Das Personal kennt die Regeln, verfügt über Informationen, vergibt Termine und entscheidet über die nächsten Schritte. Der Patient ist auf Orientierung, Hilfe und häufig auch auf das Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen. Viele Patienten widersprechen deshalb selbst absurden Anweisungen nicht. Sie sind unsicher, möchten nicht als schwierig gelten oder befürchten, dass ein Einwand ihre Behandlung beeinträchtigen könnte. Das Personal erhält dadurch kaum eine Rückmeldung darüber, wie widersprüchlich oder entwürdigend eine Situation auf der anderen Seite wirkt.
Macht wird jedoch nicht nur ausgeübt, weil die Organisation sie verteilt. Sie kann auch psychisch attraktiv sein. Unter den Beschäftigten gibt es – wie in jeder Berufsgruppe – Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Kontrolle, Überlegenheit oder Anerkennung. Eine hierarchische Umgebung kann solche Persönlichkeitszüge bedienen: Man bestimmt die Regeln, andere müssen warten, sich erklären und Anweisungen befolgen. Der Patient wird dann nicht nur aus Unachtsamkeit zum Objekt. Seine Abhängigkeit kann dem Gegenüber ein Gefühl von Bedeutung und Macht vermitteln. Widerspruch wird als Störung, Kritik als Angriff und eine berechtigte Nachfrage als mangelnde Kooperation erlebt.
So entsteht ein sich selbst stabilisierendes System: Die Patienten schweigen aus Abhängigkeit, das Personal hält dieses Schweigen für Zustimmung, und einzelne Beschäftigte erleben die fehlende Gegenwehr sogar als Bestätigung ihrer Autorität. Aus einer organisatorischen Hierarchie wird persönliche Machtausübung.
Das betrifft nicht alle Beschäftigten. Es wäre aber ebenso falsch, so zu tun, als spielten persönliche Motive und Charakterstrukturen keine Rolle. Zeitdruck, Routinen und Personalmangel erklären nicht jede Form von Unachtsamkeit – und schon gar nicht jede Form von Herablassung. Sie begünstigen aber eine Haltung, in der korrekt gearbeitet wird, ohne den Patienten noch als vollständiges Gegenüber wahrzunehmen.
Das erklärt, wie solche Situationen entstehen. Es entschuldigt sie nicht.
Ein Ablauf kann vollständig korrekt sein und trotzdem am Patienten vorbeigehen. Achtsamkeit bedeutet hier, für einen Augenblick die Seite zu wechseln und die Situation durch die Augen des anderen zu sehen – wie auf dem Titelbild.
Auch eine Augele hat nicht immer alles im Blick. Sollte Ihnen in meiner Praxis einmal etwas ähnlich Widersprüchliches begegnen, sagen Sie es mir bitte!
Und Wer diese Art von Praxislogik lieber gespielt sieht: Dieter Hallervorden treibt sie beim virtuellen Arztbesuch noch ein wenig weiter.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Eine reizvolle Sache – Sex und die Blase
Die Frau, die hier erzählt, gibt es so nicht. Ihre Geschichte setzt sich aus Erfahrungen zusammen, die viele Frauen kennen. Ich lasse sie trotzdem selbst erzählen – weil sich manches besser verstehen lässt, wenn man nicht mit Bakterien und Leitlinien beginnt, sondern damit, was eine wiederkehrende Blasenentzündung im Leben einer Frau anrichten kann.
Meine erste Blasenentzündung hatte ich wohl Anfang zwanzig. Es brannte beim Wasserlassen, ich musste ständig zur Toilette, bekam ein Antibiotikum und ein paar Tage später war alles wieder gut. Heute reicht manchmal ein leichtes Ziehen am Morgen und sofort ist der Gedanke da: Bitte nicht schon wieder. Denn irgendwann kamen die Infekte häufiger. Und je öfter sie kamen, desto intensiver suchte ich nach dem Fehler. Was machte ich falsch? Zuerst dachte ich natürlich an Hygiene. Schließlich hatte ich gelernt, dass meistens Darmbakterien die Ursache sind. Also achtete ich noch genauer darauf, mich richtig abzuwischen, wusch mich gründlicher und kaufte spezielle Intimwaschlotionen. Nach dem Sport duschte ich sofort, nach dem Schwimmen zog ich den nassen Badeanzug aus und nach dem Sex ging ich grundsätzlich zur Toilette.
