Unter uns – Die Macht unserer Geheimnisse
Über einen Bandscheibenvorfall kann man problemlos erzählen. Über Krätze eher nicht. Scham und Geheimnisse gehören häufig zusammen. Manche Krankheiten und Beschwerden lassen sich erstaunlich leicht aussprechen.Andere bringen Menschen dazu, die Stimme zu senken, umständliche Umschreibungen zu verwenden oder einen Arztbesuch monatelang hinauszuschieben. Dazu gehören Krätze, Filzläuse und Genitalherpes. Aber auch Hämorrhoiden, Inkontinenz, Mundgeruch, unangenehmer Körpergeruch, Erektionsprobleme oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Manche Menschen verschweigen, dass sie sich ständig die Hände waschen müssen, heimlich trinken, nach dem Essen erbrechen oder ihren Pornografiekonsum nicht mehr kontrollieren können. Andere sprechen mit niemandem über Zwangsgedanken, Selbstverletzungen, Stimmenhören, Einsamkeit oder Gewalt in der Partnerschaft. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Denn Scham hält sich nicht an medizinische Fachgebiete.
Was man lieber für sich behält
Einige dieser Probleme jucken, riechen oder sind sichtbar. Andere betreffen Ausscheidungen, Sexualität oder den Verlust von Kontrolle. Wieder andere finden ausschließlich im Kopf statt. Medizinisch haben Krätze, Harninkontinenz und Zwangsgedanken wenig miteinander zu tun. Psychologisch können sie jedoch etwas Gemeinsames bewirken: Der betroffene Mensch fürchtet, sein Problem könne etwas Grundsätzliches über ihn verraten:
Bin ich unsauber? Unbeherrscht? Abstoßend? Schwach? Vielleicht sogar gefährlich?
Ein schmerzendes Knie lässt sich beim Abendessen leichter erwähnen als ein schmerzender Penis. Genitalwarzen, nächtliches Bettnässen oder die Flasche Wein, die inzwischen jeden Abend geleert wird, eignen sich dagegen weniger gut für ein unverfängliches Gespräch. Über all diese Dinge wird zwar gesprochen – allerdings bevorzugt über andere Menschen.
Selbst Goethe beschäftigte sich mit einem Problem, über das man bis heute nicht besonders gern spricht. In seinem 1810 entstandenen erotischen Gedicht „Das Tagebuch“ schildert er ungewöhnlich offen das vorübergehende sexuelle Versagen eines Mannes. Veröffentlicht wurde das als anstößig geltende Werk allerdings erst Jahrzehnte später. Offenbar waren Scham und Geheimnisse schon damals eng miteinander verbunden.
Aus einem Problem wird ein Geheimnis
Am Anfang steht häufig nur eine Beobachtung: Es juckt. Es riecht. Etwas sieht anders aus als früher. Urin geht verloren. Die Erektion bleibt aus. Ein Glas Alkohol reicht nicht mehr. Die Haustür muss erneut kontrolliert werden. Ein Gedanke taucht immer wieder auf, obwohl man ihn nicht denken möchte. Dann beginnt der Mensch, das Problem zu bewerten: Was sagt das über mich aus? Bei Krätze, Läusen oder Pilzerkrankungen entsteht schnell die Befürchtung, andere könnten mangelnde Körperpflege vermuten. Sexuell übertragbare Infektionen werden mit Vorstellungen über Treue und Sexualverhalten verbunden. Wer die Kontrolle über Blase oder Darm verliert, fühlt sich möglicherweise alt und hilflos. Bei einer Abhängigkeit steht nicht nur der Konsum infrage, sondern auch die eigene Willensstärke.
Besonders belastend können Gedanken sein, die den eigenen Werten widersprechen. Ein Mensch stellt sich vielleicht vor, jemanden zu verletzen, obwohl er das niemals tun möchte. Gerade weil ihn dieser Gedanke entsetzt, kommt er immer wieder. Dennoch fürchtet der Betroffene, schon der Gedanke könne beweisen, dass etwas Gefährliches in ihm steckt. So wird aus einem Problem ein Geheimnis.
Wie Scham und Geheimnisse an Macht gewinnen
Mit dem Geheimnis entsteht eine neue Aufgabe: Es muss bewacht werden. Man erfindet Erklärungen, vermeidet Nähe oder zieht sich zurück. Man geht nicht mehr ins Schwimmbad, achtet darauf, ob jemand etwas riechen oder sehen könnte, kauft Alkohol heimlich oder lässt Verpackungen unten im Mülleimer verschwinden. Auch Zwänge verlangen zunehmend mehr Raum. Was zunächst eine zusätzliche Kontrolle war, wird zu einem festen Ritual. Das Verbergen soll das Problem klein halten. Häufig geschieht das Gegenteil. Denn nun müssen nicht mehr nur die Beschwerden ausgehalten werden. Hinzu kommt die Angst vor Entdeckung: Was geschieht, wenn es jemand bemerkt? Wird man sich abwenden, angeekelt sein oder weitererzählen, was man erfahren hat?
Je größer diese Angst wird, desto beschämender erscheint das Geheimnis. Wenn man so viel Aufwand betreibt, um etwas zu verbergen, muss es sich schließlich um etwas wirklich Schlimmes handeln. Und je schlimmer es erscheint, desto notwendiger fühlt sich das Verheimlichen an.
