Blutdruck schwankt. Ist das normal?
12:36 Uhr. Terrasse. Schatten. Leichter Wind. Mittagsschlafmodus. Blutdruck 112/68.
Gefäße an Herz: Alles entspannt. Herz an Gefäße: Endlich!
12:41 Uhr. Fliege an Gesicht: Landung! Hand an Gesicht: wedeln! Blutdruck 118/72.
12:42 Uhr. Fliege an Gesicht: zweite Landung. Diesmal Stirn.
Großhirn an Geduld: stabil bleiben. Blutdruck 136/76.
12:43 Uhr. Die Fliege krabbelt langsam Richtung Auge.
Großhirn an Blutdruck: leicht steigen. Blutdruck 146/84.
12:43 Uhr. Die Hand schlägt versehentlich gegen die eigene Sonnenbrille. Die Sonnenbrille fällt zu Boden.
Großhirn an Kreislauf: jetzt reicht es! Blutdruck 154/88.
12:44 Uhr. Die Fliege kehrt zurück. Kreislauf an Großhirn: Mittagsschlaf können wir heute vermutlich vergessen.
13:18 Uhr. Telefon klingelt. Ohren an Großhirn: unbekannte Nummer.
Großhirn an Blutdruck: vorsichtshalber erhöhen. Blutdruck 151/88.
13:19 Uhr. Es ist nur die Apotheke. Gefäße an Herz: Alarm kann wieder runtergefahren werden.
15:07 Uhr. Supermarkt. Vier Personen an der Kasse. Eigentlich harmlos. 15:11 Uhr. Nur noch eine Person vor uns. Blutdruck 128/80.
15:12 Uhr. Die Person beginnt plötzlich, einen gesamten Monatseinkauf in Centstücken zu bezahlen. Großhirn an Blutdruck: steigen. Blutdruck 148/92.
15:13 Uhr. Kassensystem meldet Fehler. Kasse an Mitarbeiterin: „Bitte warten.“ Herz an Großhirn: Das gefällt mir überhaupt nicht! Blutdruck 158/94.
15:14 Uhr. Direkt hinter uns öffnet jemand eine Packung hartgekochter Eier und beginnt laut schmatzend zu essen. Großhirn an Appetit: sofort einstellen! Nackenmuskulatur an Schultern: anspannen! Blutdruck 166/96.
15:16 Uhr. Endlich bezahlt. Gefäße an Herz: langsame Entwarnung. Blutdruck 134/82.
17:42 Uhr. Sofa. Halbschlaf. Der Körper gerade wieder kurz vor vollständiger Entspannung. Blutdruck 114/70.
Katze oben auf dem Schrank entdeckt plötzlich etwas Hochinteressantes, das nur sie sehen kann. Katze leitet riskantes Manöver ein. Drei Sekunden später: Absprung direkt auf den Bauch. Blutdruck an Großhirn: SOFORT steigen!
Blutdruck 171/98.
20:53 Uhr. Handy vibriert. Nachricht: „Wir müssen reden.“ Großhirn an Blutdruck: maximal aufmerksam!
Blutdruck 176/104.
Großhirn an Fantasiezentrum: bitte sämtliche Katastrophenszenarien erzeugen.
20:55 Uhr. Zweite Nachricht: „…wegen der Kuchenbestellung für Samstag.“
Kreislauf an Großhirn: Das hätte man in eine einzige Nachricht schreiben können.
Warum der Blutdruck sich ständig verändert
Viele Menschen erschrecken über einzelne hohe Blutdruckwerte. Dabei reagiert der Kreislauf auf erstaunlich viele Dinge: Bewegung, Schmerz, Ärger, Schlafmangel, Hitze, Kälte, Kaffee, Angst, Konzentration, Lärm, schlechte Nachrichten oder eine Katze mit fragwürdigem Urteilsvermögen. Blutdruck ist keine starre Zahl. Der Körper verändert ihn permanent. Genau das soll er auch tun.
Was die beiden Blutdruckwerte eigentlich bedeuten
Der obere Wert entsteht in dem Moment, in dem das Herz Blut in die Arterien pumpt. Der untere Wert beschreibt den Druck zwischen zwei Herzschlägen, während das Herz sich erneut füllt. Dabei misst man nie nur das Herz allein. Entscheidend ist auch, wie weit oder eng die Gefäße gerade sind und wie elastisch ihre Wände reagieren. Im Grunde arbeitet der Kreislauf wie ein empfindliches biologisches Resonanzsystem. Kleine Veränderungen von Aufmerksamkeit oder Spannung reichen aus, damit sich Puls, Gefäßspannung und Blutdruck innerhalb von Sekunden verändern.
Wie die Blutdruckmessung überhaupt entstand
Dass man diesen Druck überhaupt messen kann, ist medizinisch noch gar nicht so alt. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci die aufblasbare Oberarmmanschette. Wenige Jahre später beschrieb der russische Arzt Nikolai Korotkow die typischen Strömungsgeräusche, die man mit dem Stethoskop hört. Daraus entstand die klassische Blutdruckmessung.