Mit jedem neuen Infekt kam eine weitere Regel dazu. Das passiert schleichend. Nach zwei Infekten denkt man beim dritten Mal schon vorher daran. Beim Kofferpacken wandert vorsichtshalber etwas gegen Blasenentzündung mit, und beim ersten Brennen ist die Unbeschwertheit dahin. Irgendwann geriet natürlich der Sex selbst in Verdacht. Das schien logisch: Beim Geschlechtsverkehr können Bakterien in Richtung Harnröhre gelangen.
Nur verstand ich etwas nicht. Meine Vagina war vollkommen in Ordnung: kein Brennen, keine Entzündung, keine Schmerzen beim Sex. Warum bekam dann meine Blase ein Problem? Erst da machte ich mir die Anatomie richtig klar. Scheide und Harnröhre sind zwei verschiedene Wege. Oberhalb des Scheideneingangs beginnt die sehr kurze weibliche Harnröhre, die zur Blase führt. Beim Geschlechtsverkehr gelangt der Penis also nicht in die Harnröhre – aber die Strukturen liegen unmittelbar nebeneinander. Die Vagina muss gar nicht entzündet sein, um für die Harnwege eine Rolle zu spielen. Ihr mikrobielles Milieu, besonders die Lactobazillen, hat eine Schutzfunktion und verändert sich unter hormonellen Einflüssen. Nach den Wechseljahren können deshalb vaginale Östrogene bei entsprechenden Frauen das Risiko wiederkehrender Harnwegsinfekte senken.
Dann fiel mir etwas auf: Es hatte Zeiten mit viel und sehr schönem Sex gegeben, in denen ich überhaupt keine Blasenentzündungen bekam. Und Zeiten mit wenig Sex und ständig empfindlicher Blase. Vielleicht war die Frage also nicht nur, ob ich Sex hatte, sondern was dabei in meinem Körper passierte. Bis dahin hatte ich Sex im Zusammenhang mit Blasenentzündungen ausschließlich mechanisch betrachtet: Reibung, Bakterien, hinterher Wasserlassen.
Sexuelle Erregung verändert den Körper deutlich: Der Genitalbereich wird stärker durchblutet, Klitoris und Vulva schwellen an, die Durchblutung der Vaginalwand nimmt zu und das Gewebe wird feuchter, weicher und nachgiebiger. Dieses Gefühl von Wärme und Fülle kannte ich – nur hatte ich nie über die Physiologie dahinter nachgedacht. Und mein Körper befindet sich bei guter sexueller Erregung in einem völlig anderen Zustand als bei einer Penetration, während ich kaum erregt bin, die Schleimhaut wenig feucht und mein Beckenboden angespannt ist. Damit kam ich auf meinen Beckenboden. Ich hatte immer gedacht, den müsse man vor allem trainieren. Anspannen, halten, loslassen. Dass mein Problem vielleicht eher das Loslassen sein könnte, war mir nie gekommen. Wenn ich gestresst bin, ziehe ich die Schultern hoch und presse die Zähne zusammen. Warum sollte mein Beckenboden nicht ebenfalls reagieren? Ein gut funktionierender Beckenboden muss nicht nur anspannen, sondern auch loslassen können.
„Das bedeutet nicht, dass gute sexuelle Erregung vor einer wiederkehrende Blasenentzündung schützt.“ Dafür gibt es keine ausreichenden Daten. Aber die Gleichung „Sex = mechanischer Transport von Bakterien“ erschien mir plötzlich ziemlich unvollständig.
