Aus meiner Praxis
Erotik zwischen Nähe und Distanz
Über den Körper in der Sexualität
„Nähe ist die wunderbarste Täuschung der Liebe.“
— Unbekannt
Kaum ein Thema wird gleichzeitig so viel gezeigt, erklärt, bewertet und missverstanden wie Sexualität. Erstaunlicherweise widmen sich weder Medizin noch Psychotherapie der Sexualität wirklich als körperlich erlebtem menschlichen Geschehen.
In der Medizin wird Sexualität erstaunlich schnell zu Mechanik. Zu Hormonen, Gefäßen, Medikamenten, Funktionen und Funktionsstörungen. Dort wird gemessen, untersucht, behandelt und optimiert. Das ist manchmal wichtig und hilfreich. Aber lebendige Sexualität entsteht nicht zwischen Laborwerten. In der Psychotherapie wird Sexualität dagegen häufig zu Biografie, Bindung, Konflikt und Kommunikation. Auch das erklärt vieles. Aber oft verschwindet dabei der Körper selbst: Spannung, Rhythmus, Erregung und die unmittelbare Resonanz zwischen zwei Menschen.
Und dann gibt es noch die moderne Medienwelt. Wahrscheinlich war Sexualität noch nie gleichzeitig so sichtbar und so entkörperlicht wie heute. Überall perfekte Bilder, permanente Verfügbarkeit, Techniken, Inszenierungen, Optimierung. Menschen sehen ständig Sexualität — und verlieren dabei oft gerade das Gespür für Spannung, Resonanz und wirkliche körperliche Begegnung. Erotik zwischen Nähe und Distanz ist deshalb kein abstraktes Beziehungsthema, sondern etwas, das der Körper unmittelbar erlebt.
Interessanterweise verstehen Filme das oft besser. Die stärksten erotischen Szenen der Filmgeschichte bestehen erstaunlich häufig aus fast nichts. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman am Flughafen in Casablanca. Kein expliziter Sex, kaum Berührung — und trotzdem Spannung in jedem Blick. Oder zwei Menschen, die in Before Sunrise stundenlang gemeinsam durch Wien laufen, reden, lachen und Musik hören. Fast nichts passiert. Und gerade dadurch entsteht diese besondere Spannung zwischen ihnen.
Der Körper reagiert auf Nähe und Distanz
Der menschliche Körper reagiert erstaunlich sensibel auf Nähe und Distanz. Schon kleine Veränderungen verändern Muskeltonus, Atemfrequenz, Aufmerksamkeit und vegetative Spannung. Erotik entsteht deshalb oft nicht einfach durch möglichst viel Nähe. Sondern durch ein dynamisches Wechselspiel. Menschen nähern sich an, reagieren aufeinander, gehen minimal zurück, bauen Spannung auf, lösen sie wieder. Fast wie in Musik oder Tanz.
Wenn Beziehungen dagegen über lange Zeit fast ausschließlich auf Vertrautheit, Sicherheit und völlige Synchronisierung ausgerichtet sind, verändert sich häufig auch die körperliche Reaktion. Der andere wird weniger als Gegenüber wahrgenommen, auf das der eigene Körper spontan reagiert. Viele Paare kennen dieses Phänomen. Sie funktionieren hervorragend zusammen. Sie organisieren Alltag, Familie, Termine, Belastungen. Sie werden eng vertraut. Oft sehr liebevoll. Und trotzdem verändert sich etwas. Nicht unbedingt emotional. Sondern körperlich. Der Blick wird kürzer. Berührungen funktionaler. Spannung entsteht seltener spontan. Nicht weil die Beziehung schlecht geworden wäre. Sondern weil Erotik physiologisch häufig nicht aus völliger Verschmelzung entsteht, sondern aus Bewegung zwischen Nähe und Distanz.
Sexualität als körperlich erlebtes Geschehen
Erotik entsteht dabei nicht nur zwischen zwei Menschen. Sie beginnt auch in der Art, wie ein Mensch sich selbst körperlich erlebt. Im Sexocorporel — einem körperorientierten Ansatz der Sexualwissenschaft — hat mich besonders fasziniert, dass sexuelle Spannung dort nicht nur als Beziehungsthema verstanden wird, sondern auch als Fähigkeit, sich selbst überhaupt körperlich wahrnehmen, annehmen und als begehrenswert erleben zu können. Denn Nähe zum anderen kann als lebendiger Teil von Sexualität oft erst dann wirklich erlebt werden, wenn gleichzeitig auch die eigene Körperlichkeit erfahren wird.
Genau darin liegt auch mein Interesse als Ärztin an dieser Thematik. Mich interessiert weniger Perfektion oder Funktionieren, damit setzen sich viele andere zur Genüge auseinander. Mich beschäftigt die Frage, wodurch Menschen sich überhaupt lebendig, sinnlich und körperlich präsent fühlen — und wie sie daraus oft wieder mehr Spannung, Nähe und Lebendigkeit in Beziehungen entwickeln können. Denn all das ist tatsächlich, auf die eine oder andere Weise, ein sehr körperliches Thema.
Eine Serie über Körperlichkeit und Sexualität
In den nächsten Wochen und Monaten soll daraus eine kleine Serie entstehen. Über den Körper in der Sexualität. Über Spannung zwischen Menschen. Über Nähe und Distanz. Und über die Frage, wie Menschen ihre eigene körperliche Lebendigkeit erleben.
Das sind Themen, für die Menschen oft erstaunlich schwer Worte finden. Genau deshalb möchte ich mit dieser Serie einen Raum eröffnen, in dem über Körperlichkeit, Spannung, Nähe, Distanz und Sexualität überhaupt wieder gesprochen werden kann.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Blutdruck schwankt. Ist das normal?
12:36 Uhr. Terrasse. Schatten. Leichter Wind. Mittagsschlafmodus. Blutdruck 112/68.
Gefäße an Herz: Alles entspannt. Herz an Gefäße: Endlich!
12:41 Uhr. Fliege an Gesicht: Landung! Hand an Gesicht: wedeln! Blutdruck 118/72.
12:42 Uhr. Fliege an Gesicht: zweite Landung. Diesmal Stirn.
Großhirn an Geduld: stabil bleiben. Blutdruck 136/76.
12:43 Uhr. Die Fliege krabbelt langsam Richtung Auge.
Großhirn an Blutdruck: leicht steigen. Blutdruck 146/84.
12:43 Uhr. Die Hand schlägt versehentlich gegen die eigene Sonnenbrille. Die Sonnenbrille fällt zu Boden.
Großhirn an Kreislauf: jetzt reicht es! Blutdruck 154/88.
12:44 Uhr. Die Fliege kehrt zurück. Kreislauf an Großhirn: Mittagsschlaf können wir heute vermutlich vergessen.
13:18 Uhr. Telefon klingelt. Ohren an Großhirn: unbekannte Nummer.
Großhirn an Blutdruck: vorsichtshalber erhöhen. Blutdruck 151/88.
13:19 Uhr. Es ist nur die Apotheke. Gefäße an Herz: Alarm kann wieder runtergefahren werden.
15:07 Uhr. Supermarkt. Vier Personen an der Kasse. Eigentlich harmlos. 15:11 Uhr. Nur noch eine Person vor uns. Blutdruck 128/80.
