Drei Antworten auf drei Schritte Abstand
Ein Pferd wendet sich ab – und drei Menschen erleben drei verschiedene Geschichten
Pferdearbeit Nähe und Distanz
Möchten Sie in einer Beziehung manchmal anders reagieren als sonst – trauen sich aber nicht, weil Sie nicht wissen, was dann geschieht? Vielleicht würden Sie gern einmal stehen bleiben, statt sofort hinterherzugehen. Abstand nehmen, statt Nähe auszuhalten. Oder einfach anwesend bleiben, ohne ständig etwas tun zu müssen, damit der andere sich Ihnen zuwendet. Im Alltag ist es oft schwer, solche neuen Möglichkeiten auszuprobieren. Zu viel steht auf dem Spiel, alte Gefühle werden wach, und die Reaktion des anderen lässt sich nicht vorhersehen. In der Arbeit mit Pferden kann genau das unmittelbar erprobt werden – sozusagen als Experiment: Was geschieht, wenn ich dieses Mal nicht automatisch das tue, was ich sonst immer tue?
Drei Personen beschreiben im Folgenden dieselbe Situation: Ein Mensch steht mit einem Pferd auf einem freien Platz. Für einen Moment sind beide aufmerksam miteinander. Das Pferd steht in seiner Nähe, vielleicht dem Menschen zugewandt, vielleicht leicht seitlich. Dann dreht es den Kopf weg, wendet den Körper ab und geht einige Schritte fort. Mehr geschieht nicht. Das Pferd reißt sich nicht los. Es flieht nicht. Es zeigt keine Aggression. Es geht nur ein paar Schritte weg. Und doch erleben drei Menschen diesen Moment auf drei vollkommen unterschiedliche Arten.
„Es mag mich nicht“
Als das Pferd sich von mir abwandte, dachte ich sofort: Bei den anderen bleibt es stehen. Nur bei mir geht es weg. Innerhalb weniger Sekunden wurde aus den Schritten des Pferdes eine Geschichte über mich. Ich musste etwas falsch gemacht haben. Vielleicht war ich nicht interessant genug, nicht sympathisch genug oder grundsätzlich ungeeignet für den Kontakt mit Pferden. Ich kannte dieses Gefühl. Sobald sich jemand zurückzieht, suche ich den Grund bei mir. Ich frage mich, was an mir nicht stimmt und was ich hätte anders machen müssen. Am liebsten hätte ich das Pferd sofort zurückgeholt. Dann hätte ich gewusst, dass doch alles in Ordnung war. Stattdessen blieb es einige Schritte entfernt stehen.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich holte das Pferd nicht sofort zurück. Ich blieb zunächst stehen und versuchte, nur wahrzunehmen, was tatsächlich geschah. Das Pferd war einige Schritte gegangen. Mehr wusste ich nicht. Vielleicht hatte es etwas gehört. Vielleicht wollte es sich bewegen. Vielleicht war ihm die Nähe gerade zu viel. Vielleicht hatte seine Bewegung überhaupt nichts mit mir zu tun. Ich bemerkte, wie schnell ich die Entfernung als Urteil über mich verstanden hatte. Deshalb versuchte ich, bei dem zu bleiben, was ich wirklich beobachten konnte: Das Pferd war fortgegangen. Es stand einige Meter entfernt. Es war weiterhin ruhig. Ich musste noch nicht wissen, warum es gegangen war. Und ich musste aus seinem Verhalten nicht sofort ableiten, dass mit mir etwas nicht stimmte.