Was alle sagen – und was wir eigentlich gar nicht so genau wissen
Sich nicht auf kalte Steine zu setzen – diesen Rat lässt wahrscheinlich keine Großmutter aus, sobald ein Mädchen seine erste Blasenentzündung hatte. Später kommen die anderen Regeln dazu: von vorne nach hinten wischen, Baumwollunterwäsche, keine engen Hosen, nasse Badesachen wechseln, nach dem Sex zur Toilette, viel trinken und nachts am besten ohne Slip oder im lockeren Schlafanzug schlafen. Erstaunlicherweise gibt es für viele dieser Empfehlungen keine guten Studien, die zeigen, dass sie tatsächlich bakterielle Harnwegsinfekte verhindern. Das heißt nicht, dass sie unsinnig sind. Luftige Unterwäsche, wenig Feuchtigkeit und Reibung und der Verzicht auf aggressive Intimprodukte können für Vulvahaut und Schleimhäute sinnvoll sein. Nur ist „gut für Haut und lokales Milieu“ nicht automatisch dasselbe wie „verhindert nachweislich eine Blasenentzündung“. Auch das Wasserlassen nach dem Sex klingt plausibel und schadet nicht – überzeugend bewiesen als Schutz vor wiederkehrenden Harnwegsinfekten ist es nicht. Eine bessere Datenlage jedoch gibt es für zusätzliches Trinken bei Frauen, die bisher wenig Flüssigkeit zu sich nehmen. Daraus folgt aber nicht, dass Frauen, die ohnehin ausreichend trinken, ständig literweise Wasser in sich hineinzwingen müssen.
Dass wir bei einer wiederkehrende Blasenentzündung über viele dieser Alltagsfragen so wenig wissen, hat auch damit zu tun, was überhaupt erforscht wird. Frauengesundheit war in der medizinischen Forschung lange unterrepräsentiert. Und eine große Studie darüber, ob Frauen nachts mit oder ohne Unterhose schlafen sollten, ist nicht nur schwierig durchzuführen – es gibt auch wenig wirtschaftlichen Anreiz, sie zu finanzieren. Fehlende Studien sind deshalb nicht dasselbe wie der Beweis, dass etwas wirkungslos ist.
Für mich war aber noch eine andere Erkenntnis wichtig: Vielleicht war nicht jedes Brennen, das ich über die Jahre als „schon wieder Blasenentzündung“ bezeichnet hatte, tatsächlich eine bakterielle Infektion. Brennen, Harndrang und Druck können auch bei gereizten Schleimhäuten, hormonellen Veränderungen oder einem schlecht entspannenden Beckenboden auftreten. Deshalb ist bei wiederkehrenden Beschwerden die Frage wichtig: Was kehrt eigentlich wieder – ein nachgewiesener bakterieller Infekt oder das Gefühl einer Blasenentzündung? Vielleicht erklärt das auch, warum der Leidensdruck unterschätzt wird. Eine einzelne Blasenentzündung dauert einige Tage; wiederkehrende Beschwerden besetzen irgendwann auch die Zeit dazwischen: Sie fahren mit in den Urlaub, sitzen beim Sex mit im Bett und bestimmen plötzlich auch den Alltag.
Die wichtigste Veränderung war für mich deshalb, nicht mehr bei jedem Brennen sofort zu überlegen, was ich falsch gemacht hatte. Ich begann stattdessen, meinen Körper neugieriger wahrzunehmen. Genau mit dieser Wahrnehmung beschäftigt sich auch SexoCorporal: Sexualität nicht nur als etwas zu betrachten, das „stattfindet“, sondern wahrzunehmen, was dabei im eigenen Körper geschieht – mit Erregung, Atmung, Bewegung, Muskelspannung und Beckenboden. Wer sich mit diesem Ansatz näher beschäftigen möchte, findet bei Sexonanz (hier der [LINK] ) weitere Informationen.
Gerade beim Sex machte diese veränderte Wahrnehmung für mich einen Unterschied. Wie fühlt sich mein Beckenboden an? Bin ich angespannt oder kann ich loslassen? Bin ich wirklich erregt? Wird das Gewebe warm, weich und gut durchblutet oder findet Penetration statt, obwohl mein Körper eigentlich noch gar nicht so weit ist? Das ist keine Zauberformel gegen Harnwegsinfekte. Ob intensivere sexuelle Erregung mit besserer genitaler Durchblutung das Risiko bakterieller Infekte senkt, wissen wir nicht. – Aber sie verändert ziemlich sicher das sexuelle Erleben.
Mehr Wahrnehmung, Erregung und Lubrikation und ein Beckenboden, der loslassen kann, machen Sexualität angenehmer. Und wenn dabei Schleimhäute besser durchblutet und weniger mechanisch gereizt werden, darf man zumindest fragen, ob das langfristig auch für ihre Gesundheit günstig sein könnte.