15:12 Uhr. Die Person beginnt plötzlich, einen gesamten Monatseinkauf in Centstücken zu bezahlen. Großhirn an Blutdruck: steigen. Blutdruck 148/92.
15:13 Uhr. Kassensystem meldet Fehler. Kasse an Mitarbeiterin: „Bitte warten.“ Herz an Großhirn: Das gefällt mir überhaupt nicht! Blutdruck 158/94.
15:14 Uhr. Direkt hinter uns öffnet jemand eine Packung hartgekochter Eier und beginnt laut schmatzend zu essen. Großhirn an Appetit: sofort einstellen! Nackenmuskulatur an Schultern: anspannen! Blutdruck 166/96.
15:16 Uhr. Endlich bezahlt. Gefäße an Herz: langsame Entwarnung. Blutdruck 134/82.
17:42 Uhr. Sofa. Halbschlaf. Der Körper gerade wieder kurz vor vollständiger Entspannung. Blutdruck 114/70.
Katze oben auf dem Schrank entdeckt plötzlich etwas Hochinteressantes, das nur sie sehen kann. Katze leitet riskantes Manöver ein. Drei Sekunden später: Absprung direkt auf den Bauch. Blutdruck an Großhirn: SOFORT steigen!
Blutdruck 171/98.
20:53 Uhr. Handy vibriert. Nachricht: „Wir müssen reden.“ Großhirn an Blutdruck: maximal aufmerksam!
Blutdruck 176/104.
Großhirn an Fantasiezentrum: bitte sämtliche Katastrophenszenarien erzeugen.
20:55 Uhr. Zweite Nachricht: „…wegen der Kuchenbestellung für Samstag.“
Kreislauf an Großhirn: Das hätte man in eine einzige Nachricht schreiben können.
Warum der Blutdruck sich ständig verändert
Viele Menschen erschrecken über einzelne hohe Blutdruckwerte. Dabei reagiert der Kreislauf auf erstaunlich viele Dinge: Bewegung, Schmerz, Ärger, Schlafmangel, Hitze, Kälte, Kaffee, Angst, Konzentration, Lärm, schlechte Nachrichten oder eine Katze mit fragwürdigem Urteilsvermögen. Blutdruck ist keine starre Zahl. Der Körper verändert ihn permanent. Genau das soll er auch tun.
Was die beiden Blutdruckwerte eigentlich bedeuten
Der obere Wert entsteht in dem Moment, in dem das Herz Blut in die Arterien pumpt. Der untere Wert beschreibt den Druck zwischen zwei Herzschlägen, während das Herz sich erneut füllt. Dabei misst man nie nur das Herz allein. Entscheidend ist auch, wie weit oder eng die Gefäße gerade sind und wie elastisch ihre Wände reagieren. Im Grunde arbeitet der Kreislauf wie ein empfindliches biologisches Resonanzsystem. Kleine Veränderungen von Aufmerksamkeit oder Spannung reichen aus, damit sich Puls, Gefäßspannung und Blutdruck innerhalb von Sekunden verändern.
Wie die Blutdruckmessung überhaupt entstand
Dass man diesen Druck überhaupt messen kann, ist medizinisch noch gar nicht so alt. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci die aufblasbare Oberarmmanschette. Wenige Jahre später beschrieb der russische Arzt Nikolai Korotkow die typischen Strömungsgeräusche, die man mit dem Stethoskop hört. Daraus entstand die klassische Blutdruckmessung.
Trotzdem wird bis heute oft so getan, als könne eine einzelne Messung den „wahren“ Blutdruck eines Menschen zeigen. Der Körper sieht das meist deutlich komplizierter. Solche Schwankungen sind zunächst einmal normal. Problematisch wird Blutdruck vor allem dann, wenn er dauerhaft erhöht bleibt und der Körper keine echten Ruhephasen mehr erreicht.
Warum Bluthochdruck entsteht
Bluthochdruck entsteht außerdem nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise. Es gibt unterschiedliche Auslöser und oft greifen mehrere gleichzeitig ineinander. Eine Rolle spielen genetische Veranlagung, Alter und die zunehmende Steifigkeit der Gefäße. Auch Übergewicht, Bewegungsmangel, Schlafmangel, chronischer Stress, Schmerzen, Alkohol, Nikotin oder bestimmte Medikamente können den Blutdruck erhöhen. Bei manchen Menschen liegt zusätzlich eine hormonelle oder organische Ursache vor — etwa Erkrankungen der Nieren, der Schilddrüse oder der Nebennieren.
Und selbst dann reagiert nicht jeder Körper gleich. Manche Menschen entwickeln schon unter geringer Daueranspannung erhöhte Werte, andere scheinen jahrzehntelang erstaunlich stabil zu bleiben. Wie genau aus einem ständig reagierenden Kreislauf schließlich ein chronisch hoher Blutdruck wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt allerdings einige recht plausible Vorstellungen dazu.
Wie Stress das Blutdrucksystem verändern kann
Eine wichtige Rolle spielt vermutlich das vegetative Nervensystem. Der Körper besitzt Drucksensoren in den großen Halsarterien und der Aorta — sogenannte Barorezeptoren. Sie messen ständig, wie stark die Gefäßwand gedehnt wird, und melden dem Gehirn: Druck zu hoch oder Druck zu niedrig. Unter dauerhaftem Stress, chronischer Anspannung, Schlafmangel oder ständiger Aktivierung des sympathischen Nervensystems scheint sich dieses System langsam zu verändern. Die Gefäße bleiben enger, die Gefäßwände werden steifer und das Gehirn gewöhnt sich gewissermaßen an höhere Druckwerte. In der Forschung spricht man teilweise von einem „Resetting“ des Baroreflexes — der Körper beginnt, erhöhte Werte zunehmend als normal zu akzeptieren. Man könnte sagen: Aus einer sinnvollen kurzfristigen Alarmreaktion entsteht irgendwann ein Dauerzustand. Auch die Gefäße selbst verändern sich offenbar unter dauerhaft erhöhtem Druck. Sie verlieren Elastizität, reagieren stärker auf Stresshormone und erhöhen dadurch wiederum den Widerstand im Kreislauf. Ein System, das ursprünglich flexibel reagieren sollte, wird langsam starrer. Interessanterweise scheint der Körper dabei nicht einfach „außer Kontrolle“ zu geraten. Vielmehr reguliert er weiterhin — nur um einen verschobenen Normalwert herum.
Warum eine 24-Stunden-Blutdruckmessung oft aussagekräftiger ist
Daher wird ein Bluthochdruck lange nicht bemerkt oder erkannt. Viele Menschen fühlen sich völlig gesund. Der Kreislauf arbeitet weiter. Nur eben dauerhaft unter höherer Spannung. Ein Blutdruckwert ist deshalb nie nur eine Zahl. Er erzählt immer auch ein kleines Stück Alltag mit und eine 24-Stunden-Messung manchmal deutlich mehr über einen Menschen als eine einzelne Minute in einer Arztpraxis. Das kleine Gerät misst tagsüber und nachts automatisch immer wieder den Blutdruck und zeigt dadurch nicht nur einzelne Momentaufnahmen, sondern den gesamten Rhythmus des Kreislaufs. Gerade nachts wird das interessant. Normalerweise sinkt der Blutdruck im Schlaf deutlich ab. Tut er das nicht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass der Körper dauerhaft unter Spannung bleibt — selbst wenn einzelne Tageswerte noch unauffällig erscheinen.
