Vier Stunden Wartezeit und perfekter Datenschutz
Wie eine Hausarztpraxis früher aussah, kenne ich nicht nur aus Erzählungen: Ich bin in einer aufgewachsen. Sie befand sich in unserem Haus und gehörte deshalb ebenso zu meiner Kindheit wie die Küche oder der Garten. Morgens musste ich mich manchmal durch eine lange Schlange von Patienten hindurchquetschen, die vor dem Eingang warteten. Termine gab es nicht. Wer zum Arzt wollte, kam – und wartete notfalls vier Stunden.
Ich kannte die Geräusche und Abläufe der Praxis. Wenn ich vor der Sprechzimmertür stand, hörte ich an einer bestimmten Veränderung in der Stimme meines Vaters, dass das Gespräch bald zu Ende sein würde. Dann öffnete sich die Tür, der nächste Patient wurde hereingerufen, und das vertraute Muster begann von vorn.
Heute stelle ich mir diese Praxis manchmal wie ein Museum vor. Nicht wie ein Museum mit besonders kostbaren Instrumenten, sondern wie einen Raum voller Dinge, die damals selbstverständlich waren und inzwischen nahezu spurlos verschwunden sind.
Karteikästen mit eingebautem Datenschutz
In den Karteikästen lagen die handschriftlichen Aufzeichnungen zu den Patienten. Die Schrift meines Vaters war ausgesprochen unleserlich. Apotheker konnten seine Rezepte kaum lesen, und auch den Mitarbeiterinnen blieb ein großer Teil des Inhaltes verschlossen. Damit verfügte die Praxis schon sehr früh über einen äußerst wirksamen Datenschutz – ganz ohne Passwort und Zugriffsberechtigung.
Gelegentlich fanden sich in den Aufzeichnungen lateinische Bemerkungen, die weder für die Patienten noch für die Mitarbeiterinnen bestimmt waren. An eine erinnere ich mich bis heute: „Galina spastica“ („spastisches Huhn“). Das ist ziemlich unhöflich, eröffnete mir jedoch ein bleibendes Intersse an der lateinischen Sprache. Meinem Vater nach 100 Patienten an einem regenreichen deutschen Novembertag sei das verziehen.
Was auch andere lesen sollten, wurde deshalb auf kleine Kassetten diktiert, von einer Mitarbeiterin auf der Schreibmaschine abgetippt, in Streifen geschnitten und in die Karteikarten geklebt. Zu diesem imaginären Museum gehörte außerdem ein schweres, leicht grünliches Metallgerät, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Oben hatte es einen Deckel, unter dem eine Flüssigkeit eingefüllt wurde. Vorn befand sich eine Art Wattestreifen, unten eine breite Rolle. Mit diesem Gerät wurden Name und Adresse der Patienten auf die Rezepte übertragen. Für jeden Patienten lag in der Karteikarte ein ungefähr DIN-A6-großer Pappträger. In seinem oberen Teil befand sich ein Fenster. Darin war eine auf der Schreibmaschine angefertigte Matrize mit zwei Klebestreifen befestigt. Mit dem schweren grünen Gerät konnte man die Patientendaten auf das Rezept rollen. Nach ca 20 Rezepten wurde der Abdruck undeutlich oder begann zu schmieren. Dann musste eine neue Matrize geschrieben und in den Papprahmen geklebt werden. Ich habe versucht, dieses Gerät im Internet wiederzufinden. Auch mithilfe künstlicher Intelligenz ließ es sich weder sicher identifizieren noch so rekonstruieren, dass ich es wiedererkannt hätte.
Vielleicht gibt es Dinge, die irgendwann nur noch beschrieben werden können. Man erinnert sich an ihre Farbe, ihr Gewicht und die Handgriffe, mit denen sie bedient wurden. Trotzdem waren sie einmal Teil des täglichen Lebens.
Hausarztpraxis früher: Vieles wurde selbst gemacht
Als Kind drehte ich Tupfer, schnitt Zellstoff zurecht, stempelte Rezepte und übernahm kleine Arbeiten, für die man mich gebrauchen konnte. Im Labor standen kleine Gefäße mit Gummistopfen, in denen Chemikalien aufbewahrt wurden. Wenn sie leer waren, wusch ich sie aus und sammelte sie. Später bewahrte ich darin kleine Fundstücke auf, etwa Fliegen, die ich unter meinem Mikroskop untersuchen wollte.