Noch wichtiger finde ich etwas anderes: Wer den eigenen Körper besser wahrnimmt, merkt früher, wenn Penetration eigentlich zu früh kommt, der Beckenboden festhält oder die eigene Erregung noch gar nicht da ist. Diese Wahrnehmung verändert auch Partnersex. Denn wer spürt, was der eigene Körper braucht, kann dafür eher einstehen. Kann langsamer werden, eine Pause machen, mehr Zeit für Erregung einfordern oder auch sagen: So gerade nicht.
Das könnte sogar der schönste Nebeneffekt von mehr Körperwahrnehmung sein: nicht weniger Sexualität aus Angst vor der nächsten Blasenentzündung, sondern mehr Vertrauen in den eigenen Körper – und mehr Freiheit, Sexualität so zu gestalten, dass sie sich auch wirklich gut anfühlt.
Und um zum Bild zurückzukehren: Von der Passagierin zur Pilotin. Ran ans Steuer!
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
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Unter uns – Die Macht unserer Geheimnisse
Über einen Bandscheibenvorfall kann man problemlos erzählen. Über Krätze eher nicht. Scham und Geheimnisse gehören häufig zusammen. Manche Krankheiten und Beschwerden lassen sich erstaunlich leicht aussprechen.Andere bringen Menschen dazu, die Stimme zu senken, umständliche Umschreibungen zu verwenden oder einen Arztbesuch monatelang hinauszuschieben. Dazu gehören Krätze, Filzläuse und Genitalherpes. Aber auch Hämorrhoiden, Inkontinenz, Mundgeruch, unangenehmer Körpergeruch, Erektionsprobleme oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Manche Menschen verschweigen, dass sie sich ständig die Hände waschen müssen, heimlich trinken, nach dem Essen erbrechen oder ihren Pornografiekonsum nicht mehr kontrollieren können. Andere sprechen mit niemandem über Zwangsgedanken, Selbstverletzungen, Stimmenhören, Einsamkeit oder Gewalt in der Partnerschaft. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Denn Scham hält sich nicht an medizinische Fachgebiete.
Was man lieber für sich behält
Einige dieser Probleme jucken, riechen oder sind sichtbar. Andere betreffen Ausscheidungen, Sexualität oder den Verlust von Kontrolle. Wieder andere finden ausschließlich im Kopf statt. Medizinisch haben Krätze, Harninkontinenz und Zwangsgedanken wenig miteinander zu tun. Psychologisch können sie jedoch etwas Gemeinsames bewirken: Der betroffene Mensch fürchtet, sein Problem könne etwas Grundsätzliches über ihn verraten:
Bin ich unsauber? Unbeherrscht? Abstoßend? Schwach? Vielleicht sogar gefährlich?
Ein schmerzendes Knie lässt sich beim Abendessen leichter erwähnen als ein schmerzender Penis. Genitalwarzen, nächtliches Bettnässen oder die Flasche Wein, die inzwischen jeden Abend geleert wird, eignen sich dagegen weniger gut für ein unverfängliches Gespräch. Über all diese Dinge wird zwar gesprochen – allerdings bevorzugt über andere Menschen.
Selbst Goethe beschäftigte sich mit einem Problem, über das man bis heute nicht besonders gern spricht. In seinem 1810 entstandenen erotischen Gedicht „Das Tagebuch“ schildert er ungewöhnlich offen das vorübergehende sexuelle Versagen eines Mannes. Veröffentlicht wurde das als anstößig geltende Werk allerdings erst Jahrzehnte später. Offenbar waren Scham und Geheimnisse schon damals eng miteinander verbunden.
Aus einem Problem wird ein Geheimnis
Am Anfang steht häufig nur eine Beobachtung: Es juckt. Es riecht. Etwas sieht anders aus als früher. Urin geht verloren. Die Erektion bleibt aus. Ein Glas Alkohol reicht nicht mehr. Die Haustür muss erneut kontrolliert werden. Ein Gedanke taucht immer wieder auf, obwohl man ihn nicht denken möchte. Dann beginnt der Mensch, das Problem zu bewerten: Was sagt das über mich aus? Bei Krätze, Läusen oder Pilzerkrankungen entsteht schnell die Befürchtung, andere könnten mangelnde Körperpflege vermuten. Sexuell übertragbare Infektionen werden mit Vorstellungen über Treue und Sexualverhalten verbunden. Wer die Kontrolle über Blase oder Darm verliert, fühlt sich möglicherweise alt und hilflos. Bei einer Abhängigkeit steht nicht nur der Konsum infrage, sondern auch die eigene Willensstärke.