Diese Untersuchung ist allerdings nicht sehr beliebt. Die Manschette pumpt sich auch nachts regelmäßig auf, viele Menschen schlafen schlechter und manche entwickeln spätestens gegen drei Uhr morgens eine gewisse persönliche Feindschaft zu dem Gerät. Die Aussagekraft ist trotzdem hoch — sowohl bei der Diagnose eines möglichen Bluthochdrucks als auch bei der Einstellung von Medikamenten oder der Kontrolle einer Therapie.
Oft zeigt sich erst über 24 Stunden, ob der Blutdruck wirklich dauerhaft erhöht ist oder nur in bestimmten Situationen entgleist. Manchmal sieht man dabei, dass ein Kreislauf tagsüber erstaunlich tapfer funktioniert, nachts aber nie wirklich zur Ruhe kommt.
Blutdruck ist nicht nur eine Zahl auf einem Messgerät. Er reagiert auf Alltag, Aufmerksamkeit, Stress, Schlaf, Gedanken, Geräusche, Schmerzen und Situationen. Der Kreislauf führt gewissermaßen sein eigenes Protokoll darüber, wie der Körper gerade mit der Welt zurechtkommt.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Der Gletscher kommt so nicht zurück
Heute ging es in einem Gespräch um einen Gletscher. Um etwas, das über lange Zeit einfach da war: massiv, verlässlich, selbstverständlich. Und dann wird er dünner, rissiger, zieht sich zurück. Irgendwann steht man davor und merkt, dass etwas fehlt. Der Gletscher schmilzt, er verändert sich, und irgendwann ist er weg.
An dieser Stelle gerät unser gewohntes Denken ins Stocken. Wir sind es gewohnt, Veränderungen als Probleme zu lesen, als Abweichungen, die man korrigieren kann, regulieren, ordnen, wieder ins Gleichgewicht bringen – dahinter steht immer dieselbe Annahme: Es gibt einen Zustand, der richtig ist, und zu dem man zurück kann.
Beim Gletscher funktioniert das nicht. Und trotzdem bleibt dieser Reflex.
Die Menopause Veränderung ist ein Moment, in dem genau diese Grenze sichtbar wird. Etwas verändert sich, nicht vorübergehend und nicht punktuell, sondern in einer Tiefe, die sich nicht wieder in einen früheren Zustand überführen lässt. Und fast automatisch beginnt die Suche nach Korrektur. Schlaf verbessern, Hitzewallungen reduzieren, wieder funktionieren wie vorher. Das ist nachvollziehbar und oft sinnvoll, bleibt aber in einem Denken, das die Vergangenheit zum Maßstab macht. Hormone, medizinische Begleitung oder Veränderungen des Lebensstils können vieles erleichtern. Sie verändern aber nicht die Richtung dieser Veränderung. Genau das ist mein Thema heute.
In meiner Arbeit als Hausärztin begegnet mir die Menopause Veränderung oft in genau diesem Moment: wenn Frauen merken, dass der Versuch, wieder „wie früher“ zu werden, nicht mehr richtig greift. Die Veränderung lässt sich anders lesen, wenn man den Blick verschiebt und nicht zuerst fragt, was fehlt, sondern was sich verändert. Beim Gletscher bleibt die Landschaft nicht einfach leer zurück. Linien verschwinden, Konturen verändern sich, Wege werden anders. Orientierung, die früher selbstverständlich war, funktioniert nicht mehr auf die gleiche Weise. Und gleichzeitig ist da ein leiser Abschied, weil man weiß, dass man ihn so, wie er einmal war, im eigenen Leben nicht mehr sehen wird.
Und daneben entsteht fast automatisch das Bedürfnis, nach Ursachen zu suchen. Ein sehr menschlicher Reflex. Sobald etwas verschwindet, verändert oder unwiederbringlich wird, beginnt die Suche nach Erklärungen, Verantwortung und Möglichkeiten, es doch noch aufzuhalten.
Menopause Veränderung und der Abschied vom Früher
In der Menopause Veränderung zeigt sich eine ähnliche Verschiebung. Etwas nimmt ab, gleichzeitig entsteht etwas, das sich nicht eindeutig benennen lässt. Vertrautes reagiert anders, Gewohntes trägt nicht mehr auf die gleiche Weise. Es passt nicht mehr in die alte Ordnung. Und wie beim Gletscher mischt sich auch hier eine Form von Abschied hinein, weil etwas endet, das über lange Zeit selbstverständlich zum eigenen Leben gehörte: die fruchtbaren Jahre. Gleichzeitig verändert sich oft auch der Blick auf den eigenen Körper. Schönheit, Weiblichkeit und Attraktivität lösen sich aus der Selbstverständlichkeit der Jugend und werden bewusster, freier, manchmal auch unabhängiger vom Blick anderer. Für manche Frauen beginnt zum ersten Mal ein wohlwollenderer Umgang mit dem eigenen Körper. Gleichzeitig entsteht manchmal ein anderer Blick auf die eigene Geschichte mit dem Körper. Auf vieles, das lange selbstverständlich getragen, ausgehalten oder kompensiert wurde. Rund um die Menopause richtet sich dieser Reflex schnell gegen den eigenen Körper. Gegen Alterung, Veränderungen oder den Verlust von Selbstverständlichkeiten. Verstärkt wird das noch durch viele Angebote, Versprechen und Vorstellungen davon, wie ein Körper funktionieren oder altern sollte. Dabei ist diese Veränderung zunächst einmal nichts anderes als Natur.
Und damit bleibt eine Frage stehen, die sich nicht so schnell beruhigen lässt. Was genau verändert sich hier eigentlich – und was davon wird so schnell als etwas gelesen, das wieder zurückgeführt werden muss?
Was würde sichtbar werden, wenn man diesen Impuls einen Moment aussetzt und nicht sofort versucht, die alte Form wiederherzustellen? Was würde sich zeigen, wenn man nicht zuerst nach Korrektur sucht, sondern genauer hinschaut, was sich verschiebt?
Wenn man noch einmal auf den Gletscher schaut, wird klar, dass Kälte, Schnee und Zeit, die ihn geformt haben, so nicht bleiben werden. Und doch verschwindet damit nicht einfach alles. Natur kennt keine Leere. Sie verändert ihre Formen, bringt andere Zusammenhänge hervor, die man in dem Moment, in dem etwas verschwindet, noch gar nicht sehen kann. (Siehe auch „ökologische Sukzession“)
Das ist eine merkwürdig beruhigende Vorstellung. Ungewohnt optimistisch. Ein erster Schritt? Own your age!
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Depression ohne Traurigkeit – wenn der Körper die Sprache übernimmt
Manchmal ist alles schwer
Depression ohne Traurigkeit zeigt sich häufig nicht über Stimmung, sondern über körperliche Symptome wie Erschöpfung, Schlafstörungen oder Schmerzen. Gerade diese Form wird oft spät erkannt.
Wenn von Depression die Rede ist, denken die meisten an ein vertrautes Bild: gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Rückzug, weniger Antrieb. Dieses Bild gibt es, und es ist richtig. Es gibt Verläufe, in denen genau diese typischen Symptome im Vordergrund stehen. Es gibt aber auch gar nicht selten Verläufe, in denen eine Depression sich zunächst körperlich zeigt und erst später, oder gar nicht eindeutig, als solche erkennbar wird. Solche Konstellationen begegnen mir in der hausärztlichen Praxis.
