Erotik zwischen Nähe und Distanz
Über den Körper in der Sexualität
„Nähe ist die wunderbarste Täuschung der Liebe.“
— Unbekannt
Kaum ein Thema wird gleichzeitig so viel gezeigt, erklärt, bewertet und missverstanden wie Sexualität. Erstaunlicherweise widmen sich weder Medizin noch Psychotherapie der Sexualität wirklich als körperlich erlebtem menschlichen Geschehen.
In der Medizin wird Sexualität erstaunlich schnell zu Mechanik. Zu Hormonen, Gefäßen, Medikamenten, Funktionen und Funktionsstörungen. Dort wird gemessen, untersucht, behandelt und optimiert. Das ist manchmal wichtig und hilfreich. Aber lebendige Sexualität entsteht nicht zwischen Laborwerten. In der Psychotherapie wird Sexualität dagegen häufig zu Biografie, Bindung, Konflikt und Kommunikation. Auch das erklärt vieles. Aber oft verschwindet dabei der Körper selbst: Spannung, Rhythmus, Erregung und die unmittelbare Resonanz zwischen zwei Menschen.
Und dann gibt es noch die moderne Medienwelt. Wahrscheinlich war Sexualität noch nie gleichzeitig so sichtbar und so entkörperlicht wie heute. Überall perfekte Bilder, permanente Verfügbarkeit, Techniken, Inszenierungen, Optimierung. Menschen sehen ständig Sexualität — und verlieren dabei oft gerade das Gespür für Spannung, Resonanz und wirkliche körperliche Begegnung. Erotik zwischen Nähe und Distanz ist deshalb kein abstraktes Beziehungsthema, sondern etwas, das der Körper unmittelbar erlebt.
Interessanterweise verstehen Filme das oft besser. Die stärksten erotischen Szenen der Filmgeschichte bestehen erstaunlich häufig aus fast nichts. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman am Flughafen in Casablanca. Kein expliziter Sex, kaum Berührung — und trotzdem Spannung in jedem Blick. Oder zwei Menschen, die in Before Sunrise stundenlang gemeinsam durch Wien laufen, reden, lachen und Musik hören. Fast nichts passiert. Und gerade dadurch entsteht diese besondere Spannung zwischen ihnen.
Der Körper reagiert auf Nähe und Distanz
Der menschliche Körper reagiert erstaunlich sensibel auf Nähe und Distanz. Schon kleine Veränderungen verändern Muskeltonus, Atemfrequenz, Aufmerksamkeit und vegetative Spannung. Erotik entsteht deshalb oft nicht einfach durch möglichst viel Nähe. Sondern durch ein dynamisches Wechselspiel. Menschen nähern sich an, reagieren aufeinander, gehen minimal zurück, bauen Spannung auf, lösen sie wieder. Fast wie in Musik oder Tanz.
Wenn Beziehungen dagegen über lange Zeit fast ausschließlich auf Vertrautheit, Sicherheit und völlige Synchronisierung ausgerichtet sind, verändert sich häufig auch die körperliche Reaktion. Der andere wird weniger als Gegenüber wahrgenommen, auf das der eigene Körper spontan reagiert. Viele Paare kennen dieses Phänomen. Sie funktionieren hervorragend zusammen. Sie organisieren Alltag, Familie, Termine, Belastungen. Sie werden eng vertraut. Oft sehr liebevoll. Und trotzdem verändert sich etwas. Nicht unbedingt emotional. Sondern körperlich. Der Blick wird kürzer. Berührungen funktionaler. Spannung entsteht seltener spontan. Nicht weil die Beziehung schlecht geworden wäre. Sondern weil Erotik physiologisch häufig nicht aus völliger Verschmelzung entsteht, sondern aus Bewegung zwischen Nähe und Distanz.
Sexualität als körperlich erlebtes Geschehen
Erotik entsteht dabei nicht nur zwischen zwei Menschen. Sie beginnt auch in der Art, wie ein Mensch sich selbst körperlich erlebt. Im Sexocorporel — einem körperorientierten Ansatz der Sexualwissenschaft — hat mich besonders fasziniert, dass sexuelle Spannung dort nicht nur als Beziehungsthema verstanden wird, sondern auch als Fähigkeit, sich selbst überhaupt körperlich wahrnehmen, annehmen und als begehrenswert erleben zu können. Denn Nähe zum anderen kann als lebendiger Teil von Sexualität oft erst dann wirklich erlebt werden, wenn gleichzeitig auch die eigene Körperlichkeit erfahren wird.
Genau darin liegt auch mein Interesse als Ärztin an dieser Thematik. Mich interessiert weniger Perfektion oder Funktionieren, damit setzen sich viele andere zur Genüge auseinander. Mich beschäftigt die Frage, wodurch Menschen sich überhaupt lebendig, sinnlich und körperlich präsent fühlen — und wie sie daraus oft wieder mehr Spannung, Nähe und Lebendigkeit in Beziehungen entwickeln können. Denn all das ist tatsächlich, auf die eine oder andere Weise, ein sehr körperliches Thema.
Eine Serie über Körperlichkeit und Sexualität
In den nächsten Wochen und Monaten soll daraus eine kleine Serie entstehen. Über den Körper in der Sexualität. Über Spannung zwischen Menschen. Über Nähe und Distanz. Und über die Frage, wie Menschen ihre eigene körperliche Lebendigkeit erleben.
Das sind Themen, für die Menschen oft erstaunlich schwer Worte finden. Genau deshalb möchte ich mit dieser Serie einen Raum eröffnen, in dem über Körperlichkeit, Spannung, Nähe, Distanz und Sexualität überhaupt wieder gesprochen werden kann.
Herzlich, Ihre Hausärztin auf Mallorca Dr. Ines Augele
Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.