Besonders belastend können Gedanken sein, die den eigenen Werten widersprechen. Ein Mensch stellt sich vielleicht vor, jemanden zu verletzen, obwohl er das niemals tun möchte. Gerade weil ihn dieser Gedanke entsetzt, kommt er immer wieder. Dennoch fürchtet der Betroffene, schon der Gedanke könne beweisen, dass etwas Gefährliches in ihm steckt. So wird aus einem Problem ein Geheimnis.
Wie Scham und Geheimnisse an Macht gewinnen
Mit dem Geheimnis entsteht eine neue Aufgabe: Es muss bewacht werden. Man erfindet Erklärungen, vermeidet Nähe oder zieht sich zurück. Man geht nicht mehr ins Schwimmbad, achtet darauf, ob jemand etwas riechen oder sehen könnte, kauft Alkohol heimlich oder lässt Verpackungen unten im Mülleimer verschwinden. Auch Zwänge verlangen zunehmend mehr Raum. Was zunächst eine zusätzliche Kontrolle war, wird zu einem festen Ritual. Das Verbergen soll das Problem klein halten. Häufig geschieht das Gegenteil. Denn nun müssen nicht mehr nur die Beschwerden ausgehalten werden. Hinzu kommt die Angst vor Entdeckung: Was geschieht, wenn es jemand bemerkt? Wird man sich abwenden, angeekelt sein oder weitererzählen, was man erfahren hat?
Je größer diese Angst wird, desto beschämender erscheint das Geheimnis. Wenn man so viel Aufwand betreibt, um etwas zu verbergen, muss es sich schließlich um etwas wirklich Schlimmes handeln. Und je schlimmer es erscheint, desto notwendiger fühlt sich das Verheimlichen an.
Problem → Scham → Verheimlichen → Angst vor Entdeckung → noch mehr Scham → noch stärkeres Verheimlichen
Scham und Geheimnisse verstärken sich dabei gegenseitig. Je größer die Scham wird, desto wichtiger erscheint das Verheimlichen – und je länger etwas verborgen bleibt, desto beschämender wirkt es.
Das ursprüngliche Problem muss dabei nicht einmal schlimmer werden. Trotzdem nimmt seine Bedeutung zu. Ein Geheimnis gewinnt seine Macht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch die ständige Anstrengung, es geheim zu halten.
Der Augenblick des Aussprechens
Irgendwann wird das Leiden größer als die Scham. Der Juckreiz lässt niemanden schlafen, die Beziehung leidet, die Zwänge beanspruchen Stunden oder der Alkohol ist nicht mehr zu verbergen. Ein Arzttermin wird vereinbart. Doch auch im Sprechzimmer kann noch eine ganze Weile offenbleiben, worum es wirklich geht.
Der Patient erzählt zunächst von etwas anderem. Dann entsteht eine Pause. Vielleicht schaut er auf den Boden. Vielleicht beginnt er einen Satz, bricht ihn ab und fängt noch einmal an. Schließlich spricht er das Problem aus. Währenddessen beobachtet er jede Reaktion des Arztes oder der Ärztin. Heben sich die Augenbrauen? Entsteht ein Zögern? Verändert sich die Stimme? Zeigt sich Ekel, Überraschung oder Ablehnung?
Für den Patienten steht in diesem Augenblick oft mehr auf dem Spiel als die Mitteilung eines Symptoms. Er befürchtet, dass nun nicht mehr nur sein Problem gesehen wird, sondern dass ein Urteil über seine gesamte Person entsteht. Doch statt Ablehnung erlebt er Ruhe. Der Arzt hört zu. Er weicht nicht zurück und wird nicht hektisch. Er stellt sachliche Fragen: Seit wann besteht das Problem? Wie häufig tritt es auf? Welche Auswirkungen hat es auf den Alltag? Was für den Patienten ein belastendes Geheimnis war, wird für den Arzt zu einem Problem, das sich beschreiben und einordnen lässt.