Diese Depression ohne Traurigkeit beginnt häufig nicht mit einer Stimmung, sondern mit körperlichen Symptomen.In der Sprechstunde steht in diesen Fällen häufig ein einzelnes Symptom im Mittelpunkt, zum Beispiel Rückenschmerzen, Schwindel, Druck im Brustkorb, Erschöpfung. Es ist selten so, dass jemand mit einem Gesamtbild kommt. Meist beginnt es klar und körperlich, oft schon über Wochen und Monate hinweg. Dieses eine Symptom bekommt zunächst die ganze Aufmerksamkeit. Erst im weiteren Nachfragen verschiebt sich das Bild. Der Schlaf ist schon länger schlecht, ohne dass er zunächst damit in Verbindung gebracht wird. Morgens fühlt sich der Körper nicht erholt an. Die Energie reicht nicht mehr durch den Tag. Die Konzentration lässt nach. Bewegung wird weniger, weil sie sich nicht mehr gut anfühlt. Der Appetit verändert sich. Rückzug findet statt, wird aber selten als solcher benannt, sondern zeigt sich indirekt im Alltag.
Die Alltagssprache beschreibt diesen Zustand oft erstaunlich genau, ohne ihn medizinisch zu benennen. Menschen sagen, sie „fühlen sich ausgelaugt, leer oder wie ausgebrannt“, sie sprechen davon, dass sie sich „durch den Tag schleppen“ oder „sich nicht mehr aufraffen können“. Manche beschreiben „ein Gefühl von innerer Schwere, als wäre alles zäh geworden“, andere sagen, sie „stehen neben sich“ oder „funktionieren nur noch“. Diese Formulierungen zeigen sehr klar, dass hier nicht nur Gedanken betroffen sind, sondern der ganze Körper.
Auch in der Literatur taucht dieser Zustand auf. Rilke beschreibt einen Blick, der „so müd geworden“ ist, dass er nichts mehr hält. (aus: Der Panther). Es ist kein dramatischer Zusammenbruch, sondern ein langsames Nachlassen von Spannung und Verbindung – etwas, das sich oft zuerst im Körper zeigt. Bei Baudelaire klingt es ähnlich, nur direkter: „reich, aber machtlos, jung und doch sehr alt“ (aus: Spleen) Und manchmal reicht ein Satz wie bei Mascha Kaléko: „Manchmal ist alles schwer.“ Diese Beschreibungen wirken deshalb so treffend, weil sie nicht erklären, sondern zeigen, wie sich ein Zustand im Körper anfühlt.
Der klassische Gang der Dinge folgt dann einer klaren Logik: Das führende Symptom wird gründlich abgeklärt. Beim Rückenschmerz geht es in Richtung Orthopädie und Bildgebung, beim Schwindel in Richtung HNO oder Neurologie, beim Druck im Brustkorb zum Kardiologen, bei Erschöpfung werden Blutwerte bestimmt. Das ist sinnvoll und notwendig, weil ernsthafte körperliche Ursachen ausgeschlossen werden müssen. Gleichzeitig bleibt der Blick eng, solange jedes Symptom für sich betrachtet wird.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der die Einordnung erschwert: Eine körperliche Diagnose lässt sich leichter annehmen als eine Depression. Eine konkrete Ursache, die sich im Bild zeigen oder im Laborwert ablesen lässt, wirkt greifbar und entlastend, weil sie eine klare Richtung vorgibt – oft verbunden mit einer Behandlung, die man aktiv „machen“ kann. Eine Depression dagegen bleibt unschärfer, weniger sichtbar, und sie trägt bis heute die Vorstellung mit sich, dass man selbst dafür verantwortlich sein könnte oder sich „zusammenreißen“ müsste. Diese implizite Zuschreibung führt dazu, dass viele Patientinnen und Patienten zunächst im Körperlichen bleiben. Im Verlauf zeigt sich aber häufig ein wiederkehrendes Muster, das sich nicht auf ein einzelnes Organ zurückführen lässt.
Ärztinnen und Ärzte, die in solchen Situationen eine Depression in Betracht ziehen und entsprechende Fragen stellen, betreten ein Feld, das nicht immer anschlussfähig ist. Fragen nach Schlaf, Erschöpfung oder innerer Belastung wirken für viele Patientinnen und Patienten ungewohnt, manchmal auch irritierend oder unangenehm, besonders dann, wenn sie sich stark über ihr Funktionieren definieren.
Wenn man diese Verläufe weiter verfolgt, treten häufig zwei Dinge in den Vordergrund: eine anhaltend fehlende Energie und eine Veränderung der Schmerzverarbeitung. Die fehlende Energie ist nicht einfach Müdigkeit. Der Körper kommt morgens nicht in Gang, obwohl ausreichend Zeit im Bett verbracht wurde, und auch über den Tag entsteht keine stabile Belastbarkeit. Pausen bringen keine echte Erholung, und selbst kleine Anforderungen wirken unverhältnismäßig anstrengend. Parallel dazu verändern sich Schmerzen. Sie bleiben bestehen, obwohl keine klare strukturelle Ursache greifbar ist, oder sie verändern ihren Charakter, werden diffuser, weniger lokalisierbar, manchmal auch intensiver. Das Nervensystem reagiert empfindlicher, die Schwelle, ab der etwas als schmerzhaft wahrgenommen wird, sinkt.
Beides hängt eng mit der Regulation von Botenstoffen zusammen, unter anderem mit dem Serotonin-Stoffwechsel. Serotonin wirkt nicht nur auf die Stimmung, sondern spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Schlaf, Energie, Schmerzverarbeitung und vegetativen Funktionen. Wenn diese Regulation aus dem Gleichgewicht gerät, betrifft das den gesamten Körper, nicht nur das Erleben.
Ein kurzer Blick auf einen typischen Verlauf aus der Praxis:
Ein Patient kommt über Monate hinweg wegen Rückenschmerzen, ohne dass sich eine klare strukturelle Ursache findet, Physiotherapie bringt vorübergehend Erleichterung, Schmerzmittel ebenfalls, aber nichts hält. Im Gespräch zeigt sich nach und nach, dass der Schlaf nicht mehr erholsam ist, dass die morgendliche Erschöpfung zugenommen hat, dass Bewegung reduziert wurde und die Belastbarkeit insgesamt nachlässt. Der Rücken steht im Vordergrund, doch im Hintergrund läuft eine Schleife aus erhöhter Muskelspannung, fehlender Erholung, abgesenkter Schmerzschwelle und zunehmender Schonung, die den Schmerz weiter verstärkt. Depression ohne Traurigkeit wird in solchen Verläufen häufig übersehen, weil sie nicht dem klassischen Bild entspricht.
Solche Verläufe sind kein Randphänomen, sondern ein wiederkehrendes Muster, bei dem der Körper die Sprache übernimmt, lange bevor eine klare Einordnung erfolgt. Depression ist in diesem Zusammenhang kein reines „Gefühl“, sondern ein Zustand, der sich über Energie, Schmerzverarbeitung, Schlaf und Belastbarkeit ausdrückt, ohne dass Traurigkeit im Vordergrund stehen muss. Viele funktionieren weiter, halten Termine ein, wirken strukturiert und verlässlich, während der Körper längst signalisiert, dass er aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Nicht alles ist Depression, doch vieles, was ausschließlich körperlich erscheint und sich über längere Zeit nicht einordnen lässt, gehört näher dorthin, als man zunächst annimmt.