Trotzdem wird bis heute oft so getan, als könne eine einzelne Messung den „wahren“ Blutdruck eines Menschen zeigen. Der Körper sieht das meist deutlich komplizierter. Solche Schwankungen sind zunächst einmal normal. Problematisch wird Blutdruck vor allem dann, wenn er dauerhaft erhöht bleibt und der Körper keine echten Ruhephasen mehr erreicht.
Warum Bluthochdruck entsteht
Bluthochdruck entsteht außerdem nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise. Es gibt unterschiedliche Auslöser und oft greifen mehrere gleichzeitig ineinander. Eine Rolle spielen genetische Veranlagung, Alter und die zunehmende Steifigkeit der Gefäße. Auch Übergewicht, Bewegungsmangel, Schlafmangel, chronischer Stress, Schmerzen, Alkohol, Nikotin oder bestimmte Medikamente können den Blutdruck erhöhen. Bei manchen Menschen liegt zusätzlich eine hormonelle oder organische Ursache vor — etwa Erkrankungen der Nieren, der Schilddrüse oder der Nebennieren.
Und selbst dann reagiert nicht jeder Körper gleich. Manche Menschen entwickeln schon unter geringer Daueranspannung erhöhte Werte, andere scheinen jahrzehntelang erstaunlich stabil zu bleiben. Wie genau aus einem ständig reagierenden Kreislauf schließlich ein chronisch hoher Blutdruck wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt allerdings einige recht plausible Vorstellungen dazu.
Wie Stress das Blutdrucksystem verändern kann
Eine wichtige Rolle spielt vermutlich das vegetative Nervensystem. Der Körper besitzt Drucksensoren in den großen Halsarterien und der Aorta — sogenannte Barorezeptoren. Sie messen ständig, wie stark die Gefäßwand gedehnt wird, und melden dem Gehirn: Druck zu hoch oder Druck zu niedrig. Unter dauerhaftem Stress, chronischer Anspannung, Schlafmangel oder ständiger Aktivierung des sympathischen Nervensystems scheint sich dieses System langsam zu verändern. Die Gefäße bleiben enger, die Gefäßwände werden steifer und das Gehirn gewöhnt sich gewissermaßen an höhere Druckwerte. In der Forschung spricht man teilweise von einem „Resetting“ des Baroreflexes — der Körper beginnt, erhöhte Werte zunehmend als normal zu akzeptieren. Man könnte sagen: Aus einer sinnvollen kurzfristigen Alarmreaktion entsteht irgendwann ein Dauerzustand. Auch die Gefäße selbst verändern sich offenbar unter dauerhaft erhöhtem Druck. Sie verlieren Elastizität, reagieren stärker auf Stresshormone und erhöhen dadurch wiederum den Widerstand im Kreislauf. Ein System, das ursprünglich flexibel reagieren sollte, wird langsam starrer. Interessanterweise scheint der Körper dabei nicht einfach „außer Kontrolle“ zu geraten. Vielmehr reguliert er weiterhin — nur um einen verschobenen Normalwert herum.
Warum eine 24-Stunden-Blutdruckmessung oft aussagekräftiger ist
Daher wird ein Bluthochdruck lange nicht bemerkt oder erkannt. Viele Menschen fühlen sich völlig gesund. Der Kreislauf arbeitet weiter. Nur eben dauerhaft unter höherer Spannung. Ein Blutdruckwert ist deshalb nie nur eine Zahl. Er erzählt immer auch ein kleines Stück Alltag mit und eine 24-Stunden-Messung manchmal deutlich mehr über einen Menschen als eine einzelne Minute in einer Arztpraxis. Das kleine Gerät misst tagsüber und nachts automatisch immer wieder den Blutdruck und zeigt dadurch nicht nur einzelne Momentaufnahmen, sondern den gesamten Rhythmus des Kreislaufs. Gerade nachts wird das interessant. Normalerweise sinkt der Blutdruck im Schlaf deutlich ab. Tut er das nicht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass der Körper dauerhaft unter Spannung bleibt — selbst wenn einzelne Tageswerte noch unauffällig erscheinen.
Diese Untersuchung ist allerdings nicht sehr beliebt. Die Manschette pumpt sich auch nachts regelmäßig auf, viele Menschen schlafen schlechter und manche entwickeln spätestens gegen drei Uhr morgens eine gewisse persönliche Feindschaft zu dem Gerät. Die Aussagekraft ist trotzdem hoch — sowohl bei der Diagnose eines möglichen Bluthochdrucks als auch bei der Einstellung von Medikamenten oder der Kontrolle einer Therapie.
Oft zeigt sich erst über 24 Stunden, ob der Blutdruck wirklich dauerhaft erhöht ist oder nur in bestimmten Situationen entgleist. Manchmal sieht man dabei, dass ein Kreislauf tagsüber erstaunlich tapfer funktioniert, nachts aber nie wirklich zur Ruhe kommt.
Blutdruck ist nicht nur eine Zahl auf einem Messgerät. Er reagiert auf Alltag, Aufmerksamkeit, Stress, Schlaf, Gedanken, Geräusche, Schmerzen und Situationen. Der Kreislauf führt gewissermaßen sein eigenes Protokoll darüber, wie der Körper gerade mit der Welt zurechtkommt.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.