Wenn Angst auf Ruhe trifft
Der Patient kommt nicht nur mit einem Symptom ins Sprechzimmer. Sein Körper ist möglicherweise längst in Alarmbereitschaft. Er sucht in jeder Regung des Arztes nach einem Hinweis darauf, dass seine Befürchtungen berechtigt waren. Doch seine Angst trifft auf einen ruhigen, regulierten Arzt. Sein Alarm wird nicht mit weiterem Alarm beantwortet.
Menschen regulieren ihre Gefühle nicht ausschließlich allein. Wir orientieren uns fortwährend an den Reaktionen anderer. Ein erschrockenes Gesicht kann unsere Angst verstärken. Eine ruhige Stimme, ein unaufgeregter Blick und ein Arzt, der zugewandt und handlungsfähig bleibt, können sie verringern. Diesen Vorgang bezeichnet man als Co-Regulation. Die Reaktion des Arztes vermittelt eine Botschaft, noch bevor er etwas ausdrücklich Beruhigendes gesagt hat:
Ich habe verstanden, was Sie mir erzählen. Es erschreckt mich nicht. Und wir können gemeinsam überlegen, was jetzt zu tun ist.
Die Scham verschwindet dadurch nicht unbedingt sofort. Aber der Patient macht eine neue Erfahrung: Das Befürchtete wurde ausgesprochen – und die erwartete Katastrophe ist nicht eingetreten. Wo Scham und Geheimnisse bisher für Rückzug gesorgt haben, entsteht nun ein gemeinsamer Blick auf das Problem.
Krätzmilben sind keine Folge eines schlechten Charakters. Ein Herpesvirus weiß nichts über Treue. Eine Blase trifft keine Entscheidung, Urin zu verlieren. Ein Zwangsgedanke ist weder eine Tat noch eine Absicht. Und eine Abhängigkeit verschwindet nicht dadurch, dass sich der betroffene Mensch nur noch ein wenig mehr zusammenreißt. Aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ wird: „Ich habe ein Problem.“
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich ist es ein großer. Ein vermeintliches persönliches Versagen lässt sich nur verbergen oder verurteilen. Ein Problem dagegen kann untersucht und behandelt werden.
Aussprechen → ruhige Reaktion → weniger Angst → weniger Scham → gemeinsames Handeln
Nicht für jedes Problem gibt es eine schnelle Lösung. Scham und Geheimnisse verlieren dadurch vielleicht nicht sofort ihre Macht, aber der Kreislauf ist unterbrochen. Manche Gespräche führen zu einer Salbe oder einer Tablette, andere sind der Beginn vieler weiterer Gespräche – persönlich oder in einer Online-Sprechstunde. Der Mensch verlässt das Sprechzimmer möglicherweise mit demselben Körper, derselben Vergangenheit und zunächst sogar mit denselben Beschwerden. Aber das, was er mitgebracht hat, besteht nicht mehr ausschließlich aus Leiden, Scham und Heimlichkeit.
Es befindet sich nun zwischen zwei Menschen. Man kann es betrachten, benennen und gemeinsam überlegen, was als Nächstes geschehen soll.
Das Problem ist noch da. Aber es ist kein Geheimnis mehr.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Die „Augele-Methode“
Oder: Woher wissen wir eigentlich, ob eine Behandlung wirkt?
Ein Pferd lahmt. Seine Besitzerin kühlt das Bein und trägt eine neue Salbe auf, die ihr im Stall empfohlen wurde. Auf der Dose stehen überzeugende Wörter wie „natürlich“, „bewährt“ und „mit wertvollen Pflanzenextrakten“. Am nächsten Morgen läuft das Pferd besser. „Diese Salbe ist fantastisch“, sagt die Besitzerin. „Schon nach einer Anwendung!“ – Vielleicht hat sie recht. Vielleicht wäre das Pferd am nächsten Morgen aber auch ohne die Salbe besser gelaufen. Mit einem Placebo scheint diese Geschichte zunächst nichts zu tun zu haben. Tatsächlich führt sie aber mitten in die Frage, warum eine Behandlung wirken kann – oder manchmal nur so aussieht, als würde sie wirken.
Genau hier beginnt das Problem medizinischer Erfahrung: Wir sehen, was nach einer Behandlung geschieht. Wir sehen nicht, was ohne sie geschehen wäre.
