Ich bin mehr als mein Befund
In der Medizin werden Menschen manchmal erstaunlich schnell zu dem, was ihnen fehlt. Dann heißt es „der Appendix aus Zimmer sieben“ oder „die Hüfte muss noch zum Röntgen“. Ein guter Freund von mir hat das einmal konsequent weitergedacht. Nach einer Schulterluxation trat er an die Anmeldung der Orthopädie und sagte: „Guten Tag. Ich bin die Schulterluxation.“
Natürlich war er das nicht. Aber genau darin steckt etwas Interessantes. Wir sagen: Ich habe Rückenschmerzen. Ich habe Arthrose. Ich habe Diabetes. Und manchmal verändert sich dieser Satz irgendwann unmerklich. Aus „Ich habe eine Krankheit“ wird „Ich bin krank“. Ein Befund beginnt dann, immer mehr von dem einzunehmen, was wir über uns selbst denken.
Solange unser Körper funktioniert, denken wir kaum über ihn nach. Wir laufen, greifen, sehen, hören, atmen. Erst wenn etwas weh tut oder nicht mehr so funktioniert wie früher, rückt der Körper in den Mittelpunkt. Dann wird gemessen, geröntgt, untersucht und verglichen. Das ist notwendig, denn Medizin braucht Zahlen und Befunde. Aber ein Mensch erlebt seinen Körper anders, als ein Arzt ihn untersucht. Ein Röntgenbild zeigt ein Kniegelenk, aber nicht, wie es sich anfühlt, morgens die Treppe hinunterzugehen. Ein Laborwert zeigt eine Nierenfunktion, aber nicht, welche Sorgen dieser Wert auslöst. Ein EKG zeigt die elektrische Aktivität des Herzens, aber nicht, wie sich Angst, Erleichterung oder Hoffnung anfühlen.
Ich bin mehr als mein Befund: Körper und Leiblichkeit
Für diesen Unterschied gibt es in der Philosophie den Begriff Leiblichkeit. Der Philosoph Helmuth Plessner hat dafür eine sehr treffende Unterscheidung beschrieben: Wir haben einen Körper und sind zugleich Leib. Mit „Körper“ ist der Körper gemeint, den wir von außen betrachten und untersuchen können. Mit „Leib“ ist derselbe Körper gemeint, so wie wir ihn von innen erleben. Das klingt zunächst philosophisch, beschreibt aber etwas sehr Alltägliches. Ich kann mein Knie auf einem Röntgenbild sehen und gleichzeitig spüren, was dieses Knie für meinen Alltag bedeutet. Ich kann wissen, dass mein Herz eine bestimmte Leistung hat, und gleichzeitig erleben, ob ich mich kräftig, ängstlich, eingeschränkt oder vollkommen normal fühle.
Gerade wenn wir älter werden oder krank sind, kann diese doppelte Perspektive wichtig werden. Denn wenn ich meinen Körper zugleich habe und bin, kann ich wahrnehmen, was mit ihm geschieht, ohne mich vollständig darauf reduzieren zu müssen. Ich kann sagen: Mein Knie ist verschlissen. Meine Kraft lässt nach. Mein Herz arbeitet nicht mehr so gut wie früher. Und gleichzeitig kann ich erleben, dass ich noch immer Freude empfinde, Beziehungen habe, neugierig bin, Entscheidungen treffe, mich ärgere, lache, liebe oder über etwas staune. Der Körper verändert sich, aber der Mensch lässt sich nicht vollständig in seinen Organfunktionen beschreiben.
Ein Befund kann sehr wichtig sein. Er kann Entscheidungen notwendig machen, den Alltag verändern und auch Angst machen. Aber er erzählt nie die ganze Geschichte eines Menschen. Das gilt auch für die Medizin. Wir brauchen Diagnosen, Laborwerte, Bilder und Zahlen. Ohne die objektive Betrachtung des Körpers wäre moderne Medizin nicht möglich. Aber Medizin behandelt Krankheiten, Menschen leben mit ihnen. Und wie ein Mensch eine Erkrankung erlebt, lässt sich aus keinem MRT und keinem Laborwert ablesen.
Zwei Menschen können denselben Befund haben und dennoch ganz unterschiedlich damit leben. Für den einen bedeutet eine Einschränkung einen tiefen Verlust. Ein anderer findet relativ schnell einen Umgang damit. Ein Dritter verändert seinen Alltag und merkt, dass anderes wichtiger wird. Der Befund kann ähnlich sein, das Erleben ist es nicht.
Diese Unterscheidung zwischen Körper und Leib nimmt einer Krankheit nichts von ihrer Realität. Aber sie kann verhindern, dass eine Diagnose irgendwann den ganzen Menschen besetzt. Mein Körper gehört zu mir, und was mit ihm geschieht, ist wichtig. Aber mein Befund ist nicht meine Biografie, meine Diagnose nicht meine Persönlichkeit. Und selbst wenn mein Körper irgendwann nicht mehr so funktioniert, wie ich es mir wünsche, bin ich immer noch mehr als das, was sich messen lässt. „Ich bin mehr als mein Befund“ ist deshalb nicht nur ein Titel, sondern eine hilfreiche Haltung gegenüber Krankheit und körperlicher Veränderung.
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Mehr zu meiner ärztlichen Begleitung bei chronischen Erkrankungen finden Sie auf meiner Website bei der Schwerpunktpraxis für chronische Erkrankungen.
Wer sich für den philosophischen Hintergrund interessiert, findet bei der Helmuth-Plessner-Gesellschaft mehr über Plessners philosophische Anthropologie und seine Gedanken zum Verhältnis des Menschen zu seinem Körper.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Aus der Praxis – anders gelesen.
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