Eine reizvolle Sache – Sex und die Blase
Die Frau, die hier erzählt, gibt es so nicht. Ihre Geschichte setzt sich aus Erfahrungen zusammen, die viele Frauen kennen. Ich lasse sie trotzdem selbst erzählen – weil sich manches besser verstehen lässt, wenn man nicht mit Bakterien und Leitlinien beginnt, sondern damit, was eine wiederkehrende Blasenentzündung im Leben einer Frau anrichten kann.
Meine erste Blasenentzündung hatte ich wohl Anfang zwanzig. Es brannte beim Wasserlassen, ich musste ständig zur Toilette, bekam ein Antibiotikum und ein paar Tage später war alles wieder gut. Heute reicht manchmal ein leichtes Ziehen am Morgen und sofort ist der Gedanke da: Bitte nicht schon wieder. Denn irgendwann kamen die Infekte häufiger. Und je öfter sie kamen, desto intensiver suchte ich nach dem Fehler. Was machte ich falsch? Zuerst dachte ich natürlich an Hygiene. Schließlich hatte ich gelernt, dass meistens Darmbakterien die Ursache sind. Also achtete ich noch genauer darauf, mich richtig abzuwischen, wusch mich gründlicher und kaufte spezielle Intimwaschlotionen. Nach dem Sport duschte ich sofort, nach dem Schwimmen zog ich den nassen Badeanzug aus und nach dem Sex ging ich grundsätzlich zur Toilette.
Mit jedem neuen Infekt kam eine weitere Regel dazu. Das passiert schleichend. Nach zwei Infekten denkt man beim dritten Mal schon vorher daran. Beim Kofferpacken wandert vorsichtshalber etwas gegen Blasenentzündung mit, und beim ersten Brennen ist die Unbeschwertheit dahin. Irgendwann geriet natürlich der Sex selbst in Verdacht. Das schien logisch: Beim Geschlechtsverkehr können Bakterien in Richtung Harnröhre gelangen.
Nur verstand ich etwas nicht. Meine Vagina war vollkommen in Ordnung: kein Brennen, keine Entzündung, keine Schmerzen beim Sex. Warum bekam dann meine Blase ein Problem? Erst da machte ich mir die Anatomie richtig klar. Scheide und Harnröhre sind zwei verschiedene Wege. Oberhalb des Scheideneingangs beginnt die sehr kurze weibliche Harnröhre, die zur Blase führt. Beim Geschlechtsverkehr gelangt der Penis also nicht in die Harnröhre – aber die Strukturen liegen unmittelbar nebeneinander. Die Vagina muss gar nicht entzündet sein, um für die Harnwege eine Rolle zu spielen. Ihr mikrobielles Milieu, besonders die Lactobazillen, hat eine Schutzfunktion und verändert sich unter hormonellen Einflüssen. Nach den Wechseljahren können deshalb vaginale Östrogene bei entsprechenden Frauen das Risiko wiederkehrender Harnwegsinfekte senken.
Dann fiel mir etwas auf: Es hatte Zeiten mit viel und sehr schönem Sex gegeben, in denen ich überhaupt keine Blasenentzündungen bekam. Und Zeiten mit wenig Sex und ständig empfindlicher Blase. Vielleicht war die Frage also nicht nur, ob ich Sex hatte, sondern was dabei in meinem Körper passierte. Bis dahin hatte ich Sex im Zusammenhang mit Blasenentzündungen ausschließlich mechanisch betrachtet: Reibung, Bakterien, hinterher Wasserlassen.
Sexuelle Erregung verändert den Körper deutlich: Der Genitalbereich wird stärker durchblutet, Klitoris und Vulva schwellen an, die Durchblutung der Vaginalwand nimmt zu und das Gewebe wird feuchter, weicher und nachgiebiger. Dieses Gefühl von Wärme und Fülle kannte ich – nur hatte ich nie über die Physiologie dahinter nachgedacht. Und mein Körper befindet sich bei guter sexueller Erregung in einem völlig anderen Zustand als bei einer Penetration, während ich kaum erregt bin, die Schleimhaut wenig feucht und mein Beckenboden angespannt ist. Damit kam ich auf meinen Beckenboden. Ich hatte immer gedacht, den müsse man vor allem trainieren. Anspannen, halten, loslassen. Dass mein Problem vielleicht eher das Loslassen sein könnte, war mir nie gekommen. Wenn ich gestresst bin, ziehe ich die Schultern hoch und presse die Zähne zusammen. Warum sollte mein Beckenboden nicht ebenfalls reagieren? Ein gut funktionierender Beckenboden muss nicht nur anspannen, sondern auch loslassen können.
„Das bedeutet nicht, dass gute sexuelle Erregung vor einer wiederkehrende Blasenentzündung schützt.“ Dafür gibt es keine ausreichenden Daten. Aber die Gleichung „Sex = mechanischer Transport von Bakterien“ erschien mir plötzlich ziemlich unvollständig.