Es gibt zahlreiche Phänomene, die uns dabei in die Irre führen können, acht davon beschreibe ich hier heute:
1. Der Post-hoc-Fehlschluss
Die Salbe wurde aufgetragen, danach lief das Pferd besser. Also muss die Salbe geholfen haben. Dieser Schluss heißt post hoc ergo propter hoc: „danach, also deswegen“. Aber nicht alles, was vorher geschieht, verursacht das, was anschließend passiert. Wenn ich morgens rote Socken anziehe und später die Sonne scheint, habe ich noch keinen meteorologischen Durchbruch erzielt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wurde es nach der Behandlung besser? Sondern: Wurde es wegen der Behandlung besser?
2. Der natürliche Krankheitsverlauf
Viele Beschwerden verschwinden von selbst. Erkältungen klingen ab, kleine Verletzungen heilen und ein gereizter Magen beruhigt sich wieder. Ein sltes Sprichwort lautet: Mit Medikament war der Husetn nach 7 Tagen weg, ohne Medikamnet schon nach einer Woche. -Der Körper wartet schließlich nicht untätig darauf, dass jemand mit einer Salbe oder Tablette erscheint. So können ganz unterschiedliche Behandlungen erfolgreich wirken. Der eine schwört auf Ingwertee, die andere auf Vitamine und der Nächste auf ein altes Familienrezept. Allen ging es danach tatsächlich besser. Das beweist jedoch noch nicht, dass es ihnen deshalb besser ging.
3. Regression zur Mitte
Viele Beschwerden schwanken. Es gibt gute und schlechte Tage. Eine Behandlung beginnt meistens nicht an einem durchschnittlichen Tag, sondern dann, wenn der Schmerz besonders stark, der Blutdruck besonders hoch oder die Lahmheit besonders deutlich ist. Nach einem extrem schlechten Wert folgt jedoch häufig ein weniger extremer. In der Statistik nennt man das Regression zur Mitte.
Das ist ein bisschen wie bei einer ungewöhnlich schlechten Schulnote: Die nächste Arbeit fällt wahrscheinlich besser aus. Das muss nicht ausschließlich an der eindringlichen Ansprache der Eltern gelegen haben.
Wer eine Behandlung am Tiefpunkt beginnt, erlebt deshalb häufig kurz darauf eine Besserung – unabhängig davon, wie wirksam die Behandlung ist.
4. Placebo und Nocebo
Eine Behandlung besteht nicht nur aus ihrem Wirkstoff. Auch Erwartung, Erfahrung, Vertrauen und die therapeutische Beziehung wirken mit.
Erwartet ein Patient eine Besserung, können sich unter anderem Schmerzverarbeitung, Stressreaktionen und vegetative Funktionen verändern. Das ist der Placeboeffekt.
Es gibt aber auch den sog. Noceboeffekt. Da geschieht das Gegenteil: Negative Erwartungen können Beschwerden auslösen oder verstärken. Die Begriffe stammen aus dem Lateinischen: Placebo bedeutet „Ich werde gefallen“ oder sinngemäß „Ich werde guttun“, während Nocebo mit „Ich werde schaden“ übersetzt wird. Wer im Beipackzettel von Schwindel liest, steht anschließend vielleicht besonders vorsichtig auf, prüft bei jedem Schritt sein Gleichgewicht und entdeckt plötzlich ein leichtes Schwanken. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung. Vielleicht ein Noceboeffekt. Vielleicht ist er einfach zu schnell aufgestanden.
5. Der Bestätigungsfehler
Wir bemerken bevorzugt das, was zu unserer Überzeugung passt. Ist die Pferdebesitzerin von der Salbe überzeugt, erkennt sie jeden guten Schritt: „Schau, heute läuft es schon viel flüssiger!“ – Schlechte Schritte lassen sich dagegen leicht erklären: „Der Boden ist heute ungünstig.“ -„Die Behandlung braucht noch Zeit.“ -„Ohne die Salbe wäre es bestimmt schlimmer.“
Auch Ärzte sind davor nicht geschützt. Erfolgreiche Behandlungen bleiben gut im Gedächtnis. Die vielen Patienten, bei denen wenig geschah, sind deutlich weniger einprägsam.