„Endlich lässt es mich in Ruhe“
Als das Pferd sich entfernte, war ich zunächst erleichtert. Seine Nähe war mir eigentlich zu viel gewesen. Das Pferd war groß, bewegte sich dicht an meinem Körper und nahm viel Raum ein. Ich hatte versucht, ruhig und souverän zu wirken, obwohl ich mich innerlich unwohl fühlte. Als es fortging, konnte ich plötzlich wieder freier atmen. Gleichzeitig war mir meine Erleichterung unangenehm. Schließlich war ich doch gekommen, um Kontakt mit dem Pferd zu haben. Müsste ich mir dann nicht wünschen, dass es bei mir blieb? Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich Abstand brauchte. Deshalb hatte ich die Nähe ausgehalten, obwohl sie sich nicht gut anfühlte.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich erlaubte mir, die Entfernung zunächst angenehm zu finden. Ich musste das Pferd nicht sofort wieder heranholen. Stattdessen achtete ich darauf, welcher Abstand sich für mich sicher anfühlte. Das Pferd stand einige Meter entfernt. Ich konnte es beobachten, ohne mich bedrängt zu fühlen. Nach einer Weile merkte ich, dass meine Anspannung nachließ. Aus der Erleichterung entstand langsam wieder Neugier. Ich entschied selbst, einen Schritt auf das Pferd zuzugehen. Dann blieb ich stehen und wartete ab. Die Annäherung fühlte sich nun anders an. Ich musste die Nähe nicht mehr ertragen oder so tun, als wäre sie angenehm. Ich konnte mitentscheiden, wie viel Nähe in diesem Moment für mich möglich war.
„Ich muss interessanter werden“
Sobald das Pferd fortging, begann ich, etwas anzubieten. Ich sprach mit ihm, bewegte mich, lockte es und versuchte, seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Ich hatte sofort das Gefühl, etwas leisten zu müssen, damit es wieder zu mir kam. Ich machte noch eine Bewegung, sprach es erneut an und überlegte, womit ich sein Interesse wecken könnte. Das Pferd fraß währenddessen ein wenig Gras. Je weniger es auf mich reagierte, desto mehr versuchte ich. Ich wollte nicht einfach nur dastehen. Das fühlte sich an, als würde ich nichts tun und hätte dem Pferd nichts zu bieten.
Und das habe ich dann ausprobiert:
Ich hörte auf, mich immer interessanter machen zu wollen. Ich blieb anwesend, ohne das Pferd fortlaufend anzusprechen oder zu beschäftigen. Das war zunächst ungewohnt. Ich fühlte mich beinahe untätig. Dabei wandte ich mich nicht ab. Ich blieb aufmerksam und dem Pferd zugewandt. Ich durfte Kontakt aufnehmen und Initiative zeigen, musste aber nicht ununterbrochen etwas Neues anbieten. Das Pferd fraß weiter. Dann hob es irgendwann den Kopf und sah in meine Richtung. Vielleicht hätte es das auch getan, wenn ich weiter gesprochen und mich bewegt hätte. Das wusste ich nicht. Entscheidend war für mich etwas anderes: Ich hatte den offenen Moment ausgehalten, ohne mich besonders interessant, hilfreich oder unterhaltsam machen zu müssen.
Drei Menschen – drei neue Erfahrungen
Das Pferd hat in allen drei Situationen dasselbe getan: Es hat sich abgewandt und ist einige Schritte fortgegangen. Doch für jeden Menschen lag in diesem Moment eine andere Möglichkeit.
Für den ersten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Jemand entfernt sich von ihm, ohne dass er dadurch weniger wertvoll wird. Er muss die Bewegung des anderen nicht sofort als Urteil über sich verstehen. Er darf zunächst beobachten, was tatsächlich geschieht, ohne die Erklärung bereits zu kennen.
Für den zweiten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Er darf Abstand brauchen, ohne die Beziehung abzubrechen. Er muss Nähe nicht aushalten, um sein Interesse oder seine Beziehungsfähigkeit zu beweisen. Erst wenn er seinen eigenen Wunsch nach Distanz ernst nimmt, kann er sich wieder freiwillig annähern.