In einem der nächsten Newsletter wird es darum gehen, warum Depressionen in den letzten Jahren scheinbar so stark zugenommen haben.
Mehr zu meiner Arbeitsweise und den Leistungen in der hausärztlichen Versorgung finden Sie hier: Schwerpunkt Chronische Erkrankungen
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Vertrauen und Misstrauen: Wie Zweifel entstehen und sich verstärken
Vertrauen und Misstrauen prägen heute viele gesellschaftliche Bereiche – von Politik über Medien bis zur Medizin. Dabei geht es weniger um einen generellen Vertrauensverlust als um veränderte Bedingungen, unter denen Zweifel entstehen und sich verstärken.
Vertrauen und Misstrauen ist eine interessantes Spannungsfeld unserer Zeit. Politik, Medien, Medizin, Institutionen – überall scheint das Zutrauen zu bröckeln. Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick, denn so eindeutig ist die Lage nicht.
Es gibt bislang keinen klaren Beleg dafür, dass Menschen grundsätzlich misstrauischer geworden sind. Was sich verändert hat, ist das hier: Misstrauen bleibt heute nicht mehr vereinzelt. Es findet Anschluss. Es vernetzt sich. Und genau dadurch bekommt es eine neue Stärke. Früher konnte jemand zweifeln, ohne dass daraus sofort eine stabile Gegenposition entstand. Heute genügt ein Impuls, und man trifft auf andere, die ähnlich denken. Aus einzelnen Zweifeln entsteht so schnell eine gemeinsame Haltung. Misstrauen wird nicht nur geäußert, sondern geteilt, bestätigt und weitergetragen.
Das verschiebt auch den Blick auf das, was oft als „Vertrauensverlust“ beschrieben wird. Dieser beginnt meist nicht mit offenem Misstrauen. Häufig entsteht zuerst ein Zwischenzustand: Man vertraut nicht mehr selbstverständlich, fühlt sich aber auch nicht sicher genug, um klar zu widersprechen. Man beginnt, mehr zu prüfen, mehr zu vergleichen, mehr zu lesen – und stellt dabei fest, dass die Orientierung eher schwieriger und anstrengender als einfacher wird.
Gerade dieser Unterschied ist entscheidend. Vertrauenverlust bedeutet, dass die selbstverständliche positive Erwartung verloren geht. Misstrauen dagegen ist bereits eine feste Haltung. Zwischen beidem liegt ein Zustand, der viel Energie kostet, weil er dauernde Wachsamkeit verlangt, ohne wirklich Sicherheit zu geben.
Um zu verstehen, warum sich aus diesem Zustand so leicht stabiles Misstrauen entwickeln kann, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, wie unterschiedlich Vertrauen und Misstrauen funktionieren:
Misstrauen ist in sich erstaunlich stabil. Es braucht keine Bestätigung durch die Realität, um bestehen zu bleiben. Wenn etwas gut läuft, kann man es jederzeit relativieren. Vertrauen dagegen ist empfindlicher. Es basiert auf einer positiven Erwartung, die enttäuscht werden kann. Ein einzelner Bruch reicht oft aus, um es ins Wanken zu bringen. Misstrauen verbindet außerdem sehr schnell. Es genügt, dass Menschen etwas ablehnen oder infrage stellen. Vertrauen entsteht langsamer. Es braucht wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, von Korrektur, von Nachvollziehbarkeit. Es lässt sich nicht einfach durch Zustimmung herstellen. Hinzu kommt, dass Misstrauen einfacher funktioniert. Es bietet klare, oft sehr eingängige Erklärungen. Vertrauen ist komplexer. Es muss Widersprüche aushalten, Fehler integrieren und dennoch tragfähig bleiben. Digitale Räume verstärken diese Unterschiede. Zuspitzung, Emotion und Konflikt werden sichtbar und verbreitet. Misstrauen liefert genau das. Vertrauen dagegen bleibt häufig unspektakulär und wird weniger wahrgenommen. Und schließlich bleibt Vertrauen oft unsichtbar. Wenn etwas funktioniert, fällt es kaum auf. Misstrauen entsteht dagegen häufig an den Stellen, an denen etwas schiefgeht – und genau diese Momente prägen die Wahrnehmung stärker.
Gerade im Umgang mit Wissen wird diese Dynamik besonders deutlich. Es klingt zunächst überzeugend zu sagen, man wolle sich selbst ein Bild machen und alles überprüfen. In vielen Bereichen ist das jedoch praktisch nicht leistbar. Deshalb gibt es Wissenschaft – nicht als Sammlung einzelner Meinungen, sondern als System organisierter Kontrolle. Ergebnisse werden überprüft, Studien kritisiert, Methoden hinterfragt. Erkenntnisse entstehen nicht dadurch, dass jemand überzeugt ist, sondern dadurch, dass sie einer wiederholten Prüfung standhalten.
Genau diese Form von strukturierter Entscheidungsfindung spielt auch in der medizinischen Praxis eine zentrale Rolle. Dem gegenüber steht die persönliche Erfahrung. Sie ist unmittelbar, eindrücklich und oft sehr überzeugend. Genau darin liegt aber auch ihre Grenze. Eine einzelne Erfahrung kann vieles sein: ein Zufall, eine Ausnahme oder eine falsche Zuordnung von Ursache und Wirkung. Sie fühlt sich eindeutig an, ist aber nicht automatisch verlässlich.
Ein einfaches medizinisches Beispiel macht das deutlich. Eine Patientin berichtet, dass sie nach Einnahme eines bestimmten Medikaments Nebenwirkungen verspürt hat und seitdem überzeugt ist, dass dieses Medikament grundsätzlich problematisch sei. Gleichzeitig zeigen große Studien, dass es für die meisten Menschen gut verträglich und wirksam ist. Beides steht nebeneinander. Die persönliche Erfahrung ist unmittelbar und überzeugend. Die wissenschaftliche Datenlage ist abstrakt und schwerer zugänglich. Wer beides gleich behandelt, steht am Ende nicht vor mehr Klarheit, sondern vor einem Widerspruch, den er allein auflösen soll. Genau daraus entsteht Unsicherheit.Und genau in dieser Unsicherheit kann sich vernetztes Misstrauen stabilisieren. Nicht, weil Menschen plötzlich anders denken, sondern weil ihre Zweifel auf andere treffen, die sie bestätigen.
Die politische Dimension dieser Entwicklung ist erheblich. Es wächst dort, wo Abläufe nachvollziehbar sind, wo Entscheidungen Wirkung zeigen und wo sich erkennen lässt, dass Korrekturen möglich sind. Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch nachvollziehbare Prozesse – und durch eine klare Art zu arbeiten.
Interessant ist dabei folgendes: Vertrauen hängt nicht ausschließlich davon ab, dass alles bereits gut funktioniert. Es reicht häufig schon aus, wenn erkennbar wird, dass etwas ernsthaft in Bewegung kommt. Dass Probleme nicht nur benannt, sondern tatsächlich bearbeitet werden.
