Zeigen Sie einmal auf Ihre Prostata
Die Prostata – ein Organ im Verborgenen
Viele Männer wissen, dass sie eine Prostata haben. Sie wissen vielleicht auch, dass sie im Alter größer werden kann, dass es den PSA-Wert gibt und dass Prostatakrebs häufig ist. Doch wo genau dieses Organ liegt, was es tut und welche Rolle es für die Sexualität spielt, bleibt erstaunlich abstrakt. Prostata und Sexualität gehören enger zusammen, als viele Männer vermuten.
Die Prostata ist unsichtbar und normalerweise auch nicht bewusst spürbar. Sie liegt tief im kleinen Becken direkt unterhalb der Harnblase, vor dem Enddarm und umschließt den ersten Abschnitt der Harnröhre. Etwa walnussgroß lautet der klassische Vergleich. Sie produziert einen Teil der Samenflüssigkeit und beteiligt sich an der Ejakulation. Damit gehört sie eindeutig zum männlichen Sexualsystem.
Im alltäglichen Körpergefühl vieler Männer kommt sie trotzdem kaum vor.
Darin liegt ein Teil ihrer eigentümlichen Rolle: Die Prostata ist zwar Teil des sexuellen Körpers, erscheint im öffentlichen Bewusstsein aber vor allem als Krankheitsorgan. Solange sie ihren Dienst verrichtet, redet kaum jemand über sie. Interessant wird sie häufig erst, wenn nachts der Weg zur Toilette häufiger wird, der Harnstrahl schwächer wird oder bei einer Vorsorgeuntersuchung plötzlich das Wort „PSA“ fällt.
Mit zunehmendem Alter kann sich die Prostata vergrößern. Weil die Harnröhre mitten durch sie hindurchläuft, kann dieses Wachstum das Wasserlassen beeinträchtigen. Ein schwächerer Harnstrahl, Startschwierigkeiten, Nachträufeln oder häufigeres Wasserlassen können die Folge sein. Ein verbreiteter Kurzschluss lautet dann: Eine große Prostata bedeutet Prostatakrebs. Das stimmt nicht. Eine gutartige Prostatavergrößerung und ein Prostatakarzinom sind unterschiedliche Erkrankungen. Beschwerden beim Wasserlassen können viele Ursachen haben. Umgekehrt kann ein Prostatakarzinom lange Zeit überhaupt keine Beschwerden verursachen.
Auch der PSA-Wert wird häufig missverstanden. Ein erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch Krebs. Auch eine gutartige Prostatavergrößerung, Entzündungen und andere Einflüsse können den Wert verändern. PSA ist deshalb keine Ampel mit Grün oder Rot, sondern eine Information, die zusammen mit Alter, Verlauf, Prostatagröße, Untersuchung und gegebenenfalls weiterer Diagnostik beurteilt werden muss.
Selbst die KI bekommt bei der Prostata kalte Füße
Für diesen Artikel wollte ich eigentlich ein ganz harmloses Bild: einen erwachsenen Mann, der augenzwinkernd auf seinen Bauchnabel zeigt und sagt: „Schau mal, meine Prostata!“ Später probierte ich zwei erwachsene Männer aus, die miteinander anstoßen und „Prostata!“ sagen. Beides scheiterte an den automatischen Schutzmechanismen der Bild-KI. Das ist natürlich keine medizinische Aussage über die Prostata. Aber es passt erstaunlich gut zu einem Organ, über das wir bei Krebs, PSA-Werten oder Problemen beim Wasserlassen sehr selbstverständlich sprechen und das andererseits als Teil der männlichen Sexualität merkwürdig schnell in eine Tabuzone gerät. – Am Ende blieb die Walnuss. Und selbst die zensierte Walnuss musste sich ihre Veröffentlichung erst verdienen. Im Zusammenhang mit Prostata und Sexualität blockierte die Bild-KI zunächst sogar dieses harmlose Motiv. Erst in einem völlig neutralen Kontext ließ es sich erzeugen: Ungefähr so groß ist eine gesunde Prostata nämlich tatsächlich.
Die Prostata und die Sexualität
Viele Männer verbinden Sexualität zunächst mit dem sichtbaren Teil ihres Körpers. Penis, Erektion und Ejakulation sind unmittelbar wahrnehmbar. Die Prostata dagegen beteiligt sich an diesen Vorgängen, ohne als eigenes Organ deutlich ins Bewusstsein zu treten. Ein Mann erlebt die Ejakulation, die Kontraktionen und den Orgasmus. Aber er erlebt normalerweise nicht bewusst: Jetzt arbeitet meine Prostata. Aus Sicht des Sexocorporel, einem körperorientierten sexualtherapeutischen Ansatz, ist das besonders interessant. Sexualität besteht nicht nur daraus, ob ein Organ biologisch funktioniert. Sie besteht auch daraus, wie wir den eigenen Körper wahrnehmen, welche Regionen wir unterscheiden können, wie wir Spannung und Bewegung einsetzen und welche innere Vorstellung wir von unserem sexuellen Körper haben. – Die Prostata ist funktionell wichtig und gleichzeitig im bewussten Körperbild vieler Männer nahezu unsichtbar.
Rund um die Prostata ranken sich zahlreiche Vorstellungen, in denen Sexualität und Medizin schnell miteinander vermischt werden. Manche Männer erleben Druck oder Berührung in diesem Bereich als angenehm, andere nicht. Eine Prostatamassage ist deshalb aber weder eine notwendige Gesundheitsmaßnahme noch eine Form der Krebsprophylaxe. Auch für häufige Ejakulation gibt es keine einfache Präventionsregel. Beobachtungsstudien haben zwar einen Zusammenhang zwischen häufigerer Ejakulation und einem geringeren Prostatakrebsrisiko gefunden, daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass häufige Ejakulation Prostatakrebs verhindert. Ähnlich verhält es sich mit dem Radfahren. Längerer Druck auf den Dammbereich kann Beschwerden verursachen und bestimmte Messwerte vorübergehend beeinflussen. Dass Radfahren Prostatakrebs verursacht, ist daraus aber nicht abzuleiten. Ein passender Sattel und das Vermeiden anhaltenden Drucks sind praktische Fragen, keine Krebsprophylaxe.