6. Der Beobachtererwartungseffekt
Erwartungen beeinflussen nicht nur unsere Erinnerung, sondern bereits unsere Beobachtung. Wer weiß, dass ein Pferd behandelt wurde, beurteilt seinen Gang möglicherweise positiver als jemand, der nichts davon weiß.
Das gilt auch in anderen Bereichen, besonders für Aussagen wie: „Die Haut sieht ruhiger aus.“ -„Der Patient wirkt entspannter.“ -„Das Kind ist aufmerksamer.“ -„Das Pferd läuft freier.“
Deshalb werden medizinische Studien möglichst „verblindet“ durchgeführt: Weder die Patienten noch die Personen, die den Behandlungserfolg beurteilen, sollen wissen, wer das echte Medikament und wer ein wirkstofffreies Placebo erhält. So wird verhindert, dass Erwartungen die wahrgenommenen Beschwerden oder die Bewertung des Ergebnisses beeinflussen.
7. Selektions- und Survivorship Bias
Im Internet findet man für beinahe jede Behandlung begeisterte Erfahrungsberichte: „Nach jahrelangen Beschwerden war ich innerhalb von drei Tagen geheilt!“ – Sehr viel seltener liest man: „Ich habe das Präparat genommen, nichts bemerkt und später vergessen, dass ich es jemals gekauft hatte.“
Menschen mit außergewöhnlichen Erfahrungen berichten häufiger darüber. Dadurch sehen wir eine verzerrte Auswahl.
Stellen wir uns zehn Pferde vor, die ein neues Zusatzfutter erhalten. Bei acht verändert sich nichts. Zwei laufen kurze Zeit später besser. Deren Besitzer empfehlen das Produkt weiter und schreiben begeisterte Bewertungen.
Nach einigen Monaten sind überall zwei Erfolgsgeschichten zu lesen. Die acht Misserfolge sind unsichtbar geworden.
8. Die therapeutische Illusion
Auch Behandelnde möchten glauben, dass ihre Therapie geholfen hat. Wenn sich ein Patient nach einer Behandlung besser fühlt, freuen wir uns und schreiben die Besserung gern unserer Entscheidung zu. Dabei können natürlicher Verlauf, Regression zur Mitte, Placeboeffekt und unsere eigene Erwartung gleichzeitig mitgewirkt haben. Daraus entsteht die therapeutische Illusion: Wir überschätzen den Anteil unserer Behandlung am guten Verlauf.
Das bedeutet nicht, dass ärztliche Erfahrung wertlos wäre. Im Gegenteil: Erfahrung hilft, ungewöhnliche Verläufe zu erkennen, Risiken einzuschätzen und Studienergebnisse auf den einzelnen Menschen zu übertragen. Aber die persönliche Erfahrung sagt zunächst nur: Nach meiner Behandlung wurde es besser. -Eine gute Studie aber versucht herauszufinden: Wurde es durch meine Behandlung besser?
Dafür braucht sie Vergleichsgruppen, zufällige Zuteilung und möglichst eine Verblindung. So sollen die vielen kleinen Selbsttäuschungen ausgeschaltet werden, für die Patienten und Ärzte gleichermaßen anfällig sind.
Die Auflösung der „Augele-Methode“
Wenn es Ihnen am Tag nach meiner Behandlung hoffentlich viel besser geht, dürfen Sie mir das selbstverständlich schreiben. Ich werde mich mit Ihnen freuen.
Vielleicht war es das Medikament. Vielleicht meine ausgezeichnete ärztliche Betreuung. Vielleicht Ihr Immunsystem. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus mehreren Faktoren.
Falls es Ihnen schlechter geht, schreiben Sie mir bitte ebenfalls.
Und falls sich überhaupt nichts verändert hat, wäre diese Nachricht wissenschaftlich sogar besonders wertvoll. Denn genau diese Fälle verschwinden sonst gern aus unserer Erinnerung.
Die „Augele-Methode“ besteht deshalb nicht darin, aus jedem guten Verlauf den Beweis für meine therapeutische Genialität abzuleiten. Sie besteht darin, sich auch über einen Erfolg zu freuen und trotzdem die Frage zu stellen:
War ich das wirklich?
Das ist als Werbeslogan vermutlich ausbaufähig. Als Grundlage guter Medizin finde ich es jedoch gar nicht schlecht.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.