Das verändert auch den Blick auf die Gegenwart. Es geht weniger um die Frage, warum Vertrauen verschwindet. Es geht darum, unter welchen Bedingungen es entsteht – und wie schnell es wieder verloren gehen kann, wenn diese Bedingungen brüchig werden.
Misstrauen war immer Teil offener Gesellschaften. Neu ist, dass es heute Anschluss findet und sich stabilisieren kann. Vertrauen dagegen bleibt anspruchsvoll. Es braucht keine perfekten Verhältnisse, aber es braucht Strukturen, die tragen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Wie entstehen Diagnosen – und wie lassen sie sich verstehen
Wie entstehen Diagnosen, wie kann man Diagnosen verstehen und warum lassen sich viele Beschwerden nicht eindeutig erklären?
Ein Patient stellt sich mit seit Wochen schwankendem Blutdruck vor. Mal zu hoch, dann wieder unauffällig, dazu manchmal Kopfdruck, innere Unruhe, gelegentlich Herzklopfen. Solche Verläufe gehören zum Alltag der Allgemeinmedizin. Sie sind nicht deshalb schwierig, weil es an medizinischem Wissen fehlen würde, sondern weil oft mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind und sich nicht sofort sauber voneinander trennen lassen.
Diagnosen entstehen nicht einfach dadurch, dass man etwas findet, und auch nicht allein durch gedankliche Einordnung. Sie entstehen aus ärztliches Gespräch, Untersuchung und, wenn nötig, technischer oder apparativer Diagnostik. Zur Untersuchung gehört dabei nicht nur das, was sich messen, abhören oder im Bild darstellen lässt, sondern auch das, was man früher das „Nervenkostüm“ genannt hätte: die innere Anspannung, die Reaktionslage, die Art, wie jemand Symptome erlebt, schildert und mit ihnen umgeht. Auch die Psyche gehört in dieses Bild hinein und nicht erst ganz am Ende, wenn sonst nichts gefunden wurde.
Die vier Ebenen hinter Beschwerden
Medizinisch lässt sich das zunächst strukturieren. Es gibt strukturelle Ursachen, vegetative Ursachen, auf die ich im Folgenden noch genauer zurückkommen werde, psychische Prozesse und den Bereich, der oft als funktionell bezeichnet wird, der aber weniger eine eigene Kategorie darstellt als eine Bezeichnung dafür, dass man die Ursache nicht klar benennen kann – sei es noch nicht oder möglicherweise auch nie. Diese Einteilung hilft, weil sie das Denken ordnet. Sie darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich in der Praxis meist um Mischfälle handelt. Mehrere Ebenen sind gleichzeitig beteiligt, beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich im Verlauf. Genau das macht die Einordnung anspruchsvoll.
Das Orchester-Modell
Man kann sich diese Ebenen wie ein Orchester vorstellen.
Die strukturelle Ebene betrifft die Instrumente selbst. Ist eine Saite gerissen, ein Ventil beschädigt oder ein Instrument verstimmt, liegt ein materieller Defekt vor.
Die vegetative Ebene betrifft den Dirigenten. Er entscheidet nicht darüber, ob ein Instrument beschädigt ist, sondern darüber, wie das Ganze geführt wird: ob das Orchester unter Spannung spielt, ob das Tempo getrieben wird, ob Unruhe entsteht oder wieder Ruhe und Gleichmaß.
Die psychische Ebene betrifft die Interpretation des Stücks. Sie prägt, worauf gehört wird, wie das Gespielte eingeordnet wird, welche Erwartungen entstehen und welche Bedeutung dem Ganzen gegeben wird.
Am schwierigsten ist die Einordnung im Bereich der sogenannten funktionellen Störungen. Im Orchesterbild ist das der Moment, in dem man hört, dass das Zusammenspiel nicht stimmt. Einsätze passen nicht, Tempi laufen auseinander, der Gesamtklang wirkt unstimmig. Damit ist aber noch nicht gesagt, warum das so ist.
Blutdruck als Beispiel eines komplexen Systems
Am Beispiel des Blutdrucks lässt sich das gut weiterdenken.
Ein Patient mit erhöhten Werten kann eine strukturelle Ursache haben. Eine Nierenerkrankung, eine Gefäßveränderung oder eine hormonelle Störung führen dazu, dass der Blutdruck dauerhaft erhöht ist. Diese Form des Bluthochdrucks wird als sekundäre Hypertonie bezeichnet und hat eine konkrete körperliche Ursache. In diesem Fall liegt ein Defekt vor, der die Regulation verändert.
Ein anderer Patient zeigt erhöhte und stark schwankende Werte, ohne dass sich ein struktureller Befund nachweisen lässt. Hier steht eine vegetative Dysregulation im Vordergrund. Der innere Dirigent arbeitet nicht stabil, sondern hält das System in erhöhter Bereitschaft. Anspannung, Angst, innerer Druck, ständige Selbstanspannung oder das Gefühl, dauernd reagieren zu müssen, können dazu führen, dass Blutdruck, Herzfrequenz und Gefäßtonus nicht mehr ruhig reguliert werden. Der Blutdruck ist dann nicht deshalb erhöht, weil ein Organ defekt wäre, sondern weil das Regulationssystem auf Dauer zu straff eingestellt ist.
Ein dritter Verlauf wird als funktionell beschrieben. Die Werte sind wechselhaft, nicht gut vorhersehbar. Man erkennt, dass das System nicht zuverlässig arbeitet, kann aber nicht eindeutig zuordnen, ob ein noch nicht erkannter struktureller Faktor vorliegt, ob die Regulation gestört ist oder ob mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind. „Funktionell“ benennt dann weniger eine Erklärung als eine Grenze des gegenwärtigen Wissens.
Ein vierter Patient hat ähnliche Messwerte, aber im Vordergrund steht die psychische Ebene. Hier geht es nicht in erster Linie um die körperliche Alarmreaktion selbst, sondern um den inneren Umgang mit den Werten. Der Patient misst häufig, beobachtet sich genau, vergleicht, erinnert frühere Ausschläge, erwartet den nächsten Anstieg und ordnet einzelne Werte in eine persönliche Geschichte von Kontrollverlust, Gefährdung oder anhaltender Sorge ein. Dadurch entsteht Bedeutung. Der Blutdruckwert ist nicht mehr nur ein Messwert, sondern wird zu etwas, das Aufmerksamkeit bindet, Befürchtungen auslöst, Entscheidungen beeinflusst und den Alltag organisiert. Die Psyche verändert also nicht unmittelbar die Messung, aber sie verändert, was dieser Messung innerlich zugeschrieben wird.
Warum Diagnosen oft nicht eindeutig sind
Diese Einteilung ist kein theoretisches Modell, sondern hat unmittelbare Konsequenzen. Wird eine strukturelle Ursache übersehen, bleibt eine relevante Erkrankung unbehandelt. Wird eine vegetative Dysregulation nicht erkannt, wird ein regulatives Problem fälschlich wie ein Defekt behandelt. Wird die psychische Ebene nicht berücksichtigt, bleibt ein wesentlicher Einflussfaktor unbeachtet. Und wird „funktionell“ vorschnell als Erklärung verwendet, ersetzt ein Begriff die eigentliche Analyse.