Für den dritten Menschen könnte die neue Erfahrung lauten: Er muss nicht ununterbrochen etwas bieten, um in Beziehung sein zu dürfen. Er kann aufmerksam und zugewandt bleiben, ohne ständig für Kontakt, Unterhaltung oder Interesse sorgen zu müssen.
Was für einen Menschen hilfreich ist, wäre für einen anderen möglicherweise genau die falsche Aufgabe. Der eine darf lernen, eine Entfernung nicht sofort auf sich zu beziehen. Der andere braucht die Erlaubnis, selbst Abstand herzustellen. Ein Dritter kann ausprobieren, einfach anwesend zu bleiben, ohne sich die Aufmerksamkeit des Gegenübers verdienen zu müssen.
Gerade deshalb gibt es in der Pferdearbeit nicht die eine richtige Reaktion, sondern die Möglichkeit, die eigene stimmige Antwort zu entdecken. Die Weisheit darüber liegt nicht beim Pferd und auch nicht bei der begleitenden Person, sondern im Menschen selbst. Die Begegnung mit dem Pferd kann etwas sichtbar und spürbar machen, das längst vorhanden ist, aber bisher vielleicht keinen Ausdruck gefunden hat. Pferdearbeit ist in diesem Sinne eine Form von Hebammenarbeit: Sie bringt nichts Fremdes hervor, sondern hilft dabei, die eigene innere Wahrheit ans Licht zu bringen.
Meine Arbeit mit Menschen und Pferden
Die Arbeit mit Nähe, Distanz und Beziehung begleitet mich schon seit vielen Jahren. Als ärztliche Psychotherapeutin habe ich in Deutschland eine umfangreiche psychotherapeutische Weiterbildung absolviert und lange mit psychotherapeutischen Methoden gearbeitet. Diese Erfahrung prägt bis heute meine ärztliche Arbeit und auch die Begegnungen mit meinen Pferden.
Körperliches Wohlbefinden hängt auch von einer guten Regulation zwischen Körper, seelischem Erleben und vegetativem Nervensystem ab. Dieses Zusammenspiel bildet die Grundlage meiner medizinischen Haltung und meiner Arbeit als Ärztin. Ganzheitlichkeit bedeutet für mich deshalb nicht, die Medizin um etwas Fremdes zu ergänzen, sondern körperliche Beschwerden, Gefühle, Beziehungen und innere Anspannung in ihren gegenseitigen Zusammenhängen wahrzunehmen.
Die Arbeit mit den Pferden kann für Menschen interessant sein, die in Beziehungen immer wieder an ähnliche Grenzen geraten: die sich schnell zurückgewiesen fühlen, Nähe nur schwer zulassen, ihre eigenen Bedürfnisse kaum wahrnehmen oder das Gefühl haben, ständig für die Beziehung sorgen zu müssen. Auch für Paare kann eine gemeinsame Begegnung mit den Pferden neue Perspektiven eröffnen. Dabei geht es nicht darum, dass das Pferd eine Lösung vorgibt, sondern darum, das eigene Erleben unmittelbar wahrzunehmen und einmal eine andere Reaktion auszuprobieren. Pferde reagieren dabei sehr genau auf unsere Körpersprache. Untersuchungen zeigen, dass sie selbst bei unbekannten Menschen zwischen einer offenen und einer eher abweisenden Körperhaltung unterscheiden können. Möchten Sie selbst oder gemeinsam mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin erleben, was in der Begegnung mit den Pferden sichtbar werden kann? Dann vereinbaren Sie gern einen Termin für ein erstes Gespräch. Gemeinsam klären wir, welches Anliegen Sie mitbringen und ob die Arbeit mit den Pferden für Sie allein oder als Paar sinnvoll sein könnte. Schreiben Sie mir gern eine E-Mail.
Mehr über meinen beruflichen Hintergrund und meine Arbeit erfahren Sie hier: Qualifikationen.
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Kann man so lesen. Darf man auch gerne weiterleiten.