Problem → Scham → Verheimlichen → Angst vor Entdeckung → noch mehr Scham → noch stärkeres Verheimlichen
Scham und Geheimnisse verstärken sich dabei gegenseitig. Je größer die Scham wird, desto wichtiger erscheint das Verheimlichen – und je länger etwas verborgen bleibt, desto beschämender wirkt es.
Das ursprüngliche Problem muss dabei nicht einmal schlimmer werden. Trotzdem nimmt seine Bedeutung zu. Ein Geheimnis gewinnt seine Macht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch die ständige Anstrengung, es geheim zu halten.
Der Augenblick des Aussprechens
Irgendwann wird das Leiden größer als die Scham. Der Juckreiz lässt niemanden schlafen, die Beziehung leidet, die Zwänge beanspruchen Stunden oder der Alkohol ist nicht mehr zu verbergen. Ein Arzttermin wird vereinbart. Doch auch im Sprechzimmer kann noch eine ganze Weile offenbleiben, worum es wirklich geht.
Der Patient erzählt zunächst von etwas anderem. Dann entsteht eine Pause. Vielleicht schaut er auf den Boden. Vielleicht beginnt er einen Satz, bricht ihn ab und fängt noch einmal an. Schließlich spricht er das Problem aus. Währenddessen beobachtet er jede Reaktion des Arztes oder der Ärztin. Heben sich die Augenbrauen? Entsteht ein Zögern? Verändert sich die Stimme? Zeigt sich Ekel, Überraschung oder Ablehnung?
Für den Patienten steht in diesem Augenblick oft mehr auf dem Spiel als die Mitteilung eines Symptoms. Er befürchtet, dass nun nicht mehr nur sein Problem gesehen wird, sondern dass ein Urteil über seine gesamte Person entsteht. Doch statt Ablehnung erlebt er Ruhe. Der Arzt hört zu. Er weicht nicht zurück und wird nicht hektisch. Er stellt sachliche Fragen: Seit wann besteht das Problem? Wie häufig tritt es auf? Welche Auswirkungen hat es auf den Alltag? Was für den Patienten ein belastendes Geheimnis war, wird für den Arzt zu einem Problem, das sich beschreiben und einordnen lässt.
Wenn Angst auf Ruhe trifft
Der Patient kommt nicht nur mit einem Symptom ins Sprechzimmer. Sein Körper ist möglicherweise längst in Alarmbereitschaft. Er sucht in jeder Regung des Arztes nach einem Hinweis darauf, dass seine Befürchtungen berechtigt waren. Doch seine Angst trifft auf einen ruhigen, regulierten Arzt. Sein Alarm wird nicht mit weiterem Alarm beantwortet.
Menschen regulieren ihre Gefühle nicht ausschließlich allein. Wir orientieren uns fortwährend an den Reaktionen anderer. Ein erschrockenes Gesicht kann unsere Angst verstärken. Eine ruhige Stimme, ein unaufgeregter Blick und ein Arzt, der zugewandt und handlungsfähig bleibt, können sie verringern. Diesen Vorgang bezeichnet man als Co-Regulation. Die Reaktion des Arztes vermittelt eine Botschaft, noch bevor er etwas ausdrücklich Beruhigendes gesagt hat:
Ich habe verstanden, was Sie mir erzählen. Es erschreckt mich nicht. Und wir können gemeinsam überlegen, was jetzt zu tun ist.
Die Scham verschwindet dadurch nicht unbedingt sofort. Aber der Patient macht eine neue Erfahrung: Das Befürchtete wurde ausgesprochen – und die erwartete Katastrophe ist nicht eingetreten. Wo Scham und Geheimnisse bisher für Rückzug gesorgt haben, entsteht nun ein gemeinsamer Blick auf das Problem.
Krätzmilben sind keine Folge eines schlechten Charakters. Ein Herpesvirus weiß nichts über Treue. Eine Blase trifft keine Entscheidung, Urin zu verlieren. Ein Zwangsgedanke ist weder eine Tat noch eine Absicht. Und eine Abhängigkeit verschwindet nicht dadurch, dass sich der betroffene Mensch nur noch ein wenig mehr zusammenreißt. Aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ wird: „Ich habe ein Problem.“
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich ist es ein großer. Ein vermeintliches persönliches Versagen lässt sich nur verbergen oder verurteilen. Ein Problem dagegen kann untersucht und behandelt werden.
Aussprechen → ruhige Reaktion → weniger Angst → weniger Scham → gemeinsames Handeln
Nicht für jedes Problem gibt es eine schnelle Lösung. Scham und Geheimnisse verlieren dadurch vielleicht nicht sofort ihre Macht, aber der Kreislauf ist unterbrochen. Manche Gespräche führen zu einer Salbe oder einer Tablette, andere sind der Beginn vieler weiterer Gespräche – persönlich oder in einer Online-Sprechstunde. Der Mensch verlässt das Sprechzimmer möglicherweise mit demselben Körper, derselben Vergangenheit und zunächst sogar mit denselben Beschwerden. Aber das, was er mitgebracht hat, besteht nicht mehr ausschließlich aus Leiden, Scham und Heimlichkeit.
Es befindet sich nun zwischen zwei Menschen. Man kann es betrachten, benennen und gemeinsam überlegen, was als Nächstes geschehen soll.
Das Problem ist noch da. Aber es ist kein Geheimnis mehr.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.