Durch Meditation müde?
„Bevor wir anfangen, machen wir erst einmal eine kurze Atemübung.“
Dieser Satz fällt heute erstaunlich häufig. In Fortbildungen, in Schulklassen, manchmal sogar zu Beginn von Meetings. Alle sollen kurz die Augen schließen, den Atem spüren, langsamer werden.
Auch an diesem Morgen sitzen etwa zwanzig Menschen im Raum. Eine Teilnehmerin kommt aufmerksam herein: wach, interessiert, neugierig auf das Thema des Tages. Sie ist kein unruhiger Mensch, nicht überdreht, nicht hektisch. Aber mit dem ganzen Achtsamkeitskram konnte sie noch nie viel anfangen. Bei Sätzen wie „Spüren Sie einmal in sich hinein“ oder „Nehmen Sie Ihren Atem einfach wertfrei wahr“ geht sie innerlich eher auf Abstand. Nicht trotzig. Eher, weil sie nie das Gefühl hatte, dass ihr das wirklich etwas gibt.
Trotzdem macht sie mit. Die Augen werden geschlossen, der Atem soll langsamer werden, die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen. Nach ein paar Minuten merkt sie etwas Merkwürdiges. Die anfängliche Wachheit verschwindet. Ihre Gedanken werden träger, die Energie sinkt. Die Konzentration, mit der sie gerade noch im Raum war, löst sich langsam auf. Statt ruhiger Präsenz entsteht ein anderes Gefühl: Müdigkeit. Ein leichtes Wegdriften. Ein Abstand zu dem, was eigentlich gerade passiert.
Als die Übung endet, fühlen sich viele Menschen entspannt. Sie dagegen fühlt sich seltsam leer – und weniger wach als vorher.
Warum Meditation müde machen kann
Dass Meditation müde machen kann, überrascht viele Menschen. Die geschilderten Erfahrungen sind gar nicht so selten. Und sie bedeuten nicht, dass jemand „Meditation nicht kann“. Vielleicht reagiert einfach das Nervensystem anders. Viele Achtsamkeits- und Meditationsübungen zielen darauf ab, Aktivität zu reduzieren: weniger äußere Reize, weniger Bewegung, mehr Aufmerksamkeit nach innen. Für Menschen, deren Nervensystem unter hoher Spannung steht, kann das tatsächlich beruhigend wirken. Aber nicht jedes Nervensystem ist übererregt. Manche Menschen kommen bereits in einem Zustand in den Raum, der eher Richtung Untererregung tendiert. Ihr System braucht zunächst Aktivierung, Orientierung im Raum, Bewegung oder Kontakt – nicht noch mehr Verlangsamung. Wenn sie dann still sitzen, die Augen schließen und den Atem verlangsamen sollen, kann das den Zustand weiter absenken. Statt Klarheit entsteht Müdigkeit, statt Präsenz ein Gefühl von Distanz.
Für solche Menschen ist es oft schwer, ein Umfeld zu erleben, das von Meditation und Achtsamkeit schwärmt, während sie selbst damit nichts anfangen können. Was anderen guttut, lässt sie eher müde, leer oder innerlich entfernt zurück – und nicht selten mit dem Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht.
Vielleicht stimmt aber etwas anderes: Vielleicht brauchen unterschiedliche Nervensysteme unterschiedliche Wege, um wieder in ihre Balance zu finden.
Ein Bild kann helfen, das zu verstehen. Stellen Sie sich einen Fisch in einem Fluss vor. Ganz nah am Ufer ist das Wasser oft langsam und verwirbelt. Kleine Strudel entstehen, das Wasser steht fast ein wenig. Ein Fisch kommt da kaum voran und muss ständig kleine Richtungswechsel ausgleichen. Weiter draußen, in der Mitte des Flusses, wird die Strömung stark und schnell. Das Wasser trägt kraftvoll, verlangt aber auch viel Energie. Die meisten Fische suchen sich deshalb einen Bereich dazwischen: eine Strömung, die stark genug ist, um sie zu tragen, aber ruhig genug, um sich mühelos darin zu bewegen. Dort schwimmen sie leicht, wach und beweglich.
Unser Nervensystem verhält sich gar nicht so anders. Manche Menschen brauchen zunächst Beruhigung, andere eher Aktivierung. Manche finden ihren Zugang zur inneren Balance in der Stille, andere eher in Bewegung, Rhythmus, Natur oder Begegnung. Ein Teil dieser Zusammenhänge wird auch in der sogenannten Polyvagal-Theorie beschrieben.
Genau deshalb erlebe ich in meiner Praxis in Selva, Mallorca, bei der Begleitung chronischer Erkrankungen mit Pferden immer wieder etwas Interessantes: Menschen, die über klassische Meditation oder stille Achtsamkeitsübungen kaum Zugang zu sich finden, kommen in der Begegnung mit einem Pferd oft plötzlich in eine ganz andere Form von Präsenz. Nicht, weil sie etwas „richtig machen“, sondern weil ihr Nervensystem auf etwas Reales antwortet: auf Bewegung, Resonanz, Klarheit, Körperlichkeit und unmittelbare Rückmeldung.
Ein Pferd verlangt keine perfekte Innenschau. Es reagiert auf das, was tatsächlich da ist – und genau darin kann die Erfahrung liegen, wieder den eigenen Platz in der Strömung zu finden.