In der Praxis treten diese Formen jedoch selten in Reinform auf. Häufig liegen Mischbilder vor: eine leichte strukturelle Veränderung, die vegetativ verstärkt wird; eine vegetative Hochregulation, die psychisch stark besetzt wird; ein instabiles System, in dem sich mehrere Ebenen überlagern. Genau deshalb ist die Einordnung nicht mechanisch möglich, sondern erfordert Abwägung.
Diese vier Verläufe zeigen keine getrennten Welten, sondern unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb eines gemeinsamen Systems. Der Blutdruck ist kein statischer Wert, sondern das Ergebnis einer fortlaufenden Abstimmung. Er reagiert auf strukturelle Gegebenheiten, auf die Qualität der Regulation, auf äußere Anforderungen und auf die Art, wie ein Mensch mit seinem Körper umgeht. Gerade weil dieses System so fein abgestimmt ist, führt jede Vereinfachung schnell in die Irre.
Die Psyche bestimmt, wie ein Mensch erlebt und bewertet. Das vegetative Nervensystem bestimmt, wie sein Körper darauf antwortet.
Was ärztliche Arbeit wirklich ausmacht
Der eigentliche Wert ärztlicher Arbeit liegt damit nicht nur im Finden von Befunden, sondern in der Fähigkeit, diese Ebenen auseinanderzuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Form der Einordnung entsteht nicht allein durch Technik. Sie entsteht aus Gespräch, Beobachtung, Verlauf, Erfahrung und aus der Bereitschaft, Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen. Sie braucht Zeit.
Technische Diagnostik bleibt unverzichtbar. Sie zeigt, was strukturell vorhanden ist oder ausgeschlossen werden kann. Sie ersetzt aber nicht die Einordnung dessen, was sich nicht unmittelbar messen lässt. Gerade dieser nicht-technische Teil der Medizin ist in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten. Er ist schwerer zu standardisieren, schwerer abzurechnen und schwerer in klare Schemata zu pressen.
Dass dieses Feld heute oft anderen überlassen wird, ist deshalb nicht nur ein organisatorisches Problem, sondern auch ein intellektueller Verlust. Die Medizin hat den Bereich jenseits der Technik nicht vollständig verloren, aber sie hat ihn in vielen Bereichen zu schnell abgegeben. Schade ist das vor allem deshalb, weil genau hier ein wesentlicher Teil ihrer eigentlichen Stärke liegt: in der Fähigkeit, sauber zu unterscheiden, ohne grob zu vereinfachen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.
Das Impfbuch verschwindet. Die Entscheidung gleich mit.
Es ist ein merkwürdiges Detail im Alltag vieler Menschen, und zugleich so auffällig, dass man es nicht mehr ganz als Zufall abtun kann: Das Impfbuch ist nicht da. Nicht wirklich verloren – nicht vernichtet – nicht ein für alle Mal verschwunden. Es ist bloß nie dort, wo es sein sollte. In dem Moment, in dem man es einmal brauchen würde, beginnt das große Suchen. Schubladen werden geöffnet, Ordner verschoben, alte Mappen hervorgezogen, und fast immer schwingt dabei ein Unterton mit, den man aus anderen Bereichen des Lebens kennt: Man hat sich um etwas gedrückt, ohne es sich ausdrücklich einzugestehen.
Denn ein Impfbuch ist kein neutrales gelbes Heftchen. Es ist die Materialisierung eines kleinen, aber sehr grundsätzlichen Konflikts. Es erinnert daran, dass Gesundheit nicht nur mit vernünftigen Entscheidungen zu tun hat, sondern auch mit einem Körper, der auf Eindringen zunächst nicht zivilisiert reagiert. Eine Nadel ist für das Nervensystem kein kluger Präventionsgedanke, sondern erst einmal eine Grenzverletzung. Da geht etwas durch die Haut. Da kommt etwas hinein. Und der erste Anteil in uns, der darauf antwortet, ist nicht der aufgeklärte Erwachsene mit Risiko-Nutzen-Abwägung, sondern ein sehr viel älteres System.
Der Widerwille gegen das Impfen ist deshalb oft viel banaler, als die Debatten es vermuten lassen. Er tritt nicht immer als Ideologie auf. Er erscheint nicht zwingend als lauter Protest. Er zeigt sich sehr viel diskreter. Das Impfbuch ist gerade nicht auffindbar. Der Termin wird vertagt. Man will erst noch nachlesen. Man hat gerade anderes im Kopf. -Das alles wirkt harmlos aber verrät es etwas.
Denn parallel zu dieser körperlichen Reaktion existiert eine zweite Ebene. Eine, die rechnet. Die weiß, dass bestimmte Impfungen seit Jahrzehnten etabliert sind, mit einem sehr geringen Risiko und einem klaren Nutzen. Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten gehören nicht in den Bereich des Experimentellen. Sie sind Teil einer medizinischen Basisversorgung, die in ihrer Wirkung so selbstverständlich geworden ist, dass man sie leicht unterschätzt. Auf dieser Ebene verschiebt sich die Perspektive. Nicht mehr nur: Was passiert mir? Sondern: Was passiert, wenn sich eine Infektion ausbreitet? Und hier beginnt auch der Unterschied zwischen individuellem Risiko und dem Risiko einer Population. Für einen gesunden Erwachsenen mag die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken, gering erscheinen. Für ein Neugeborenes ist dieselbe Erkrankung eine völlig andere Kategorie. Für einen älteren Menschen, für jemanden mit geschwächtem Immunsystem, verschiebt sich das Risiko noch einmal deutlich.
Infektionskrankheiten bewegen sich nicht entlang individueller Entscheidungen. Sie bewegen sich durch Netzwerke, durch Nähe, durch Kontakt, durch alltägliche Begegnungen. Die eigene Entscheidung endet nicht an der eigenen Haut. Und dennoch bleibt das Gefühl im eigenen Körper bestehen. Es verschwindet nicht, nur weil die Argumente besser werden.
Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken
Letzte Woche habe ich über das Sehen geschrieben. Diese Woche geht es um Riechen und Erinnerung. Hier ist der Frühling eingekehrt, und plötzlich ist es nicht mehr das Auge, das zuerst wahrnimmt, sondern die Nase. Es riecht nach Jasmin, nach Orangenblüten, nach Aufbruch. Und sofort merkt man, wie merkwürdig direkt dieser Sinn ist. Ein Geruch braucht keine Erklärung. Er ist einfach da — und mit ihm oft auch schon ein Gefühl, eine Erinnerung oder eine Reaktion. Riechen und Erinnerung sind dabei enger verbunden, als man zunächst denkt.
Erstaunlich ist, wie oft wir vom Riechen sprechen, obwohl gar kein Duft in der Luft liegt. Wir haben einen guten Riecher, riechen den Braten, merken, dass etwas faul riecht, können jemanden nicht riechen und beschnuppern uns erst einmal. Kaum ein anderer Sinn hat sich so tief in die Sprache eingegraben. Und das ist wohl kein Zufall. Denn Riechen ist kein neutraler Sinn. Die Nase urteilt schnell. Sie sortiert in vertraut oder fremd, angenehm oder unerquicklich, sicher oder verdächtig – lange bevor der Verstand seine Erklärung nachliefert.