Was alle sagen – und was wir eigentlich gar nicht so genau wissen
Sich nicht auf kalte Steine zu setzen – diesen Rat lässt wahrscheinlich keine Großmutter aus, sobald ein Mädchen seine erste Blasenentzündung hatte. Später kommen die anderen Regeln dazu: von vorne nach hinten wischen, Baumwollunterwäsche, keine engen Hosen, nasse Badesachen wechseln, nach dem Sex zur Toilette, viel trinken und nachts am besten ohne Slip oder im lockeren Schlafanzug schlafen. Erstaunlicherweise gibt es für viele dieser Empfehlungen keine guten Studien, die zeigen, dass sie tatsächlich bakterielle Harnwegsinfekte verhindern. Das heißt nicht, dass sie unsinnig sind. Luftige Unterwäsche, wenig Feuchtigkeit und Reibung und der Verzicht auf aggressive Intimprodukte können für Vulvahaut und Schleimhäute sinnvoll sein. Nur ist „gut für Haut und lokales Milieu“ nicht automatisch dasselbe wie „verhindert nachweislich eine Blasenentzündung“. Auch das Wasserlassen nach dem Sex klingt plausibel und schadet nicht – überzeugend bewiesen als Schutz vor wiederkehrenden Harnwegsinfekten ist es nicht. Eine bessere Datenlage jedoch gibt es für zusätzliches Trinken bei Frauen, die bisher wenig Flüssigkeit zu sich nehmen. Daraus folgt aber nicht, dass Frauen, die ohnehin ausreichend trinken, ständig literweise Wasser in sich hineinzwingen müssen.
Dass wir bei einer wiederkehrende Blasenentzündung über viele dieser Alltagsfragen so wenig wissen, hat auch damit zu tun, was überhaupt erforscht wird. Frauengesundheit war in der medizinischen Forschung lange unterrepräsentiert. Und eine große Studie darüber, ob Frauen nachts mit oder ohne Unterhose schlafen sollten, ist nicht nur schwierig durchzuführen – es gibt auch wenig wirtschaftlichen Anreiz, sie zu finanzieren. Fehlende Studien sind deshalb nicht dasselbe wie der Beweis, dass etwas wirkungslos ist.
Für mich war aber noch eine andere Erkenntnis wichtig: Vielleicht war nicht jedes Brennen, das ich über die Jahre als „schon wieder Blasenentzündung“ bezeichnet hatte, tatsächlich eine bakterielle Infektion. Brennen, Harndrang und Druck können auch bei gereizten Schleimhäuten, hormonellen Veränderungen oder einem schlecht entspannenden Beckenboden auftreten. Deshalb ist bei wiederkehrenden Beschwerden die Frage wichtig: Was kehrt eigentlich wieder – ein nachgewiesener bakterieller Infekt oder das Gefühl einer Blasenentzündung? Vielleicht erklärt das auch, warum der Leidensdruck unterschätzt wird. Eine einzelne Blasenentzündung dauert einige Tage; wiederkehrende Beschwerden besetzen irgendwann auch die Zeit dazwischen: Sie fahren mit in den Urlaub, sitzen beim Sex mit im Bett und bestimmen plötzlich auch den Alltag.
Die wichtigste Veränderung war für mich deshalb, nicht mehr bei jedem Brennen sofort zu überlegen, was ich falsch gemacht hatte. Ich begann stattdessen, meinen Körper neugieriger wahrzunehmen. Genau mit dieser Wahrnehmung beschäftigt sich auch SexoCorporal: Sexualität nicht nur als etwas zu betrachten, das „stattfindet“, sondern wahrzunehmen, was dabei im eigenen Körper geschieht – mit Erregung, Atmung, Bewegung, Muskelspannung und Beckenboden. Wer sich mit diesem Ansatz näher beschäftigen möchte, findet bei Sexonanz (hier der [LINK] ) weitere Informationen.
Gerade beim Sex machte diese veränderte Wahrnehmung für mich einen Unterschied. Wie fühlt sich mein Beckenboden an? Bin ich angespannt oder kann ich loslassen? Bin ich wirklich erregt? Wird das Gewebe warm, weich und gut durchblutet oder findet Penetration statt, obwohl mein Körper eigentlich noch gar nicht so weit ist? Das ist keine Zauberformel gegen Harnwegsinfekte. Ob intensivere sexuelle Erregung mit besserer genitaler Durchblutung das Risiko bakterieller Infekte senkt, wissen wir nicht. – Aber sie verändert ziemlich sicher das sexuelle Erleben.
Mehr Wahrnehmung, Erregung und Lubrikation und ein Beckenboden, der loslassen kann, machen Sexualität angenehmer. Und wenn dabei Schleimhäute besser durchblutet und weniger mechanisch gereizt werden, darf man zumindest fragen, ob das langfristig auch für ihre Gesundheit günstig sein könnte.
Noch wichtiger finde ich etwas anderes: Wer den eigenen Körper besser wahrnimmt, merkt früher, wenn Penetration eigentlich zu früh kommt, der Beckenboden festhält oder die eigene Erregung noch gar nicht da ist. Diese Wahrnehmung verändert auch Partnersex. Denn wer spürt, was der eigene Körper braucht, kann dafür eher einstehen. Kann langsamer werden, eine Pause machen, mehr Zeit für Erregung einfordern oder auch sagen: So gerade nicht.
Das könnte sogar der schönste Nebeneffekt von mehr Körperwahrnehmung sein: nicht weniger Sexualität aus Angst vor der nächsten Blasenentzündung, sondern mehr Vertrauen in den eigenen Körper – und mehr Freiheit, Sexualität so zu gestalten, dass sie sich auch wirklich gut anfühlt.
Und um zum Bild zurückzukehren: Von der Passagierin zur Pilotin. Ran ans Steuer!
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Aus der Praxis – anders gelesen.
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