Als Krankheiten noch im Wald wohnten
Märchen und Medizin? Früher war das fast dasselbe. Märchen wirken heute oft wie harmlose Kindergeschichten. Tatsächlich sind sie voller körperlicher Symptome, psychischer Auffälligkeiten, Verstümmelungen, Ängste und seltsamer Heilungsfantasien. Im Grunde sind sie ein medizinisches Archiv aus einer Zeit, in der Menschen Krankheiten noch nicht erklären konnten. Märchen und Medizin begegnen sich dort, wo der Körper nicht nur funktioniert, sondern erzählt.
Damals liefen Krankheiten nicht durch Arztpraxen. Sie liefen durch Wälder. Sie hatten Buckel, hinkten, verloren ihre Stimme, schliefen hundert Jahre, verwandelten sich nachts in Tiere oder standen plötzlich unter einem Fluch, den niemand verstand. Menschen beschrieben nicht Depressionen, Traumata, Psychosen oder neurologische Erkrankungen. Sie erzählten Geschichten.
Überhaupt sind Märchen voller auffälliger Körper. Bucklige Figuren, blinde Könige, lahme Bettler, vernarbte Gesichter, seltsame Verwandlungen. Körperliche Besonderheiten wurden früher selten neutral betrachtet. Sie galten oft als Zeichen eines inneren Fehlers, einer Schuld, eines Fluches oder einer geheimen Wahrheit. Medizinische Erklärungen gab es kaum. Also erzählte man moralische Geschichten über Körper:
Von Menschen, die plötzlich hundert Jahre schlafen. Von Kindern, die im Wald verschwinden. Von Frauen, die sich in Hexen verwandeln. Von Königen, die erblinden.Von Mädchen, die keine Stimme mehr haben. Von Wesen mit Buckeln, Klauen, Narben oder Tierkörpern. Von vergifteten Äpfeln, seltsamen Zaubern und Körpern, die nicht mehr gehorchen. Und immer wieder von der Angst, dass ein Mensch plötzlich etwas anderes werden könnte als vorher. Manche Dinge bekamen damals eben keinen medizinischen Namen. Sondern einen Wolf – oder einen Wald.
Und so ganz verschwunden sind diese alten Bilder übrigens nie. Auch in der heutigen Sprache von Medizin sind solche Bilder erstaunlich lebendig geblieben: Menschen bekommen einen Hexenschuss, als hätte nachts tatsächlich eine Hexe auf den Rücken gezielt. Es gibt das Alice-im-Wunderland-Syndrom, bei dem Größen, Entfernungen oder sogar der eigene Körper plötzlich fremd wirken können. Das Rapunzel-Syndrom beschreibt Menschen, die Haare verschlucken, sodass sich im Magen ganze Haarballen bilden. Und „Ondines Fluch“ nennt die Medizin eine seltene Störung, bei der Menschen im Schlaf aufhören zu atmen, als hätte ein Zauber ihnen die automatische Atmung genommen. Selbst moderne Medizin spricht also erstaunlich oft noch in Bildern, sobald Körper oder Wahrnehmung schwer erklärbar werden.
Und wer glaubt, solche Erklärungen seien mit den Märchen verschwunden, unterschätzt die Fantasie des Menschen. Auch heute entstehen rund um Krankheiten Geschichten, die alten Märchen erstaunlich ähnlich sind. Früher waren es Flüche, Hexen, böse Geister oder verwunschene Wälder. Heute sind es manchmal „Übersäuerung“, „Verschlackung“, geheimnisvolle Energiefelder, unsichtbare Belastungen oder Wunderkuren, die für sehr unterschiedliche Beschwerden verantwortlich gemacht werden. Im 19. Jahrhundert glaubte man an die „wandernde Gebärmutter“ als Ursache weiblicher Leiden. Franz Anton Mesmer erklärte Krankheiten durch Störungen eines unsichtbaren „tierischen Magnetismus“. Andere versuchten, Charaktereigenschaften aus Schädelformen abzulesen. Die Namen wechseln mit den Jahrhunderten, das menschliche Bedürfnis bleibt erstaunlich konstant: Wenn etwas unverständlich, bedrohlich oder chronisch wird, suchen wir nach einer Geschichte, die Ordnung schafft.
Krankheiten wohnen heute nicht mehr im Wald. Aber ganz aufgehört, Geschichten über sie zu erzählen, haben wir nie. Manche tragen inzwischen einen Fachbegriff, eine Frequenz oder ein pseudowissenschaftliches Modell statt eines Wolfsfells. Der Mensch scheint nicht nur Heilung zu brauchen. Er braucht auch Erklärungen.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.