Igittigitt!
Vorbemerkung: Für die, die neu sind bei diesem Newsletter, und alle anderen regelmäßigen Leser: Heute wird es deftig – das ist nicht immer so, insofern bleiben Sie gerne dabei!
Der Mann vor Ihnen an der Supermarktkasse popelt in der Nase. Nicht lange, nur ganz kurz. – Er glaubt, niemand habe es gesehen. – Anschließend legt er denselben Finger auf das Kartenlesegerät. Sie sind als Nächster dran und legen Ihren Finger genau auf dieselbe Taste. – Auf dem Heimweg klingelt Ihr Handy. Sie nehmen den Anruf an. – Zu Hause schneiden Sie einen Apfel auf. – Eine Stunde später reiben Sie sich kurz das Auge. – Beim Hinausgehen drücken Sie noch einmal die Türklinke herunter. Wenig später macht Ihr Partner dieselbe Tür auf. Sie merken von all dem nichts. Aber vielleicht sind gerade einige Mikroorganismen aus der Nase eines völlig fremden Menschen mit Ihnen auf Reisen gegangen. – Willkommen in einer Welt, die Sie lieber nicht sehen möchten.
Dabei war diese Reise nichts Besonderes. Sie hat sich heute schon unzählige Male abgespielt – nicht nur bei Ihnen. Bakterien, Pilze und Viren brauchen dafür keine Fahrkarte. Unser Alltag ist ihr Verkehrsnetz. Und trotzdem werden wir nicht ständig krank.
Warum eigentlich?
Ekel ist schneller als unser Verstand
Wahrscheinlich haben Sie beim Lesen des Anfangs irgendwann gedacht: Igitt. Vielleicht sogar ihn gefühlt, bevor Sie bewusst darüber nachgedacht haben. – Genau das ist Ekel.
Ekel ist kein Gedanke. Er ist ein Gefühl. Gefühle funktionieren anders als unser Verstand – sie sind schneller. Unser Gesicht verzieht sich, wir gehen auf Abstand, manchmal wird uns sogar flau im Magen. Erst danach beginnt unser Verstand zu prüfen: War das wirklich so, wie es sich gerade angefühlt hat? -Gefühle fragen nicht nach Wahrscheinlichkeiten. Dafür sind sie nicht gemacht.
Unser Ekelgefühl ist uralt. Lange bevor Menschen wussten, dass es Bakterien oder Viren gibt, musste unser Gehirn entscheiden, wovon wir besser Abstand halten. Verdorbenes Fleisch, Verwesung, Kot oder eitrige Wunden waren häufig tatsächlich mit einem höheren Risiko verbunden. Ekel musste dieses Risiko nicht verstehen. Er musste nur dafür sorgen, dass wir Abstand hielten.
Warum Ekel und Verstand nicht immer zum gleichen Ergebnis kommen
Heute leben wir in einer anderen Welt. Unser Gehirn hat sich aber kaum verändert. Es reagiert noch immer auf Bilder, Gerüche und Erfahrungen – nicht auf Mikroorganismen. Die können wir weder sehen noch riechen.
Denken Sie mal ….. an einen …. Popel. In der eigenen Nase beschäftigt er uns kaum, am Finger empfinden ihn viele schon als unangenehm. Unter der Tischplatte eines Restaurants? Die meisten von uns möchten diese Tischplatte plötzlich lieber nicht mehr berühren. Biologisch hat sich erstaunlich wenig verändert. Entscheidend ist nicht nur, was wir sehen, sondern wo wir es sehen und von wem es stammt.
Ähnlich ist es mit Speichel. Der eigene Speichel beschäftigt uns kaum. Trinken wir versehentlich aus dem Glas eines Fremden, reicht der Gedanke daran oft schon aus, das Glas sofort wieder abzusetzen. Und nun denken Sie an einen Zungenkuss. Allein ihn in sich in dem Zusammenhang, in dem ich ihn jetzt nenne, als romantisch und schön vorzustellen, ist schon schwierig. Aber der „richtige Zusammenhang“ kann auch dies zum Positiven ändern.
