Ein Glas – ein Ritual – eine Droge
Ich habe einen schlechten Ruf nur dort, wo ich meine Arbeit bereits erledigt habe. Auf Parkbänken, in Notaufnahmen, in Entzugskliniken, in Gesichtern, die zu rot geworden sind, und Händen, die morgens nicht mehr stillhalten. Dort erkennt man mich. Dort bin ich unerquicklich sichtbar, unerquicklich ehrlich, unerquicklich weit weg von jedem guten Marketing. Aber das ist nicht mein bevorzugtes Terrain. Ich arbeite feiner.
Ich sitze lieber dort, wo man mich nicht fürchten, sondern nachschenken will. Auf Terrassen in großen Gläsern, zwischen zwei Gängen eines guten Menüs, in der Küche, wenn die Kinder endlich schlafen, beim Sommerfest des Kindergartens, beim Vereinsjubiläum, im Hotel an der Bar, im Golfclub, auf Hochzeiten, bei Beerdigungen, im letzten Rest eines langen Arbeitstages und in den ersten zwanzig Minuten eines missglückten Dates. Ich komme nicht als Droge. Ich komme als Erleichterung , als Belohnung, als Kultur, als Zugehörigkeit – als das, was man sich nach diesem Tag nun wirklich verdient hat.
Andere Drogen beneide ich nicht. Kokain ist zu laut. Heroin zu trostlos. Nikotin riecht inzwischen nach schlechtem Gewissen. Ich dagegen habe es geschafft, mich in Deutschland in etwas zu verwandeln, das man nicht nur toleriert sondern anbietet. Ich werde nicht versteckt, sondern ich werde eingeschenkt.
Bei den Gebildeten muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen. Dort genüge ich mir in einem großen Glas. Ich spreche von Aromen – nicht von Promille sondern von Jahrgängen – nicht von Abhängigkeit, von Lebensart – nicht von Leberwerten. Ich werde geschwenkt, besprochen, dekantiert und gegen das Dosenbier der anderen in Stellung gebracht, als wäre ich nicht dieselbe Substanz, sondern eine moralisch höherwertige Variante meiner selbst. Es ist erstaunlich, wie harmlos ein Nervengift wirken kann, wenn es in Kristall serviert wird.
Bei den Erschöpften komme ich schlichter daher. Dort bin ich einfach das, was den Tag beendet. Das Feierabendbier, der Rotwein zum Runterkommen, der Gin Tonic, weil die Kinder endlich schlafen. Meine treuesten Verbündeten sind nicht die Maßlosen. Es sind die Müden. Die, die abends nur noch leise werden wollen, die, die nicht feiern, sondern abschalten möchten. Ich muss ihnen gar nicht viel versprechen. Ein bisschen Ruhe reicht.
Es gibt noch eine Gruppe, die mir besonders zuverlässig zufällt. Ich meine die, die seit Jahren etwas in sich tragen, das nicht richtig verschwindet. Eine Unruhe vielleicht. Eine alte Kränkung. Scham, für die sie keinen guten Namen haben. Eine Spannung im Körper, die auch im Urlaub nicht nachlässt. Bei ihnen muss ich gar nicht viel tun. Ich muss nichts schöner machen, nichts festlicher, nichts geselliger. Es reicht, wenn ich dumpfer mache, was zu scharf geworden ist. Wenn der Druck im Brustkorb nachlässt, wenn die Gedanken nicht mehr ganz so laut sind, wenn man sich selbst für ein paar Stunden nicht so deutlich spürt, nennen manche das Entspannung. Ich nenne es die Kunst, Gefühle gerade so weit herunterzudrehen, dass man sie noch aushält.
Bei den Geselligen bin ich ohnehin unersetzlich. Für die Schüchternen bin ich Mut, für die Angespannten Lockerheit, für Gruppen die stillschweigende Eintrittskarte. Ich helfe beim Duzen, beim Lachen und beim Ertragen von Menschen, die man ohne mich nur schwer ertragen würde. Man nennt das Geselligkeit – ich nenne es Kundenbindung.
Am liebsten mag ich Familien. Nicht, weil ich dort so offen willkommen wäre. Im Gegenteil. In Familien muss ich vorsichtig sein. Kinder haben ein feines Gespür für das, was ich im Raum verändere. Für die Lautstärke. Für die Gereiztheit. Für den Satz „Papa/Mama meint das nicht so“. Für das Glas, das immer etwas zu voll eingeschenkt ist. Für den Abend, über den am nächsten Morgen niemand mehr spricht. Kinder erleben mich selten als chemische Substanz. Sie erleben mich als Atmosphäre. Als Schwanken der Stimmung, als Unberechenbarkeit, als Geruch, als peinliche Szene, als Streit, der plötzlich kippt, als übertriebene Zärtlichkeit, die nicht beruhigt, sondern verunsichert. Und natürlich lernen sie früh, wie normal ich bin. Dass ich bei Familienfesten selbstverständlich mit am Tisch sitze, dass auf mich angestoßen wird, dass Erwachsene mich sich gegenseitig einschenken wie etwas Harmloses, Vertrautes, beinahe Fürsorgliches. Ich brauche in Familien keinen Exzess. Ein fester Platz im Alltag genügt.
