Hab Lust!
Erröte jetzt!
Bekomm jetzt Gänsehaut!
Schwitz jetzt!
Bekomm jetzt Herzklopfen!
Entspann dich sofort!
Schlaf jetzt ein!
Sei spontan!
Hab Lust!
Alle diese Aufforderungen haben etwas gemeinsam: Je mehr wir versuchen, sie direkt zu befolgen, desto schlechter funktionieren sie.
Das liegt nicht daran, dass wir uns ungeschickt anstellen, sondern daran, dass wir etwas beeinflussen wollen, das sich unserer direkten Kontrolle entzieht. Niemand entscheidet sich, jetzt zu erröten. Niemand beschließt einzuschlafen. Und jeder, der schon einmal nachts unbedingt schlafen wollte, weiß, dass genau dieser Wunsch das Einschlafen verhindern kann. – Warum glauben wir eigentlich, dass ausgerechnet die letzte Aufforderung funktionieren sollte?
Mit sexuelle Lust gehen wir oft so um, als wäre sie eine Entscheidung. Wenn sie ausbleibt, suchen wir den Fehler bei uns oder bei unserem Partner. Wir müssten uns eben mehr entspannen., mehr loslassen und/oder uns mehr Mühe geben. Aber aus medizinischer Sicht ist das ein Missverständnis.
Sexuelle Lust entsteht nicht in der Großhirnrinde
Wenn wir von unserem Gehirn sprechen, denken die meisten von uns an die Großhirnrinde. An den Teil, mit dem wir planen, analysieren, Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Sie hilft uns, diesen Artikel zu lesen oder den nächsten Urlaub zu organisieren. Für die körperlichen Vorgänge der sexuellen Erregung ist sie jedoch nicht die Schaltzentrale. Diese Aufgabe übernehmen andere, tiefer liegende Hirnzentren. Sie arbeiten eng mit dem vegetativen Nervensystem zusammen und reagieren auf die Informationen, die sie aus dem Körper und der Umgebung erhalten: Wie atmen wir? Wie angespannt sind unsere Muskeln? Wie fühlt sich eine Berührung an? Erlebt der Körper Sicherheit? Aus diesem Zusammenspiel entstehen die körperlichen Voraussetzungen für sexuelle Erregung. Wir versuchen also, ein Problem zu lösen – und wenden uns dabei automatisch an den Teil unseres Gehirns, von dem wir gelernt haben, daß er Probleme lösen kann: an die Großhirnrinde.
Jetzt entspann dich – Jetzt hab Lust -Jetzt lass los – Jetzt funktioniere….
Und die Großhirnrinde versteht diese Anweisungen sofort. Sie kann einen Entschluss fassen. Sie kann sich etwas wünschen. Sie kann zum Beispiel beschließen, heute Sex haben zu wollen. Sie kann aber nicht beschließen, dass sich die Geschlechtsorgane stärker durchbluten, dass der Penis eine Erektion bekommt oder dass die Scheide feucht wird.Viele Männer bekommen trotz des Wunsches nach Sex keine Erektion. Viele Frauen erleben, dass ihre Scheide trotz des Wunsches nach Sex nicht feucht wird. Beide wollen das u.U. sehr – aber der Körper antwortet nicht.
Sexuelle Lust ist kein Befehl
Das ist keine Frage des Willens und auch kein Beweis mangelnder Liebe oder mangelnder Anziehung. Es zeigt vor allem, dass die körperlichen Systeme, die sexuelle Erregung ermöglichen, nicht auf Befehle reagieren. Aber wenn das so ist, stellt sich eine viel interessantere Frage: Wie erreicht man diese Hirnzentren überhaupt? Wenn sie sich nicht durch Befehle ansprechen lassen, muss es einen anderen Weg geben. Einen Weg, der nicht über bewusste Kontrolle führt, sondern über die Signale, die der Körper ständig an das Gehirn sendet.
Sexuelle Lust braucht andere Voraussetzungen
Hier setzt der sexocorporelle Ansatz an. Er geht davon aus, dass sich diese unbewusst arbeitenden Regulationssysteme nicht durch Willensanstrengung beeinflussen lassen, sondern über die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Der Begriff dafür lautet Autozentrierung. Gemeint ist damit etwas ziemlich Einfaches: Die Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf das eigene körperliche Erleben. Auf den Atem. Auf die Temperatur der Haut. Auf den Kontakt des Körpers mit der Unterlage. Auf kleine Empfindungen, die wir normalerweise kaum beachten. Zunächst einmal nicht, um Lust zu erzeugen, sondern, um den Körper (wieder) wahrzunehmen. Dadurch verändern sich die Informationen, die die tieferen Hirnzentren aus dem Körper erhalten. Die Atmung wird freier, unnötige Muskelspannung kann nachlassen, Berührungen werden deutlicher wahrgenommen und das vegetative Nervensystem kann in einen Zustand wechseln, in dem sexuelle Erregung überhaupt erst entstehen kann.
Das Paradoxe daran ist: In dem Moment, in dem wir aufhören, Lust herstellen zu wollen, schaffen wir oft erstmals die Bedingungen, unter denen sie entstehen kann.
Die Entstehung sexueller Lust ist komplex. Sie beginnt im Gehirn und umfasst viele Vorgänge. Damit aus sexuellem Verlangen eine körperlich spürbare Erregung werden kann, müssen auch die Geschlechtsorgane stärker durchblutet werden. Ohne diese vegetativen Reaktionen gibt es weder eine Erektion noch das Feuchtwerden der Scheide – und damit keine körperlich wahrnehmbare sexuelle Erregung.
Sie sehen das Bild am Anfang dieses Artikels jetzt vielleicht mit anderen Augen. Der Finger auf dem Schalter steht für unseren Wunsch, Lust einschalten zu können. Der Körper hingegen funktioniert nach anderen Regeln. Ich hoffe, beim Lesen hat es Klick gemacht – und für den Rest brauchen Sie keinen Schalter!
Hat dieser Artikel Sie neugierig gemacht?
Auf der Website meines Mannes finden Sie weitere Informationen zum sexocorporellen Ansatz sowie zahlreiche Beiträge rund um Sexualität und Partnerschaft: www.sexonanz.ch
Bei Bedarf bieten wir auch gemeinsame Paargespräche zur Sexualität an. Dabei verbinden wir medizinische, psychologische und sexocorporelle Perspektiven.
Diesen Beitrag gibt es auch auf spanisch: Bitte hier klicken!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.