Unser Ekel macht dabei genau das, wofür er entstanden ist. Er soll uns vorsichtig machen, nicht wissenschaftlich beurteilen, wie hoch das Risiko einer Infektion tatsächlich ist. Das übernimmt unser Verstand. Der Verstand fragt nämlich: Kann hier überhaupt etwas übertragen werden? Auf welchem Weg? Wie wahrscheinlich ist das?
Manchmal kommen Gefühl und Verstand zum gleichen Ergebnis. Manchmal nicht. Und wenn sie sich widersprechen, ist das Gefühl meist zuerst da.
Warum wir trotzdem nicht ständig krank werden
Wenn die Welt wirklich so gefährlich wäre, wie sie sich nach dem ersten Absatz angefühlt hat, müssten wir eigentlich dauernd krank sein. Sind wir aber nicht.
Unsere Haut ist weit mehr als eine Hülle. Sie bildet eine wirksame Barriere. Speichel enthält Stoffe, die Mikroorganismen unschädlich machen können. Schleimhäute fangen Eindringlinge ab, Flimmerhärchen transportieren sie wieder hinaus und die Magensäure zerstört vieles, was wir verschlucken. Gleichzeitig leben auf unserer Haut Milliarden eigener Mikroorganismen, die ihren Platz nicht freiwillig für Neuankömmlinge räumen. Unser Körper ist kein steriler Raum. Er ist ein gut geschütztes Ökosystem. Die allermeisten Begegnungen mit Mikroorganismen enden deshalb, bevor sie überhaupt eine Chance bekommen. Sie bleiben an der Haut hängen, trocknen aus, werden weggespült oder vom Immunsystem beseitigt – meist, ohne dass wir jemals etwas davon bemerken. Wir erinnern uns bevorzugt an den Infekt, an die entzündete Wunde oder an die Magen-Darm-Grippe. Was wir nie wahrnehmen, sind die unzähligen Male, in denen unser Körper dieselbe Geschichte beendet hat, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Was bedeutet das für Hygiene?
Heißt das, Hygiene sei unwichtig? – Ganz im Gegenteil. Aber gute Hygiene bedeutet nicht, jede Begegnung mit Mikroorganismen verhindern zu wollen. Das wäre unmöglich. Sie bedeutet zu verstehen, wann tatsächlich ein relevantes Risiko besteht. Nach dem Toilettengang Hände zu waschen, vor einer Wundversorgung oder beim Umgang mit rohem Geflügel ist sinnvoll. Ein Operationssaal folgt anderen Regeln als ein Waldspaziergang.
Unser Ekel muss das gar nicht zuverlässig unterscheiden können. Er sagt nur: Pass auf! Den Rest übernimmt – hoffentlich – unser Verstand.
Kann sich Ekel verändern?
Ja. Und das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis dieses Artikels. Ekel ist zwar ein uraltes Gefühl, aber er ist keineswegs starr. Unser Gehirn kann lernen, worauf sich dieses Gefühl richtet. Erfahrungen, Gewohnheiten und Beziehungen verändern, was wir als angenehm oder abstoßend empfinden. Ein kleines Kind verzieht vielleicht das Gesicht bei Oliven oder Kaffee. Viele Erwachsene genießen beides. In manchen Kulturen gelten Insekten als Delikatesse, während sie anderswo Ekel auslösen. Nicht die Biologie hat sich verändert, sondern die Bedeutung, die unser Gehirn und die Umgebung einer Situation gibt. Der Ekel schützt uns – und gleichzeitig kann er ein Leben lang dazulernen.
Die spannendste Geschichte dieses Artikels ist vermutlich gar nicht der Mann an der Supermarktkasse – sondern all das, was danach nicht passiert ist.
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Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.