Natürlich nehme ich auch die, bei denen ich meine Tarnung längst verloren habe. Die, die morgens trinken. Die, die ihre Arbeit verlieren. Die, die in der Notaufnahme landen oder auf Entgiftung warten. Aber sie sind nicht mein Meisterstück. Mein Meisterstück sind die anderen. Die, die auf diese Menschen schauen und überzeugt sind, mit ihnen nichts gemeinsam zu haben. Die Frau mit dem Wein zum Einschlafen. Der Mann mit seinen drei Bieren, die er nie zählen würde, weil es ja nur Bier ist. Das Paar, das jeden Abend gemeinsam trinkt und sich gerade deshalb versichert, es sei doch alles in Ordnung. Und sie rechtfertigen mich, noch während sie einschenken. Was will man mehr?
Ich bin, wenn man es unromantisch betrachtet, ein erstaunlich vielseitiges Produkt. Ich erhöhe das Risiko für Krebs, beschädige Lebern, Herzen und Nerven, mache manchen meiner treuesten Anhänger das Aufhören schwer und sorge dafür, dass Hausarztpraxen, Notaufnahmen, Psychotherapien und Familien genug mit mir zu tun haben. Ich bringe Menschen in Situationen, in denen sie am nächsten Morgen lieber nicht mehr genau wissen möchten, was sie gesagt, getan oder versprochen haben. Ich fördere Gewalt, wenn die Hemmung fällt und die Wut übrig bleibt. Ich halte Kinder wach, obwohl sie längst schlafen sollten, und Erwachsene in jener Alarmbereitschaft, die in vielen Familien noch immer erstaunlich gut als normaler Abend durchgeht. Das Gesundheitssystem koste ich ebenfalls eine Kleinigkeit, von den sozialen Folgekosten ganz zu schweigen. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen: Solange ich in Deutschland im richtigen Glas, auf dem richtigen Tisch und in der richtigen Gesellschaft auftrete, nennt man mich noch immer lieber Genussmittel als Droge.
Lange Zeit war ich dabei von einer ausgesprochen hübschen Erzählung umgeben. Ein wenig von mir, hieß es, sei womöglich gar nicht so schlecht. Ein Glas Rotwein für das Herz. Ein bisschen mediterrane Lebensart für die Gefäße. Nicht zu viel natürlich, aber doch so viel, dass man mich weiterhin guten Gewissens lieben durfte. Ich habe diese Jahre sehr genossen. Es ist angenehm, wenn eine Gesellschaft sich ihre Droge nicht nur erlaubt, sondern ihr auch noch einen medizinischen Nutzen andichtet.
Inzwischen ist man nüchterner geworden. Sogar die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, auf deren romantische Ader ich eine Weile gesetzt hatte, ist bemerkenswert deutlich. Keine gesundheitlich sichere Menge, heißt es inzwischen. Keine gesundheitlich förderliche Menge. Wer mich nicht trinkt, muss aus medizinischer Sicht nicht damit anfangen. Wer mich trinkt, tut seinem Körper keinen Gefallen, nur weil ich aus Trauben statt aus Korn gemacht wurde oder weil man mich zu einem guten Essen serviert. Man könnte sagen: etwas undankbar. Ich würde sagen: unnötig nüchtern.
Die Lieblingsfrage meiner Kundschaft lautet natürlich trotzdem: Wie viel ist denn okay? Ein Glas? Zwei? Nur am Wochenende? Nur Wein? Nur, wenn man gut isst? Ich verstehe diese Sehnsucht. Menschen mögen Zahlen, die sie entlasten. Eine Grenze, unterhalb derer aus dem Risiko wieder eine Gewohnheit werden darf, ohne dass man sich weiter mit ihr beschäftigen muss. Ich muss enttäuschen. Einen gesundheitlichen Nutzen gibt es nicht. Eine risikofreie Menge auch nicht. Je weniger, desto besser. Alles andere ist keine Gesundheitsmaßnahme, sondern eine persönliche Entscheidung zugunsten eines Risikos, das man sich kulturell erstaunlich hübsch eingerichtet hat.
Und genau deshalb komme ich in Deutschland bis heute so gut zurecht. Ich bin ja nicht besonders heimtückisch, ich darf mich hier einfach nützlich machen: als Trost, als Belohnung, als Geselligkeit, als Kultur, als Feierabend, als Familienritual, als Erwachsensein im Glas. Die am meisten verharmloste Droge ist selten die am Rand der Gesellschaft. Meist sitzt sie längst in ihrer Mitte. Und wenn es gut läuft, hebt jemand sogar noch das Glas auf mich.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.