Körperwissen verändert Sexualität
Im Sexocorporel geht es unter anderem darum, wie Körperhaltung, Muskelspannung, Bewegung, Atmung und Wahrnehmung sexuelle Erregung beeinflussen. Je differenzierter jemand den eigenen Körper wahrnimmt, desto mehr Möglichkeiten können auch im sexuellen Erleben entstehen. Das Thema Prostata und Sexualität macht deutlich, wie eng medizinisches Wissen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Das bedeutet nicht, dass ein Mann lernen muss, seine Prostata isoliert zu „spüren“. Interessanter ist die Frage, ob er Beckenboden, Unterbauch, Gesäß, Atmung und Bewegung voneinander unterscheiden kann. Ob er wahrnimmt, wann er im sexuellen Erleben stark anspannt und wann er loslässt. Ob seine Erregung fast ausschließlich auf den Penis konzentriert ist oder als Ganzkörpererfahrung erlebt wird. Anatomisches Wissen kann dabei helfen, überhaupt eine innere Landkarte des eigenen Körpers zu entwickeln.
Besonders deutlich wird das nach Erkrankungen oder Operationen. Ein Mann, der sich jahrzehntelang kaum Gedanken über seine Prostata gemacht hat, kann nach einer Behandlung plötzlich mit Veränderungen von Erektion, Ejakulation oder Kontinenz konfrontiert sein. Dann müssen Begriffe voneinander getrennt werden, die vorher scheinbar dasselbe waren: Erektion ist nicht Ejakulation. Ejakulation ist nicht Orgasmus. Nach einer vollständigen Entfernung der Prostata findet beispielsweise kein Samenerguss mehr statt. Ein Orgasmus kann trotzdem möglich sein. Erektionsfähigkeit und Orgasmuserleben sind wiederum zwei verschiedene Dinge.
Der Satz „Nach einer Prostataoperation ist die Sexualität vorbei“ stimmt deshalb ebenfalls nicht. Operationen und andere Behandlungen können Sexualität deutlich verändern. Je nach Verfahren können Erektion, Ejakulation, Orgasmuserleben und Kontinenz betroffen sein. Eine veränderte Funktion bedeutet aber nicht automatisch das Ende sexuellen Erlebens.
Gerade dann kann es hilfreich sein, Sexualität nicht nur als linearen Ablauf von Erregung, Erektion, Ejakulation und Orgasmus zu verstehen. Sie besteht aus mehreren körperlichen und emotionalen Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen, aber nicht identisch sind.
Männer und Frauen haben ihre blinden Flecken
Wir denken häufig, die männlichen Sexualorgane seien besonders einfach zu verstehen, weil ein großer Teil sichtbar außen liegt. Penis und Hoden vermitteln diesen Eindruck. Doch das sichtbare Genitale ist nur ein Teil des Systems. Prostata, Samenblasen, Samenleiter, Beckenboden, Nerven und Gefäße liegen im Inneren.
Hier gibt es eine interessante Parallele zur Frau:
Bei Frauen ist die Diskrepanz zwischen sichtbarer und tatsächlicher Sexualanatomie noch ausgeprägter. Die Klitoris wird im Alltag häufig mit ihrem kleinen sichtbaren Anteil gleichgesetzt. Ein erheblicher Teil des Organs liegt jedoch im Körperinneren. Auch Beckenboden, erektile Gewebe und die Strukturen rund um Vulva, Vagina und Harnröhre sind von außen nur teilweise sichtbar. Auch Frauen können ihren sexuellen Körper intensiv erleben und gleichzeitig nur eine unvollständige Vorstellung davon haben, wie er anatomisch aufgebaut ist.
Männer und Frauen unterscheiden sich anatomisch erheblich. In einem Punkt ähneln sie sich jedoch: Große Teile der Sexualanatomie bleiben der direkten Wahrnehmung entzogen. Was sichtbar und leicht berührbar ist, bekommt schnell einen Namen und einen Platz auf der inneren Landkarte. Was tiefer im Körper liegt, erschließt sich oft erst durch Wissen, Erfahrung und bewusste Wahrnehmung. Beim Mann ist die Prostata dafür ein besonders gutes Beispiel. Sie ist Teil der Fortpflanzung, Teil des sexuellen Systems und im Laufe des Lebens häufig auch medizinisch relevant. Wer ihre Lage und Funktion besser versteht, erweitert damit auch die Vorstellung vom eigenen sexuellen Körper. Gerade deshalb lohnt es sich, Sexualität nicht nur danach zu beurteilen, ob etwas „funktioniert“. Körperwissen erweitert Wahrnehmung. Wahrnehmung beeinflusst Spannung und Bewegung. Spannung und Bewegung beeinflussen Erregung. Die Prostata ist damit nicht nur ein Organ, das irgendwann Beschwerden machen kann. Sie ist ein Teil männlicher Sexualität, den es lohnt, schon vorher kennenzulernen.
Wer das Thema Sexocorporel vertiefen möchte, findet auf der Seite meines Mannes, Dr. Thomas Wels, einen ausführlicheren Einblick in seine Arbeit: Sexonanz.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Diesen Beitrag gibt es auch auf Spanisch!
Aus der Praxis – anders gelesen.
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