Die Praxis verfügte für ihre Zeit über ungewöhnlich viele diagnostische Möglichkeiten. Es gab ein eigenes Labor, EKG und Belastungs-EKG, später auch Sonographie und Echokardiographie sowie die Röntgenanlage im Keller. Das Personal trug Dosimeter am Kittel, die regelmäßig zur Kontrolle der Strahlenbelastung eingeschickt wurden. Es dauerte einige Jahre bis ich verstand, wie diese Plaketten ohne, daß man sehen konnte, wie sie sich füllten, anzeigen sollten, wieviel Strahlung der Träger abbekommen haben sollte.
Gelegentlich untersuchten wir drei Geschwister auf der Röntgenanlage auch unsere Haustiere. So wurden sie verewigt: Susu, das Meerschweinchen, und Domino, der Hase. Mein Bruder entwickelte die Aufnahmen später in seiner Dunkelkammer. Ob wir einmal eher den künstlerischen oder den naturwissenschaftlichen Weg einschlagen würden, war damals noch nicht entschieden. Die Röntgenbilder ließen jedenfalls beides zu.
Während meines Studiums machte ich in der Praxis meine ersten Blutabnahmen. Die Patienten waren mir wohlgesonnen, denn viele kannten mich seit meiner Kindheit. Ich begleitete meinen Vater auch auf Hausbesuche. Dort trafen wir häufig alte Frauen, die allein lebten. In ihren Regalen standen die Fotografien einer ganzen Familie. Irgendwo dazwischen fand sich fast immer das Bild eines jungen Soldaten…
Die Menschen im Wartezimmer
Auch das Wartezimmer veränderte sich, lange bevor mir bewusst wurde, dass ich dort Geschichte beobachtete. Unter den älteren Männern waren noch viele Kriegsversehrte. Einige hatten nur ein Bein; das leere Hosenbein war umgeschlagen. Als Kind nahm ich ihren Anblick als selbstverständlichen Teil des Alltags wahr. Irgendwann aber waren diese Männer nicht mehr da. Es gab keinen bestimmten Tag, an dem sie verschwanden. Sie wurden einfach nach und nach weniger, bis keiner von ihnen mehr im Wartezimmer saß.
Anfangs gab es noch Patienten, die im 19. Jahrhundert geboren worden waren. Auch sie wurden immer weniger, bis schließlich die letzte Patientin aus diesem Jahrhundert starb. Wenn damals jemand hundert Jahre alt wurde, war das noch ein besonderes Ereignis. Das Wartezimmer war ein Ort, an dem historische Zeit vorbeizog, ohne dass jemand sie eigens benannte.
Der erste Computer
Der erste Praxiscomputer nahm nahezu einen ganzen Kellerraum ein. Die Abrechnung wurde über ein Band erledigt, was damals supermodern war. Um die Zeit meines Abiturs bekam ich die Aufgabe, Medikamente und ihre Preise in den Computer einzugeben. In der Roten Liste waren die Präparate markiert, die übernommen werden sollten. Damals begann der Druck auf Ärzte, für die Kosten ihrer Verordnungen einzustehen. Gleichzeitig gab es kaum eine Möglichkeit, selbst zu kontrollieren, welchen Geldwert man im Laufe eines Quartals verschrieben hatte. Also wurde ein eigenes System aufgebaut – Medikament für Medikament und Preis für Preis.
Mein Vater bevorzugte das Betriebssystem „Unix“. Dort ließ sich alles frei konfigurieren. Man war weder an vorgegebene Abläufe noch an die Vorstellungen eines Softwareherstellers gebunden. Jede Funktion konnte auf die Tastenkombination gelegt werden, die man dafür haben wollte. Einfach war das allerdings nicht. Noch bevor der Rechner geliefert wurde, standen bei uns die Bedienungsanleitungen: DIN-A4-Ordner, die nebeneinander eine Länge von ungefähr drei Metern erreichten. Mein Vater arbeitete sie einen nach dem anderen mit einem Markierstift durch. Dabei legte er bereits die späteren Befehle fest: „F6 plus Control = Rezept drucken.“
Dann kam Windows: Meinen Vater störte vor allem die ganze Bilderwelt: die Maus, die kleinen Zeichen und die niedlichen Symbole, auf die man klicken sollte. Statt selbst festzulegen, wie der Computer zu funktionieren hatte, sollte man nun den Bildern folgen, die sich jemand anderes ausgedacht hatte. Für ihn war das keine Vereinfachung, sondern ein Verlust an Freiheit. Mein Vater arbeitete seit Jahren mit einem Unix-System, das er vollständig nach seinen Vorstellungen eingerichtet hatte. Für seine Position sprachen drei Meter sorgfältig durchgearbeitete Handbücher. – Für meine sprach Windows.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.