Der Geruch ist die leise Sprache der Vergangenheit
Anatomisch ist das gut nachvollziehbar. Geruchsmoleküle gelangen in die Nase zur Riechschleimhaut, werden dort von spezialisierten Nervenzellen erkannt und als Signal weitergeleitet. Diese Informationen laufen über den Riechkolben direkt in Hirnbereiche, die eng mit Emotion und Erinnerung verknüpft sind, vor allem ins limbische System. Deshalb wirkt ein Geruch so unmittelbar. Er wird nicht erst durchdacht, sondern trifft sofort auf bereits gespeicherte Erfahrung. Nicht als klare Geschichte, sondern als Zustand: vertraut, unangenehm, tröstlich oder alarmierend. Interessant ist dabei, dass der Geruch im Gehirn einen ungewöhnlich direkten Weg nimmt. Während andere Sinneseindrücke zunächst stärker gefiltert und eingeordnet werden, erreicht der Geruch sehr schnell Netzwerke, die mit Emotion, Alarmbereitschaft und Gedächtnis zu tun haben. Darum kann ein Duft sofort etwas in uns auslösen: Trost, Unruhe, Nähe oder Abwehr. Erst danach versucht der Verstand, diese Reaktion in Worte zu fassen.
Ein Duft wie Jasmin oder Orangenblüte ist dann nicht einfach nur angenehm, sondern berührt etwas, das älter ist als jeder bewusste Gedanke darüber. Genau deshalb stimmt der Satz: Riechen ist Erinnern ohne Nachdenken. Riechen und Erinnerung sind auch medizinisch eng verknüpft.
In der Medizin ist das nicht nur poetisch, sondern sehr praktisch: Ein fruchtiger Atem kann auf Aceton hinweisen, Urin kann sich bei einer Infektion deutlich verändern, und eine Alkoholfahne erklärt sich meist von selbst. Der Körper hinterlässt Spuren — auch über den Geruch. Manchmal grob, manchmal subtil, aber oft früher als andere Zeichen.
Besonders eindrücklich war das für mich in der Kinderheilkunde. Wenn ich das gelbe Untersuchungsheft eines Kindes in die Hand bekam, hatte ich manchmal das Gefühl, nicht nur Papier zu berühren, sondern ein Stück Zuhause. Manche Hefte rochen nach Rauch, andere nach Kaffee, manche trugen noch etwas Schwereres mit sich. Bevor viel gesprochen war, war bereits ein Teil des Umfeldes im Raum. Nicht als Bewertung, sondern als Kontext.
Vielleicht ist unsere Sprache deshalb so voll von Wendungen aus dem Bereich des Riechens, weil Geruch genau für diese schwer erklärbaren, aber deutlich spürbaren Dinge steht. Riechen und Erinnerung stehen dabei oft stellvertretend für das, was wir früh wahrnehmen, aber schwer erklären können: Für Intuition, für Beziehung, für Misstrauen, für Erinnerung. Für all das also, was der Körper längst wahrgenommen hat, während der Kopf noch nach Worten sucht.
Wie Sehen funktioniert
Ein Blick im Museum
Wie Sehen funktioniert, zeigt sich manchmal dort, wo man es nicht erwarten würde.
Im Museum of Modern Art in New York saß die Künstlerin Marina Abramović tagelang still auf einem Stuhl. Menschen konnten sich ihr gegenüber setzen – und ihr einfach nur in die Augen schauen. Mehr passierte nicht.
Und doch begannen viele zu weinen.
Was passiert hier eigentlich – aus medizinischer Sicht?
Mehr zur Performance im MoMA: https://www.moma.org/audio/playlist/243/3133
Ein Bild – und vielleicht mehr als eines
Ich habe Ihnen oben ein Bild eingefügt. Auf den ersten Blick sehen Sie meinen Hund. Von hinten. Er sitzt vor einem Tisch.
Und das stimmt auch.
Aber wenn Sie einen Moment länger hinschauen, passiert etwas Interessantes. Formen verschieben sich. Linien bekommen eine andere Bedeutung.
Und plötzlich sehen Sie etwas anderes.
👉 Was sehen Sie? – Ich bin gespannt!
Wie Sehen funktioniert – medizinisch betrachtet
Sehen beginnt im Auge, aber es entsteht im Gehirn. Licht trifft auf die Netzhaut, wird von Stäbchen und Zapfen in elektrische Signale umgewandelt und über den Sehnerv weitergeleitet.
Doch schon in der Netzhaut findet eine erste Verarbeitung statt: Kontraste werden verstärkt, Bewegungen erkannt, Informationen gefiltert. Im visuellen Teil der Großhirnrinde entsteht daraus kein einfaches Abbild der Realität, sondern eine Interpretation.
Wie Sehen funktioniert, bedeutet also immer auch: Das Gehirn entscheidet, was wir wahrnehmen.
Der blinde Fleck – ein Schlüsselprinzip
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Sehen funktioniert, ist der sogenannte blinde Fleck. An dieser Stelle treten die Nervenfasern aus dem Auge aus – ohne Sinneszellen. Eigentlich müssten wir dort nichts sehen.Und dennoch nehmen wir kein Loch wahr.
Das Gehirn ergänzt die fehlenden Informationen automatisch – basierend auf Erfahrung, Umgebung und Wahrscheinlichkeit.
Sehen als Konstruktion
Wenn man versteht, wie Sehen funktioniert, wird klar: Wir nehmen nicht einfach eine objektive Realität wahr. Das Gehirn nutzt Erfahrungen, Erwartungen und Kontext, um aus fragmentarischen Signalen ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Diese Perspektive findet sich auch in modernen Denkmodellen wieder, etwa im Konstruktivismus.
Warum Blickkontakt neurologisch so intensiv ist
Wenn zwei Menschen sich in die Augen schauen, arbeitet das visuelle System auf höchstem Niveau. Gesichter – und insbesondere Augen – gehören zu den wichtigsten Reizen für unser Gehirn. Dabei verarbeitet es feinste Details: minimale Augenbewegungen, Veränderungen der Pupillengröße und kleinste muskuläre Spannungen.
Diese Präzision erklärt, warum eine scheinbar einfache Situation wie im Museum eine so starke Wirkung entfalten kann.
Was das für die Medizin bedeutet
Zu verstehen, wie Sehen funktioniert, hat direkte klinische Relevanz.
In der ärztlichen Praxis liefert der Blick wichtige Hinweise:
-
Qualität des Blickkontakts
-
Augenbewegungen und Fixation
-
Pupillenreaktionen
-
Koordination beider Augen
Gleichzeitig gilt auch für uns als Ärztinnen und Ärzte: Unsere Wahrnehmung ist nie vollständig objektiv. Auch wir interpretieren – basierend auf Wissen, Erfahrung und Kontext.
Das bedeutet auch: Zwei Ärzte/Ärztinnen können denselben Patienten sehen – und zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen.
Wenn Sie das Thema vertiefen möchten, finden Sie hier mehr zu Wahrnehmungsverzerrungen in der Medizin:
Und wenn Sie sich dafür interessieren, wie Wahrnehmung auch über Berührung und Begegnung entsteht:
Die Hand, die berührt
Ein Gedanke zum Schluss
Wir sehen die Welt nicht einfach, sondern wir erschaffen sie in jedem Moment.
Es lohnt sich, hin und wieder einen Moment länger hinzuschauen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre „Auge“le